Geschwister-Scholl-Preis 1987 - christa wolf

laudatio von Herbert rosendorfer

Störfall: ein Fall, der stört. Sand im Getriebe. Eine Schraube locker, der Ablauf ist gehemmt, der Produktionsprozess gestört, ein störender Eingriff, ein störendes Ereignis. Ein Störfall liegt vor, wenn der Fall gestört ist. Alles, was der Fall ist, kann gestört werden. Störfälle werden behoben. Der erfahrene Meister öffnet den Deckel, pfeift leise, schiebt die Mütze zurück, alle einmal auf die Seite, die da nichts zu suchen haben, der erfahrene Meister greift hinein in die öligen Gedärme der Maschine: gewusst wo, nämlich wo die Schraube locker ist, die Maschine läuft wieder, der Störfall ist behoben. Störfälle werden behoben. Gibt es Störfälle, die nicht mehr behoben werden können? Zerstörfälle?

Die Literatur als Störfall: warum hat es nie affirmative Literatur gegeben, die wirklich etwas wert war? Warum waren die Literaten immer dagegen, immer gegen die Staatstragenden, die Positiven? Ovid ein Störfall, Schillers „Räuber“ ein Störfall, selbst Goethe ein Störfall, wenn schon nicht politisch so doch moralisch. Die Literatur hatte fast immer eine Moral, die erst in der Zukunft gültig wurde. Warum taugen die ganzen Affirmationen, die Heilschreier, die Panegyriker, die Sozialismus-Realisten nichts? Warum bleiben in der Literatur (und in der Kunst überhaupt) die Störfälle übrig? Weil die Literatur dagegen sein muss. Die Moral, der Staat, die Gesellschaft, die Systeme, der Fortschritt sind Ordnung. Kunst ist Unordnung. (Wohlgemerkt: nicht in der Form, da ist Kunst Ordnung, aber im Inhalt, in der Haltung... Inhaltung). Oder anders gesagt: die moralische Ordnung ist autonom.

Die Kunst trägt die Moral in sich, eine Moral, die unabhängig von der gesellschaftlich üblichen oder gar staatlich verordneten Moral ist. Die Aufgabe der Kunst ist die Fortbildung der Moral, vor allem ist dies die Aufgabe der informativsten der Künste, der Literatur. Seltsamerweise bleibt das Siegel der autonomen Moral als Qualitätsmerkmal haften, auch wenn die allgemeine Moral die literarische eingeholt hat. Wer einmal Störfall war, bleibt es: Schillers „Räuber“ haben überdauert, Klopstocks „Messias“ ist ungenießbar geworden; Schopenhauer ist eine spannende und lohnende Lektüre geblieben, der staatsfromme Hegel nicht.

Warum das so ist, warum nur die Störfälle überdauern, ist dunkel. Ganz genau kann man es nicht ergründen. Sicher ist, nebenbei als Warnung, dass das Prinzip umgekehrt nicht gilt: nicht jeder, der irgend etwas schreibt um nur frech zu sein, hat die Gewähr der Ewigkeit. Insbesonders fällt auf, dass literarische Proteste um des Protestes Willen meistens noch schneller verschwinden als die Frommen. Auch Störfälle müssen in erster Linie doch literarische Qualitäten haben. Warum das so ist, ist ganz oder ziemlich dunkel. Unerforscht. Es gibt nur Annäherungswerte, einen habe ich schon genannt: die scheinbare Unordnung der antizipierten Moral.

Ein Künstler ist seiner Zeit voraus, das ist oft gesagt worden und man sagt es so mehr oder weniger tiefsinnig: Beethoven war seiner Zeit voraus, Michelangelo war seiner Zeit voraus. Das Wort ist wahr, man sollte aber tiefer sinnen: wie viel Zeit war er seiner Zeit voraus? Ein Jahr, hundert Jahre? In Zeitprogression, bei den ersten Klaviersonaten um acht Jahre, bei den letzten Streichquartetten um 200? Was ist, wenn ihn die Zeit einholt? Oder holt ihn die Zeit nicht ein, weil die Werke eine Eigengesetzlichkeit in der Zeitgeschwindigkeit bekommen? Übrigens waren auch und gerade Beethovens späte Streichquartette Störfälle, sind es bis heute geblieben, denn die Störfallfunktion gilt auch gegenüber der Wissenschaft, der Musikgeschichte, Kunstgeschichte, Literaturgeschichte. Wirkliche Kunst ist nur, was die Experten nicht restlos verstehen. Wirkliche Kunst ist natürlich auch vor allem das nicht, was gerade zu loben Mode ist.

Die Mode-Experten der Literatur, die Journalisten, haben fast immer nicht recht. Aber auch dieser Satz gilt nicht umgekehrt: nicht alles, was ein Journalist lobt, muss schlecht sein. Zur Zeit ist es Mode, den Störfall von Christa Wolf zu loben. Sie erhält heute den zweiten Literaturpreis innerhalb einer Woche. (Was die Jury bei Ihrem Beschluss im September übrigens nicht gewusst hat. Wer weiß...) Dennoch ist ihr Störfall ein Kunstwerk.

Nicht jeder, der seiner Zeit voraus ist, ist in der Lage, beständige Kunstwerke zu schaffen, schon der dritte Satz, der umgekehrt nicht gilt. Es ist alles ganz dunkel, die Gründe liegen in den bis in die früheste Jugend der Menschheit zurückreichenden Finsternissen der Seelenentstehung. Die anonymen Maler der Felszeichnungen waren ihrer Zeit um acht- oder zehntausend Jahre voraus. Warum ist das so? Wohl, weil der Künstler, der Literat schneller lebt als alle anderen. Er lebt ja mehrere Leben: das eigene, schlichte, bürgerliche, und dann das Leben seiner unzähligen Figuren. Jedes einzelne lebt er. Die ganzen Welten, die er erfindet, muss er leben, die vielen Geflechte aus Schicksalen erlebt er. Er rafft Zeit, hebt ab. Er umkreist die Erde schneller und schneller, überrundet, wie beim zweiten Donnerstag von Scheibbs, und dann zieht auch er wie in dieser Geschichte eine Feuerspur auf seinem Längengrad.

Literatur ist nur dann wirkliche Kunst, wenn sie eine Feuerspur hinterlässt, wenn sie sitzt und bremst, wenn sie ein Störfall ist. Sie bewirkt natürlich nichts, hat noch kaum je etwas bewirkt. Man hat ja immer unterschieden zwischen der Kunst und dem Ernst des Lebens. Nie hat jemand die Literatur wirklich ernst genommen, nie werden ihre Warnungen wirklich gehört, immer galt alles andere außer der Kunst als der Ernst des Lebens, ganz selten hat die Literatur Wirkungen nach außen gezeigt. Die Verantwortlichen, die Mächtigen, die Denker und Lenker haben hie und da die Literatur gefördert, waren feinsinnige Förderer, haben das geistreiche Gespräch mit den Literaten geschätzt, haben sich gefälliger (ich bitte dieses Wort genau zu beachten, gefälliger) Literatur zur Legitimation der Herrschaft bedient, aber wenn es an den Ernst des Lebens ging, um Krieg oder Kommerz, um Aktienkurse und Planerfüllung, um Forschung und Entwicklung, dann wurde die Literatur beiseite gestellt für ruhigere Zeiten. Literatur (und überhaupt Kunst) leistet sich der Ernst des Lebens nur, wenn es nichts Besseres zu tun gibt.

Dabei hat es die Literatur an ernstzunehmenden Warnungen nie fehlen lassen. Fast zu viel: seit der Mitte des letzten Jahrhunderts hat die Zahl der negativen Utopien die positiven überflügelt. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass man erkannt hat: immer bewahrheiten sich nur die technischen Prophezeiungen, die schönen gesellschaftlichen nie. (Auch die aus Marx’ utopischen Schriften nicht.) Und in der letzten Zeit sind Weltuntergangsromane förmlich Mode geworden. „Ich selbst exkludier’ mich nicht.“ Ich meine dabei nicht die billige science fiction, die wohl selten viel taugt, ich meine die Bücher der Autoren, die sich Sorgen machen, Sorgen über die „Störfälle“. Aus den Störfällen ragt der heraus, den Christa Wolf zum Anlass ihres Buches gemacht hat (vorsichtig ausgedrückt), und das Buch selber ragt aus der Menge der Literatur heraus, die im Bewusstsein der Dämmerstimmung geschrieben sind, in der sich die Welt befindet.

Ich habe diese Rede geschrieben, bevor der Artikel Reich-Ranickis über Christa Wolf, Thomas Brasch und den Kleist-Preis erschienen ist. Obwohl ich kein Wort dieser Rede anders geschrieben hätte, wenn mir diese Angelegenheit bekannt gewesen wäre, ist es in dieser Situation notwendig, dass ich einige Sätze dazu äußere:
Hier wird ein Buch, Christa Wolfs „Störfall“ preisgekrönt und gelobt. Mut ist heute an anderer Stelle erforderlich als in der Konfrontation Kapitalismus – Sozialismus. Diese Konfrontation ist obsolet geworden. Die Gefahr, dass an dieser Konfrontation die Menschheit zugrunde geht, ist vorbei. Die Gefahren drohen von woanders her, von der ökologischen Katastrophe. Wenn wir uns noch lang über Kommunismus und Kapitalismus unterhalten, verlieren wir nur Zeit. Aber auch da möchte ich nicht falsch verstanden werden: in letzter Zeit sind Anzeichen zu bemerken, die darauf hindeuten, dass eher das kapitalistische System dazu taugt, die ökologische Krise wenigstens zu entschärfen, ob einem das System sympathisch ist oder nicht.

Der Geschwister Scholl-Preis 1987 zeichnet ein literarisches Kunstwerk, ein Buch aus, „Störfall“ von Christa Wolf, das den Mut hat auf das einzig wirklich – und manchmal im Wortsinn – brennende Problem unserer Zeit, das endgültige Problem, vor dem wir stehen, hinzuweisen: die Gefahr oder die fast schon sichere Gewissheit des Endes der Menschheit durch eine ökologische Katastrophe. Das und nichts anderes zählt.

Christa Wolf, eine Autorin aus der DDR, ist 1929 in Landsberg an der Warthe, das heute zu Polen gehört, geboren (ich folge hier den Angaben Alexander Stephans, ich hoffe sie sind richtig) als Tochter des Kaufmanns Otto Ihlenfeld. 1945 flüchtete sich die Familie nach Mecklenburg, von 1949 bis 1953 studierte sie unter anderem bei Hans Mayer Germanistik. Sie heiratete den Germanisten und Essayisten Gerhard Wolf, bekam zwei Töchter. Von 1953 an verschiedene Tätigkeiten als Redakteurin und Lektorin, viele Reisen in die Sowjetunion, in die USA, in die Bundesrepublik. Sie lebt heute in Ostberlin. 1963 erschien ihr erster Roman „Der geteilte Himmel“, 1968 das Buch „Nachdenken über Christa T.“, 1979 die Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ und 1983 der große Monolog „Kassandra“, wobei nur die mir am wichtigsten erscheinenden Arbeiten genannt sind.

1987 legte Christa Wolf das Buch „Störfall“ vor: „Störfall. Nachrichten eines Tages“. Wie „Kassandra“ der Monolog einer Frau, die Spiegelung jenes Tages, der den Weltlauf in zwei Teile geteilt hat: vor Tschernobyl und nach Tschernobyl. Haben wir schon wieder vergessen, dass die Welt nicht mehr so ist, wie sie vor dem 29. April 1986 war? Die Spiegelung der Nachrichten jenes Tages im privaten Kreis der Frau, die um das Leben des geliebten Bruders bangt. (Der Bruder muss sich just an dem Tag einer gefährlichen Hirnoperation unterziehen.) Die Operation, die am Bruder vorgenommen wird, und die sich die Schwester, die Ich-Erzählerin des Berichtes, mehr oder weniger lebhaft und grausam ausmalt, wird zur Parabel für die Vorgänge über den Wolken, für das Gift, das plötzlich von dort kommt - und umgekehrt. Weltkugel und Hirnschale, eine einfache, schlüssige Parabel.

Die Konstruktion des Buches ist bewundernswürdig und in jedem Strang stimmig. Die Konstruktion, die Konstruiertheit ist dem Buch sogar gelegentlich als Manko vorgeworfen worden. Was für ein Unsinn: wo gibt es lebendige Literatur, die nicht konstruiert wäre? Nichts muss so gut vorbereitet werden wie die Improvisation, nichts muss so genau kalkuliert werden wie die (literarische) Spontaneität. Aber das begreifen Experten nicht, wie schon erwähnt. Viele Assoziationen durchwehen den Geist der Ich-Erzählerin, oft scheinbar weitschweifig, aber immer letzten Endes mit den Fäden der eigentlichen Nachrichtenstränge zusammenhängend.

Die Berichterstatterin beschäftigt ihre besorgte Seele mit allen möglichen Gedanken, um sie abzulenken und zu beruhigen; ganz gelingt es ihr nie, immer wieder kehren ihre Überlegungen zum Kern der Sache zurück, wobei Kern hier noch eine bedrohliche Dimension erhält: ein ferner Kern des Üblen, ein Zauberkern, ein Kern, von dem kein Mensch, jedenfalls kein normaler Mensch, weiß, wie er aussieht, ein Kern mit einem Eigenleben, ein Kern, der böse aus seinem Käfig herausschaut und vielleicht schon das Loch kennt, durch das er entrinnen kann. Er ist entronnen. „Nachrichten eines Tages“: der Tag von Tschernobyl oder der Tag, an dem selbst in der Umgebung jener Frau, jener Elektra die Nachricht von Tschernobyl nicht mehr zu vertuschen war.
Die Operation, der sich der Bruder unterziehen musste, verläuft günstig. Die Frau, die uns die Nachrichten von jenem Tag gibt, ist am Ende des Tages erleichtert, was den Bruder betrifft. Was das andere angeht, die Katastrophe in Tschernobyl, so endet der Bericht dieser Frau mit einem Traum von einem „in Zersetzung übergegangenen Mond“ und dem Satz: „Wie schwer, Bruder, würde es sein, von dieser Erde Abschied zu nehmen.“

Würde – nicht wird? Das klingt fast wie ein Schimmer von Hoffnung, obwohl sonst aus dem ganzen Buch klar wird, dass auch Christa Wolf zu denen gehört, die wissen, dass die Zeit für Optimismus vorbei ist: „Alles, was ich habe denken und empfinden können, ist über den Rand der Prosa hinausgetreten.“ Ist die Angst über den Rand hinausgetreten, nur die billigere Hoffnung drin geblieben? Aber die Berichterstatterin, die Ich-Erzählerin ist nicht Christa Wolf, das ist eine Frau, die vielleicht schon deshalb nicht hoffnungslos sein kann, weil der Bruder gerettet wurde.

Es ist ein ehrliches und ein redliches Buch, und gerade deshalb kann ich es auch in einer Laudatio nicht hinunterschlucken, was mich daran stört: Christa Wolf nennt das Wort nicht, nennt Tschernobyl nicht. Gut – vielleicht musste sie politische Rücksichten nehmen, das Buch ist zunächst im Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar erschienen. Vielleicht glauben dort Lektoren und Zensoren noch, dass das große sozialistische Brudervolk alles richtig macht. Vielleicht meint Christa Wolf: das Wort muss man nicht nennen, weil es eh jeder kennt, und zwischen den Zeilen steht es hundert Mal. Vielleicht ist es auch eben die Sprachlosigkeit angesichts des Schreckens, eine Sprachlosigkeit, die gerade in diesem Wort kulminiert, eine Sperre aufbaut. Das Wort verbietet, dass es genannt wird. Tschernobyl nicht an die Wand malen. Sie sehen: ich werde nicht müde, Entschuldigungen zu finden aber Christa Wolf selber zerstört sie mir wieder, weil sie ein anderes, ebenso unentschuldbares Wort sozusagen beim vollen Namen nennt: Wyhl. Warum nennt sie das kapitalistische Wyhl, das sozialistische Tschernobyl aber nicht?

Ein Buch von nur 119 Seiten ist schon fast wie ein lyrisches Gedicht, das durch ein einziges falsches Wort verdorben werden kann. Warum hat sie dann nicht gerechter Weise auch dieses Whyl zwischen den Zeilen gelassen? Wir hätten es auch dort gelesen. Ich möchte da nicht falsch verstanden sein: ich gehöre nicht zu denjenigen, die die billige Entschuldigung (und Beschwichtigung) gebrauchen, dass die Katastrophe von Tschernobyl nur das Versagen des sozialistischen Systems war. Tschernobyl war etwas ganz anderes: Tschernobyl war das Versagen des Fortschritts.

Nachrichten eines Tages – Nachrichten eines Störfalles, eines Falles, der mehr als nur stört, bei dem es nicht damit getan ist, dass eine lockere Schraube wieder angezogen wird. Ein Zerstörfall. Wird dieses Buch die Wirkung haben, dass sich die – so allgemein wie möglich gesagt – Verantwortlichen die vergangenen und noch andauernden Zerstörfälle hinter die Ohren schreiben werden? Nein. Sie behandeln diesen „Störfall“ nur als Störfall. Er wird mit dem Geschwister Scholl-Preis ausgezeichnet, und damit ist die Schraube festgedreht, man kann sich wieder wirklich ernsthaften Dingen zuwenden: Krieg und Kommerz, Aktienkursen und Planerfüllung, Forschung und Entwicklung.

Der einzelne Mensch kann sich eine Katastrophe, die ihn selber betrifft (etwa: den eigenen Tod oder nur eine eigene schwere Krankheit, einen ihn selber betreffenden Unfall) nicht wirklich vorstellen. Nur theoretisch – nicht wirklich, konkret, nicht als tatsächlich bevorstehende Realität. Die menschliche Gesellschaft als Ganzes kann das offensichtlich auch nicht. Es tritt daher die wahrscheinlich genetisch bedingte (und hier verhängnisvoll wirkende) Große Abblendung auf, ein Wort des frühen und natürlich vergeblichen Warners Wolfgang Hädeke. Die Große Abblendung: das Unter-den-Teppich-kehren, das Verdrängen, das Zurechtdrücken, das: es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht. Dabei sollten wir wissen, dass noch viel heißer gegessen werden wird als gekocht. Fast alle, die hier sitzen, werden zumindest den Anfang dieser heißen Mahlzeit noch erleben. Die Vorspeisen werden schon aufgetragen, wir glauben es nur noch nicht

Die Große Abblendung: in kapitalistischen Systemen in der Form von Beschwichtigung, in sozialistischen Systemen in der Form von Vertuschen. Beschwichtigung: weil die Nachrichten von der bevorstehenden ökologischen Katastrophe nicht in den Mechanismus von Angebot und Nachfrage; Vertuschen: weil diese Nachricht nicht in die Ideologie vom immerwährenden, menschenbeglückenden Fortschritt passt. Der überlegene Ernst des Lebens, die Meinung der Macher, der Versicherungsdirektoren und Gewerkschaftssekretäre, ist mit der ökologischen Katastrophe nicht einverstanden. Die Literatur ist bestenfalls nur ein Störfall. Kann behoben werden. Zur Zerstörung dieses Ernstes des Lebens hat die Literatur keine Macht. Dabei werden die Tage, deren Nachrichten aufzuschreiben wären, immer häufiger. Die Einschläge kommen immer näher:

Bevölkerungsexplosion, Hungerkatastrophe in der Sahelzone, die unwiderruflichen Folgen der Abholzung der tropischen Regenwälder, die Vergiftung der Flüsse, das Waldsterben, das Ozonloch mit der nun schon als unausweichlich prognostizierten verheerenden Klimaveränderung. Sie lesen das alles jeden Tag, es hängt Ihnen schon zum Hals heraus. Sie glauben nicht, dass so heiß gegessen wie gekocht wird. Sie lesen Christa Wolfs „Störfall“ und halten es für ein Buch wie viele andere, nun gut, die Germanistik wird sich seiner annehmen. Der eine oder andere Student wird eine Dissertation darüber schreiben. Vielleicht rettet er sogar diese Dissertation vor der Überflutung der Norddeutschen Tiefebene, die wahrscheinlich bereits den 17. Bundestag beschäftigen wird (jetzt haben wir schon den 11.).
Evakuierung Hamburgs – „’Evakuierung’, Bruder, das ist eines von diesen Wörtern, die wir wohl unser Leben lang nicht von der eigenen Erfahrung werden trennen können.“ Das ist ein Satz aus Christa Wolfs „Störfall“. Es rentiert sich fast bei jedem Satz dieses Buches weiterzudenken. Diejenigen, denen die Erfahrung der Evakuierung noch (ziemlich bald) bevorsteht, sind schon geboren.

Das ist alles (um mit Christa Wolf zu reden) zwar längst über den Rand der Literatur hinausgetreten, aber die Literatur muss auf ihrem Posten bleiben, muss Störfall sein, hartnäckig, eigensinnig, auf verlorenem Posten, gegen jede vernünftige Hoffnung.
Christa Wolfs Kassandra hat in Mykene jene Elektra getroffen, die bei ihrer störrischen Wahrheit bleibt, auch wenn sie allein damit steht. So eine Elektra ist die Literatur, nur dass wir keine Aussicht mehr darauf haben, Orest könnte doch noch am Leben sein. Die „Würde des Widerstandes“ hat Franz Xaver Kroetz das genannt.

Mit diesem Geschwister Scholl-Preis sollen sich alle ausgezeichnet und bestätigt fühlen, die ihre Störfälle schreiben und nutzlos veröffentlichen, nutzlos deshalb, weil die Umwertung der Ernsthaftigkeit nicht in Sicht ist. Die literarischen Störfälle müssten für den Ernst des Lebens gelten, Ecklohn und Lombardsatz, Kommerz und Entwicklung, Kapitalismus und Kommunismus müssten als der Luxus gelten, den man sich leisten kann, wenn keine literarischen Störfälle mehr notwendig sind.

Im März 1984 schrieb Wolfgang Hildesheimer ein Gedicht, das ich nicht anders verstehen kann als auf Christa Wolfs im Jahr zuvor erschienene Erzählung gemünzt, und das Gedicht wird immer zutreffender.

„Antwort“ heißt das Gedicht:

„Ganz recht, ich sagte,
es sei nicht fünf vor
zwölf, es sei vielmehr halb
drei. Das war um halb
drei. Inzwischen ist es vier. Nur
merkt ihr es nicht. Ihr lest ein Buch
über Kassandra, aber ihre Schreie
habt ihr nicht gehört. das war
um fünf vor zwölf. Bald ist es
fünf, und wenn ihr Schreie hört,
sind es die euren.“

Die Klimakatastrophe kommt unausweichlich. Es ist inzwischen errechnet worden, dass alle Maßnahmen, selbst wenn sie sofort getroffen würden, zu spät kommen. Die Polkappen schmelzen. Der Meeresspiegel steigt. Die Nachrichten werden nicht ernst genommen. Es ist symptomatisch, dass eine Tageszeitung hier in München, die sich selber als seriös empfindet, die Nachricht von der Errechnung der Klimakatastrophe auf der letzten Seite unter „Vermischtes“ gebracht hat, neben Mitteilungen von der Ehekrise des britischen Thronfolgerpaares. Aber schon der zweite Nachfolger des Bürgermeisters, der hier sitzt, wird mit dem Flüchtlingsstrom konfrontiert sein, der aus Norddeutschland hierher kommt. Schade um die Restaurierung der Deckenfarben in der Sixtina. Rom liegt nur sechs Meter über dem Meersspiegel. Zu wenig.

„Ich will jetzt schlafen.“ Ein Zitat aus Christa Wolfs „Störfall“. „Ich will mich ablenken, also lesen. Ich habe mich umgesehen, von meinem Bett aus, und habe gefunden, dass das Buch, das ich an einem Tag wie diesem würde lesen wollen, vermutlich noch nicht geschrieben war.“

Für jenen kommenden Tag empfehle ich Christa Wolfs „Störfall“ zu lesen.

Herbert Rosendorfer, München 04.11.1987

 

Herbert Rosendorfer ist Jurist und Schriftsteller.

 

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