Geschwister-Scholl-Preis 1995 - viktor klemperer

laudatio von martin walser

Als ich im September und Oktober 1989 in Dresden in der Sächsischen Landesbibliothek in allen möglichen Saxoniae herumblätterte, weil ich, einer aus Dresden stammenden Romanfigur zuliebe, eine Ahnung von den Eigen- und Wesenheiten der sächsischen Geschichte erwerben wollte, hörte ich, dass in der Handschriftenabteilung die Tagebücher von Victor Klemperer lägen. Victor Klemperer habe, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet war, den Krieg in Dresden überstanden. Durch sein Buch LTI (Lingua Tertii Imperii) kannte ich den Namen. Ich las mich ein und hinein in seine Handschrift, die er in seiner Autobiographie selber eine "entsetzliche" nennt. Meinen aufgekratzt von der Klavierstunde kommenden zwölfjährigen Romanhelden ließ ich dann dem unter Bewachung schneeschaufelnden und vom Schneeschaufeln erschöpften Juden Victor Klemperer begegnen.

Noch während ich mich mit dieser Handschrift befreundete, wurde ich von einer Mitarbeiterin der Landesbibliothek beschenkt: in der UNION, der Zeitung der Dresdner CDU, waren von 1987 bis '89 Auszüge aus diesen Tagebüchern veröffentlicht worden. Der Redakteur, der das bewirkt hatte, war Uwe Nösner.
Von Dresden zurück, las ich gleich Klemperers Autobiographie, die gerade, in Leipzig gedruckt und zweibändig, zugleich bei Siedler und bei Rütten und Loening, erschienen war. Dafür ist Walter Nowojski zu danken. Und jetzt die Tagebücher von 1933 bis '45, wieder herausgegeben von Walter Nowojski, unterstützt von Hadwig Klemperer. Bis in den Juni 1945 reicht dieses Tagebuch.

Dem Satz, mit dem die Herausgeber schließen, stimmt man mit jenem vollen Gefühle zu, mit dem man den letzten Satz eines gut komponierten Romans zur Kenntnis nimmt: "Am späteren Nachmittag stiegen wir nach Dölzschen hinauf." Dort hatten sie, Eva und Victor Klemperer, ihr Haus gehabt, auf das Eva Klemperer, mindestens seit 1917, zugelebt hatte, mit Zeichnungen, Entwürfen, Plänen, das sie zu spät gebaut hatten, in den Dreißigerjahren nämlich; praktisch nur, um dann daraus vertrieben zu werden und dann immer noch einmal vertrieben, von einem "Judenhaus" zum nächsten.

Ich bin froh, dass ich noch einem danken kann, Günter Jäckel nämlich, der für den Dresdner Geschichtsverein jetzt noch die Tagebücher 1945, Juni bis Dezember, herausgegeben hat. Durch dieses Extraheft der Dresdner Hefte wird dieser Herbst vollends die Saison Victor Klemperers.

Im Sommer 1935 wurde Klemperer verboten, weiterhin als Romanist zu lehren. 1937 wird ihm verboten, sich in den Lesesaal der Universitätsbibliothek zu setzen. Ende 1938: er darf die Bibliothek überhaupt nicht mehr betreten. Klemperer hatte Bücher publiziert über Montesquieu, "Die französische Literatur von Napoleon bis zur Gegenwart", über "Moderne Französische Lyrik", zuletzt, 1933, über Corneille. Seitdem hieß sein großes Projekt: Dix-huitième. Das 18. Jahrhundert. Dann also 1938, die "absolute Mattsetzung". Jetzt bildet sich die Idee und wird rasch ein Plan: da er ohne Bibliothek nicht wissenschaftlich arbeiten kann, wird er mit dem arbeiten, was er im Haus hat: das sind seine Tagebücher von 1897 bis 1938.

Der Titel Curriculum Vitae taucht jetzt in den Tagebüchern immer häufiger auf. Eigentlich sollte Klemperer in den Jahren '38 und '39 dringend Englisch lernen; er hat sich im Ausland beworben; hat durch Georg, seinen ältesten Bruder, und dessen Söhne, die alle schon in den USA sind, die Neffen schon Ärzte dort, durch sie hat er schon ein Affidavit. Aber statt sich "auf die englische Grammatik zu stürzen", wie er sollte, notiert er: "Ich halte mich am Curriculum fest...".

Victor Klemperer konnte im Jahr '42 sein Curriculum nicht fortführen, weil er die Tagebücher, die er dazu brauchte, in Sicherheit bringen musste. Die Gestapo-Überfälle häuften sich. Dass er nicht längst deportiert ist, hat er seinem Mischehen-Status zu verdanken und, eine Zeit lang, auch dem Umstand, dass er als Freiwilliger des ersten Weltkriegs gedient hat und mit dem bayerischen Verdienstkreuz ausgezeichnet worden ist. Ab 1942 befindet sich alles Notierte bei der Freundin Dr. Annemarie Köhler in Pirna, und alles, was er jetzt noch notiert, wird von seiner Frau Eva dorthin geschafft. Würde sie kontrolliert werden, würde man sein Geschriebenes bei ihr finden, würde in Pirna das Haus der beim Regime nicht gut angeschriebenen Dr. Annemarie Köhler durchsucht werden -, dann würden alle drei, die Freundin, die Frau und er, getötet werden.

Jedes Mal fragt er sich: Wofür exponiere ich Eva? Einmal nennt er, was ihn weiterschreiben lässt, "Berufsmut". Als Frau Hirschel und ihr Mann deportiert werden - und das heißt: in Kürze ermordet werden -, notiert er: "Ich habe ihr sagen lassen - denn ich weiß, was ihr wohltut -, ich sei ihr für viele Anregungen Dank schuldig, und wenn ich noch einmal zum Publizieren käme, würde ihr Name in meinem Opus eine Rolle spielen." (12. Juni 1943).

Frau Hirschel hat ihm Bücher geliehen, hat ausgiebig mit ihm über Deutsche und Juden diskutiert, hat ihn wissen lassen, sie und ihr Mann, der der Vorstand der "Israelitischen Religionsgemeinde" in Dresden war, seien liberal jüdisch und fanatisch deutsch. Victor Klemperer klärt Frau Hirschel auf, dass "fanatisch deutsch" eine "contradictio in adjecto" sei, entweder ist etwas deutsch oder es ist fanatisch; "fanatisch" sei ein Lieblingswort Hitlers. Frau Hirschel versprach, "fanatisch" durch "leidenschaftlich" zu ersetzen. Also "liberal jüdisch" und "leidenschaftlich deutsch": August 1942. Einmal sagte Frau Hirschel, die früher Assistentin des Literaturwissenschaftlers Oskar Walzel gewesen war, "...wir werden Goethe retten!" Klemperer kommentiert: "...betont nichtzionistisch, betont ästhetisch, goethedeutsch".

Victor Klemperer hat den Hirschels und anderen Denkmäler erschrieben. In der Bemerkung, dass er wisse, was Frau Hirschel in dieser grauenhaften Situation wohltue, hat er, glaube ich, auch sein eigenes Motiv berührt. Die "eher irrsinnige Hoffnung, durch Schreiben könne einem Verlauf, der vor bloßer Brutalität keine Sinnfrage mehr zulässt, doch noch etwas entgegengesetzt werden: das Verbrechen, das sich hier triumphierend aufführt wie für immer, wird beim Namen genannt. Und das, vielleicht, auch für immer. Dass der Frau, die gleich umgebracht werden wird, die Aussicht, in Klemperers Geschriebenem bewahrt zu werden, überhaupt etwas bedeuten konnte, das wusste Klemperer auch von sich selbst. Es ist ein durch keine ihm angetane Gemeinheit zerstörbares Kulturvertrauen. Ein Verbrechen kann nicht die Geschichte beenden, die doch so lange unterwegs war, damit ein Verbrechen als solches erscheinen muss. Wenn es Zeugen gibt. Und so ein Zeuge wollte Victor Klemperer sein. Und er notiert, hält fest, was er "die märchenhafte Grässlichkeit unserer Existenz" nennt.

Angefangen hat sein Schreiben ganz harmlos. Als er Lehrling war, abends ins Theater ging und sich nachher fragte, was dieser Theaterbesuch für ihn bedeutet habe. Er war nach sechs Klassen Gymnasium in Berlin Kaufmannslehrling geworden. Die tüchtigeren Brüder Georg, Felix und Berthold, zwei berühmte Ärzte, ein erfolgreicher Anwalt, redeten ihm ein, dass der Vater nur erfolgreiche Söhne ertrage. Also zurück auf die Schule und zwar nach Landsberg an der Warthe, wo der Vater vor dem Umzug nach Berlin Rabbiner gewesen war. Dort wurde Victor Primus, spürte den Hang zur Literatur, betrieb ein florierendes Tagebuch. Dann schreibt der Student, der Dozent, der Soldat und der Professor Tagebuch: in Berlin, München, Genf, Paris, Bordeaux, Neapel, Flandern, Leipzig, Litauen und Dresden.

Im Gymnasium in Landsberg an der Warthe war Klemperer Primus, als solcher sollte er, dem Brauch nach, bei den Kneipen präsidieren. Aber an Festtagen kamen Verbindungsstudenten und Reserveoffiziere zu den Kneipen; ein Jude konnte weder Verbindungsstudent noch Reserveoffizier werden; was würden diese Gäste sagen, wenn ein Jude die obligate patriotische Rede am Sedanstag, die obligate Weihnachtsansprache hielt? Aber wenn er Amt und Ehre ablehnte, hieß das: "als Jude aus Opposition einen deutschen Brauch ablehnen". Und da er seinem "Wollen und Denken nach auf die reindeutsche Seite" gehörte, nahm er das Amt an.

In der Mitgliederliste des "Bücherzirkels" wurde Vater Klemperer unter Beamten, Offizieren, Ärzten, Anwälten und Geistlichen geführt als "Prediger Dr. Klemperer". So stand er neben dem "Prediger Schroeter". Dass Schroeter Pastor war, Klemperer Rabbiner, sei, so erzählt der Sohn, weder von den Christen "als eine Verheimlichung, noch von den Juden als Verrat" gewertet worden, es war einfach, so der Sohn, "der Ausdruck seines Willens zum Deutschtum". Dann wurde der Vater Rabbiner bei der jüdischen Reformgemeinde in Berlin; "einzigartig in der Welt", sagt Victor Klemperer; eine Vernichtung des Judentums, sagten die Strenggläubigen. Die biographische Notiz in der Dissertation des Bruders Georg beginnt: "Ich bin als Sohn eines Landgeistlichen geboren."

Natürlich haben sich die älteren Brüder Georg, Felix und Berthold in Berlin gleich taufen lassen. Und natürlich heirateten die erfolgreichen Brüder Mädchen aus wohlhabenden christlich-bürgerlichen Familien. Und natürlich verlangten die Brüder, dass die Schwester Recha von jetzt an Grete heiße. Die Schwestern heirateten allerdings nicht so konsequent ins Christliche wie die Brüder. Als Victor Klemperer 1903 sich freiwillig zum Militär melden will, setzt Bruder Berthold unter fast abenteuerlichen Umständen ganz schnell noch Victors Soforttaufe durch. Einfach damit Victor, falls er Soldat wird, dann auch Reserveoffizier werden kann.

Aber als Klemperer drei Jahre später die ostpreußische und christliche Bürgertochter Eva heiratet, gibt er als Konfession an "mosaisch". Bertholds Taufmanipulation hat nicht gehalten. Aber als Victor Klemperer sich dann, nach einem aufgegebenen Studium und nach sieben Berliner Literatenjahren, im Jahr 1912 erneut immatrikuliert - wieder gedrängt von den erfolgreichen Brüdern, die einfach im Familienwappen noch einen Professor brauchen -, da greift er auf den Taufschein von 1903 zurück, widerruft den Trauschein von 1906, ist wieder protestantisch, und bezeichnet das dann später als seine "konfessionelle Bigamie". 1906, bei der Trauung, habe er seine Taufe rückgängig gemacht, weil er sich "im schroffen Gegensatz zum Strebertum" seiner Brüder gefühlt habe.
"Aber ich wusste jetzt (und er meint 1912) genauer und schwankungsloser als damals, dass ich ein Zentrales dieses Strebertums ganz und gar mit ihnen teilte: den Willen zum Deutschsein. Und ich hatte seit den Wiener und Prager Erfahrungen nicht mehr die feste Überzeugung, dass sich Judentum und Deutschtum unter allen Umständen miteinander vertragen könnten. Kam aber eine Wahl im geringsten in Betracht, so bedeutete mir das Deutschtum alles und das Judentum gar nichts.“

Klemperer zitiert im Curriculum die Tagebücher seiner Wanderjahre oft genug mit dem Satz: "Das ist bei uns unmöglich!" Immer wenn ihm in Genf, Paris, Bordeaux, Neapel etwas nicht gefällt, quittiert er das mit dem Satz: "Das ist bei uns unmöglich!" Sehr viel deutscher kann man doch gar nicht sein. Und sehr viel preußischer auch nicht. Sobald er in München studiert, reagiert er auf hofbräuhaft Bayerisches so stereotyp preußisch, dass es, bei einem so gescheiten Mann, schon fast komisch wirkt. Aber in diesem antibayerischen Affekt erlebt er sich eben als Preuße, also als Deutscher. Das hält er immer wieder fest, dass es zwischen Juden und Deutschen nichts derart Trennendes gebe wie zwischen Nord- und Süddeutschen, Protestanten und Katholiken, Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Und als der alles regelnde Bruder Georg, Direktor des Preußischen Instituts für Krebsforschung, in der Todesanzeige für den Vater den Beruf weglässt und nur meldet, dass da der Vater Dr. phil. Wilhelm Klemperer gestorben sei, bemerkt Victor, dass dieser Angleichungswille in ihm so lebendig ist wie in den drei erfolgreicheren Brüdern. Nur, er muss darüber reflektieren im Tagebuch, in der Autobiographie. In den drei erfolgreichen Brüdern dominiert der Wille, im sozusagen schwächeren Victor die Betrachtung. Er lässt sich nichts unbedacht durch.

Als er mit den Eltern in Marienbad war, sah er zum ersten Mal galizische Juden, seine Reaktion: "Hätte mir jemand gesagt, ich gehörte mehr zu ihnen als zu meinen deutschen Mitbürgern, ich hätte ihn für wahnsinnig gehalten, und noch heute halte ich jeden für wahnsinnig, der so etwas behauptet." Und mit diesem heute sind gemeint die Jahre, in denen er das Curriculum schrieb, 1938 bis '42.

In Gershom Scholems Erinnerungsbuch "Von Berlin nach Jerusalem" erfährt man, dass das Erscheinen der osteuropäischen Juden auch ganz anders erlebt werden konnte. Der sechzehn Jahre jüngere Scholem, der in Berlin noch Gerhard hieß, aber ungetauft war, hatte Martin Bubers "Legende des Baalschem" gelesen, die Schrift über den sagenhaften Erwecker des Chassidismus. Scholem erinnert sich so: "In jedem Juden aus Russland, Polen, Galizien, der uns begegnete, sahen wir etwas wie eine Inkarnation des Baalschem und jedenfalls des unverstellten und uns faszinierenden jüdischen Wesens."

1918 wird Klemperer in Wilna - wo er als Zensor für die deutsche Militärverwaltung gearbeitet hat - in eine Talmudschule geführt: "...sie stieß mich wie mit Fäusten zurück."
"Ich gehörte nach Europa, nach Deutschland, ich war nichts als Deutscher, und ich dankte meinem Schöpfer, Deutscher zu sein." Als er einmal im Juli '42 diese Tag- und Nachtfrage, ob man Jude sei oder Deutscher, mit Dr. Katz diskutiert - Dr. Katz sitzt im goldgerahmten Wartezimmerfoto in Uniform und mit EK I als Stabsarzt zu Pferd, - da sind sich beide darüber einig, dass „viel Schuld … dem ungehinderten Zustrom des bloß geldsüchtigen Ostjudentums" zukomme, und Klemperer formuliert einen Vorschlag, der zeigt, dass er bis zur Karikatur deutsch sein konnte: "Ich sagte, ich würde ein Bildungsexamen vor die Einwanderung setzen." Nicht ohne Grund hat ihn der weise Benedetto Croce, der den jungen Lektor Klemperer in Neapel erlebte, in einem Buch einen "Deutschen im verwegensten Sinn des Wortes" genannt. Aber diesen Spott wiederum hat Klemperer selbst in der Autobiographie zitiert.

Wenn man wissen will, wie verschieden deutsche Juden dieses Deutschsein erleben konnten, vergleiche man Gershom Scholems, Victor Klemperers, Franz Kafkas, Ernst Blochs, Schmuel Hugo Bergmans Aufzeichnungen und Briefe am Anfang des ersten Weltkriegs. Den Ausbruch des Kriegs begrüßt Klemperer so enthusiastisch wie Thomas Mann und andere: "Der Krieg ist höchste Sensation und einzige dem Kulturmenschen noch gebliebene Katharsis." Dazu scheint zu passen, dass ihm in dieser Zeit Schiller näher ist als Shakespeare. Aber die Kriegswirklichkeit holt ihn ein, stimmt ihn um, will ihn umstimmen, aber er wehrt sich, schämt sich "der Kritteleien und Müdigkeiten", aber er meldet sich freiwillig, wird Kanonier.

Als er in Berlin die Synagoge der Reformgemeinde besucht, zählt er achtundzwanzig Uniformierte, neun mit dem Eisernen Kreuz, fragt sich aber im Tagebuch: "Wofür kämpfen sie?... Wirklich und ganz einfach für ihr Vaterland? Oder für die Erlangung eines Vaterlandes? Oder weil es sie "sehr stark in ihrer Laufbahn fördern" wird? Und ich selber? ...Ich wünschte, ich wäre erst im Felde. Danach werde ich mir kosmopolitische Ideale erlauben dürfen." Und je schlechter es Deutschland geht, desto mehr fühlt er sich zugehörig. Aber nie ohne die Skrupel dessen, der seine Erlebnisgenauigkeit in keiner Niederschrift narkotisieren kann. "Wann und bei welchem Tun werde ich je ein reines Gewissen haben?"

Scholem kann dieses Thema in seinem Tagebuch bei der Beschreibung der Musterungsprozedur slapstickhaft erledigen: "Dann soll ich einmal tief atmen, ich atme so schlecht ich irgend kann..." Und: "Untauglich." Auch Bloch war nicht scharf darauf, "tauglich" zu sein, er schreibt im September 1915 an Lukacs, man hüte sich ja auch, "farbenblinde Lokomotivführer anzustellen". Es sind aber auch Juden, wie man in Schmuel Hugo Bergmans Kriegstagebüchern lesen kann, begeistert gegen das zaristische Russland marschiert und haben einander zugerufen: "Rache für die Pogrome." Aber dann notiert Bergman: "...sie singen deutsche, singen tschechische Lieder. Wohin gehöre ich?" Und als Kafka mitten in der Menge steht, die ruft: "Es lebe unser geliebter Monarch, hoch!" notiert er dazu: "Ich stehe dabei mit meinem bösen Blick."

Bergman wurde praktisch, ab 1920 war er und blieb er in Palästina und übersetzte, zum Beispiel, Martin Buber ins Hebräische. Und Gerhard Scholem war dann, ab 1923, als Gershom Scholem auch in Palästina und wohnte zuerst bei Hugo Bergman, sah auf dessen Klavier ein Bild Franz Kafkas und wurde Bibliothekar der hebräischen Abteilung der Nationalbibliothek. Scholem war in Berlin schon Mitglied von "Jung-Juda" gewesen, brannte geradezu darauf, Jude zu sein, lernte Hebräisch, in seinem Tagebuch kommt der Ausdruck "jüdischer Rassenstolz" vor. Diese Entwicklung hat Victor Klemperer nur in der ihn abstoßenden Herzl’schen, der zionistischen Version kennen gelernt.

In Wien besucht er die Dichter Beer-Hofmann und Arthur Schnitzler. Schnitzler, das hat er schon in Prag gehört, "zahlt den Zionisten regelmäßig seinen Beitrag". Über dem Eingang zu Beer-Hofmanns Villa glänzt ein Davidstern, die Vorhalle wird beherrscht von einer Moses-Statue. Der Hausherr sagt, der "überkommene Blutstrom bedeute alles". Seine Abstammung ist sein Stolz. "...wer habe eine bessere Ahnenreihe?" "Er sei Jude und gar nichts anderes..." Klemperer: "... ich ging einigermaßen fassungslos fort." Das ist auch der Romanist, der so reagiert, der Darsteller Montesquieus und Voltaires. Die Aufklärung kann doch nicht so wirkungslos gewesen sein, dass jetzt, im 20. Jahrhundert, wieder "der Blutstrom" den Ausschlag gibt. Es dauert lange, bis er das Eigenschaftswort "jüdisch" ohne weiteres gebrauchen kann. Eine Zeit lang verwendet er dafür "orientalisch". Das Jargonwort nebbich, das Gershom Scholem von einer Tante gehört und sofort in Gebrauch umgesetzt hat, schreibt Klemperer einmal mit griechischen Buchstaben. Ist das Mimikry oder Verfremdung?

1933 erlebt der Liebhaber und Kenner des Dix-huitième dann wirklich als einen Rückfall ins Mittelalter. Judenverfolgung, Hexenverbrennung -, wann war das zum letzten Mal in Mitteleuropa? Und er lernt etwas dazu über Deutschland. "Alles was ich für undeutsch gehalten habe, Brutalität, Ungerechtigkeit, Heuchelei, Massensuggestion bis zur Besoffenheit, alles floriert hier." Als einer der Schicksalsgenossen ihn im Jahr 1935 daran erinnert, wie assimiliert Klemperer doch war, antwortet Klemperer: War?! "Ich bin für immer Deutscher..." Der andere: Das würden die Nazis nicht zugeben. Klemperer: "Die Nazis sind undeutsch." Im April '41: "Früher hätte ich gesagt: Ich urteile nicht als Jude... Jetzt: Doch, ich urteile als Jude..." Hitler habe ihm die jüdische Sache ins Zentrum gerückt.
Dann kommt der schlimmste Tag für ihn, den er auch nach Kriegsende als den "schwersten Tag der Juden in den zwölf Höllenjahren" bezeichnet: der 19. September 1941. "Von da an war der Judenstern zu tragen." Er notiert in den nächsten Jahren, wie er als Sternträger nicht nur Kränkung erlebt, sondern fast genau so oft Sympathiebezeugung; aber den Stern tragen zu müssen war doch nichts als "Tortur".

Im Mai '42 notiert er: "Den schwersten Kampf um mein Deutschtum kämpfe ich jetzt. Ich muss daran festhalten: Ich bin deutsch, die andern sind undeutsch; ich muss daran festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut. Ich muss daran festhalten: Komödie wäre von meiner Seite der Zionismus - die Taufe ist nicht Komödie gewesen." Auch wenn Victor Klemperer hier mitten in Not und Grauen seine Taufe verklärt - eine Taufe war und ist doch schon an und für sich geistige Handlung, mit ihr soll der Bindungsanspruch des Blutes überwunden werden; das ist, unabhängig von jedem religiösen Inhalt, ein Akt der Emanzipation. Ein Versuch in Humanismus auch.

Scholem hat dafür nur eine Qualifikation: "Selbstbetrug". Während Victor Klemperer jede antisemitische Gemeinheit als Rückfall ins Mittelalter qualifiziert, während er, der Adept Montesquieus und Voltaires, fest darauf vertraut, dass dieser doch ganz und gar reaktionär daherkommende Antisemitismus durch die Aufklärung längst überwunden sei, also keine historische Chance mehr habe, sagt Scholem, "der allgemeinen Erfahrung des wachsenden Antisemitismus" "konnte sich nur ein imaginäres Wunschdenken verschließen".

Das ist Auskunft NACH Auschwitz. Ich möchte mich dieser Auskunft auch NACH Auschwitz lieber nicht anschließen. Dass die Ungeheuerlichkeit der Entwicklung dazu führt, bei allem, was vorher war, nur noch daran zu denken, dass nachher Auschwitz stattfand, ist zwar verständlich, trotzdem wehre ich mich gegen diese Sicht. Victor Klemperer erwähnt einmal eine Hitlerrede, in der Hitler gesagt habe, ohne 1918 hätte er 1933 nicht geschafft. Klemperer fand das wohl auch. Golo Mann hat den ersten Weltkrieg die "Mutterkatastrophe" genannt. Ohne diese Katastrophe hätte die noch schlimmere zweite nicht stattgefunden.

Hätte das deutsch-jüdische Zusammenleben unter zivilen und zivilisatorisch normal sich weiter entwickelnden Verhältnissen zu nichts als zur schlimmsten Katastrophe führen müssen? Ganz sicher nicht. Ich habe für diese Art Wunschdenken sonst wenig Gelegenheit, aber Klemperers Schriften, in denen acht Jahrzehnte dieses Zusammenlebens festgehalten und nacherzählt werden, zwingen einem dieses nachträgliche Wunschdenken förmlich auf. Und ich überlasse mich ihm nur zu gern. Viel lieber als dem, was nachher Wirklichkeit wurde.

Wer alles als einen Weg sieht, der nur in Auschwitz enden konnte, der macht aus dem deutsch-jüdischen Verhältnis eine Schicksalskatastrophe unter gar allen Umständen. Das kommt mir absurd vor. Abgesehen davon, dass es dann kein deutsch-jüdisches Gedeihen in Gegenwart und Zukunft gäbe. Dem widerspricht aber schon die Einwanderungsstatistik. Deutschland ist, auch wenn das die Verklärer des hässlichen Deutschen nicht wahrhaben, ein Einwanderungsland, auch für Juden.

Klemperer erleidet, wie hundert Jahre vorher Heinrich Heine, dieses quälende Schwanken zwischen deutschem und jüdischem Selbstbewusstsein. Und wie bei Heinrich Heine zerreibt dieses Schwanken beide Arten von Selbstbewusstsein, so dass am Ende nichts als das Nichts zu bleiben droht. Während Heine dann dem braven alten Bibelgott in seinen Versen immer freundlichere Stellen bereitet, tritt Victor Klemperer im November '45 in die KPD ein. Heinrich Heine hatte sich lange genug geweigert, Jude zu sein. Ihm sei das Deutsche das, „was dem Fische das Wasser" sei, er könne aus diesem "Lebenselement" nicht heraus, "...meine Brust ist ein Archiv deutschen Gefühls..."

Klemperer notiert im Februar 1943: "Welch ein Wahnsinn der Nationalsozialisten war und ist es, die Juden aus ihrem Deutschpatriotismus herauszudrängen." Es kann nicht alles, was zwischen dem Stein-Hardenbergschen Edikt und der Nürnberger Rasse-Schmählichkeit versucht, gedacht und erträumt wurde, nur "Selbstbetrug" gewesen sein. Wahrscheinlich haben alle, die an diesem deutsch-jüdischen Versuch beteiligt waren, die zivile, die gesellschaftliche Wirkung, den emanzipatorischen Effekt der Taufe überschätzt. Man kann den Endruck haben, die, die sich taufen ließen, haben mehr verloren als sie hinzugewannen. Jakob Wassermann: "...sie gewinnen Christus nicht, sie verlieren nur sich."

In einem Aufsatz von Uri Avnery konnte man in diesem Herbst, nach der Ermordung Rabins, lesen, dass die Frage, ob ein Jude ohne jüdische Religion noch einer sei, in Israel immer noch peinlich akut ist. "...welche Gesetze sollen bei uns gelten?" fragt Avnery, die "Gesetze der demokratisch gewählten Knesseth, durch Mehrheitsbeschluss verabschiedet? Oder die Gesetze Gottes, die vor 3200 Jahren am Berge Sinai ein für allemal und für ewig unveränderlich verkündet worden sind?" Die staatliche Legalität ist nichts, gilt nichts, wenn die Rabbiner entscheiden, sie sei nicht mit dem religiösen Gesetz vereinbar. "...Mord inbegriffen...", schreibt Avnery.
Ich zitiere diese Problemlage, weil sie uns ahnen lässt, wovon deutsche Juden sich von 1812 bis 1933 emanzipieren wollten. Ein leidenschaftlicher Erklärer der französischen Aufklärung war nicht nur im "Selbstbetrug" befangen, sondern eben auch in einem Kulturvertrauen, in einer Tradition, die er, ihrer rechtlichen Gegründetheit wegen, für unerschütterlich hielt. Halten durfte. Klemperer hat die Katastrophe des Assimilierten bis zur unsäglichsten Bitterkeit durchlitten.

In dem jetzt in den Dresdner Heften gedruckten Tagebuch der zweiten Hälfte 1945 steht: "Ich möchte an den linkesten Flügel der KPD... Und andererseits: Freiheit, die ich meine." In der abstrusen Verwaltungsrealität des Jahres '45 musste, wer im russisch besetzten Gebiet als "Opfer des Faschismus" anerkannt werden wollte - und diese Anerkennung war für die ausgezehrten, verfolgungserschöpften Klemperers eine Bedingung des Überlebens-, der musste in eine Partei eintreten. Da die KPD die Partei war, die das, was Klemperer "ausmisten" nannte, am glaubwürdigsten betrieb, kam für ihn nur die KPD in Frage.
In seinem Aufnahmeantrag steht, dass er sich früher "gesinnungsmäßig und als Wähler zu den Freisinnigen gehalten" habe: "Wenn ich ohne eine Änderung dieser Tendenz, was die philosophische und besonders geschichtsphilosophische Grundanschauung anlangt, dennoch um Aufnahme in die Kommunistische Partei bitte, so..." und jetzt folgt der Ausdruck der Angst, es könne wieder, wie nach dem ersten Krieg, die "geistige Reaction" um sich greifen. Im Tagebuch, dem Ort des genauesten Textes zur Selbstvergewisserung, steht, es sei ihm in "egoistischer wie ideeller Beziehung gleich fraglich", ob er sich richtig entschieden habe.

Das ist das schlechterdings Fabelhafte der Prosaexistenz Victor Klemperers: seine unter gar allen Umständen gleichbleibende Genauigkeit, die sich oft genug auswächst zu einer Unerbittlichkeit gegen ihn selber. Ehrlich sein möchte vielleicht jeder. Jeder, der schreibt. Ehrlich sein ist eine Tugend, genau sein eine Fähigkeit. Eine Ausdrucksfähigkeit. Und der Grad der so erreichten Ausdrucksfähigkeit bestimmt den Grad der Glaubwürdigkeit, der Vertrauenswürdigkeit. Womit endlich der wirkliche Wert aller Schriften Victor Klemperers beim wirklichen Namen genannt ist. Vertrauenswürdigkeit von Geschriebenem oder seine Brauchbarkeit oder Willkommenheit kann ja, so hart das klingen mag, nie in seinem Inhalt begründet sein, sondern ganz allein in der Art der Mitteilung.

Das Erlebte ist uns nur so wichtig und so nahe, wie uns der Erlebende ist. Und das ist er uns nur durch seine Erlebnis- beziehungsweise Mitteilungsart. Klemperers Art, sein Erlebnis mitzuteilen, ist von Anfang an von Fragezeichen begleitet. Einmal zitiert der Romanist auch einen Franzosen, der erklärt hatte, das Fragezeichen sei das wichtigste Satzzeichen. Kann jemand, der Montesquieu, Voltaire und Corneille dargestellt hat, auch sich selber darstellen? Wird sein Stil nicht nur ein Widerschein dessen sein; was er sich als Philologe angelesen hat? Im Curriculum zitiert er eine Tagebuchstelle aus der Pariser Studienzeit, also etwa 1940: „Ich leide an literarischem Verfolgungswahn.“

Gefühle, Meinungen, Überzeugungen -, alles muss einen alles versehrenden Zaun von Fragezeichen passieren. Jedes Mal wenn Eva Klemperer krank wird - ob 1910 oder 1940 -, wirft er sich vor, dass er zu wenig teilnehme: "...schlimmer als meine Unfähigkeit zu helfen empfand ich meine Stumpfheit und Leere. ...Und noch widerwärtiger als diese Apathie empfand ich, dass mir gegen meinen Willen ständig Dinge durch den Kopf gingen, an die jetzt zu denken mir niedrig und herzlos schien." Und erspart sich nicht die Frage: "Wie hoch würden die Doktorkosten werden?"
Man möchte am liebsten Humanismus und Realismus erst mit der Fähigkeit, so zu fragen, beginnen lassen. Erst wenn diese Fragefähigkeit entwickelt ist, erst durch solchen Zweifelzwang hört die Hörigkeit dem jeweils routinemäßig Gebotenen und Anerkannten gegenüber auf. Diese ununterdrückbaren Zweifel an der eigenen Empfindungsart und -fähigkeit können es mit jedem nichts als warm oder ungebrochen strömenden Mitgefühl auf nehmen, was Menschlichkeit angeht. Ein Beobachter, der nicht auch ein Beobachter seiner selbst ist, kann doch gar nicht recht glaubwürdig werden.

Vier Epochen deutscher Geschichte hat der Schriftsteller Victor Klemperer so erfahren und so ausgedrückt. Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, DDR. Kaiserreich und Drittes Reich liegen jetzt vor. 1919 bis '33 fehlt noch. Wie er die DDR erfuhr, können wir dank der Dresdner Hefte und dank einiger Nuancen in dem 1947 erschienenen LTI schon erleben. Im November '45 sieht er auf dem Albrechtplatz in Dresden das Bild des „Marschalls Stalin“ und notiert: "Es könnte auch Hermann Göring sein." Und, auch noch im November '45: "Schauderhaft die Identität der LTI und LQI (Lingua Quartii Imperii, also die Sprache des Vierten Reichs), des sowjetischen und des nazistischen ...Liedes! Das drängt sich von Morgen bis Mitternacht überall auf und durch! In jedem Wort, jedem Satz, jedem Gedanken... Unverhülltester Imperialismus der Russen!" Und doch hat Klemperer die DDR nicht verlassen. So wenig Emigration wie zwischen '33 und '45.

Wer heute sein LTI von 1947 liest, kann sich wundern über ein paar Stellen, in denen den Russen und der Sowjetidee geopfert wurde. Die Tagebücher sind die erwünschte Ergänzung zu diesen Stellen. Soweit sie jetzt vorliegen, sind sie ein Beleg dafür, dass Victor Klemperer der Schriftsteller blieb, der er wirklich von Anfang an war. In diesem Versuch, die Sowjetideologie erträglich zu finden, wirkte die Angst nach, Weimar könne sich wiederholen. Heinrich Heine hatte ein Jahr vor seinem Tod formuliert: "Aus Hass gegen die Nationalisten könnte ich schier die Kommunisten lieben."

Es hat sich in Deutschland eine neue Kritiksparte etabliert, und sie blüht krasser als jede andere Kritiksparte. Zur Literatur-, zur Theater-, zur Film-, zur Kunst- und zur Musikkritik haben wir jetzt die Biographiekritik bekommen. Frau X und Herr Y beschäftigen sich mit der Biographie eines Toten oder noch Lebenden und stellen fest und beweisen, der und der hätte so nicht denken oder schreiben dürfen. Es ist klar, dass diese Lust zur Biographiekritik eine Folge dieses deutschen Katastrophenjahrhunderts ist. Meistens zeigen uns unversucht gebliebene Nachgeborene, wie sich die Väter, Großväter, Urgroßväter hätten benehmen müssen, damit sie vor dem moralischen Besserwissen der gänzlich Unversuchten bestehen könnten.

Manchmal kann man meinen, heute gebe es überhaupt keine aktuelle Möglichkeit mehr, sich moralisch-politisch zu bewähren, deshalb inszenierten die morallüsternen Nachgeborenen ihr Bessersein ausschließlich auf den katalaunischen Feldern von gestern und vorgestern. Vielleicht erfahren sie einmal durch ihre Enkel, welche Bewährungsgelegenheiten sie zu ihrer Zeit, also heute, versäumt haben. Sie müssten dann antworten: Das haben wir nicht gewusst. Dieser Text ist ja bekannt. Allen Biographiekritikern seien die Aufzeichnungen Victor Klemperers empfohlen. Am meisten denen, die eine Berufung empfinden, anderen einen angemessenen Umgang mit unseren Vergangenheiten zu empfehlen. Bei Victor Klemperer kann man lernen, mit dem eigenen Gewissen umzugehen, statt auf das der anderen aufzupassen. Wer die Klemperersche Schule der Genauigkeit durchläuft, wird Mitleid haben mit denen, die es sich zur Lebensaufgabe machen, den Opfern des NS-Terrors ein sichtbares Denkmal zu setzen.

Kann es einen heftigeren Kontrast geben als den zwischen dem Glauben, dass dem Ausmaß des Grauens durch gigantische Dimensionen entsprochen werden müsse, und der unwiderstehlichen Genauigkeit dieser in der Sprache aufgehobenen Grauensmomente? "Kranzabwurfstellen" hat die scharfsichtige Beobachterin Jane Kramer diese geplanten, monströsen Hauptstadtmonumente genannt. Abgesehen davon, dieser Versuch, das Hinschauen, das Bemerken, das Darandenken durch Monumentalität zu erreichen, kann auch einen Wegschauzwang bewirken; in Jugendlichen, die sich herostratisch tummeln wollen, auch Schlimmeres. Womit dann fort und fort dafür gesorgt wäre, dass Deutschland aus den schlimmsten Nachrichten nicht mehr herauskäme.

Sinnvoll wäre, dafür zu sorgen, dass Klemperer überall gegenwärtig wäre, dass er zu einer wichtigen Auskunftsquelle über diese Epoche deutscher Geschichte werden würde. Ich kenne keine Mitteilungsart, die uns die Wirklichkeit der NS-Diktatur fassbarer machen kann als es die Prosa Klemperers tut. Nirgends sonst habe ich den Verbrecherstatus der damaligen Machthaber und Funktionäre so erleben und erkennen können wie in diesen Tagebüchern. Wie sich diese Kriminalität einnisten konnte im Legalen. Wie der staatlich produzierte und legalisierte Hass die einen zur puren Bösartigkeit, andere aber zur reinen Menschlichkeit motivierte. Wieder andere zum Wegschauen.

Es ist zwar kein Trost, aber eine Art Ermutigung, dass das Medium, in dem dieses Zeugnis erscheinen kann, die Sprache ist. "Gegen die Wahrheit der Sprache gibt es kein Mittel" hatte Klemperer im März '42 notiert. Der Satz hätte auch Gershom Scholem gefallen, der zu Walter Benjamins Geburtstag im Juli 1918 95 Thesen über Judentum und Zionismus entwarf, und die 24. These lautete: "Das Gesetz der talmudischen Dialektik: Die Wahrheit ist eine stetige Funktion der Sprache." Das ist das Ermutigende. Die Sprache ist zwar als Herrschafts- und Propagandamittel missbrauchbar, aber sie ist dann auch schon das Gericht.

Klemperers Kulturvertrauen hat ihn nicht getäuscht. Sein "Berufsmut" war sinnvoll. Schon während des ersten Weltkriegs hat Klemperer notiert, dass er aus diesem Krieg zurückkehren werde mit dem Zweifel an jeder Position. Und das ist seine lebenslängliche Textbewegung: jede Position, in die er sich zur Selbstvergewisserung hineinschreibt, wird dadurch, dass er sie hat, verlassenswert. Er selber erlebt nur Zweifel, Unruhe, Unsicherheit, lebenslängliche Selbstungewissheit; aber dadurch erleben wir in den so erschriebenen Texten einen Menschen von vollkommener Vertrauenswürdigkeit. Und unversehens wird eben daraus auch Liebenswürdigkeit. Eine Liebenswürdigkeit, die nichts von sich weiß. Ich weiß nicht, was Schiller dazu sagen würde, aber mich hat einigermaßen ergriffen die moralische Schönheit dieses Victor Klemperer.

Martin Walser, München 27.11.1995

 

Dr. Martin Walser ist ein bedeutender deutscher Schriftsteller.

 

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