Geschwister-Scholl-Preis 1986 - cordelia edvardson
Laudatio von armin eichholz
Meine Damen und Herren, verehrte Frau Edvardson,
ich glaube, es gibt, vor allem in meiner Generation, keinen, den Ihre Worte gestern in den Kammerspielen nicht in tiefe Sprachlosigkeit gestoßen hätten. Aber auch getrieben hätten in diesen ratlosen Bekenner- und Beteuerungsdrang, von dem jeder weiß, wie unbehelflich er doch bleibt. Ich kenne keine Instanz, von der da ein Trost zu erwarten ist. Selbst wenn ich vor Ihnen knie, müsste ich das noch begreifen als eine Nötigung. Es könnte wirken wie eine versuchte Fortsetzung der Verfolgung mit einem geradezu tückischen Mittel, nämlich mit der eigenen Gewissenslast.
Sie haben sich gestern sehr souverän bezeichnet als eine „Graduate of Auschwitz“. Eine solche Griffigkeit des Ausdrucks steht mir nicht zu, aber sie gibt mir den Mut, mich Ihrem Buch auf einer journalistischen Ebene zu nähern. Wenn auch – um Sie zum ersten und letzten Mal mit einem deutschen Klassiker zu inkommodieren – auf den Knien meines Herzens.
Wenn ich also für diese Veranstaltung ein Wort erfinden müsste
im Sinn der Journalistin Cordelia Edvardson, dann wär’s bloß
eine Zahl. Das eingebrannte „A 3709“ auf Ihrem Arm.
Im Sinn der geborenen Münchnerin Cordelia Langgässer wär’s
auch richtig zu sagen: München leuchtet – aus seiner Asche.
Und wenn ich an die Schwedin Cordelia Edvardson denke, die in Jerusalem
lebt und nach vierzig Jahren die Bundesrepublik besichtigt, fällt mir
nichts Besseres ein als der Vorspruch in Ihrem Buch. Er heißt: „Die
Vergangenheit ist unserer Barmherzigkeit ausgeliefert“. Gemeint ist
keine verzeihende, versöhnende Barmherzigkeit. Sie besteht mit Ihren
Worten „eben daraus, die Dinge zu sehen, wie sie sind, was damals getan
und was nicht getan wurde“.
Verehrte Frau Edvardson – was soll da eine Laudatio! Ich tu Ihnen das nicht an, dass ich sie „lobe“. Etwa für Ihre Rolle als Proserpina, die Göttin der Unterwelt. In diesen antiken Mythos sind sie ja als Kind geraten wie in eine wunderbare Geistesfalle. Drei Jahre waren sie alt, als Ihre katholische Mutter Elisabeth Langgässer in der Märchenerzählung „Proserpina“ diese Unterwelt gleichsam geologisch direkt unter dem Boden von Rheinhessen gesehen hat, und zwar als Schichten aus dem Mittelalter und der germanisch-römisch-christlichen Antike... Heute liest sich das fast wie eine makabre Voraus-Laudatio für die Tochter, die hinuntergeschickt worden ist ins Totenreich und als Besuch auf die Erde kommt.
Der Umgang mit der Antike ist übrigens auch nicht mehr das, was er einmal war. Für die ist ja immer noch der Krieg der Vater aller Dinge. Darüber hat der 1943 umgebrachte Hans Scholl, in dessen Namen der Preis verliehen wird, schon nach zwei Monaten in der Studentenkompanie an seine Eltern geschrieben, ich zitiere: „...ich bin sehr geneigt, dies alles in Frage zu setzen, Heraklit hat wohl nicht das Letzte ausgesprochen, er hat nicht in unserer Zeit gelebt“. Das Letzte hat Hans Scholl dann selber erlebt.
Verehrte Frau Edvardson, Sie halten das nun schon eine ganze Weile aus:
überall, wo Sie hinkommen, wird noch einmal wiederholt, was Sie erlebt
haben. Und dann sollen Sie bitte noch einmal sagen, wie Sie es erlebt haben.
Und ob Sie Ihre Mutter mögen. Und bei der Gelegenheit: ob die Deutschen
wieder lieb sind, und so weiter.
An die 200 derartige Interviews haben Sie hinter sich, ich habe sie
zum Teil gelesen. Da werden Sie einerseits scheu angesprochen als die Instanz,
vor der man sich zu profilieren hat. Aber, man wendet sich an Sie auch mit
einer Art zweiter Unschuld. Wie an eine vernachlässigte Bekannte von
früher, mit der man jetzt doch ein bisschen unbefangener plaudern kann
über die schweren Zeiten... Welch ein Irrtum. Noch im Jahr 1979 ist
im Nachwort zum Roman „Das unauslöschliche Siegel“ der Elisabeth
Langgässer die Rede: von der in Auschwitz vergasten ältesten Tochter...
Sie hängen jetzt mit Ihrer Todes- und Lebensgeschichte in einem modernen
Verarbeitungsmechanismus. Von dem hat auch der diesjährige Friedensnobelpreisträger
Elie Wiesel die Nase voll. Er sagt: „Die heutige Generation ist geschwätzig,
das Wort ist wie eine Seuche. Noch nie wurde so viel geredet, im Fernsehen,
im Radio, per Satellit, durch Interviews, in Kommentaren und Analysen...“
Jeder Anflug einer humanistischen Würde ist da sofort verkabelt. Wie
wenn ein Fernsehteam am Ausgang der Unterwelt auf Proserpina wartet, die
steigt hoch aus dem Grauen der Antike und muss sofort live ins Mikrofon harte
Fragen beantworten: Wie stehen Sie konkret zu Ihrer Mutter Ceres, die Sie
da hinuntergeschickt hat? Und ist Pluto drunten wirklich der Macho, wie’s
immer heißt, und so weiter. Ich bewundere Proserpina, wie sie mit dem
Ton unseres Jahrhunderts fertig wird. Zum Glück sind sie ja selbst Journalistin,
trotzdem heißt für mich die Lehre Nummer eins aus Ihrem Buch:
Man kann mit einem Überlebenden nicht umgehen wie mit irgendeinem Lebenden.
Die Welt hat für sie einen Sprung.
Ich muss hier für Nichtleser und für alle, die gestern nicht in den Kammerspielen waren, ein paar Stationen rekapitulieren: Das Kind der halbjüdischen Dichterin Elisabeth Langgässer und eines jüdischen Vaters wächst als geliebter Fremdkörper auf mit einem nichtjüdischen Stiefvater. Die Achtjährige ist verzweifelt, weil sie nicht zum „Bund Deutscher Mädchen“ darf. Sie muss den Judenstern tragen und darf nicht mehr zu Haus schlafen. Wird von einem spanischen Dienerehepaar adoptiert und ist Spanierin.
Aber dann stehen Mutter und Tochter vor der Gestapo, und die verlangt die deutsche Staatsangehörigkeit zurück: „Wenn Sie nicht auf der Stelle unterzeichnen, dann müssen wir Ihre Mutter belangen“. Dann heißt es weiter: „Wieder sah das Mädchen die Mutter an und begegnete dem Blick der schönen braunen Augen, die Augen, die vor Intensität strahlen, das Mädchen verzaubern konnten, die aber jetzt randvoll waren von stummem, hilflosem Schmerz. Niemand sagte etwas, nichts brauchte gesagt zu werden, es gab keine Wahl, hatte nie eine gegeben, sie war Cordelia, die ihr Treuegelöbnis hielt, sie war auch Proserpina, sie war die Auserwählte und nie hatte sie dem Herzen ihrer Mutter näher gestanden. Die ‚Kehle schnürte sich ihr zu, aber schließlich brachte sie es heraus: ‚Ja, ich unterschreibe’.“
Sie kommt als 14jährige ins jüdische Krankenhaus Berlin, in den
Vorhof der Hölle. Ihr todestrauriger Abtransport nach Theresienstadt
– „Mutter, warum hast du mich verlassen!“ – wird
später von der Mutter so gesehen, ich zitiere Elisabeth Langgässer:
„Wir fanden sie völlig gefasst, ja sogar heiter und zuversichtlich...
Sie trug Schwesterntracht und ein Häubchen, was sie, glaube ich, mit
großem Stolz erfüllte“.
Dann Auschwitz. Als Nr. A 3709. Die Jüngste in der Schreibstube des
Doktor Mengele. Zufällig überlebt sie. Wird rausgeholt nach Schweden.
Und dann Jahr auf Jahr ein verborgener wilder Zorn, ich zitiere: „Der
Zorn war zu überwältigend, als dass sie es hätte wagen können,
ihm zu begegnen, er hätte sie zersprengt, und er wäre zu einem
blitzenden Messer geworden für den Stoß ins Herz der Mutter. Aber
den Muttermord wagte sie nicht. Er hätte auch Cordelia ausgelöscht,
die Auserwählte, die Auserkorene, diejenige, die ihr Treuegelöbnis
hielt“.
Später will die Mutter von ihr Einzelheiten über die tägliche Routine in Auschwitz für ihren neuen Roman „Märkische Argonautenfahrt“. Die Tochter liefert Einzelheiten, erkennt sie aber im Roman nicht wieder. Nach allzu ruhigen Jahren in Schweden Aufbruch nach Israel, in den Jom-Kippur-Krieg, als Beobachterin. Dies war eine Wirklichkeit, die sie wiedererkannte, hier wollte sie bleiben, sagt sie – „Gebranntes Kind sucht das Feuer“. Und in Israel auch die Erkenntnis: „Sie war ein Teil ihres Volkes, ein Glied im Bund des unauslöschlichen Siegels“, schreibt sie zuletzt. Aber, es ist nicht mehr das Siegel ihrer Mutter.
Meine Damen und Herren, in dem gegenwärtigen Streit von Professoren
und Publizisten um die richtige Historisierung der NS-Zeit, speziell der
NS-Verbrechen, ist das Buch von Cordelia Edvardson ein ganz persönliches
und daher außerordentlich hilfreiches Dokument.
Wenn ich zum Beispiel in der „FAZ“, in der „Zeit“
und in der Zeitschrift „Merkur“ lese, wie Joachim Fest, Ernst
Nolte, der vorige Geschwister Scholl-Preisträger Jürgen Habermas
und andere disputieren über – ich verkürze jetzt zum Schlagwort
– über die Einzigartigkeit oder Nicht-Einzigartigkeit von Auschwitz,
dann überläuft’s mich auf hohem Niveau recht kalt. Der größer
werdende Abstand, so Habermas, mache eine Historisierung nötig, so oder
so. Wenn ich Edvardson lese, habe ich das unbestimmte Gefühl: weder
so noch so. Der Abstand erscheint noch immer viel zu kurz. Die Wissenschaftssprache
der Historiker trifft offenbar nicht ins Ganze. Lässt sich noch zu leicht
verheddern, in Links oder Rechts zum Beispiel.
Eine sehr entwickelte analysierende Unterstellungs- und Hochrechnungstechnik
sorgt auf beiden Seiten zusätzlich dafür, dass sich die Gesprächsmethode
vom schrecklichen Kern ablöst, sich verselbständigt. Ich könnte
auch sagen: die Schritte von der Perspektive des Beteiligten zu der wissenschaftlichen
Position eines Betrachters klingen mir etwas zu wuchtig. Die Schuhe sind
offenbar zu groß. Bei allem schuldigen Respekt vor den Anstrengungen
des Begriffs.
Lassen sie mich bitte einmal ganz vorsichtig befürchten: Die Verleitung
ins Wissenschaftliche könnte aus Auschwitz auch ein Elitethema machen,
dessen Klärung man erst einmal den zuständigen Fachleuten überlässt.
Und da könnte es passieren, dass sich die allgemeine Zuständigkeit
verwischt.
Ich weiß, wie wenig in diesem Zusammenhang das Wort eines alten Theaterhasen
gilt. Aber der Jude Joshua Sobol zum Beispiel, ein Menschen-Profi, der weist
sich einmal selber zurecht und sagt: „Mein lieber Freund, mutige und
eindeutige Begriffe, die vermitteln nicht immer die Wahrheit, sie haben fast
immer zu grober Vereinfachung und Demagogie geführt“. Er lebt
in Israel, er muss es wissen.
Ich empfehle jedem, sich den Text von Frau Edvardson einmal daraufhin
anzusehen. Er befördert indirekt nahezu alles, was drei Generationen
brauchen, um 1. zu wissen, was da los war, und um 2. den Gedanken etwa an
eine so genannte Normalisierung im Verhältnis Bundesrepublik – Israel
wenigstens vorläufig aufzugeben.
Ich möchte es eine synoptische Prosa nennen, die mit allen Mitteln
ins Bewusstsein dringt: Jungmädchenlyrik, Szenen aus dem Totenreich,
Ansätze zu Strindberg, theologischer Essay, Liebesgeschichte, Kafka-Alptraum,
Märchensehnsucht, Krimi, Krankheitsbild, Kriegsbericht und so weiter
– und natürlich griechische Tragödie, der Mythos von Ceres
und Proserpina...
Da kommt kein Historiker mit. Das lässt einem keine Luft. Das mündet
für mich direkt in eine Vision des Philosophen Theodor Haecker, der
damals in sein Tagebuch geschrieben hat: „Es könnte die Zeit kommen,
dass die Deutschen im Ausland auf der linken Seite ihrer äußeren
Kleidung ein Hakenkreuz tragen müssen...“
Verehrte Frau Edvardson, Ihr Buch hat, wie es der Geschwister Scholl-Preis verlangt: „dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse gegeben“. Vor der Illusion allerdings eines im Kern unzerstörbaren deutsch-jüdischen Gesprächs hat schon der vor vier Jahren gestorbene jüdische Religionshistoriker Gershom Sholem gewarnt. Er sagt: „Die angeblich unzerstörbare geistige Gemeinsamkeit des deutschen Wesens mit dem jüdischen Wesen war niemals etwas anderes als eine Fiktion, eine Fiktion, von der Sie mir erlauben wollen zu sagen, dass sie zu hoch bezahlt worden ist“.
Trotzdem. Es macht sich eine aufmerksamere Art des Umgangs miteinander bemerkbar. Man hat in dem Wort „Vergangenheit“ bereits eine Verschleierungsfunktion entdeckt. das Wort „Holocaust“ wird schon als exotische Verfremdung empfunden. Übrigens bedeutet das schwedische Wort dafür im Deutschen klar: „Vernichtung“. Verdächtig ist auch das Wort „Wiedergutmachung“. Elie Wiesel geht so weit zu sagen: „Das Wort beseitigt nicht das Chaos, sondern kaschiert es“. Und weiter: „Was wir erlitten haben, ist mit Sprache nicht zu erfassen...“
Gemessen daran hat sich seit dem Tagebuch der im gleichen Jahr wie Cordelia
Edvardson geborenen Anne Frank doch einiges geändert. Cordelia selber
hat sich zum Beispiel fest vorgenommen, ich zitiere: „Sie sollten nicht über
sie weinen dürfen, so wie sie über Anne Franks Tagebuch schluchzten“.
Und sie dachte hasserfüllt an die dankbare Rolle für hübsche
junge Schauspielerinnen im Film und im Theater.
Der Regisseur Peter Zadek erinnert sich denn auch an eine Anne-Frank-Aufführung,
ich zitiere: „Da konnte ich ohne Schlips zuerst gar nicht rein, und
da durfte oder wollte man danach nicht applaudieren...“
Meine Damen und Herren, „Gebranntes Kind sucht das Feuer“ ist ein entsetzlich trauriges und ein, ja, ein poetisches Buch. Ich bin nicht sicher, ob es neben der langen Wut nicht auch noch das späte Schluchzen ausgelöst hat. Außerdem: es erklärt viel. Und zwar nicht auf die Weise, die der Amerikaner Woody Allen einmal angeprangert hat mit dem ernsten Kalauer: „I am Jewish, but I can explain it“. Mit dem alten jüdischen Rechtfertigungszwang ist es ja nun endgültig vorbei. Vielleicht wären aber jetzt andere dran, ihre Selbsterforschung soweit zu treiben, dass sie eines Tages zugeben: „I am German, but I can explain it“.
Vielleicht gehört es auch hierher, dass vor ein paar Tagen die Stadt
Alzey, der Geburtsort von Elisabeth Langgässer, einen Langgässer-Literaturpreis
gestiftet hat. Er ist mit 15 000 Mark angemessen dotiert. Und um zum letzten
Mal abzugleiten ins Journalistische – auffallend ist: Alzey hat nur
16 000 Einwohner. Das heißt mit 94 Pfennigen ist dort jeder dabei.
Es tut mir leid, dass Ihnen unsere Jury nicht die glänzenden Verhältnisse
von Alzey bieten kann. Wenn ich mir in Anwesenheit des schwer um den Haushalt
kämpfenden Herrn Oberbürgermeisters eine unverantwortliche Phantasie-Rechnung
erlauben darf: München hat heute nach offizieller Schätzung 1 289
197 Einwohner. Das wären dann immerhin 1 211 845 Mark und 18 Pfennige.
Gewesen. So bleibt mir nur, Ihnen die höchsten Auflagen für Ihr
Buch vorauszusagen.
Verehrte Frau Edvardson, ich habe Sie jetzt lange genug mit Nachrichten
von gestern aufgehalten, mit lauter Dingen, die Ihnen furchtbar vertraut
sind. Ich bitte um Nachsicht. Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal herzlich
danken für Ihre gestrige Rede über unser Land, das nie das Ihre
gewesen ist. Ich glaube, Ihre, wie Sie sagen, ganz brutalen Worte werden
hier insgeheim mit demselben Vermerk versehen, der damals auf den Flugblättern
der Weißen Rose gestanden hat: „Bitte vervielfältigen und
weitergeben!“
Ich danke Ihnen, dass Sie in München sind. Ich gratuliere Ihnen zum
Geschwister Scholl-Preis. Und ich wünsche Ihnen Frieden in Jerusalem.
Armin Eichholz, München 17.11.1986
Armin Eichholz (1914-2007) war Theaterkritiker, Satiriker, Autor und Journalist.
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