Geschwister-Scholl-Preis 1997 - Ernst klee

laudatio von ellis huber

 

Wege durch Trauer und Scham
Das Versagen der deutschen Ärzteschaft im Nationalsozialismus verpflichtet zu einer neuen Medizin.

„Es ist uns nicht gegeben, ein endgültiges Urteil über den Sinn unserer Geschichte zu fällen. Aber wenn diese Katastrophe uns zum Heile dienen soll, so doch nur dadurch: durch das Leid gereinigt zu werden, aus der tiefsten Nacht heraus das Licht zu ersehnen, sich aufzuraffen und endlich mitzuhelfen, das Joch abzuschütteln, das die Welt bedrückt.“
Aus dem 2. Flugblatt der Weißen Rose

Die deutsche Ärzteschaft verneigt sich in Dankbarkeit vor denen, die diese ermutigende Wahl getroffen haben und Ernst Klee für sein Buch „Auschwitz - Die NS-Medizin und ihre Opfer“ mit dem Geschwister-Scholl-Preis auszeichnen.

Wir danken also der Landeshauptstadt München, dem Verband Bayerischer Verlage und Buchhandlungen e.V. und den Mitgliedern der Jury für diesen Anstoß, erneut und beharrlich über die Unabhängigkeit der Medizin, die Pflichten bei der ärztlichen Berufsausübung und die moralischen Gesetze im Gesundheitswesen nachzudenken und unser kritisches Bewusstsein zu schärfen.

Mit seiner dokumentarischen Trilogie zur „Euthanasie“ im NS-Staat und den zutage geförderten Fakten zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ hat Ernst Klee das Gewissen der deutschen Mediziner aufgerüttelt und ein Tabu brechen helfen, das Ärztinnen und Ärzte in der Bundesrepublik Deutschland über 40 Jahre hinweg errichtet hatten.

Er unterstützt damit in herausgehobener Weise als Person und mit seiner Arbeit einen Prozess, der in der deutschen Ärzteschaft seit 20 Jahren heilsame Konflikte und ein grundlegendes Umdenken produziert. Wir sind dabei, Lehren aus unserem Versagen zu ziehen und für eine Medizin zu kämpfen, die den Menschen dient.

Im Mai 1980 verunsicherte der 1. Deutsche Gesundheitstag den parallel in Berlin tagenden 83. Deutschen Ärztetag, der noch von einem ehemaligen SA-Standartenführer eröffnet wurde. Erstmals wurde damals von der Gesundheitsbewegung und selbstkritischen Medizinern das Thema öffentlich diskutiert, das zu vergessen und zu verdrängen die Standespolitik bis dahin sorgfältig bemüht war. Die Eröffnungsveranstaltung des Gesundheitstages stellte sich der Frage: Medizin und Nationalsozialismus - tabuisierte Vergangenheit und ungebrochene Tradition?

Vor 3.000 Teilnehmern beschrieb Klaus Dörner die Verbindungen von der Nazi-Zeit zur heutigen Medizin:

„Was man in der NS-Medizin findet, aber nicht nur da, sondern auch schon früher und auch heute noch, - dies betrifft gleichzeitig auch möglicherweise mich -, ist die Leidenschaft von Ärzten und anderen Gesundheitsarbeitern, die Gesellschaft - wenn nötig um jeden Preis - von Krankheit zu befreien. Es ist ein größenwahnsinniger Helferdrang, zu meinen, man könnte in der Medizin alles machen. (...) Wenn so etwas wie ein Menschenbild existiert, und wenn man darunter die Herrschaft von starken, erwerbsfähigen, gesunden und produktiven Menschen versteht, so ist das heute so wie damals, und dies gilt auch für mich selbst. Auch ich mache meine Wertungen. Damals war es nur krasser. Aber ich denke, dass wir in der selben Tradition stehen.“

Der 1995 verstorbene Internist und Psychotherapeut Heinrich Huebschmann stellte damals das Selbstverständnis der modernen Medizin grundlegend in Frage:

„Ich finde nämlich, wenn man sagt, eine Krankheit ist altersbedingt, dann ist das nichts anderes, als wenn man einen Menschen als einen Gebrauchsgegenstand betrachtet; man spricht - ich finde das wirklich ungeheuerlich - von Verbrauchs- und Verschleißkrankheiten, als ob der Mensch verschlissen werden könnte wie ein Handtuch oder eine Schuhsohle. (....) Was wir brauchen, ist ein neuer Krankheitsbegriff, in dem Krankheit als eine Form von unbewusstem Widerstand gegen unzumutbare Lebensbedingungen verstanden wird. Dann gehört zur Therapie nicht nur, dass man Risikofaktoren vermeidet, also gute Wartung betreibt, sondern dass man mit jemandem spricht, dass man ermutigt und dass man zu Widerstand fähig macht“

Ernst Klee hat dann 1983 schonungslos, überzeugend und aufrüttelnd die tabuisierte Vergangenheit, eine ungebrochene Tradition und das Weiterwirken der Täter offengelegt und auch die personale Kontinuität im Denken wie Handeln bezeugt.

Ich erinnere heute an die Tatsachen des Versagens der deutschen Ärzteschaft und an die Realität der Verbrechen:

- Über 6.000 Ärztinnen und Arzte wurden diskriminiert, gedemütigt, verfolgt, ihrer Existenzgrundlage beraubt, vertrieben, deportiert, ermordet, nur weil sie „nicht arisch“ oder politisch missliebig waren.
- Über 250.000 Menschen wurden von Ärzten zwangsweise sterilisiert, denunziert, verurteilt. operiert und mehr als 5.000 starben an den Folgen der Eingriffe.
- Mehr als 5.000 hilflose Kinder wurden von Ärzten erfasst, begutachtet, selektiert, eingeschläfert, „abgespritzt“, dem Hungertod ausgesetzt und auf heimtückische und grausame Weise ermordet.
- Über 70.000 geistig und körperlich behinderte Menschen, Altersschwache, Kriegsinvaliden, Arbeitslose, Alkoholkranke oder „Gemeinschaftsunfähige“ wurden von Ärzten erfasst, bewertet, ausgesondert und ermordet.
- Hunderte von hilf- und wehrlosen Menschen wurden für medizinische Versuche gequält, gefoltert und von Ärzten wie Versuchstiere getötet.
- Vorsätzliche Verletzungen und heim-tückischer Mord begründeten wissenschaftliche Karrieren und die Elite der universitären Medizin akzeptierte wissend den Gebrauch von Menschen als Versuchsobjekt. Wissenschaftliche Fachzeitschriften berichteten über die Versuchsergebnisse.
- Hunderttausende von Menschen wurden mit dem medizinischen Urteil „lebensunwert“ von Ärzten begutachtet, ausgesondert, gequält, benutzt und gemordet.
- Die Selektion an der Rampe, die Organisation und Durchführung des Tötens in zahlreichen Anstalten und Lagern unterstand ärztlicher Kontrolle, die Medizin entwickelte die Techniken des fabrikmäßigen Mordens und akzeptierte den Massenmord als Normalität.
- „Auschwitz war eine medizinische Operation, und die Ärzte führten den Tötungsprozess von Anfang bis zum Ende“, kennzeichnet ein Überlebender die Situation. Als „Anus mundi“ bezeichneten Mediziner selbst die Mordfabrik.
- Fünf Millionen Menschen wurden erschlagen, erschossen, aufgehängt, bei lebendigem Leib verbrannt, vergast und vernichtet.

Auf dem 92. Deutschen Ärztetag 1989 wiederum in Berlin bilanzierte der Medizinhistoriker Richard Toellner die moralische Katastrophe der NS-Medizin, die von der Ärzteschaft insgesamt nicht verhindert wurde:

„Der Verrat an den selbstverständlichen Pflichten ärztlicher Berufsausübung war die Schuld der Ärzte im 3. Reich, die Schuld der Ärzteschaft, dass sie diesen genuinen Kernbereich ärztlicher Handlung und Verantwortung nicht gesichert hat gegen die Zumutung, das ärztliche Gewissen außer Kraft zu setzen. Der Himmel über der deutschen Geschichte ist seither verdunkelt durch den schwarzen Rauch, der aus den Krematorien deutscher Vernichtungslager aufgestiegen ist. Wir treten aus dem Schatten unserer Vergangenheit nicht heraus, wenn wir sie verschweigen, verdrängen, verleugnen, dämonisieren, beschönigen, entschuldigen, erklären oder gar reduzieren auf formaljuristische Straftatbestände. Wir können nur dann aufrecht, würdig und frei mit dem unauslöschlichen Kainsmal leben, wenn wir uns zu der Schuld der Väter bekennen und bereit sind, zu deren Folgen zu stehen.“

Wir Ärztinnen und Ärzte in Deutschland brauchen diesen Mut zur Trauer und zur Scham. Dr. Hans Diekmann, ein Pionier der Psychotherapie aus Berlin bekannte beispielhaft auf einer Sitzung des Berliner Ärzteparlamentes:

„Ich stamme aus einer Arztfamilie, ich kenne die damalige Zeit noch aus eigenem Erleben, ich kenne die Atmosphäre von damals, weiß, dass viele wirklich gutgläubig mitgemacht haben und mitgelaufen sind und einschließlich meiner Person gutgläubig die Augen zugemacht haben und einen Verdrängungsprozess durchgeführt haben, der sich erst nach dem Kriege und nach meiner Erfahrung erst nach einem mehrjährigen Prozess aufgelockert hat. Nachdem ich dann sagen musste, ich hätte alles wissen können, hätte ich trotzdem am Kriegsende, wie die Mehrheit der Deutschen überzeugt gesagt: „Ich habe von nichts gewusst!“ Ich meine, dass, wenn wir Deutschen es nicht schaffen - und wir Ärzte sind dazu besonders aufgerufen - den Prozess von Trauer und Scham zu durchlaufen und zu dem zu stehen, was da getan worden ist, auch in unserem Namen, dann können auch die anderen Länder, die in der damaligen Zeit zum Teil mitgemacht haben, nicht dazu stehen. Auch sie werden weiter verdrängen. Wir, als der eigentliche Herd, als die eigentlichen Verursacher, sollten wirklich den Mut haben, zu sagen: Ja, das ist geschehen, darüber sind wir traurig, und dafür schämen wir uns noch heute und das bewegt uns auch heute noch!
(...) Ich trete Menschen, die dieses furchtbare Schicksal in den Konzentrationslagern gehabt haben, das sich in den Generationen fortpflanzt, immer mit der Aussage gegenüber: Ich gehörte zu den Aggressoren. Nur dann kommt man zu einer Verständigung. Wenn man sich selber als Opfer oder Mit-Opfer bewertet, kommt man nicht dahin.“

Die Zeit ist jetzt gekommen, die Wege durch Trauer und Scham zu gehen, aus dem Leid heraus das Licht zu erarbeiten, das eine Medizin mit Gewissen bieten kann. Jetzt wächst das Bedürfnis nach offener Konfrontation mit dem Geschehenen, seitdem diejenige Generation allmählich abtritt, die aus Uneinsichtigkeit, Verschämtheit oder Angst die Vergangenheit nicht besprochen haben wollte.

Fünfzig Jahre nach den Urteilen im Nürnberger Ärzteprozess dient die von Ernst Klee vorgelegte neue und umfassende Dokumentation wiederum dieser Erinnerungsaufgabe. Nicht nur einzelne Verbrecher und einzelne Verbrechen werden deutlicher. Ernst Klee zeigt die Verführbarkeit des Arztes unter den Verhältnissen der Medizin. Der Apparat, von dem bereits Alexander Mitscherlich in „Medizin ohne Menschlichkeit“ sprach, wird transparent. Die Medizin als gesellschaftliche Institution gerät ins Blickfeld des Erinnerns.

„Was aber ist der Apparat“, fragte Mitscherlich, „solange wir nicht diese Frage aufrichtig beantworten, wie weit wir selbst „Apparat“ waren, haben wir nichts, überhaupt nichts getan, um den Toten dieser furchtbaren Zeit jenen Respekt und jene Aufmerksamkeit zu erweisen, die allein die Brutalität, mit der sie überwältigt wurden, für die Zukunft entkräften kann. Und das ist doch das einzigste Zeichen des Dankes, den wir abstatten können, durch eine Erkenntnis, die uns alle einbezieht: zu verstehen und vorzubeugen.“

Alexander Mitscherlich bekam für seine Haltung von seinen medizinischen Kollegen keinen Dank und keine Anerkennung. Die medizinische Fakultät der Universität Frankfurt weigerte sich beispielsweise, Mitscherlich als Professor zu berufen. Heute beschämt uns solche Ignoranz der medizinischen Hochschullehrer.

Ernst Klee beschreibt in seinem mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichneten Buch das ganze System, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Pharmaindustrie, die Medizinischen Institute und die ärztlichen Gesellschaften, das ganze Netz der Mächtigen im Gefüge der damaligen Medizin. Er tut dies mit genau der Gründlichkeit, die im 4. Flugblatt der Weißen Rose gefordert wurde:

„Aber aus Liebe zu kommenden Generationen muss nach Beendigung des Krieges ein Exempel statuiert werden, das niemand auch nur die geringste Lust je verspüren sollte, Ähnliches aufs neue zu versuchen. Vergesst auch nicht die kleinen Schurken dieses Systems, merkt Euch die Namen, auf dass keiner entkomme! Es soll ihnen nicht gelingen, in letzter Minute noch nach diesen Scheußlichkeiten die Farbe zu wechseln und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre!“

Das Exempel dazu erscheint spät, jetzt ist es aber vorhanden und wir alle sind aufgerufen, eine Medizin zu verteidigen, die menschlich und gewissenhaft den Kranken, den Schwachen und den Notleidenden beisteht.

Die moralische und die tatsächliche Schuld aus der Medizin im Nationalsozialismus verpflichtet die deutsche Ärzteschaft heute zu einer Moral, die Menschlichkeit und Menschenrechte sicher schützen kann. Deklarationen und ethische Schwüre allein reichen dafür nicht aus. Es geht darum, Maßstäbe und Haltungen in die ärztliche Praxis und in das Gesundheitssystem einzubringen, die ständig geübt, kontinuierlich gelehrt, laufend reflektiert und regelmäßig an die Möglichkeiten und Grenzen der heutigen Medizin angepasst werden müssen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, die Ohnmacht der Heilkunst anzunehmen, die Endlichkeit oder die Relativität des ärztlichen Könnens zu ertragen und die eigene Verletzlichkeit des Heilers zu sehen.

Ich formuliere also einen Bildungsauftrag für die Persönlichkeit des Arztes. Ernst Klee ist für mich dabei ein Vorbild. Er hat sein Leben und seine Arbeit für die Benachteiligten und Behinderten eingesetzt, er wirbt beharrlich um Einfühlung und Verständnis, er kämpft um Liebe und Vertrauen, er versetzt sich selbst in die Lage der Geschundenen, Geschlagenen, Ausgegrenzten und Kranken. Es ist diese Haltung couragierter Empathie für das notleidende Gegenüber, die auch Ärztinnen und Ärzte davor bewahren kann, Ihren eigenen Größenwahn, ihren Forscherehrgeiz, ihre Karrierewünsche oder ihr materielles Eigeninteresse über das Wohl der Patienten zu stellen oder den Wert des Menschen den Macht- und Besitzwünschen der Medizin unterzuordnen. Keine Ärztin, kein Arzt ist in unserer Gegenwart davor gefeit, wieder zu versagen, gerade heute, wo das Diktat der Ideologie durch die Macht der Geldgier abgelöst wird und die Ausbeutung der Gene, der Organe, der Körper und der einzelnen Menschen durch einen übermächtig scheinenden medizinisch-industriellen Komplex weltweit droht. Immunisieren gegen die Versuchungen der heutigen Mächte und Kräfte können wir uns nur, wenn wir erinnern, aufarbeiten und die Lehre aus der Schuld annehmen.

Die so geforderte ärztliche oder medizinische Moral ist durchaus einfach zu lehren und einfach zu lernen. Ich will sie in den Erwartungen formulieren, die der kranke und leidende Mensch an seinen heilkundigen Helfer stellt:

- Meine Ärztin und mein Arzt sollen ihre Patienten und auch ihre Kollegen immer so behandeln, wie sie selbst behandelt werden möchten.
- Ich will nicht körperlichen oder seelischen Schaden erleiden durch unnötige, gefährliche oder sinnlose Medizin.
- Ich möchte in Würde sterben dürfen und selbstbestimmt mein Leben gestalten, wenn mir ein kürzeres Leben lieber ist als eine verstümmelnde Operation, will ich darüber selbst entscheiden.
- Ich will nicht belogen werden über den Nutzen einer Medizin und ich will auch nicht betrogen werden über den Sinn einer ärztlichen Maßnahme.
- Ich will nicht wegen meiner Schwächen oder Gebrechen diskriminiert oder diffamiert werden.
- Ich will auch nicht, dass meine Gene patentiert oder meine Organe zum Geschäft werden.
- Ich will mir selbst gehören und über meinen Wert auch selbst bestimmen, über mein Gesundheitsempfinden und mein Glück.
- Wenn ich mich selbst nicht äußern kann - aus welchen Gründen auch immer - will ich, dass man die Menschen fragt, denen ich vertraue und zu denen ich eine Beziehung besitze.

Naiv und idealistisch werden nun manche diese Position nennen, fern der medizinischen Praxis und irreal, da die Menschen ja so gut nicht sind. Ist dies so?
Die Geschwister Scholl haben eine solche Haltung, den Mut, an das Gute im Menschen zu glauben, mit dem Leben bezahlt. Heute aber ist solcher Mut ohne Gefahr. Kann eine Ärzteschaft, ein Gesundheitssystem auf Dauer aber überleben, wenn die Heilkundigen selbst nicht daran glauben, dass sie helfen wollen und nicht schaden, dass ihr oberstes Gesetz das Wohl der Kranken und Schwachen ist?

Wenn Ärztinnen und Ärzte ihr gesellschaftliches Ansehen, ihren eigenen Wohlstand, ihr Selbstwertempfinden und die Zuneigung ihrer Patienten bewahren und stärken wollen, gibt es keinen anderen Weg: Wir müssen durch Trauer und Scham hindurchgehen und eine Medizin mit Menschlichkeit individuell wie kollektiv erkämpfen. Wenn das Medizinsystem uns daran hindert, müssen wir es reformieren, die neuen Schulen und Fakultäten bilden, die ökonomische Fehlsteuerung beseitigen und die Macht einer kapitalistischen Gesundheitsindustrie brechen. Die Freiheit dazu bietet die Bundesrepublik Deutschland, wir leben jetzt in einer lebendigen und stabilen Demokratie. Wir können, um es mit den Worten von Hans Scholl zu sagen, ohne Gefahr das Licht ersehnen, uns aufraffen und die Zwänge abschütteln, die eine un-menschliche Medizin bedingen. Die schlechten Verhältnisse sind heute veränderbar.

Da wir wissen, wie Ärzte zu Funktionären des Bösen, zu Agenten der Unterdrückung und Ausgrenzung, zu Verbrechern und Mördern werden, haben wir auch die Chance, trotz aller Krisen, für eine bessere Medizin und dadurch auch für eine gesündere Gesellschaft zu sorgen. Ich bin überzeugt, der Weg von der herrschenden zur dienenden Elite ist für die Ärzteschaft viel leichter, als den Wahn weiter aufrechtzuerhalten, die Gesundheit der Bevölkerung gegen den Willen der Menschen besorgen zu müssen.

Es ist auch ein Wahn, zu glauben, dass wir über das Alphabet der Gene die Wunder des Lebens entschlüsseln könnten. Ich wende mich nicht gegen das Bemühen, die genetischen Kodes zu entschlüsseln. Ich wende mich nur gegen die wirre Utopie neuer Heilsbringer der Gentechnologie. Das Alphabet der Gene hat mit den Romanen, die das Leben schreibt, soviel zu tun, wie die Buchstaben von A bis Z mit dem Gehalt eines Gedichtes. Wir müssen jeden Größenwahn und alle neuen Heilutopien in der Medizin als Gefahr erkennen lernen.

Es ist in Deutschland heute nicht verboten, das Vermächtnis der Geschwister Scholl oder die Bücher von Ernst Klee zum obligatorischen Unterrichtsgegenstand für angehende Mediziner zu machen. Wir Ärztinnen und Ärzte sind gegenüber Krankheit, Sterben und individueller Not oft ohnmächtig. Als Berufsstand besitzen wir aber mehr Macht und Einfluss als viele andere Bevölkerungsgruppen. Wir sind nicht hilflos den Verhältnissen ausgeliefert. Die spezifische deutsche Geschichte einer verratenen und verkauften Medizin mahnt uns Ärztinnen und Ärzte aber zu einer eigenen Demut, Bescheidenheit, Sanftheit und Nachdenklichkeit. Wir sind nicht die Herren der Gesundheit und nicht die Beherrscher der Krankheit. Wir sind Menschen, die sich das Helfen für Kranke, Schwache und Bedürftige zum Beruf gewählt haben. Unsere freiwillig und bewusst gesuchte soziale Verantwortung verpflichtet uns also zur Sorge

- für uns selbst und unsere eigene Person,
- für unsere Patienten und ihre Gesundheit,
- für unsere Medizin als gesellschaftliche Institution, die fehlerhaft ist und immer unvollkommen sein wird und
- für unser Gesundheitssystem, das individuelles und gesellschaftliches Wohlergehen, die Gesundheit des Einzelnen und das allgemeine Wohl miteinander verbinden muss.

Mitmenschliche Empathie oder individuelle Beziehungsfähigkeit lassen sich lernen. Autonome Arztpersönlichkeiten können das Ergebnis einer bewussten und verantwortlichen Hochschulbildung sein. Wir müssen nicht emotionale Analphabeten im Medizinstudium produzieren, die fassungslos den Sorgen und Nöten der Patienten gegenübertreten.
Nur ein selbst autonomer Arzt kann Autonomie für seine Patienten erreichen. Heilkunst ist nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis eine Beziehungsleistung. „Der Arzt ist nur der Helfer, der Patient selbst ist der Arzt“, lautete die alte Weisheit, die Medizinsoziologen heute als Koproduzententheorie der gesundheitlichen Dienstleistung beschreiben.

Wir sind heute frei, zwischen einer biopsychosozialen Medizin für den ganzen Menschen oder einer Körperreparaturtechnologie für Krankheiten zu entscheiden. Wer heute noch vom „Patientengut“ spricht, dem fehlt es an Ehrfurcht vor dem Leben.
Ein Krüppel ist nicht behindert, er wird behindert, mahnen uns die Selbsthilfegruppen. Sie fordern ein Gesundheitssystem, das ihre Wünsche respektiert und Handicap-gerechte Umweltverhältnisse erkämpft. Auch korrumpierende Honorarsysteme sind Menschenwerk. Sie lassen sich reformieren.

Wir Ärztinnen und Ärzte sind Teil der sozialen Gemeinschaft, wir gehören zu den Menschen und diese gehören uns nicht, sie gehören auch nicht der Wissenschaft, einer Firma, einer Regierung oder der Gesellschaft. Ärztinnen und Ärzte dienen der Gesundheit des einzelnen Menschen und dadurch auch der Gesundheit der Gesellschaft.

Wir können und sollten die Visionen der Mitglieder der Weißen Rose auf uns selbst beziehen: „Wer unternimmt, dass Reich zu beherrschen und es nach seiner Willkür zu gestalten, ich sehe ihn sein Ziel nicht erreichen, das ist alles.
Das Reich ist ein lebendiger Organismus, es kann nicht gemacht werden, wahrlich! Wer daran machen will, verdirbt es, wer sich seiner bemächtigen will, verliert es.
Daher: Von den Wesen gehen manche voraus, andere folgen ihnen, manche atmen warm, manche kalt, manche sind stark, manche schwach, manche erlangen Fülle, andere unterliegen.
Der hohe Mensch daher lässt ab von Übertriebenheit, lässt ab von Überhebung, lässt ab von Übergriffen."

Diese schöne Weisheit des Lao-Tse ist Bestandteil des zweiten Flugblattes der Weißen Rose. Sie trifft auch für das Reich der Medizin und die hohen Menschen der Ärzteschaft zu.

Das dritte Flugblatt der Weißen Rose trägt die Überschrift: „Salus publica suprema lex.“

„Nur eines will eindeutig und klar herausgehoben werden: Jeder einzelne Mensch hat einen Anspruch auf einen brauchbaren und gerechten Staat, der die Freiheit des Einzelnen als auch das Wohl der Gesamtheit sichert. Denn der Mensch soll nach Gottes Willen frei und unabhängig im Zusammenleben und Zusammenwirken der staatlichen Gemeinschaft sein natürliches Ziel, sein irdisches Glück in Selbständigkeit und Selbsttätigkeit zu erreichen, suchen.“

Was für den Staat gilt, gilt für die Medizin als gesellschaftliche Institution erst recht. Eine brauchbare und gerechte Medizin, die das Wohl des einzelnen Menschen mit dem Wohlbefinden der Gesellschaft verknüpft, ist sogar leichter zu verwirklichen als ein gerechter Staat. Die deutsche Ärzteschaft identifiziert sich heute mit den Botschaften der Weißen Rose, und wir schöpfen Hoffnung aus dem Mut und dem Leben der Geschwister Scholl. Deswegen danken wir Ärztinnen und Ärzte von Herzen dem Journalisten und Pädagogen, dem Mitbürger und Sozialtherapeuten Ernst Klee für seine Hilfe. Sein Werk hilft uns, unsere Macht und unsere Ohnmacht, unsere Verführbarkeit und unsere Stärke besser zu erkennen. Damit ist uns auch die Chance eröffnet, eine bessere und eine menschliche Medizin zu verwirklichen.

Ellis Huber, München 24.11.1997

 

Dr. Ellis Huber war bis 1999 Präsident der Ärztekammer Berlin.

 

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