Geschwister-Scholl-Preis 1982 - franz fühmann

Laudatio von gisela uellenberg

Verehrter Herr Fühmann, meine Damen und Herren,
mir ist die Ehre zugefallen, im Ritual dieser Preisverleihung den Part des Laudators zu übernehmen, und ich wüsste nicht, was ich lieber und mit Überzeugung täte. Wie aber macht man das, wenn man damit rechnen muss, dass ein im Westen auf einen Mann aus dem Osten Deutschlands angestimmter Lobgesang auf beiden Seiten mehr Misstrauen als Zustimmung weckt? Denn die traurige Tatsache ist doch, dass ein hier (im Westen) gestifteter, einem drüben (im Osten) lebenden Dichter verliehener Preis den Geber wie den Empfänger in ihrem jeweiligen Land verdächtigt macht – das war zumindest bisher eine der raren deutsch-deutschen Gemeinsamkeiten.

Angesichts einer solchen Situation scheint es mir zunächst angemessen wie notwendig, rühmend hervorzuheben, dass ein von einem Sozialisten in der DDR geschriebenes und veröffentlichtes kritisches Buch, den hüben wie drüben zu erwartenden politischen Interpretationen zum Trotz, mit Genehmigung der DDR auch in der Bundesrepublik erscheinen konnte. Und es scheint mir gleichermaßen angemessen und notwendig, dem Münchner Stadtrat dafür zu danken, dass er nach anfänglichem Zögern einstimmig dem Votum der von ihm eingesetzten Jury gefolgt ist, obwohl diese selbst sich zur Einstimmigkeit nicht hatte durchringen können.

Dass sie es nicht konnte, hat seinen Grund nicht allein in den hier angedeuteten Schwierigkeiten. Der Geschwister-Scholl-Preis ist als solcher ein schwieriger Preis. Es kann schwierig sein, ihn zu vergeben, und es kann noch schwieriger sein, ihn anzunehmen. Denn wer ihn vergibt und wer ihn annimmt, kommt nicht um die Tatsache herum, dass dieser Preis den Mut zum Widerstand gegen Unmenschlichkeit feiert, für den sein Name steht, also jene Form des Widerstands, die sich als Widerspruch äußert. Die Waffe des Widerspruchs war damals und ist heute die Sprache; dies kann, wie im Fall der protestierenden Jugend von 1943, die Sprache der Moral, aber dennoch lebensgefährlich sein, wenn, wie das Beispiel der Geschwister Scholl und ihrer Freunde zeigt, der Widerspruch einer Minderheit die Moral und die Interessen einer Mehrheit in Frage stellt. Diesen Mut aus sicherer Entfernung von der konkreten Situation, in der er bewiesen wurde, also gewissermaßen abstrakt zu feiern, ist so leicht wie fragwürdig. Gedenkfeiern werden vor allem dann um ihren Sinn gebracht, wenn sie uns Überlebenden – sicherlich nicht nur, aber auch nicht selten – dazu dienen, aus den Tätern von damals Opfer zu machen, deren Blut uns vor der Weltöffentlichkeit reinwäscht; Heiligenbilder, zu denen sich zu bekennen ein moralisches Soll geworden ist, das durch eben dieses Bekenntnis erfüllt wird, also keiner realen Konsequenzen bedarf. Ein Geschwister-Scholl-Preis, der nur Bekenntnischarakter hat, verfehlt seinen Sinn.

Der Einwand liegt nahe und er wurde von der Jury auch diskutiert, dass niemand in diesem Land sich in Gefahr für Leib und Leben bringt, wenn er unter Mündigkeit versteht, dass er seinen Mund auftun kann und muss, wann immer er moralische und politische Grundrechte verletzt sieht. Aber niemand kann leugnen, dass auch in unserem Land das Recht auf moralischen Widerspruch von dem, der es politisch in Anspruch nimmt, unter Umständen einen hohen Preis verlangt, nämlich immer dann, wenn er politische Interessen und die Methoden ihrer Durchsetzung für moralisch fragwürdig erklärt. Dazu bietet sich sicher auch heute nur allzu oft Veranlassung. Hingegen wird die Anerkennung einer Moral und die gleichzeitige Verurteilung der politischen Haltung, die sich auf eben diese Moral stützt, zur Schizophrenie, wenn man, wie gerade wieder geschehen, einem Schriftsteller vom Rang und der Integrität Heinrich Bölls zwar die moralische und literarische Qualität seines Werks nicht bestreitet, ihm aber die Ehrenbürgerschaft zunächst verweigern wollte, weil er es wagt, aus eben dieser – in seinem Fall christlichen – Moral politische Konsequenzen zu ziehen, also im Grunde nichts anderes tut als das, was die Geschwister Scholl, wenn auch unter weit gefährlicheren Umständen, getan haben: zu widersprechen, wo immer es ihm geboten scheint; die Grenzen aufzuzeigen, die der Politik von einer Moral, die sich als Anwalt der Humanität versteht, gesetzt werden müssen.

Die Schizophrenie wird zur Methode, wenn die gleichen Leute, die einem westdeutschen Schriftsteller diese Anwaltschaft übel nehmen, sie mit Beifall bedenken, wenn ein ostdeutscher Dichter in seinem Land diese Aufgaben übernimmt und mit Selbstverständlichkeit unterstellen, dass er es in ihrem Sinne tut und deshalb für ihre politischern Interessen vereinnahmt werden kann. Wer Franz Fühmanns Buch „Der Sturz des Engels“ aufmerksam liest, muss zu dem Schluss kommen, dass seine Besonderheit und Preiswürdigkeit in einem Mut zum Widerspruch besteht, der hüben wie drüben seinen Lesern keine Möglichkeit gibt, ihn zum Dissidenten abzustempeln. Angesichts der politischen Gegensätze, die das Verhältnis zwischen beiden deutschen Ländern bestimmen, kommt diesem, die eingefahrenen Denkgewohnheiten irritierende Ergebnis eine große, weil beide Seiten zum Nachdenken zwingende Bedeutung zu.
Franz Fühmanns Buch „Der Sturz des Engels“ gibt die Antwort auf die Frage, wie und auf welche Weise das erreicht werden kann: durch eine Confessio, die der großen Tradition dieser literarischen Form existentieller Daseinsbewältigung eine neue, aufregende Variante hinzugefügt hat.
Die historische Stunde, in der Franz Fühmanns Erkenntnisweg begann, bestimmte den Generationsgenossen der Geschwister Scholl dazu, mit Erfahrungen fertig werden zu müssen, die jene nicht mehr machen konnten und auch, wenn sie überlebt haben würden, nicht mehr hätten machen müssen. Wir wissen nicht, wie die rebellierende und hingerichtete Jugend von 1943 das Kriegsende erlebt haben würde. Vielleicht hätte der Jubel über das Ende des Nationalsozialismus, für das sie gekämpft hatte, das Entsetzten über das Ausmaß der Verbrechen, das sie noch nicht kennen konnte, gemildert. Die Rebellion, mit der seine Generationsgenossen zwei Jahre früher auf die Zerstörung ihres Glaubens reagiert hatten, war noch im Sterben beflügelt von Hoffnung. Für den jungen Soldaten Fühmann bedeutete das Kriegsende nicht die Erfüllung von Hoffnungen, die noch die Katastrophe als politisch-moralisch und damit sinnvoll erscheinen lassen konnte. Der Schock der Desillusionierung traf den entsetzten Zeugen, die im Namen der Ideologie, der er vertraut hatte, begangenen Unmenschlichkeiten unvorbereitet und zu spät. Der Irrtum, dem er erlegen war, war nicht mehr zu korrigieren, die Welt, in der er sich wieder fand, war nicht das Vaterland, für das er kämpfen müssen geglaubt hatte, sondern ein grauenerregender Albtraum... eine Erfahrung, die sein Verhältnis zu Ideologien ein Leben lang bestimmen sollte.

Die historische Stunde und der Ort, an dem sie ihn ereilte, bestimmte den jungen Fühmann noch zu anderen Erfahrungen, die die Scholls nicht mehr machen konnten: die Konfrontation mit einem Weltbild und die Einübung in eine neue Gesellschaft, die eine Welt, deren Veränderungsbedürftigkeit nur allzu sichtbar war, so zu verwandeln versprach, dass der Krieg niemals mehr das Mittel zur Unterdrückung von Völkern und der Frieden auf Erden keine unerfüllbare Utopie mehr sein werde. Es war ein Zukunftsbild, das einem, dem die Heimat, auch die geistige, und den Mut, in seinem Vaterland noch einmal die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, so zerschlagen hatte, dass es keine Rückkehr, nur noch die Flucht in die äußerste Fremde – etwa die Fremdenlegion – zu geben schien, unmittelbar einleuchten musste. Dass man die Welt, aus der er kam, von Grund auf verändern musste, war ihm nicht schwer zu beweisen. Und das Kapital, in dem er die Umerziehung schildert, die ihm in russischer Gefangenschaft durch einen sehr klugen, verständnisvollen, engagierten Lehrer zuteil wurde, lässt noch heute etwas von der Überzeugungskraft spüren, die der Sozialismus für jemand haben musste, der nichts dringender wünschen konnte, als von nun an nicht mehr an Werken der Zerstörung, sondern am Aufbau einer neuen Ordnung mitzuwirken – auch eine Erfahrung, die nie mehr ganz umkehrbar war.

Doch Franz Fühmanns Buch hat nicht den Untertitel „Erfahrungen mit Ideologie“, sondern „Erfahrungen mit Dichtung“. Denn eben diese Erfahrungen waren es, die zu jenen anderen in eine Wechselbeziehung treten sollten – ein Erkenntnis- und Leidensweg, den er in diesem Buch noch einmal vollzieht. Dieser Weg begann, als der Zufall ihm vor Kriegsende einen Gedichtband in die Hände spielte. Es war das Schlüsselerlebnis des ehemaligen Hitlerjungen und auf den Endsieg hoffenden Soldaten Fühmann, im Augenblick, in dem sein Gehorsam und Unterwerfung rechtfertigendes Weltbild rational und emotional zusammenbrach, Gedichten zu begegnen, in denen ein ihm Unbekannter dreißig Jahre früher, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, die Welt als einen Ort des Grauens geschildert hatte, als der sie sich einige Jahre später allen sichtbar erweisen sollte. Es waren Gedichte eines Verstörten, deren Sprache dem in einer ganz anderen Aufgewachsenen, so fremd und furcht einflößend schien, dass es ihm obszön vorkommen musste. Aber auf eine geheimnisvolle und unwiderstehliche Weise zogen ihn die Bilder, die Georg Trakl für seine Verstörung gefunden hatte, in ihren Bann, um ihn nie wieder daraus zu entlassen.

In den Gedichten Trakls begegnete Franz Fühmann den eisigen Ängsten, die damals in ihm aufzusteigen begannen, und die Befleckungen, die bisher unvorstellbare und ungeahnte Verbrechen dem Engel des Vaterlands zugefügt hatten, stürzten ihn in die Feuerschlünde des Entsetzens, denen jene Gedichte entsprungen waren. Die Bilder einer zerstörten und verstörenden Welt entsprachen seiner eigenen Verstörtheit so genau, dass die düsteren Visionen Trakls die Überzeugungskraft einer vom Grauen bestätigten Wahrheit gewannen, der er sich nie mehr entziehen konnte, auch dann nicht, als sie in Konflikt geriet mit dem neuen Weltbild, das demjenigen einen Heilsweg und die Rettung aus Chaos und Verstörtheit zu eröffnen versprach, der es sich tätig und kompromisslos zu eigen machte. Im lebenslangen Umgang mit Trakls Gedichten erlebte Fühmann die Wahrheit, die aus der Betroffenheit quillt. Wenn mich etwas betroffen macht, so bedeutet das, dass es mich trifft, und ich frage nicht mehr, ob es objektiv wahr ist; wenn mich etwas so trifft, dass es mich in jene Bewegung setzt, die man Erschütterung nennt, ist das eine Erfahrung, die von meinem ganzen Sein die Antwort erzwingt: So ist es.

Das immer intensivere Umgehen mit den oft rätselhaft verschlüsselten Gedichten Trakls, in denen das Leben als böse und der Tod als gut erscheint, enthüllte Fühmann eine Wahrheit, die ihn im doppelten Sinne des Wortes zutiefst anging, ob er wollte oder nicht, und es gab Zeiten, in denen er sich um der lebensnotwendigen Wahrheit der Ideologie willen der Wahrheit dieser Betroffenheit verzweifelt zu entziehen versuchte. Vielleicht ist es die Wahrheit, von der das griechische Orakel sagt: Wer sie sieht, muss sterben. Georg Trakl ging an ihr zugrunde. Franz Fühmann versucht in manchmal lebensbedrohender Anstrengung, die Wahrheit, die aus der Betroffenheit quillt, mit der Wahrheit der das Leben ermöglichenden Glaubens – auch die Ideologie ist ein Leben verheißender Glaube – in ein Wechselverhältnis zu bringen. Er bezweifelt nicht, dass der Politiker sich der schwierigen Aufgabe zu stellen hat, durchzusetzen, was für das Wohl des Ganzen notwendig ist – auch gegen den Widerstand derer, die dafür Opfer, sei es an materiellem Besitz oder an Freiheit bringen müssen. Er bezweifelt auch nicht, dass, was der Gesellschaft nützt, gut, was ihr schadet, böse ist.

Fühmann weigert sich noch heute, diesen Grundsatz für anfechtbar zu halten, der übrigens nicht nur ein Grundsatz des Sozialismus, sondern jeder Lehre, auch der christlichen ist, die die Aufmerksamkeit des Individuums auf seine Verantwortung für das Ganze zu lenken versucht. Nur: Muss der Gesellschaft schaden, dass die Ansichten über nützlich und schädlich, zum Beispiel dann, wenn es um Kunst geht, divergieren? Ist den starken, arbeitenden, glücklichen Menschen darzustellen die einzige Aufgabe der Kunst, die dem Klassenbewusstsein des Proletariats entspricht? Und heißt es nicht, dessen Bewußtseinsstand zu unterschätzen, wenn man ihm unterstellt, dass ihm nur eine Kunst, die des sozialistischen Realismus angemessen ist? Schon während der Umschulung in eine ihm weitgehend einleuchtende Lehre – einen Vorgang, den er übrigens auch heute noch nicht als Verführung abgewertet sehen möchte – beginnt Fühmann zu zweifeln, ob die sozialistische Umwertung der Werte tatsächlich vor keinem der bürgerlichen Leben haltmachen dürfe, die, wie die Werke der bildenden Kunst und der Dichtung zwar Produkte ihrer Zeit, doch weitgehend klassenunabhängig sind. Seine Zweifel entstammten schon damals nicht rationaler Reflexion, sondern eben jenen Erfahrungen mit Dichtung, die sich immer wieder in seine Bereitschaft drängten, zuzugeben, dass die Veränderung der Welt großer individueller Opfer bedürfe, wenn sie den Bedürfnissen der nun allein maßgebenden Klasse auf jeden Fall gerecht werden wollte. Er verdankt nicht nur den Gedichten Trakls, sondern auch der immer größeren Annäherung an den Menschen Trakl die Sensibilisierung für die Grenzen einer Doktrin, die Gedichte wie Dichter, die sie für dekadent erklärt, als Produkte des späten Bürgertums ablehnt.

Durch diese Annäherung auch an die Person Trakl gewinnt die Problematik für Fühmann noch einen anderen Aspekt: Wenn der Schöpfer von Kunstwerken, deren  Wahrheit er nicht zu leugnen vermochte, ein psychisch schwer gestörter, drogensüchtiger, das Leben als böse, den Tod als gut empfindender, dazu moralische Tabus (den Inzest) verletzender Mensch war – wie ließ diese Tatsache sich mit der Doktrin vereinigen, dass eine gesunde, tätige, eine bessere Zukunft hoffnungsvoll vorbereitende Gesellschaft einer Kunst bedürfe, die den Menschen als gesund, optimistisch und von keinerlei Zweifel angekränkelt darstellt? Mit Zweifel und Zustimmung leben zu müssen, wird von Fühmann hinfort als Konflikt erlebt, der nicht aufzuheben, nur aufzuhalten ist.

Meine Damen und Herren, ich habe versucht zu begründen, warum Franz Fühmanns Buch „Der Sturz des Engels“ einen Preis verdient, der den Mut zum Widerspruch auszeichnet, in diesem Fall den Mut, den Widerspruch auszuhalten und beim Namen zu nennen. Ich hätte meine Absicht verfehlt, wenn Sie aus dem Gesagten den Schluss zögen, dass der Verfasser dieses Buches nur in den Westen überwechseln müsste, und die Schwierigkeiten, denen er sich ein Menschenalter lang gestellt hat, wären gelöst. Ich vermute sogar, dass sie ihm eher größer vorkämen, weil die Probleme, vom Wohlstand vernebelt, noch im Vorfeld von Einsichten bleiben, in denen der Sozialismus seinen Ursprung hat. Lebte Fühmann im Westen, er hätte zwar andere gesellschaftliche Verhältnisse, aber im Grunde kein anderes Problem vorgefunden als das, mit dem er sich seinem Leben auseinandersetzt. Es böte ihm Anlass genug, nach dem Preis zu fragen, der für das wirtschaftliche, politische und soziale Funktionieren einer Welt gezahlt wird, deren Bewohner, wie mancher der hoffnungsvoll zu uns gekommen bitter erfahren hat, zwar besser leben, aber nicht besser sind, das heißt, nicht menschlicher miteinander umgehen.

Das tief pessimistische Weltbild Trakls schärft den Blick für die Wahrheit, dass die außerordentlichen Aufschwünge, zu denen der menschliche Geist fähig ist – sie heißen Christentum oder Sozialismus, Evangelium oder kommunistisches Manifest – der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht zum Sieg verhelfen konnten. Sie sind allenthalben zum Scheitern verurteilt, wo Freiheit die Unfreiheit, Gleichheit die Vergewaltigung anderer bedeutet und wir brüderlich nur mit denen umgehen, die mit uns eines Sinnes sind. Dass Franz Fühmann diese Doppeldeutigkeit der Ideale als den Konflikt nicht zwischen einer Wahrheit und einer Unwahrheit, sondern zwischen zwei in die Hände von Menschen gefallenen Wahrheiten erlebt, gibt seinem Bericht über diesen lebenslangen Prozess seine Faszination – nein, die Überzeugungskraft eines Wahrheitsverständnisses, dem sich jeder stellen sollte, der seine Wahrheit für die alleinseligmachende hält, ungeachtet der Konsequenzen, deren eine heute bekanntlich Krieg und Vernichtung heißt. Das Verhängnis des Dichters ist es, die Zeichen, die der großen Zerstörung vorausgehen, schon wahrnehmen müssen, wenn uns die Welt nicht heil oder heilbar erscheint. Der Zusammenbruch des Friedens kommt nicht plötzlich, er kündigt sich lange vorher an in der Brüchigkeit, Erbarmungslosigkeit, Todgeweihtheit der Welt. „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“ – das ist das Fazit, das Trakl aus dieser condition humaine gezogen hatte, und es ist eine Seite der Wahrheit. Aber die andere hat für Fühmann nicht weniger Gewicht: dass es die Aufgabe des Menschen ist, Straßen zu bauen, auf denen sie so viele Erfahrungen, dunkle und helle, sammeln können, dass sie am Ende sagen: Ich möchte nicht nicht gelebt haben.

Und gerade seine Erfahrungen mit Dichtung müssen es ihm notwendig erscheinen lassen, die Straßenbauer davor zu warnen, für die Vielen, die auf dem Wege sind, nur eine Straße als die allein zum Heile führende vorzusehen. Es gibt nur ein Ziel, aber es gibt viele Wege, die um der Humanisierung des menschlichen Zusammenlebens willen begehbar gemacht und gehalten werden müssen.

Kant schlug in seiner immer noch hochaktuellen Schrift „Zum ewigen Frieden“ den jeweils Herrschenden vor, die Philosophen (das heißt, Philosophen wie ihn, der auf die Überzeigungskraft der Vernunft setzte) zu ihren Ratgebern zu machen. Wer sich Franz Fühmanns Erfahrungen mit Dichtung stellt, wird nicht für unmöglich halten, dass Dichter die vertrauenswürdigeren Ratgeber sein könnten. Der Aufklärer erhellt die Vernunft, der Dichter das Gefühl. Sie, meine Damen und Herren, haben dieser Möglichkeit der Dichtung durch die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises eine Chance gegeben. Ich danke Ihnen.

Gisela Uellenberg, München 22.11.1982

 

Dr. Gisela Uellenberg ist Übersetzerin und Publizistin.

 

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