Geschwister-Scholl-Preis 1988 - grete weil
laudatio von armin Eichholz
Meine Damen und Herren, verehrte Frau Weil,
als Münchnerin werden Sie jetzt innerhalb von 35 Minuten zum vierten
Mal an sich selbst erinnert. Nicht gerechnet die Interviews, die Reportagen,
die Besuche in der Herzog-Sigmund-Straße. Und es ist sehr die Frage,
ob Ihnen das so konveniert, wie wir es in langsam heranschleichender Unschuld
vielleicht annehmen.
Als eine unheilbar Auschwitz-Kranke lassen sie sich jetzt anreden von
einem, der zur Generation Ihrer Mörder gehört. Es ist, als wenn
Sie sich selbst und Ihren Lesern immer aufs neue zurufen müssten: Doch!
Es geht schon!
Von Ihnen stammt der deutsche Erfahrungssatz: „Ich weiß, dass es sich unter Mördern leben lässt!“ Und Sie müssen erleben, wie das auch noch verstanden wird als versöhnliche Geste.
Merkwürdigerweise häufen sich die sprachlichen Missverständnisse. Auch wenn sich das Moralische von selbst versteht, haben wir immer noch einen Rhetorikprofessor nötig, der uns die Angemessenheit der Sprache lehrt.
Walter Jens hat gestern in München beklagt, wie die Juden in unserem
Land mehr und mehr zu einer uniformen Schicksals-Genossenschaft geworden
sind. Man denkt an sie bei Erinnerungsfeiern unter „Schuld, Mahnung,
Versöhnung, Opfer“. Aber ausgespart bleibt das Private, die Prägnanz
des Persönlichen. Etwas, das zum Beispiel auch über eine Stunde
wie diese hinausgeht. Hier macht sich noch die Katastrophe bemerkbar: dass
auf Millionen Tote einmal Millionen Mundtote gefolgt sind, denen es die Sprache
verschlagen hat.
Andererseits gibt es vielleicht unterhalb dieser Feierstunde einen
Rest von verborgener Heilserwartung. Als läge in der Luft ein städtisches
Mater peccavi, gesprochen wie zum Kultbild einer besseren Münchner Vergangenheit.
Verehrte Frau Weil, es ist mir ein hohes Vergnügen, Ihr wohlerworbenes Misstrauen gegen schöne Worte gerade an diesem historischen Tatort hervorzuheben. Will sagen: Sie machen es einem leicht, so zu reden, dass man mit Ihnen gemeinsam das eigene Land kennen lernt und die eigene Stadt.
Sie kennen die Universität länger als fast alle hier Versammelten. Als Kind hatten Sie ja noch Mitleid mit jedem, der nicht in München wohnt. Sie waren 21, da beschwor Hofmannsthal an dieser Stelle im Aberglauben an eine „konservative Revolution“ eine neue deutsche Wirklichkeit: „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“. Schon damals wohnten viele nicht mehr so gern in München. Und von der neuen Wirklichkeit haben dann zuerst Sie die fürchterliche Rückseite kennen gelernt.
Sie waren 21, da hörte Thomas Mann, wie man München „die
eigentlich dumme Stadt“ nannte. An Stefan Grossmann schrieb er damals:
„Wie in Deutschland heute gehasst wird, das ist grässlich“.
Und von dem Münchner Rabbiner Jakob Horovitz wollte er übrigens
für seinen Joseph-Roman zum Beispiel wissen, warum der Mantel Josephs
fast notwendig in der Hand der Frau (Potiphar) bleiben musste...“
Ich zitiere das, weil ich weiß, dass Thomas Mann Ihre Nummer eins in
der deutschen Literatur geblieben ist. Und weil er da mit der biblischen
Geschichte eine neue Stufe in seinem literarischen Leben betritt. Er begreift,
sagt er, die Identität des Typischen und des Mythischen.
Auf dieser Joseph-Spur der deutschen Literatur, meine Damen und Herren,
sehen wir die Münchner Germanistik-Studentin Grete Weil 60 Jahre danach
– aber wie grausam ausgewechselt ist ihr zeittypisches Repertoire!
Nichts von dem einst Gelernten hält stand. Ihr Blick tief in den Brunnen
der Vergangenheit, zu Antigone, zu Saul und David, dreht ihr beim Gedanken
an Mauthausen und an ihren ermordeten Mann den Satz von Antigone um ins Gegenteil;
er heißt jetzt: Nicht mitzulieben, mitzuhassen bin ich da. Sie vergisst,
dass sie das gar nicht kann: hassen.
Am Tag, als der Name Ihres Mannes Dr. Edgar Weil auf der Haftliste im „Völkischen
Beobachter“ steht mit dem Vermerk: „Die Gründe können
nicht öffentlich bekanntgegeben werden“, strotzt die Zeitung von
Meldungen, die sich heute lesen wie vorbereitende Kurzformeln für spätere
Schreckenskapitel. Zum Reden über Grete Weil und die eigenen Stadt gehört
an diesem Tag unter anderem:
Die Polizeidirektion kündigt schärfste Strafen an für das
Gerücht, Schutzhäftlinge würden misshandelt. Die Fahnen vom
9. November 1923 werden aus dem Kriminalmuseum, wo sie ja hingehören,
ins Braune Haus gebracht – Überschrift: „Heiliges Tuch“.
Lion Feuchtwanger sagt in einem New Yorker Interview: „Es ist jetzt
an der Zeit, einen historischen Roman über Hitler zu schreiben“.
Im Pschorr-Keller ein Vortrag: „Der Schäferhund und seine vielseitige
Verwendung“. Und der damalige Oberbürgermeister Scharnagl kontert
eine Anklage wegen unterlassener Beflaggung mit einem letzten verzweifelten
Witz: „Weil die monumentale Bemalung der Häuser keinerlei Beflaggung
verträgt“. Vier Tage danach war er weg.
Groß geworden ist Grete Weil aber auch mit Michelangelos „David“, der ihr besser gefallen hat als Jahwe. Wie überhaupt die Religion bei ihr kaum eine Rolle gespielt hat. Das braucht uns nichts anzugehen. Aber eben hier beginnt das Exemplarische, das Persönliche, auch das Unbequeme in Grete Weils späterem Schriftwerk. Es ist genau das, was wir in der verallgemeinerten Geschichte der Juden in Deutschland nicht zur Kenntnis genommen haben.
Erstens lässt Grete Weil uns minutiös teilnehmen an ihrer Vereinnahmung
in die jüdische Schicksalsgemeinschaft der Emigration. Doch sie entwickelt
nicht den dazugehörigen Glauben. Hat auch später kein ausgesprochenes
Heimatgefühl für Israel. Was sie hingegen entwickelt, wir lesen
es mit Grauen: ein Schuldgefühl. Warum? Weil sie beim Jüdischen
Rat in Amsterdam den Deportierten hilft. Dabei leidet sie unter der Vision:
ihr Lebensvorbild, die geliebte Schwester Antigone, hätte an der Bahnhofsrampe
den Hauptsturmführer erschossen – und sie selber, um ihre Mutter
zu retten, rebelliert nicht.
Zweitens aber führt Grete Weil gleichzeitig vor – und das hat
mir noch keine Autorin so atemberaubend erzählt: wie verdächtig
der abendländische Bildungsapparat scheppert, wenn die Mörder kommen.
Wenn es ums Überleben geht. Da muss sich auch der verehrte Rilke vor
ihr verstecken, wenn er meint: „Die Kunst ist der dunkle Wunsch aller
Dinge“. Da wird der Künstlerkönig David, der von Michelangelo
wie der von Rembrandt, plötzlich zu schön, um wahr zu sein. Und
zum Vorschein kommt der Räuber David, der Mörder.
Von diesem ungeheuren geistigen Bruch erzählt Grete Weils neuer Roman
„Der Brautpreis“: live und schlagfertig, mit einer dennoch liebenden
Energie. Als könnte sie den Verfassern der beiden Samuel-Bücher
2960 Jahre nach Davids Tod doch noch etwas abhandeln im Namen der Menschlichkeit.
Als wollte sie im Namen aller Auschwitzkranken noch etwas hineinkorrigieren,
das bei Samuel ausgelassen ist über König Sauls Tochter Michal,
das ist die erste Frau Davids. Als Brautpreis für Michal, so steht’s
geschrieben, verlangt Saul hundert Vorhäute der feindlichen Philister.
David liefert freiwillig zweihundert. Seitdem ist Michals Liebe überschattet
von Entsetzen und Ekel. Sie bleibt eine Verstörte. Sie will vor allem
eines nicht: sie will kein Werkzeug der Politik mehr sein.
Und: sie hat jetzt in Grete Weils Roman die Sympathie und das ganze
Mitleid einer Autorin, die ihre eigenen Erlebnisse und Schrecken aufarbeitet
im Dialog mit der Unbekannten aus der Bibel. Michal kommt ja bei Samuel nur
zweimal vor. Grete Weil hat sie also fest in der Hand. Sie kann im Phantom
dieser Judenprinzessin, also in einem lückenhaften Mythos, das Typische
selber bestimmen. Und damit reißt sie kriminalpsychologisch ein Stück
Altes Testament direkt nach München, nach Amsterdam, nach Mauthausen
Wie gesagt, da geht einiges zu Bruch. Als Grete Weil nach Holland flieht,
hat sie das klassische geistige Rüstzeug, sie kann auswendig die „Sonette
an Orpheus“, sie lebt mit Hölderlin und natürlich Goethe,
hat allerdings gesehen, wie der Faust schon langsam in den Tornistern verschwand.
Sie hinterlässt ein exquisites Doktorthema über das zur Goethezeit
berühmte „Journal des Luxus und der Moden“.
Und vielleicht riskiert sie noch einen letzten Blick in die Zeitungen
dieses Tages. Der macht ihr den Abschied von München bestimmt leichter.
Da werden für den Abend groß angekündigt: in der Ausstellungshalle
eine Kundgebung der deutschen Frau mit der Reichsfrauenführerin; im
Hofbräuhaus eine Kundgebung der Kinderreichen unter einem Landesleiter
namens Storch; an der Feldherrnhalle die Weihe von sechzig Fahnen. Und so
weiter.
Aber, wenn sie nach Deutschland zurückkommt, wird sie nie mehr den Satz ihrer Schicksals-Nachbarin Anne Frank verstehen, der in dem Theaterstück als Stimme aus dem Jenseits dringt: „Ich glaube fest daran, dass die Menschen in ihrem tiefsten Innern gut sind“. Für sich selbst zitiert Grete Weil jetzt einen Überlebenden aus dem Warschauer Ghetto. Und der sagt: „Wenn sie an meinem Herzen lecken könnten, wären Sie vergiftet“. Meine Damen und Herren das ist einer der Sätze bei Grete Weil, die noch dem Leser eine Schweigeminute abverlangen.
Ich kann den Dreitausendjahresroman über Grete und Michal nicht loben, ohne daran zu denken, in welchem vergleichsweise luftleeren Raum sich manche Berichte über den Historikerstreit bewegt haben. Der Zeitgenosse kommt sich da manchmal vor wie ein Laie seiner eigenen Zeit. Und offenbar hört kaum noch jemand heraus, wie hier das Wort „vergleichen“ in zweierlei Bedeutung gebraucht wird. Unwissenschaftlich ausgedrückt: man kann Wirklichkeiten zum Vergleich nebeneinander stellen, um zu sehen: sie sind wirklich unvergleichbar.
Ich sage das mit einer – womöglich eingebildeten – Rückendeckung
durch den Bundespräsidenten von Weizsäcker. Er hat neulich in Bamberg
aufmerksam gemacht auf das zu erforschende „Geflecht der historischen
Bezüge“. Und insofern, verehrte Frau Weil, nenne ich den „Brautpreis“
ein würdiges Begleitbuch zum Historikerstreit. Sie haben über Jahrtausende
hinweg die seelische Verflechtung zweier Jüdinnen ergründet. Aber
Sie ziehen Ihrem Vergleich auch die Grenze, an der Geschichtsschreibung kapituliert: „Ich,
die Spätgeborene“, so schreiben Sie,
„muss mit dem Wissen um Auschwitz mein Leben zu Ende bringen, es wird
mich quälen bis zum letzten Atemzug“.
Angesichts der grauenhaften Fakten, die uns nach einem halben Jahrhundert
aus allen Medien aufs neue überfallen, ist es für alle wichtig,
dass eine Überlebende die Bewältigungsarbeit auch kritisch sieht
und keinen Zweifel lässt, Zitat: „Ich schreibe nicht, damit der
Leser Vergangenheit kennen lernt, sondern damit er begreift, dass sie niemals
zu verstehen ist“. Dieses Begreifen, meine Damen und Herren, ist wahrscheinlich
mit noch so vielen Fernsehserien nicht zu erreichen. Dazu ist Literatur nötig.
Der Geschwister Scholl-Preis berührt diesmal ein fast verwandtschaftliches Verhältnis. Grete Weil hat nämlich als eine der ersten die Analogie zwischen ihrer Schwester Antigone und Sophie Scholl in dichterischen Schwung gebracht nach der Formel: „Beides Menschen, die bis an die Grenze gehen, die nicht nach dem Erfolg fragen, nur nach der eigenen Notwendigkeit. Unbequeme, die uns zum Denken zwingen“.
Ich wäre froh, wenn diese späte Zusammenführung heute einen Hauch wegnehmen könnte von der Traurigkeit, keine solche Neinsagerin bis in den Tod gewesen zu sein. Sophie Scholl argumentiert in einem Brief vom 22. Juni 1940 an ihren Freund Fritz Hartnagel, der Kriegsgegner ist und Soldaten auszubilden hat, ich zitiere: „Der Mensch soll ja nicht, weil alle Dinge zwiespältig sind, deshalb auch zwiespältig sein“. Vor uns trifft nun dieser todesmutige Imperativ einer Einundzwanzigjährigen auf die immer noch selbstquälerischen zwiespältigen Altersgedanken einer Davongekommenen... Meine Damen und Herren, es ist ein Zusammenprall von Geschichte in der eigenen Stadt, wie wir ihn so nicht mehr oft erleben werden.
Verehrte Grete Weil – sollte ich aus Versehen Ihr Misstrauen gegen schöne Worte neu geweckt haben, möchte ich mich entschuldigen und versichern, dass Ihr Werk frei ist von jeder Beschönigung. Es ist so unbeschönigt, so rücksichtslos ins eigene Herz geschrieben, dass man wiederum einem typischen Irrtum aufsitzt und glaubt, bei Ihnen dürfe man nie herunterkommen vom hohen Ton.
Der Irrtum ist sofort berichtigt, wenn ich, mit Verlaub, zitiere, wie untrennbar todernst und salopp bei Ihnen die Jahrtausendthemen und die Tagesthemen ineinander gehen. Der Leser ist dann so erstaunt wie Sie, wenn Sie sich zum Beispiel beim Fußball-Länderspiel Holland – Deutschland dabei erwischen, dass Sie den Sieg der Deutschen wollen. Damit haben Sie natürlich auch die Großmacht der Fußballfans geschlossen hinter sich, bis zur patriotischen Gefahrengrenze. Aber Sie wissen, wie man sich ihrer erwehrt. Sie duschen die Fans kalt ab mit dem wahren Grund, ich zitiere: „...weil es langweilig ist, keine Partei zu ergreifen“.
Meine Damen und Herren, ich könnte noch davon schwärmen, wie Grete
Weil, wenn’s schlimm kommt, ihre Lage auch einmal auf gut Bayrisch
auf den Nenner bringt: „Bin halt ein zähes Luder“. Oder
Sie belauscht gerade die Geschwister Antigone und Polyneikes im Olivenhain,
denkt aber auf der nächsten Seite an den eigenen knurrenden Magen und
stellt sich vor: jetzt Kaviar auf gebuttertem Toast.
Das sind keine Stilbrüche. Keine Trivial-Pointen. Vielmehr bleibt die
Autorin sich so immer auf der Spur. Es ist ein ständiges Rundum-sich-vergewissern,
ob ja nichts ausgelassen ist beim Schreiben der Wahrheit. Es ist, meine Damen
und Herren, der unverwechselbare Münchner Weil-Sound. Und es ist höchste
Zeit, dass er auch in der Literaturgeschichte angemessen registriert wird.
Meine Damen und Herren, man hat schon viele Überlebende in größte
Verlegenheit gebracht mit der sehr deutschen Frage: „Lieben Sie Deutschland?“
Auch Grete Weil hat darauf tapfer geantwortet. Ich könnte sagen: sie
hat die Fragenden geschont.
Aber jetzt ist Gelegenheit, dazu etwas nachzuholen. Vielleicht warten darauf auch andere. Eben die Alleingelassenen, die nur in Gedenkstunden vorkommen und dann womöglich irgendwelchen Sprachklumpen zum Opfer fallen. Fairerweise, denke ich, wäre ja doch irgendeine, ich möchte sagen, erkennbar herzwärmende Voraus-Erklärung fällig, bevor man die Opfer einer infernalischen Lieblosigkeit analysiert und die Überlebenden dann noch fragt: Wie steht’s denn jetzt mit Ihrer Liebe? Offenbar gibt’s für die Juden in Deutschland keine Instanz für etwas, das zu Herzen geht. Oder sagen wir so: Instanzen haben, mit rühmlichen Ausnahmen, keine solchen Töne. Wir müssen sie selber aufbringen. Auch mit dem persönlichen Risiko, dass sie nicht gleich ankommen. Die Erklärung lautet einfach: Grete Weil, wir lieben Sie.
Ich gratuliere Ihnen zum Geschwister Scholl-Preis
Armin Eichholz, München 28.10.1988
Armin Eichholz (1914-2007) war Schriftsteller, Theaterkritiker und Redakteur.
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