Preisträger 1998

Saul Friedländer

Geschwister-Scholl-Preis 1998, Friedländer, CoverSaul Friedländer
"Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933-1939 "

 

Verlag C.H. Beck
München 1998
458 Seiten, € 29.90
ISBN 3-406-44871-2

 

Die Verleihung

Am 23. November 1998 nahm Saul Friedländer den Preis entgegen. Oberbürgermeister Christian Ude und Christoph Wild, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Verlage und Buchhandlungen e.V. (ehemaliger Name des Verbandes bis 2003), überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde.

Die Laudatio bei der feierlichen Preisverleihung hielt Jan Philipp Reemtsma.

 

Die Begründung der Jury

Saul Friedländer führt in seinem Buch zusammen, was in den meisten Darstellungen zur Geschichte der Verfolgung der Juden in den ersten Jahren des „Dritten Reiches“ getrennt behandelt wurde: die Rolle Hitlers und seiner ideologischen Obsessionen, die Aktivitäten der radikalen Mitglieder der NSDAP, die Einstellungen und Verhaltensweisen der deutschen Gesellschaft und schließlich die Reaktion der Opfer selbst. Durch die Verknüpfung der verschiedenen Ebenen gelingt es ihm, die Vielschichtigkeit eines Prozesses deutlich zu machen, der mit erbarmungsloser Konsequenz darauf hinauslief, den Juden in Deutschland die wirtschaftliche Existenz zu rauben, sie gesellschaftlich zu isolieren und in die Emigration zu treiben. Saul Friedländer präsentiert keine fertigen Erklärungen. Durch die Vielfalt der Perspektiven und die Polyphonie der Stimmen gibt er den Lesern die Möglichkeit, selber Beziehungen herzustellen und Schlüsse zu ziehen. Das auf breitestem Quellenfundament beruhende Werk besticht darüber hinaus durch die kunstvolle Darstellung, die zwischen anschaulichen Beispielen und präzisen Analysen
gekonnt die Balance hält. Als Historiker, der von der Judenverfolgung selbst noch direkt betroffen war, leugnet Friedländer nicht die eigene emotionale Beteiligung; doch er verweigert sich auch jeder Neigung zu pauschalen Verurteilungen und kollektiven Schuldzuweisungen. So ist „Das Dritte Reich und die Juden“ nicht nur ein herausragendes Werk der Geschichtsschreibung, sondern auch ein Zeugnis großer Humanität.

 

saul friedländer

Saul Friedländer wurde 1932 als Kind deutschsprachiger Juden in Prag geboren. Im Alter von sechs Jahren floh er nach Paris und überlebte unter falschem Namen in einem katholischen Internat. Seinen Eltern misslang die Flucht in die Schweiz; sie wurden in Auschwitz ermordet. In einem langwierigen Prozess wendete sich Friedländer nach dem Krieg dem Judentum zu. 1948 wanderte er nach Israel aus. Heute lehrt er als Professor für Geschichte an der Universität Tel Aviv und an der University of California, Los Angeles.

 

Das Werk

Wie konnte ein wirtschaftlich und kulturell hoch entwickeltes Volk den Weg gehen, der zu einem der größten Verbrechen der Weltgeschichte führte – zur Vernichtung der europäischen Juden? Der Historiker Saul Friedländer unternimmt den Versuch, in seiner vielschichtigen Analyse auf diese Frage zu antworten. Er beschreibt die sich ständig radikalisierende Verfolgung der Juden nach Hitlers Machtergreifung und macht sichtbar, wie sich die ideologischen Ziele der Nationalsozialisten und taktische politische Entscheidungen wechselseitig verschärften. Friedländer ist die Opferperspektive ebenso wichtig wie die Täteranalyse. Seine Absicht ist es, ein „Gefühl der Entfremdung zu erzeugen, welches der Neigung entgegenwirkt, mittels nahtloser Erklärungen und standardisierter Wiedergaben diese Vergangenheit zu domestizieren und ihre Wirkung abzuschwächen.“

 

Die Mitglieder der Jury 1998

Günther Bergmann, Luitgard Kirchheim, Dr. Tilman Spengler, Dr. Renate Schostack,
Prof. Dr. Reinhard Wittmann, Dr. Volker Ullrich, Dr. Heribert Prantl

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