Geschwister-Scholl-Preis 1999 - peter gay

dankesrede von peter gay

"Bevor ich meinen Wortschwall über Sie ergehen lasse, möchte ich eine kurze Bemerkung voran schicken, die Sie hoffentlich nicht zu tief enttäuschen wird: Der Name Martin Walser wird in ihm nicht vorkommen.

Die Frage, die ich heute anschneiden werde, folgt direkt aus meiner dankbaren Anerkennung, dass deutsche Institutionen und eine deutsche Jury bereit gewesen sind, ein Buch auszuzeichnen, das mit Deutschland keineswegs unkritisch umgeht. Besonders deswegen und weil diese Auszeichnung Brücken zwischen zwei Welten baut und meinen Namen mit tapferen Deutschen verbindet, die in der Nazizeit gelebt und gelitten haben, ist dieser Preis eine einmalige Ehre für mich. Meine Frage, die die Geschwister Scholl zwar nicht ausdrücklich gestellt haben, die aber implizit in ihrem Programm enthalten ist, lautet: Ist es denkbar, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden wieder eine normale Form annehmen wird, wie es für kurze Zeit im frühen 20. Jahrhundert der Fall war? Mit anderen Worten: Sind die Worte "Deutscher" und "Jude" unvereinbar? Ist es unser Schicksal, dass man eins von diesen sein kann, aber nicht beides zugleich? Schon die Fragestellung ist ein Symptom des zu lösenden Problems.

Es ist mir eine angenehme Pflicht, gerade in München festzustellen, dass ich nicht der erste bin, der diese Frage gestellt hat. Im Lauf des Sommers erschien in der Süddeutschen Zeitung eine Reihe von Aufsätzen zum Thema "Was Deutsche und Juden voneinander trennt". Der Schlüssel zur Antwort liegt meiner Meinung nach vor allem in der Sprache, in der wir über diese heikle Sache sprechen und schon lange gesprochen haben.

In der verzwickten Sache des deutsch-jüdischen Verhältnisses haben die Deutschen der Nachkriegszeit, die versucht haben und immer noch versuchen, mit der Nazi-Vergangenheit fertig zu werden, ein gewisses Recht auf Mitleid erworben. Was auch immer sie tun, es ist falsch. Bauen sie ein imposantes Mahnmal, um die Welt - und sich selbst - an die Juden zu erinnern, die sie unter eifriger Mitwirkung von Österreichern, Polen und anderen Gesinnungsgenossen ermordet haben, dann ist das, in den Augen vieler Kritiker, nur ein Versuch, sich einen Persilschein zu verschaffen - seht einmal, wie traurig mich diese ganze Geschichte macht! Weigern sie sich aber, ein Mahnmal zu bauen, dann ist das, in den Augen anderer Kritiker, nur ein Zeichen, dass sie ihre schreckliche Vergangenheit verdrängen wollen. Geben sie Milliarden in Israel aus, dann ist das nur ein Bestechungsversuch; hören sie mit den Ausgaben auf, dann ist das ein neuer Beweis, dass die deutsche Reue viel zu kurzatmig ist. Ist es nicht der Gipfel der Geschmacklosigkeit, Morde mit Geld zu sühnen, als ob ein jüdisches Leben nur eine gewisse Summe von Deutscher Mark wert wäre? Realisten würden dagegen halten, dass Geschmacklosigkeit besser ist als Gleichgültigkeit.

Auf jeden Fall, die Tatsache, dass Deutsche seit Jahrzehnten nichts Richtiges tun können was ihre jüdischen Opfer anbetrifft, lässt vermuten, dass in diesem Dialog der Tauben beide Seiten so empfindlich sind und so emotional miteinander umgehen, dass ein echtes Einverständnis kaum erreichbar scheint.

Ich halte einen Augenblick inne. Was ich eben gesagt habe, zeigt, wie schwierig es ist, die richtigen Worte zu finden, wenn man über Deutschland und die Deutschen spricht. Es ist keineswegs meine Absicht, es Ihnen leicht zu machen; ich wäre der Letzte, der sich bemühen würde, deutschen Verbrechern und, später, deutschen Versagern ein Alibi zu verschaffen. Aber in den bisher missglückten Versuchen, Deutsche und Juden einander näher zu bringen, ist es beinah ein Naturgesetz geworden, dass die beiden einander missverstehen. Als ich im letzthin bei der Buchmesse in Frankfurt war, hatte ich das Vergnügen, eine intelligente, positive, sorgfältig nuancierte Besprechung des Buches, das heute geehrt wird, von Volker Ullrich in der Zeit zu lesen. Die Schlagzeile aber (und ich weiß, dass ein Autor nie für Schlagzeilen verantwortlich ist) lautete: "Fast eine Liebeserklärung", obwohl "Meine deutsche Frage", was Volker Ullrich natürlich nicht entgangen ist, meine Ambivalenz betont. Von Liebeserklärung keine Spur.

Die Geschwister Scholl hatten nicht die Gelegenheit, solche gemischten Gefühle voraus zu sehen. Ich habe nicht vor, die Geschwister Scholl und ihre winzige Anti-Nazi-Zelle zu kritisieren. Sie waren, im vollen Sinne des so oft missbrauchten Wortes, Helden, die in ihrer göttlich-naiven Unschuld eine Aktion unternahmen, deren Scheitern programmiert war und die, obwohl ihnen ein früher, grausamer Tod beinahe gewiss war, weiter die deutschen Massenmörder mit ihren leider so harmlosen Waffen bekämpften. Ihr Ziel war klar: das Land vom Tyrannen befreien. Ihre Flugblätter sind zugleich rührend und aufregend in ihrer klassischen Klarheit. (...)

Schon im 19. Jahrhundert hat der Sprachwissenschaftler und Völkerpsychologe Heyman Steinthal, selbst ein Jude, behauptet - und mit Recht - , dass die sogenannte Judenfrage in Wirklichkeit eine deutsche Frage sei. Wie stellen sich nicht jüdische Deutsche zu den Aktivitäten eine Minderheit, die erst vor wenigen Jahrzehnten von erniedrigenden Gesetzen befreit worden ist; wie stellen sie sich zum "Eindringen" von Juden in die deutsche Industrie oder ins Kaufmannswesen, in die freien Berufe, wie Medizin und Jura, in die Literatur, Musik, Bildhauerei, Malerei, um von ihrer Teilnahme an Veranstaltungen wie einem Goethe- oder Schiller-Fest oder vom Mäzenatentum ganz zu schweigen. Waren die Juden zu aktiv? Hat ihre "Invasion" vorher "judenreiner" Gebiete diese verdorben oder korrumpiert - oder vielleicht am Leben erhalten und interessanter gemacht?

Um es etwas schärfer auszudrücken: Gibt es denn eine leicht erkennbare "rassische" Eigenschaft, die man als typisch jüdisch bezeichnen darf? Wenn das Wort "Jude" fällt, welche Bilder steigen in dem Geist des Sprechers oder der Zuhörer auf? Sehen sie mit ihrem inneren Auge einen bärtigen ehrwürdigen Mann, der in einen heiligen Text vertieft ist? Oder Fassbinders geldgierigen, rachsüchtigen Spekulanten? Den schlauen Geschäftsmann oder den gelehrten Kunsthistoriker? Der Klappentext der deutschen Übersetzung meiner "Deutschen Frage" sagt aus, dass ich ein "assimilierter antireligiöser Jude" sei. Stimmt das? Jude bin ich erst in Folge eines Dekrets der Nazi-Regierung geworden. Vorher war ich Deutscher, right or wrong. Ein ähnlicher Ausdruck - "deutsch-jüdisch" - propagiert denselben Irrtum; einen Irrtum wenigstens, was mich anbetrifft. Bis zum 30. Januar 1933 war ich nicht "deutsch-jüdisch", sondern einfach "deutsch". Danach war ich auch nicht deutsch-jüdisch, sondern einfach jüdisch oder wenigstens "un-deutsch".

Aber was für Deutsche waren meine Eltern und ich, bevor Franz von Papen Hitler zur Kanzlerschaft verhalf? Das Ideal, das "assimilierten Juden" vorschwebte, war die Integration in eine hoch differenzierte Gesellschaft, in der viele Strömungen zusammen flossen, Gruppen von Menschen, die auf einer gewissen Identität bestanden und, obwohl sie ihrer Vergangenheit oft nicht treu blieben, sie nicht verleugneten. Ein ländlicher Bayer, der auf Generationen von eingesessenen Bauern zurück blicken konnte, war nicht deutscher als ein Jude, der nicht wusste, in welchem Land seine Großeltern gelebt hatten. Zugegeben, solch ein toleranter Pluralismus hatte vielleicht mehr Gegner als Anhänger, und es gab Deutsche, auch vor Hitler, die Juden, ganz gleich welcher Art, das Prädikat "deutsch" nicht zubilligten.

Bleibt das Problem, das in meiner ursprünglichen Frage enthalten ist. Warum Deutsche und Juden? Die beiden scheinen einander ausschließende Kategorien zu sein. Man ist entweder Deutscher oder Jude. Nun, es ist wahr, dass in den letzten Jahren Juden, die hier leben, sich so definieren. Sie nennen sich, und die Pointe dieser Selbstbeschreibung soll nicht verloren gehen, Juden in Deutschland. Ich denke mit einer gewissen Nostalgie an die Jahre im Kaiserreich, in denen die einflussreichste jüdische Verteidigungsorganisation sich den Titel Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gab. Wie Sie sehen: Sogar in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts brauchten Juden im Deutschen Reich Selbstverteidigungsstrategien gegen Verunglimpfung und Verleumdung. Aber am interessantesten ist, dass die Organisation die deutsche Staatsbürgerschaft ihrer Mitglieder betonte.

Heute liegt die Situation ganz anders. Natürlich kann man nicht einfach dekretieren, dass von jetzt an Formulierungen wie "Deutsche und Juden" nicht mehr benutzt werden dürfen. Sie spiegeln eine Realität. Andererseits aber hilft diese Formulierung, diese Realität am Leben zu halten. Schließlich findet man Zeugnisse dieser Realität beinahe überall. Ich finde, dass erstens in den Hochschulen jüdische Professoren kaum anzutreffen sind, und zweitens, dass die Handvoll von Professoren jüdischer Herkunft hauptsächlich über ihr "eigenes" Gebiet forscht, lehrt und schreibt. Das ist ein Zeichen des Widerstandes der eingesessenen Institutionen gegen Neulinge, denen sie volle Bürgerschaft nur unwillig gewähren. Ich muss beiläufig bemerken, dass ich gewöhnlich nicht nachforsche, welche Professoren bei mir zu Hause in den Vereinigten Staaten jüdisch sind - ich tue das nur in Deutschland.

Was tun? Ich sehe wenigstens drei Möglichkeiten - keine von ihnen kann oktroyiert werden, alle von ihnen müssen sich ganz natürlich im Laufe der Zeit in die Denkart der Deutschen einbürgern. Trotzdem kann es nicht schaden, auf sie hinzuweisen und ihren Erfolg damit ein wenig zu beschleunigen.

Erstens ist es angebracht, aus Gründen, die ich schon angegeben habe, unsere Begriffe, die mit Judentum zu tun haben, sorgfältig zu überprüfen und sorgfältig anzuwenden. Obwohl er eine gewisse Kategorie, eine gewisse Gruppe der Menschheit gut beschreibt, ist es nicht angebracht, den Namen "Jude" immer pauschal, ohne Nuancen, zu benutzen. Wenn ich behaupte, dass vor 1933 meine Eltern und ich nicht jüdisch waren, dann will ich mit dieser Aussage nicht nur betonen, dass wir irreligiös oder gar anti-religiös waren, sondern dass wir aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten waren und uns offiziell als "konfessionslos" beschrieben. Und auch die Bürger, die sich zum Judentum bekannten, waren keineswegs über einen Kamm zu scheren. Die meisten von ihnen waren Deutsche sowohl als (und oft mehr als) Juden; es gab viele glühende Patrioten unter ihnen, die sich 1914 freiwillig zur Armee meldeten und 1918 die Niederlage des Kaiserreiches mit großem Schmerz hinnahmen. Menschen leben mit vielen Identitäten: Sie sind Familienmitglieder, Briefmarkensammler, Kegler, Neurotiker, Katholiken, Anhänger von Bayern München, und diese Identitäten widersprechen sich nur selten. Genau so konnte man Deutscher und Jude sein. Vorsichtig mit diesen Namen umzugehen, ist nicht aus irgendeiner political correctness wünschenswert, sondern weil Präzision Missverständnisse ausräumen kann.

Zweitens ist es notwendig, deutsche Geschichte, besonders wo sie den Anteil deutscher Juden berührt, mit größerer Sorgfalt zu studieren, als es bisher der Fall gewesen ist. Ich spreche nicht vom Holocaust, von Tätern, Zuschauern und Opfern, über die seit Jahren fleißig geforscht worden ist, genug, um die Goldhagen-These mit eindrucksvollem Material zu widerlegen. Wovon wir aber keineswegs genug haben, sind zuverlässige Studien über das Leben der Juden in der Nazizeit, ob in Deutschland oder im Exil. Dass die Deutschen in der Geschichte der Juden eine große, oft fatale Rolle gespielt haben, ist uns allen bekannt. Dass Juden in der Geschichte der Deutschen eine große, oft konstruktive Rolle gespielt haben, ist viel weniger bekannt. Victor Klemperers Tagebücher haben sich als eine unentbehrliche Quelle erwiesen, und es ist ermutigend zu sehen, wie viele Deutsche sich dieses Meisterwerk gekauft und wahrscheinlich auch gelesen haben. Was wir brauchen, sind mehr Werke wie Marion Kaplans "Between Dignity and Despair", das die Erfahrung jüdischer Frauen in Deutschland in den schwierigen dreißiger Jahren mit Präzision und Sympathie beschreibt und analysiert. In einem solchen Buch sehen wir, um den großen Ranke zu zitieren, wie es eigentlich gewesen.

Wie nötig wir solche Forschungen brauchen, kann ich aus eigener Erfahrung belegen. Ich borge mir hier eine Anekdote, die ich schon im Vorwort meiner "Deutschen Frage" ausgewertet habe. Ich erwähne dort ein Gespräch, das ich um 1993 in Berlin mit einem einflussreichen, intelligenten, wohlwollenden und historisch gebildeten deutschen Beamten führte. Eines Abends fragte er mich, sichtlich beunruhigt, warum die deutschen Juden in den späten dreißiger Jahren wie Lämmer ins Schlachthaus gegangen seien. Das machte mir klar, dass es sogar unter gut informierten Deutschen viele gab, die keine Ahnung hatten, wie die Juden in Nazideutschland lebten, und wie es in der Welt draußen aussah, die nicht gewillt war, Rechtsanwälte oder Kaufleute, die meistens keine Fremdsprache beherrschten, mit Freuden aufzunehmen. Dieses Beispiel machte mir klar, wie viele Deutsche - auch gebildete Deutsche - nichts über ihre früheren Mitbürger wissen. Ein Grund, warum ich "Meine deutsche Frage" geschrieben habe, war, dass ich diese historische Naivität etwas beheben wollte.

Drittens möchte ich noch einen Weg erwähnen, der viel zur Normalisierung zwischen - ich muss es jetzt so nennen - Deutschen und Juden beitragen könnte. Ich spreche von Freundschaft, einem Verhältnis, in dem man die Frage: Wer bist du eigentlich, nicht mit "Deutscher" oder "Jude" beantworten muss und in dem man freimütig über sich selbst und die andern sprechen kann, ohne sich jeden Augenblick fragen zu müssen, ob man vielleicht irgendwie den andern gekränkt habe. Ich habe solche Freunde in Deutschland. Ich werde nur zwei von ihnen kurz erwähnen. Der eine, Emil Busse, ein Freund meines Vaters, ist der Deutsche, dem ich dieses Buch gewidmet habe. Er hat unser letztes Jahr in Deutschland und unsere Flucht unglaublich erleichtert. Und der andere, Karl Dietrich Bracher, der aus Freundschaft sich dazu gewinnen ließ, eine Laudatio für mich zu verfassen, war der erste, der mit seiner Frau Dorothee es mir ermöglichte, an Deutsche nicht einfach mit Abscheu zu denken.

Das haben sie getan, indem sie nichts getan haben. Sie waren nur, sie blieben nur sie selbst. Sie gaben ein Beispiel, ohne sich anzustrengen, ein Beispiel zu geben. Für mich war die Begegnung mit ihnen ein entscheidender Einschnitt in meinem Leben, der mir fundamentales Umdenken ermöglichte und für den ich lebenslang dankbar sein werde. Deshalb finde ich Karl Dieters Gegenwart auf diesem Podium einen der glücklichsten Augenblicke meines Lebens.

Emil Busse und die Brachers haben mir geholfen, meine deutsche Frage wenigstens teilweise zu beantworten. Aber ich würde der Offenheit, die dieses Thema verlangt, Unrecht tun, wenn ich Ihnen einen Zwischenfall verschweigen würde, der wieder einmal zeigt, wie schwer es ist, die Vergangenheit einfach beiseite zu schieben. Als ich Anfang November diesen Vortrag niederschrieb, bekam ich einen Brief aus England, der mir mit jäher Brutalität meine Jahre unter Hitler ins Gedächtnis rief. Diejenigen, die meine Memoiren gelesen haben, werden sich an Walter Schreiber erinnern: an den Bankier, der aus "rassischen Gründen" frühzeitig aus seiner Stelle entlassen wurde. Er wurde am 10. November 1938 abgeholt, und im Dezember traf ich ihn. "Er war sichtlich gealtert", schrieb ich, "sah leichenblass aus, schien verwirrt, ich dachte beinah senil." Die Wochen im Konzentrationslager waren ihm nicht gut bekommen. Er sagte mir, dass er, seine Frau und sein Sohn, nach Schanghai auswandern würden, und seit der Zeit, in der ich mich mit meinem Memoiren beschäftigt habe, habe ich versucht, Spuren von ihm und den Seinen zu entdecken - ohne Glück. Die Organisation, die über Flüchtinge in Schanghai Buch führt, hatte keinen namens Schreiber in ihrer Kartei. Nun, der Brief, der von einem engen Freund der Schreibers stammte, gab Aufschluss, warum ich sie nicht finden konnte: Dem Sohn war es geglückt, nach England zu entfliehen, aber Walter Schreiber und seine Frau Annie sind in Auschwitz umgekommen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, warum ich diese Nachricht so tragisch genommen habe. Schließlich war es doch schon so lange her - mehr als ein halbes Jahrhundert - , und es wäre praktisch unmöglich gewesen, dass Walter Schreiber noch am Leben war. Aber als ich diesen Brief las, schien es mir, dass ich meinen Freund in diesem Moment, Anfang November 1999, verloren hätte - eine grausame Erinnerung daran, dass Hitlers Zerstörungssucht, Jahrzehnte nach seinem Tod, immer noch neue Opfer finden konnte.

Solche Momente stehen wie ein Schatten zwischen denen, die wir immer noch Juden und Deutsche nennen müssen, und erschweren die Arbeit, die wir noch alle zu leisten haben. Aber das bedeutet nicht, sie vernachlässigen zu dürfen, geschweige denn aufzugeben, denn es ist Arbeit für die Zivilisation, die größte Geduld verlangt und immer wieder Niederlagen in Kauf nehmen muss. Und im Vergleich mit der Arbeit, die die Geschwister Scholl auf sich nahmen, ist die unsere die Leichtigkeit selbst."

Peter Gay, München 22.11.1999

 

Peter Gay ist heute emeritierter Sterling Professor für Geschichte der Yale University und Direktor des Dorothy and Lewis B. Cullman Centers für Wissenschaftler und Schriftsteller an der New York Public Library.

 

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