Preisträger 1995

victor klemperer

Geschwister-Scholl-Preis 1995, Klemperer, CoverVictor Klemperer
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945"

 

Aufbau-Verlag
Berlin 1995
1800 Seiten, € 30.00
ISBN 003-7466-5514-5

 

Die Verleihung

Am 27. November 1995 nahmen Walter Nowojski, der die Aufzeichnungen herausgegeben hat und Hadwig Klemperer den Preis entgegen. Bürgermeisterin Gertraud Burkert und Christoph Wild, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Verlage und Buchhandlungen e.V. (ehemaliger Name des Verbandes bis 2003), überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde.

Die Laudatio bei der feierlichen Preisverleihung in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München hielt Martin Walser.

 

Die Begründung der Jury

n seinem Tagebuch, dessen Entdeckung durch die Gestapo den sicheren Tod des Gelehrten bedeutet hätte, hielt Victor Klemperer mit minutiöser Genauigkeit den unmittelbar
erlebten Alltag in Dresden fest: die Entbehrungen, Demütigungen und Ausgrenzungen seiner Familie und der anderen jüdischen Mitbürger, die Frontnachrichten, Gerüchte, Witze, die Sprache der Straße und die Sprache der Propaganda, aber auch die (wenigen) heimlichen Solidaritätsbekundungen und Hilfeleistungen nichtjüdischer Mitbürger. Victor Klemperer, hochdekorierter Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg, der sich als deutscher Liberaler und Erbe der französischen Aufklärung fühlte, wurde wie viele seinesgleichen erst durch Hitler zum Juden gemacht, ließ sich aber von den Nationalsozialisten sein Deutschtum so wenig rauben wie sein großartiges Gerechtigkeitsbewusstsein oder sein ironisches Misstrauen gegen alle Formen der Re-Judaisierung und Ghettogesinnung
(Nationalsozialismus, Kommunismus und Zionismus waren ihm gleichermaßen verhasst).
Die nationalsozialistische Alltagsrealität in ihrer Mischung aus Angst und Idylle, Bosheit und Banalität, Mordlust und Gleichgültigkeit, unfreiwilliger Komik und bürokratischer Schikane hat Victor Klemperer in seinem Tagebuch so authentisch wie niemand sonst festgehalten: für das schlechte kollektive Gedächtnis des deutschen Volkes ist dieses Tagebuch eine ebenso unersetzliche wie erschütternde Gedächtnishilfe. Darüber hinaus ist dieses leidenschaftlich dem Leben zugewandte Tagebuch ein einmaliges document humain, das Pflichtlektüre nicht nur an deutschen Schulen sein sollte.

 

victor klemperer

Victor Klemperer wurde 1881 in Landsberg/Warthe als achtes Kind eines Rabbiners geboren. Er studierte Philosophie, Romanistik und Germanistik in München, Genf, Paris und Berlin, promovierte und habilitierte sich. 1912 konvertierte er zum Protestantismus. Im Ersten Weltkrieg ging er als Freiwilliger an die Front. Während des Faschismus wurde Klemperer aus seinem Lehramt entlassen und in ein Dresdner Judenhaus zwangsinterniert. Die Ehe mit einer Nichtjüdin bewahrte den Wissenschaftler vor der Deportation. Nach dem Krieg wurde Victor Klemperer ordentlicher Professor in Dresden, trat der KPD bei, war Abgeordneter des Kulturbundes in der Volkskammer der DDR und Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Er starb 1960.

 

Das Werk

"Beobachten, notieren, studieren“ – das war die ständige Forderung, die der Autor in den Jahren 1933 bis 1945 an sich selber stellte. Er wollte der „Kulturgeschichtsschreiber der Katastrophe“ sein, aber er ist darüber hinaus auch der Chronist von Schicksalen und Familientragödien geworden, über die die Zeit hinwegging. Todesgefahr, Zwangsarbeit und die entwürdigende Existenz im Judenhaus hielten ihn nicht davon ab, Tag für Tag seine selbst gesetzte Zeugnispflicht einzulösen. Dass uns die Aufzeichnungen Klemperers zugänglich sind, ist seinem ehemaligen Studenten Walter Nowojski zu verdanken, der den Nachlass unter Mithilfe von Klemperers zweiter Ehefrau, Hadwig Klemperer, herausgegeben hat. Hadwig Klemperer und Walter Nowojski haben den Geschwister-Scholl-Preis 1995 entgegengenommen.

 

Die Mitglieder der Jury 1995

Dr. Norbert Frei, Knud von Harbou, Dr. Gabriele von Arnim, Peter Hamm, Günther Bergmann, Luitgard Kirchheim, Dr. Tilman Spengler

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