Geschwister-Scholl-Preis 1993 - wolfgang sofsky

laudatio von norbert frei

Die Rede von der Betroffenheit ist derzeit ziemlich aus der Mode. Mehr noch: Die neuere Zeitgeistlehre unternimmt erhebliche Anstrengungen, um uns zu beweisen, wie töricht, ja wie gefährlich es ist, betroffen zu sein. Betroffenheit als ein zentrales Element, als ein charakteristischer Habitus der politischen Kultur der alten Bundesrepublik - gewiß nicht von Anfang an präsent, aber doch auch nicht erst 1968 aus dem Nichts entstanden -, soll jetzt ausgemustert werden. Betroffenheit, so lautet die Parole, ist passé. Die Vorstellungen über das, was an ihre Stelle treten soll, schwanken noch, aber irgend etwas Robusteres, „Normaleres“ soll es schon sein. Und in dem Maße, in dem es dabei um die Ausbildung eines stärkeren Nationalgefühls geht, geht es natürlich auch und nicht zuletzt um die Vergangenheit. An ihr hat sich unsere politische Kultur nachdenklicher Betroffenheit, das ist schwerlich zu bestreiten, in besonderem Maße ausgebildet. Zweifellos gibt es dabei auch leere Gesten, gibt es gelegentlich hohles Geschwätz. Doch es sind nicht nur solche Schwächen, die jetzt kritisiert werden. Manches deutet darauf hin, daß uns die Betroffenheit insgesamt ausgetrieben werden soll, und mit ihr der sensible Umgang mit der NS-Vergangenheit. Es kann nur fatale Folgen haben, wenn wir diesen Tendenzen nachgeben.
Worauf es deshalb ankommt, sind Bemühungen, die Dimensionen - und die Aktualität - der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen im kollektivem Bewußtsein zu halten und auch jenen nahezubringen, die von der grassierenden Betroffenheits-Allergie befallen sind. Wolfgang Sofskys Buch über das Konzentrationslager leistet genau dieses in hervorragender Weise. Kennzeichen seiner Studie ist eine Eindringlichkeit, die keiner lauten, vordergründigen Betroffenheit bedarf, die aus intellektueller Klarheit und Schärfe resultiert statt aus der bloßen Evokation des Entsetzens. Damit stellt sie sich auf bestmögliche Weise in die Tradition von Eugen Kogons berühmtem, schon 1946 erschienenen Werk über „Das System der deutschen Konzentrationslager“. Wer Kogons „SS-Staat“ gelesen hat - bis heute wurden davon mehr als 600 000 Exemplare verkauft -, der weiß, daß es sich dabei um weit mehr handelt als um den Zeugenbericht eines Mannes, der bis zur Befreiung im April 1945 politischer Häftling in Buchenwald war. Schon Kogon hat versucht, über seine nun in der Tat gegebene persönliche Betroffenheit hinaus, zu einer soziologischen Analyse des KZ-Systems vorzustoßen. Die Begrenzungen seiner Arbeit gründen nicht zuletzt in dem damals noch ziemlich rudimentären Wissen über die vielen Lager, die Kogon nicht aus eigener Anschauung kannte, und in dem Mangel schriftlicher Quellen.
Inzwischen hat sich der Kenntnisstand der zeitgeschichtlichen Forschung natürlich beträchtlich erweitert, und allein schon deshalb wäre es ganz irrig anzunehmen, der Wissenschaftler, der sich fast ein halbes Jahrhundert nach Eugen Kogon - ja, vielleicht muß man schon sagen: noch einmal - dem Thema der nationalsozialistischen Konzentrationslager aussetzt, könne nur hinter dem Bericht des Zeitzeugen zurückbleiben. Tatsächlich hat Wolfgang Sofsky ein Buch geschrieben, das den Vergleich mit Kogons Werk nicht zu scheuen braucht. Und wer bei Sofsky beispielsweise den Abschnitt über die Prügelstrafe gelesen hat, der hat erfahren, wie peinigend eine genaue, dichte Beschreibung sein kann, die einer Wissenschaftlichkeit vertraut, welche dem Zeugnis des ehemaligen Häftlings schlechterdings nicht abzuverlangen war.
„Die Ordnung der Terrors“ ist ein - im besten Sinne - modernes Buch in mehrfacher Hinsicht. Wolfgang Sofsky schreibt in einer präzisen, nüchternen Sprache, die wir alle verstehen: in der Sprache der modernen Organisationssoziologie, einer Disziplin also, deren übliche Themen uns wohl vertraut sind - die Kompliziertheiten des modernen Arbeitsalltags und der Freizeit. Doch es ist kein Trick, den Sofsky damit anwendet. Die Begrifflichkeiten seiner Wissenschaft dienen ihm nicht etwa zur vordergründigen Aktualisierung des Themas oder gar der neuerdings etwas in Mode gekommenen „Modernisierung“ des Nationalsozialismus. Sie dienen vielmehr dazu, die historische Realität des Konzentrationslagers analytisch schärfer zu fassen, sie besser zu verstehen.
Wolfgang Sofsky hat zu diesem Zweck eine große Anzahl von Häftlingsberichten ausgewertet, verglichen, untereinander in Beziehung gesetzt; Erinnerungen von Menschen also, die die Kraft hatten, über die schlimmsten Erfahrungen ihres Lebens Zeugnis abzulegen, und die dann auch das Glück hatten, einen Verlag zu finden, der bereit war, ihre Schilderungen des Schreckens zu drucken. Am Rande sei damit auch gesagt, daß es in den Archiven und Gedenkstätten, etwa in Auschwitz, noch sehr viel mehr solcher Zeugnisse gibt, die jedoch nie auf das Interesse der Öffentlichkeit hoffen konnten.
Es waren also nicht irgendwelche entlegenen Quellen, die Wolfgang Sofsky für seine Arbeit bemühte. Er las, was wir alle lesen könnten, und machte diese in der Tat quälende Lektüre zur Grundlage seiner Forschung. Darin liegt ein weiterer Gesichtspunkt der aufklärerischen Modernität seines Werkes: Daß es konsequent auf den Zeugnissen der Opfer aufbaut, nicht auf den Akten der Täter. Das heißt natürlich nicht, unser Autor habe sich mutwillig wichtiger Informationsmöglichkeiten begeben; im Gegenteil, er hat von der zeitgeschichtlichen Literatur über die Konzentrationslager auf subtile Weise Gebrauch gemacht. Aber er hat den historischen Arbeiten - an denen, entgegen einer häufig zu hörenden Meinung, übrigens keineswegs ein Überfluß besteht - nicht einfach eine weitere Monographie hinzugesellt. Sondern er hat etwas gewagt, wozu sich seit Eugen Kogon und, fast 20 Jahre später dann, aus Anlaß des Frankfurter Auschwitzprozesses, Martin Broszat, niemand mehr herausgefordert glaubte: eine große Strukturanalyse des Konzentrationslagers.
Bei aller empirischen Fülle verliert sich Sofskys Untersuchung nicht im historischen Detail. Sie beschreibt aber auch nicht, im Sinne einer Fallstudie, etwa nur ein einzelnes oder eine kleine Auswahl der Lager. Sie fragt vielmehr nach den generellen Funktionsmechanismen, nach der Logik des Ortes: dies allerdings, wo der kühle Blick des Wissenschaftlers nicht genügt, aus der Perspektive der Häftlinge, nicht mit den Augen der SS.
Der Wahrnehmung und der Erfahrung der Opfer verpflichtet ist auch Sofskys untersuchungsleitende Begrifflichkeit. In deren Mittelpunkt steht das Konzept der „absoluten Macht“. Es erweist sich als ein Schlüssel zum Verständnis der historisch präzedenzlosen Wirklichkeit hinter dem Elektrozaun. Nicht Terror, Tyrannei oder Despotie sind die Begriffe, die die Herrschaftsverhältnisse - und die, soll man sagen: Lebensbedingungen? - im Konzentrationslager adäquat erfassen. Es ist etwas anderes, Neues, und alle historisch bekannten Formen der Unterwerfung des Menschen unter den Menschen erscheinen dagegen antiquiert, ja fast menschlich in ihrer Unvollkommenheit - die Knechtschaft etwa oder das System der Sklaverei.
Das Konzentrationslager, so Wolfgang Sofsky, verkörpert demgegenüber einen „spezifisch neuen Typus moderner Macht- und Sozialorganisation“, eben den Ort der absoluten Macht. Diese fängt erst an, wo der Terror der Tyrannis endet; sie regiert ein „Universum völliger Ungewißheit, in dem auch Fügsamkeit nicht vor Schlimmerem bewahrt“. Und weiter heißt es: „Absolute Macht tobt sich aus, wann immer sie will. Sie will Freiheit nicht beschränken, sondern vernichten, das Handeln nicht steuern, sondern zerstören. Sie zehrt die Menschen aus, durch nützliche und sinnlose Arbeiten. Sie setzt ökonomische Ziele, von denen sie sich selbst emanzipiert. Sie befreit sich von ideologischen Überzeugungen, nachdem sie die Lagergesellschaft nach ihrem ideologischen Klassenmodell organisiert hat. Selbst mit dem Töten, diesem letzten Bezugspunkt aller Macht, begnügt sie sich keineswegs. Zuvor transformiert sie die universalen Strukturen des menschlichen Weltbezugs: Raum und Zeit, das soziale Verhältnis zu anderen, das Sachverhältnis zur Arbeit, die Selbstverhältnisse des Menschen.“
Wolfgang Sofskys Buch ist weit mehr als eine wichtige Untersuchung zu einem schreckensvollen Kapitel der deutschen Zeitgeschichte, das wir selbst so wenig vergessen dürfen wie die Welt es vergessen wird. Die Studie ist auch, und hierin liegt ein weiterer Aspekt ihrer Modernität, ihrer fürchterlichen Aktualität, ein gelehrter Kommentar zu den neuen Konzentrationslagern, zu den neuen sogenannten ethnischen Säuberungen, zu den neuen Orgien der Gewalt in Südost- und Osteuropa, deren stumme und bisweilen sogar überdrüssige Fernsehzeugen wir nun schon seit mehr als zwei Jahren sind. Weit weniger noch als die Zeitgenossen des „Dritten Reiches“ werden wir den Überlebenden dort und den Nachgeborenen einmal sagen können, wir hätten von allem nichts oder doch zu wenig gewußt. Was im März 1933 nur in knappen Zeitungsmeldungen stand und in verharmlosenden Fotoberichten der Illustrierten, was gleichwohl schnell zum unheilsgewissen Volksmund wurde - „Halt's Maul, sonst kommst nach Dachau“ -, das lieferte uns, unmißverständlich und dennoch kaum verstanden, das Fernsehen im Sommer 1992 aus dem ehemaligen Jugoslawien ins Wohnzimmer: Bilder von halbverhungerten Menschen hinter dem Stacheldraht der neuen Konzentrationslager.
Natürlich ist eine solche Deutung keine wissenschaftliche, und sie scheint bei Sofsky so auch nicht auf. Gleichwohl meine ich, sie liegt in der Konsequenz seines Buches, und nichts wird durch sie verharmlost oder relativiert. Das gilt zum Beispiel auch für den jetzt häufiger zu hörenden Hinweis auf die sowjetischen Lager in der SBZ, etwa im ehemaligen KZ Buchenwald, wo sich nun, da die Erinnerung nicht mehr verboten ist, die Erinnerungsschichten auf oft komplizierte Weise überlagern. Für den unabweisbaren Vergleich - der dort, wo er um Erkenntnis ringt, nichts Anrüchiges hat -, sorgt, so beginnen wir zu begreifen, schon der Fortgang der Geschichte selbst. Neue vergleichende Fragestellungen drängen sich auf, und es wäre verkehrt, ihnen auszuweichen.
Nicht falsche Fragen, die falschen Antworten sind das Problem. Denn natürlich wittern jetzt auch die Relativierer Morgenluft, und ihnen gilt es, entschlossen zu begegnen. Schon lange vor der Zeitenwende, lange vor den Jahren 1989/90, waren sie in Deutschland präsent; ich vermute, nicht nur in der alten Bundesrepublik, aber nur hier hatten sie von jeher die Möglichkeit, sich frei zu äußern. Und mit diesem Recht auf freie Meinungsäußerung suchen uns die Rechtsradikalen seit Jahrzehnten zu belehren: Konzentrationslager? - Eine Erfindung der Engländer im Burenkrieg. Gewalt im KZ? - Nur gegen diejenigen, die sich nicht der Volksgemeinschaft fügten. Millionenopfer? - Ja, aber nur in Stalins Archipel Gulag. Gaskammern? - Eine Nachkriegserfindung der Alliierten.
Nun sollte man nicht so tun, als hätten wir solchen rechtsradikalen Lügen nichts entgegenzusetzen. An aufklärender Literatur ist kein Mangel, und wer die historische Wahrheit wissen will, hat alle Möglichkeiten, sich zu informieren. Seit acht Jahren erlaubt es unser Strafrecht auch ausdrücklich, gegen diejenigen vorzugehen, die den Holocaust oder die Existenz der Gaskammern leugnen. So ist denn auch ein selbsternannter technischer Experte, der dies seit langem tut, kürzlich in Köln verhaftet worden - auf dem Weg zu einer Talkshow, in der er seinen mörderischen Stuß vor laufenden Kameras zu verkaufen hoffte. Zur Verantwortung der Medien sei nur soviel gesagt, daß die um ihren Gast gebrachte Showmasterin erklärte, auf diese Weise schaffe die Polizei „Märtyrer für Neonazis“. Glücklicherweise regieren Einfalt und Kommerz noch nicht auf allen Kanälen, und insgesamt ist unser Journalismus nach wie vor aufgeklärter als sein Publikum.
Die Mehrheit der Deutschen hat ihre seinerzeitige Kenntnis von den Konzentrationslagern nach dem Krieg bekanntlich ebenso hartnäckig wie vergeblich zu leugnen versucht. Wovor kurze Zeit vorher die meisten noch Angst gehabt hatten - vor der Allmacht der SS und dem von ihr beherrschten Schattenreich der Lager -, plötzlich wollte davon fast niemand mehr etwas gewußt haben. Natürlich lassen sich für dieses Phänomen eine Menge sozialpsychologischer Erklärungen finden. Der Hauptgrund aber wohl war, daß der gesamte nationalsozialistische Lagerkosmos, der sich - bezieht man auch alle Neben-, Sonder- und Zwangsarbeiterlager der Kriegsjahre mit ein - bis fast zur Haustür eines jeden einzelnen erstreckte, nach Kriegsende schlagartig als Teil einer gigantischen Maschine der Menschenvernichtung erkennbar wurde. Deren zentrale Stätten waren zwar nicht, trotz aller Verbrechen auch dort, die Konzentrationslager im sogenannten Altreich, sondern die - so weit wie dies eben möglich war: geheimgehaltenen - Vernichtungslager „im Osten“, wie man damals sagte. Aber das Grauen und das Massensterben der Endphase, etwa in Dachau oder in Bergen- Belsen, rückte die „normalen“ KZs ganz nahe an den Holocaust: So nahe, wie sie ihm als Orte, an denen der Terror gegen die Juden schon im Frühjahr 1933 seinen Anfang nahm, in der Logik des Rassismus stets gewesen waren.
Im Sommer 1961, als der Eichmann-Prozeß in Jerusalem die Weltöffentlichkeit aufgewühlt hatte wie vordem nur der Nürnberger Prozeß, meinten zwei Drittel aller Deutschen, es sei falsch zu behaupten, nahezu jeder habe seinerzeit gewußt, was in den Konzentrationslagern vorgegangen sei. Die Zufallsantworten, die Walter Kempowski fast 20 Jahre später sammelte, klingen weniger abwehrend, und eindeutiger noch gilt dies für die Ergebnisse der mündlichen Geschichtsforschung, die in den achtziger Jahren viele Menschen in doch erstaunlichem Maße dazu bewegen konnte, ihre Erinnerungen zuzulassen. Auch das Gespräch über die Elterngeneration hinweg, also zwischen Großeltern und Enkeln, ist, wie die Schülerwettbewerbe in den achtziger Jahren zeigten, in Gang gekommen.
Nun freilich, mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts, wird die Zeit knapp und die Zeugen werden selten. Die neuen Generationen werden sich an die Literatur halten müssen, wenn sie das Vergangene begreifen wollen. Sie brauchen Berichte der Überlebenden, aber sie brauchen auch die nüchterne, wissenschaftliche Analyse, die keine falsche Sicherheit bietet, die die Ordnung des Terrors nicht als etwas historisch Abgeschlossenes behandelt, sondern als etwas, wie Primo Levi sagte, das geschehen ist und folglich wieder geschehen kann, überall. Wolfgang Sofsky hat sich diesen Satz des Auschwitz-Häftlings zum Vorsatz seiner Arbeit gewählt, und er hat seine Plausibilität eindrucksvoll untermauert. Wir haben keinen Grund, beruhigt zu sein, das lehrt uns sein Buch.

Norbert Frei, München 24.11.1993

 

Dr. Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

 

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