Preisträger 1982
franz fühmann

Franz
Fühmann
"Der Sturz des Engels. Erfahrungen mit Dichtung "
Hoffmann
und Campe Verlag
Hamburg 1982
nur antiquarisch erh ältlich
Die Verleihung
Am 22. November 1982 nahm Franz Fühmann den Preis entgegen. Bürgermeister Winfried Zehetmeier und Klaus G. Saur, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Verlage und Buchhandlungen e.V. (ehemaliger Name des Verbandes bis 2003), überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde.
Die Laudatio bei der Preisverleihung hielt Gisela Uellenberg.
Die Begründung der Jury
Der Lyriker, Erzähler und Essayist Franz Fühmann ist ein
Generationsgenosse der Geschwister Scholl, und er kam wie sie aus der
Hitlerjugend. Aber erst der Zusammen-bruch des Dritten Reichs und das
Entsetzen, für das der Name Auschwitz steht, rissen den jungen
Soldaten aus seinen Illusionen. Der Titel seines Buchs fasst diese
Erfahrung in das Bild des stürzenden Engels. Es ist Hölderlins „Engel
des Vaterlands“, unter dem seinesgleichen in zwei Weltkriege
gezogen war und der ihm jetzt in grauenhafter Befleckung erscheint.
Doch wiederum sind es Erfahrungen mit Dichtung – so der Untertitel, denen
er sich ein Leben lang nicht entziehen kann. In den düsteren Visionen eines
Verstörten, Georg Trakls, begegnet ein nicht minder Verstörter Bildern
der Heillosigkeit, deren Wahrheit ihn nicht nur im Augenblick tiefster Verzweiflung überwältigte;
immer wieder kollidierte sie auch mit der anderen Vision, an der der Bürger
der DDR allen Erfahrungen mit Brüchen und Grenzüberschreitungen der
neuen Heilslehre zum Trotz unverbrüchlich festhält: Es ist die Vision
eines Sozialismus, der die Verwandlung kranker und barbarischer in heile und
humane Gesellschaften auf seine Fahne geschrieben hat. Der Konflikt, dem der
Sozialist und der Dichter Fühmann sich stellen, ist der uralte Konflikt
zwischen einer Doktrin, die sich absolut setzt, und einer Dichtung, die auszusagen
hat, was Menschen leiden, gerade auch, wenn es die Leiden an einer Lehre sind,
deren ursprünglicher Heilscharakter nicht von ihnen bestritten wird.
Es macht die Würde und die Faszination der in Fühmanns Bekenntnisbuch
beschriebenen Existenz aus, dass sie diesen Konflikt durchhält. Die Verleihung
des Geschwister-Scholl-Preises an Franz Fühmann will zum Ausdruck bringen,
dass er mit seinem Buch ein Zeichen gesetzt hat, das dem Gespräch zwischen
Ost und West eine neue Dimension eröffnen könnte.
franz fühmann
Franz Fühmann, 1922 in Rochlitz im heutigen Tschechien geboren, war im Zweiten Weltkrieg Soldat der Wehrmacht. Er geriet in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er als bekennender Marxist zurückkehrte. Ab 1949 arbeitete Fühmann als Kulturpolitiker, Journalist und Schriftsteller in der DDR. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings setzte sich Franz Fühmann desillusioniert mit dem „realen Sozialismus“ auseinander. Er starb 1984 in Ost-Berlin.
Das Werk
„Der Sturz des Engels“, zuvor unter dem Titel „Vor
Feuerschlünden“
in der DDR erschienen, ist eine autobiographisch geprägte Auseinandersetzung
mit dem Leben und dem Werk des
Dichters Georg Trakl. Die Herausarbeitung der Lyrikleistung Trakls verknüpft
Fühmann mit der Analyse seines persönlichen Wandlungsprozesses und
der Abrechnung mit der gesellschafts- und kulturpolitischen Dogmatik des Realsozialismus.
Die Unvereinbarkeit von Dichtung und Doktrin stehen als zentraler Konflikt in
Fühmanns Leben über diesem Essay.
Die Mitglieder der Jury 1982
Peter de Mendelssohn, Dr. Franz Henrich, Dr. Karl Schumann, Hans Schwab-Felisch,
Dr. Gisela Uellenberg, Armin Eichholz, Herbert Rosendorfer, Prof. Dr. Werner
Ross