Geschwister-Scholl-Preis 1999 - Peter Gay

laudatio von Karl dietrich bracher

Als Historiker und Zeitzeuge zugleich hat Peter Gay uns Deutschen und allen an Deutschland Interessierten ein Buch über die Jugendgeschichte in der NS-Diktatur geschenkt, das in seinem bedeutenden Lebenswerk einen ganz besonderen Platz einnimmt.
Er hat die Auszeichnung in hohem Maße verdient, erinnert der Geschwister Scholl-Preis doch nicht nur an den mutigen Widerstandsakt vom 18. Februar 1943, mit dem wenige Studenten der Universität München hier in der dunkelsten Zeit Deutschlands zur Erhebung gegen das verbrecherische Hitler-Regime und die fehlende Zivilcourage seiner allzu vielen Mitläufer aufriefen. Er erinnert uns auch unmittelbar an die schändliche Irreführung und Aufhetzung der Jugend zumal gegen die Juden, deren Auswirkungen Peter Gay uns persönlich auf sehr eigene Weise nahe bringt.

Es war in der Tat die so weitgehend verführte oder auch mundtot gemachte jüngere Generation zwischen den beiden Weltkriegen, der die Geschwister Scholl und ihre Freunde mit Professor Huber damals, Anfang 1943, angesichts der unsagbaren Verbrechen der deutschen Diktatur zuriefen: „Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuenswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je geduldet hat.“

Als ich zum Gedenken an diese mutige Aktion am zwanzigsten Jahrestag im Februar 1963 vor Münchener Studenten sprach, wusste ich noch nicht, dass meine Frau und ich wenige Monate später Peter und Ruth Gay in Stanford-Palo Alto/Kalifornien kennen lernen und auf unvergessliche Weise unser deutsch-amerikanisches Gespräch beginnen konnten, das Gays Buch jetzt auch erwähnt. Ruth Gay hat damals schon an ihrer Geschichte der „Jews in America“ geschrieben (veröffentlicht 1965) und uns später mit ihrer reichen, ergreifenden „Geschichte der Juden in Deutschland“ (1992) beeindruckt. Nun aber hat Peter Gay für uns Deutsche auf bewegende Weise geschildert wie schwer und doch letztlich notwendig ihm und vielen Verfolgten auch eine gewiss kritische Wiederanknüpfung an die Traditionen eines besseren Deutschlands wurde. Es war, wie er schreibt, seine „deutsche Frage, die auch jetzt noch nicht völlig beantwortet ist und es wahrscheinlich nie sein wird“ (S. 18 f.).

Solche Nachkriegs- und Nachdiktatur-Begegnungen mit Menschen wie ihm und seiner so leidvoll prägenden Erfahrung einer bitteren, doch Leben rettenden Emigration war für uns jüngere Deutsche damals wichtig, ob wir nun wie ich aus fast dreijähriger amerikanischer Kriegsgefangenschaft kamen oder, wie meine Frau, den Vater und drei Onkel im Widerstand vom 20. Juli verloren hatten. Es ging auch um die Wahrnehmung der zweiten Chance einer demokratischen Zukunft für Deutschland, die der befreiende Kampf des Westens für eine jedenfalls vom Nationalsozialismus erlöste Welt eröffnet hatte.
Von den Problemen und Chancen solcher Wiederbegegnungen mit dem zuletzt so verwerflichen Deutschland gibt nun dieses jüngste Buch Gays einen Eindruck: Im Akt der Erinnerung auch als Mahnung für Gegenwart und Zukunft, zeigt es ganz konkret und anschaulich den Hintergrund jenseits der vielen theoretischen, generalisierenden Großkontroversen über unsere Vergangenheit. Das Buch gibt auch aufs neue Zeugnis von den historischen und literarischen Qualitäten, die das ganze Lebenswerk des Preisträgers in seiner bemerkenswerten wissenschaftlichen Vielseitigkeit und gleichzeitig Engagiertheit auszeichnen: bis hin zu seiner großen Mentalitätsgeschichte des Bürgertums im neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert.

Unheilvolle dreißiger Jahre

Das alles begann mit dem schweren Weg des zehn- bis sechzehnjährigen Peter Fröhlich im Deutschland der dreißiger Jahre, in dem viele der dann bald tödlich verfolgten Juden ihr Vaterland gesehen, ihm in Frieden und Krieg gedient, es schon seit den Zeiten der Aufklärung so ungemein bereichert hatten, dessen Kultur und Literatur sie liebten. Als schließlich in letzter Stunde, vor nun sechzig Jahren, der Familie Fröhlich gerade noch die Flucht aus der zunehmend rassistischen Gewaltherrschaft jenes Deutschland gelang, übernahmen sie im Rettungsland USA den neuen Namen Gay von den schon emigrierten Verwandten.

Der unglaubliche, monströse Massenmord an den Juden, dessen Formen und Ausmaße auch Peter Gay erst nach Kriegsende in Amerika voll erfahren hat, war weder ohne den alten christlichen Antijudaismus noch den neueren sozialdarwinistischen Rassismus denkbar, doch diese Wahnvorstellungen waren erst durch die „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkrieges mit seinen Folgen einer Brutalisierung der Politik und mit den Instrumenten jenes nationalsozialistischen Totalitarismus umsetzbar geworden, vor dem Rechtsstaat und Kultur in Deutschland sich als hilflos oder verführbar erwiesen.

Es sind (nach zwei Jahren in Kuba und dem Studium in Denver und dann an der Columbia University New York) vor allem vier große Themenkreise, denen nach solchen Erfahrungen Peter Gays geistiges und wissenschaftliches Interesse gelten, ja zum neuen Lebensinhalt in der dankbar bejahten „Neuen Welt“ Amerikas werden. Sie überkreuzen sich wechselseitig in seinen so breit gefächerten, reichen und gut lesbaren Büchern. Da war und ist erstens die Frage nach Deutschland: zunächst in der Dissertation über Bernsteins demokratischen Sozialismus (1951); 1968 dann das sehr anregende, brillante Buch über Geist und Kultur in der Weimarer Zeit (den „Weimar spirit“) in einer „Republik der Außenseiter“, die nur für kurze Zeit, 1918 bis 1933, auch „Insider“ werden.
1978 folgt der wichtige Band mit den eindringlich-gedankenreichen Essays über „Freud, die Juden und andere Deutsche“ angesichts der Herausforderung des kulturellen Modernismus: hochinteressant auch die Kontroversen zwischen den streitbaren Brahms- und Wagner-Parteien sowie über die Rolle der Juden und ihrer Assimilation, die heute, nach dem Holocaust, bei ihnen selbst so umstritten ist. Aber thematisiert wird dabei auch Gays eigenes Deutschlandproblem, das er 1976 bereits in der New York Times unter dem Titel „Thinking about the Germans“ angesprochen hat, mit erheblichem Leserecho pro und contra zur Frage der Erneuerung Deutschlands. Und nun, zwanzig Jahre später, legt er Zeugnis ab vom Problem seiner eigenen Jugend in diesem Land, mit dem heute vor allem auszuzeichnenden Buch unter dem sprechenden Titel »My German Question«, der auch in der deutschen Ausgabe zu Recht beibehalten ist. „Meine deutsche Frage“ - das heißt sowohl damals wie heute, nach über siebzig Jahren der Erfahrung mit den frühesten und den späteren Problemen unseres, und seines, Deutschland.

Neuanfang in Amerika

Ein zweiter Themenkreis bringt nicht zuletzt das starke Bedürfnis einer Krisen- und Kriegsgeneration zum Ausdruck, sich in der Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Diktatur, Befreiung und Unterdrückung, zwischen Dogmatismus, Fundamentalismen und offener Gesellschaft um neue Lebens- und Wertorientierung zu bemühen. Für Peter Gay, der sich keiner der Religionen verbunden fühlt, führt dies früh schon zu den erhellenden Studien und Büchern über den Geist der Aufklärung, besonders in Frankreich und den USA.

Ich erinnere mich, wie intensiv wir uns damals in Stanford darüber verständigen konnten: Peter aus der existentiellen Erfahrung des neuen, trotz allen Beschwernissen so viel überzeugenderen Amerika der Freiheit, Offenheit und Toleranz. Auch mir verhalfen Krieg und Gefangenschaft zum besseren, ja elementaren Verständnis für jene vorwiegend westliche Tradition von Demokratie und Menschenrechten, von der sich Deutschland vor und nach dem Ersten Weltkrieg zu seinem Unheil entfernt und zum Teil auf einen verhängnisvollen Eigenweg begeben hatte - bis schließlich zur Kriegserklärung an die westlichen Demokratien überhaupt.

Der große Neuanfang Peter Gays als Historiker im Amerika der fünfziger und sechziger Jahre stand also im Zeichen seiner zum Teil preisgekrönten Studien über Rousseau, Voltaire (1959) und die Aufklärung. Er sieht sie (Band 1) nicht zuletzt als Aufstieg eines „Modern Paganism“, wie er sein Buch von 1966 nennt. Es geht ihm dabei um die Bedeutung eines säkular-religionskritischen Aufklärertums im künftigen Modernismus, dem er sich als entschiedener Freigeist verwandt fühlt.

So schrieb er gleichzeitig denn auch über die schwindende Rolle der puritanischen Historiker schon im kolonialen Amerika (1966). In weiteren Büchern interpretierte er die Aufklärung (Band z) geradezu als „Science of Freedom“ (1969) und erläuterte schließlich die ihm am Herzen liegende alte und neue Aufgabe der Aufklärung in „Bridge of Criticism“ (1970) am Beispiel eines Dialogs zwischen Religionskritikern wie Lukian, Erasmus und Voltaire: Hier werden Werte wie Geschichte und Hoffnung, Einbildungskraft und Vernunft, Beschränkung (constraint) und Freiheit in ihrer Bedeutung als Leitwerte für unsere zunehmend säkulare Kultur und Zeit herausgestellt.

Von hier führen uns Gays Arbeiten der siebziger Jahre nun hinüber in einen dritten Themenkreis: Geschichtsschreibung. Hierher gehören die Mitwirkung an großen Übersichtswerken wie „Historians at Work“ (1972 bis 75) und „History of the World“ (1972), dann aber auch die schönen Essaybände „Style in History“ (1974) und „Art and Act“ (1976). Der eine mit lebendigen Studien über vier große, höchst verschiedene Historiker, beispielhaft für das 19. Jahrhundert, doch in ihren sehr individuellen Motiven und besonderen Zielen: Edward Gibbon und Leopold von Ranke, Thomas Macaulay und Jacob Burckhardt. Der darauf folgende Band widmet sich (»Art and Act«, also etwa: Kunst und Ausführung) den »Causes of History«; er enthält ebenfalls vergleichende anschauliche Studien zur bildenden Kunst der Moderne am Beispiel der Maler Edouard Manet und Piet Mondrian sowie des aus Deutschland emigrierten Architekten und Bauhaus-Gründers Walter Gropius.

Die große Mentalitätsgeschichte

In den achtziger Jahren schließlich, nach langer Vorbereitung, konzentriert sich Peter Gay auf seinen vierten Themenkreis, nämlich das staunenswert intensive und zugleich umfassend vergleichende Unternehmen einer Mentalitäts- und Gefühlsgeschichte im neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert; er hat es soeben mit dem fünften und letzten Band vollendet (1986 bis 1999). Namentlich aus der reichen, freilich häufig stilisierten Literatur zeitgenössischer Selbstbeobachtungen in Autobiographien, Tagebüchern und Briefen schöpft er eine ebenso üppige wie geistvolle Kulturgeschichte des intimen Gefühlslebens in Spannung und Gegensatz zu den Konventionen des bürgerlich-viktorianischen Zeitalters.

Schon die Titel geben uns Einblicke in die Schwerpunkte des Werkes: von der „Erziehung der Sinne“ und der „Liebe im bürgerlichen Zeitalter“ über den „Kult der Gewalt“ und „Die Macht des Herzens“ - also „die Erforschung des Ich“ mit der Ambivalenz von Schein und Sein des Bürgertums - bis hin zum Schlussband der Reihe, der unter dem Titel „Bürger und Boheme“ die „Kunstkriege des neunzehnten Jahrhunderts“, zumal auch die Verfemungen und Verbote gewagter Kunst behandelt. Es ist ein Werk, das zur Aufdeckung der inneren Befindlichkeiten des Menschen, der verborgenen Schichten des Seelenlebens nun vor allem auch die psychologischen Aspekte der Geschichte hervorhebt. Diese Methode hat dem Autor als erklärtem Freudianer neben Bewunderung manche Kritik eingebracht, die auch seine große Biographie Sigmund Freuds trifft.

Peter Gay ist nicht nur ein unersättlicher Leser und Forscher, sondern zugleich ein begabter Vermittler. Wir nehmen teil an seinen Entdeckungen und kritischen Einsichten in Leben und Schaffen zeittypischer wie auch unzeitgemäßer Personen, zum Beispiel Richard Wagner und Oscar Wilde, oder Dickens, Stendhal und Balzac. Unleugbar ist die Bedeutung und Pionierkraft, die solcher Analyse und Darstellung in kultur- und sozialgeschichtlicher, zugleich psychologischer Hinsicht zukommt, auch wegen der Fülle der Zeugnisse und geistvollen Interpretationen.

Dabei geht es wesentlich darum, die durchbrechende Moderne so wie die neuen Anfechtungen des Modernismus zu zeigen: und dies alles am Vorabend der dann so verwüstenden, dezidiert antibürgerlichen Totalitarismen von rechts wie von links im zwanzigsten Jahrhundert.

Der Autor schließt seine vergleichende Bilanz einer gleichsam europäischen „Sittengeschichte“ von Queen Victoria bis Sigmund Freud mit der „Coda: Eine bürgerliche Erfahrung“. Darin spricht er auch von seiner Wendung zur Psychoanalyse Mitte der siebziger Jahre: „Genau diese Seite meiner Arbeit hat die beharrlichste Kritik hervorgerufen ...: einerseits etwas Lob für die 'korrekte’ Geschichtsschreibung, andererseits das unüberhörbare Befremden angesichts meines scheinbar massiven Rekurses auf Freudsche Ideen. Ich sage 'scheinbar’, weil ich reduktionistische Erklärungen immer abgelehnt und an der ursächlichen Bedeutung der Außenwelt für historische Ereignisse oder Epochen festgehalten habe. Den Kritikern scheint entgangen zu sein, dass beides, förmliche Geschichtsschreibung und psychoanalytische Deutung, in meiner Arbeit unlöslich miteinander verquickt ist (sic) und es ohne die letztere zur ersteren nicht gekommen wäre. Vielleicht müsste ich herbe Genugtuung darüber empfinden, dass ich von zwei entgegen gesetzten Polen zugleich aufs Korn genommen werde: Die ‚normalen’ Historiker monieren, dass ich Freud zu sehr, die Psychohistoriker, dass ich ihm zu wenig verpflichtet bin.“

Hinter diesem Bekenntnis steht sein ganzes Leben seit den besonderen Erfahrungen der Berliner Jahre und danach. Für Peter Gay ist die Psychoanalyse also mehr als eine Hilfswissenschaft, worüber wir in der Tat als Historiker und Politik- oder Sozialwissenschaftler (der er ja wie ich auch einmal war) getrost und mit Gewinn immer wieder streiten können - auch an Hand seines Buches „Freud for Historians“ von 1987.

„My German Question”

Auch unser heute preisgekröntes Buch, gleichzeitig mit dem Schlussband der Mentalitätsgeschichte Gays erschienen, steht auf dem Grund der Entwicklung, die sein Denken und Schreiben während und nach der deutschen Diktatur in nun fast fünfzig Jahren genommen hat. „My German Question“ handelt nicht so sehr von der Diktatur selbst, vielmehr verbindet es nun die ursprüngliche persönliche, sozusagen vorliterarische Erinnerung der Jugend in Berlin und des Emigrationswegs mit den vielschichtigen Einsichten und zugleich festen Überzeugungen, die Gay als Forscher und Autor in diesen langen Jahrzehnten gewonnen hat. Die neue Annäherung an Deutschland nach den Jahren der tiefen Enttäuschungen und des fundamentalen Erschreckens, in das ihn die wachsende Kenntnis der im deutschen Namen und mit deutsch-österreichischem Ideologie-Fanatismus verübten Massenverbrechen stürzte, stand im Zeichen eines langen Ringens zwischen Verbitterung und Hoffnung auf Erneuerung des Zerstörten - aber auch einer festen und entschiedenen Ablehnung aller apologetischen Tendenzen. So hat er sich ähnlich wie Felix Gilbert schon 1976, also lange vor dem sogenannten „Historikerstreit“ von 1987, sehr kritisch zu den Thesen in den Werken eines Ernst Nolte geäußert, besonders zum Beispiel gegen Noltes den Nationalsozialismus bagatellisierende Unterstellung, „jeder bedeutende Staat der Gegenwart, der sich ein außerordentliches Ziel setzte“, habe „seine Hitlerzeit mit ihren Ungeheuerlichkeiten und ihren Opfern gehabt“. Mit Recht fordert Peter Gay demgegenüber vor allem eine Sensibilität für die Unterschiede und Ambivalenzen zwischen guten und üblen oder trüben Traditionen gerade deutscher Politik- und Geistesgeschichte seit der entscheidenden Zeit der Aufklärung und besonders dann zwischen Weimarer Republik und nationalsozialistischer Diktatur samt ihren Nachwirkungen.

Was mir nun aber für den besonderen Rang seines Erinnerungsbuchs innerhalb des Gayschen Gesamtwerks zu sprechen scheint, ist die überzeugend ressentimentfreie Art, mit der er nach diesem Schicksal über seine eigene Geschichte und Entwicklung berichtet.

Anschaulich und lebendig wird hier scheinbar mühelos und doch höchst treffend der Leser zum Mitfühlen und Nachvollziehen des Lebens dieser geächteten und zunehmend rechtlosen Minderheit gebracht. Das Bild der dreißiger Jahre und die Befindlichkeit des Erzählers werden nicht etwa tagebuchartig gespiegelt, sondern unter Einbeziehung späterer Betrachtung und Empfindung gezeichnet. Es ist bei einer melancholischen Grundstimmung, die auch die aufschlussreichen Familienbilder nicht leugnen, ein Buch klarer Berichte und Reflexionen, detailliert, abgewogen und glaubwürdig - kurz, das Erinnerungsbuch eines Historikers, der eindringlich und bewundernswert offen auf die auch für die weitere Familie unvorhersehbar wechselvolle Zeit und bedrohliche Umwelt blickt: so im Kapitel „Überlebensstrategien“ auf ihren Alltag, das Schwanken und die Probleme um eine schließlich 1939 doch unvermeidlich notwendige Emigration und die schwierigen Anfangsjahre in der Fremde.

In Amerika dann erlebt er immer wieder die vorwurfsvolle Frage, warum man so lange in Deutschland geblieben sei. Die Antwort: Sie lebten dort noch unter „widersprüchlichen Signalen“, „mixed signals“, wie das entsprechende Kapitel lautet. Der Vater konnte als verwundeter Frontsoldat des Ersten Weltkrieges zunächst mit gewissen Rücksichten rechnen und das Geschäft fortführen; der Onkel bekommt aus gleichem Grund groteskerweise sogar noch Mitte 1935 „im Namen des Führers und Reichskanzlers“ das von Reichspräsident Hindenburg gestiftete „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“, unterschrieben vom Berliner Polizeipräsidenten (am 25. 6. 1935). Die Zukunft war lange nicht abzusehen, das Pro und Contra einer Emigration auch ohne Sprachkenntnisse und mit tuberkulosekranker Mutter schwer abzuschätzen, die Hoffnungen und Illusionen auf ein rasches Ende des NS-Regimes verbreitet unter vielen Gegnern: “Hitler wird schnell abwirtschaften“, wurde zunächst weithin angenommen.

Geschichtliche Erfahrung

Dies ist in der Tat ein Buch “ohne Anklage, ohne Selbstmitleid, ohne Klischee“, wie auch ein kenntnisreicher Rezensent schreibt (Hartmut Jäckel, FAZ vom 3. Dezember 1998). Dass die schreckliche Katastrophe, in der sich Deutschlands schwere moralische Schuld und Unfähigkeit zur demokratischen Politik damals vereinten, vor allem aufs Furchtbarste jenes Judentum treffen würde, das für die deutsche Kultur und Wissenschaft der Moderne so Wesentliches bedeutete, wird vielen Betroffenen erst spät ganz fassbar. Peter Gay zeigt auf anrührende Weise, wie es um eine durchaus deutsche Familie und ihren den bedrückenden Zeitumständen entsprechend bemühten „guten Jungen“ steht, trotz der im allgemeinen nicht unfreundlichen Atmosphäre seines Wilmersdorfer Goethe-Gymnasiums wird es doch Jahr für Jahr einsamer um ihn, bis ihn im Unheilsjahr 1938 auch seine Schule fallen lässt. Es blieb nur die Lehrstelle bei einem taubstummen Zahntechniker.

Eindrucksvoll, wie Peter Gay es immer wieder vermag, uns an der eigenen Geschichte und der Familie in dem Klima jener Jahre der zunehmenden Isolation, der seelischen Nöte und äußersten Gefahren teilnehmen zu lassen. Wie er die Auswirkung des Erlebten und die der Flucht folgenden schweren Jahre auf die eigene weitere Entwicklung nachzeichnet, besonders packend durch die ständige psychologisch-kritische Selbstanalyse, gibt dem Leser das Gefühl, in der einsichtsvollen Schilderung auch die unmittelbaren Umstände seines vielschichtigen und facettenreichen, so schweren und dann doch erfolgreichen Weges durch diese Zeit hautnah und nachdenkend mitzuerleben.

Auch im Licht der heutigen Erkenntnisse ist diese Erzählung des Deutschland-Kapitels seines Lebens im Auf und Ab jener Jahre von bleibendem Wert: eine Geschichte, wie sie nicht aufrichtiger, treffender und überzeugender denkbar ist, dabei überaus differenziert in ihrem alltagsgeschichtlichen Realismus wie in ihrem politischen und moralischen Gehalt. Sie hält auch die scheinbaren Positiva fest: die den Juden zeitweise noch verbleibenden Nischen und Ersatzbetätigungen in der deutschen Umwelt, bei Peter Gay und seinem Vater besonders auch die gemeinsam genossene Leidenschaft für den Fußball und das Briefmarkensammeln - durchaus auch eine Art „Überlebensstrategie“.

Dann freilich, in jenem Schicksals- und Entscheidungsjahr 1938, bricht die bisherige, schon kümmerliche Hoffnung gänzlich zusammen. Der „Anschluss“ Österreichs mit seiner schubartigen Verschärfung des schlimmsten Antisemitismus (der auch Sigmund Freud aus Wien vertreibt), die kriegsnahe Bedrohung und schließlich auch Besetzung der Tschechoslowakei und die mit bitterem Humor so genannte „Reichskristallnacht“ vom 9. November (im Juni hatte schon die Münchner Synagoge gebrannt), Pogrome, Zerstörung und Erpressung nun gegen alle Juden überhaupt lassen keine Wahl mehr: Die kärglichen Aussichten auf ein baldiges Ende des Regimes sind zunichte.

Doch mittels einer zum Glück unbemerkt bleibenden Manipulation des Datums gelingt endlich am 27. April 1939 die Abfahrt mit dem letzten Flüchtlingsschiff, das wenigstens noch Kuba erreichen wird; viele Verwandte fallen später dem Holocaust zum Opfer. Dass in diesem Jahr 1939 schon mit den Euthanasie-Aktionen das Vorspiel zur systematischen Ermordung der Juden begann, ahnten damals freilich noch wenige.

Wiederbegegnung

Um so zögernder stand Peter Gay auch lange nach 1945 dem Gedanken an einen Deutschlandbesuch gegenüber. Kein Zufall, dass mit dieser seiner „deutschen Frage“ einer „Rückkehr nach Berlin“ („Return of the Native“) dramatisch das ganze Buch beginnt. Als Franz Neumann, durch sein Buch „Behemoth“ (1941) über das NS-System unter den Professoren der Columbia University der bekannteste Emigrant von 1933, im Jahre 1950 nach Berlin fährt, um beim Aufbau der gegen kommunistische Gleichschaltung neu gegründeten „Freien Universität“ zu helfen, wirft der junge Dozent Peter Gay ihm unverhohlen „Sentimentalität“ vor, was Neumann freilich mit dem nämlichen Vorwurf an Gay quittiert. Das zwingt ihn, wider Willen doch wieder an Deutschland zu denken. Aber erst 1961 kann er sein so verständliches Zögern vor einer Reise, dann von Frankreich aus, nach Berlin überwinden, als ihn ein amerikanischer Kollege zu seinen Gastvorlesungen an der FU Berlin einlädt: Es wird ein kritisch gestimmter und beobachtender Versuch der Wiederbegegnung mit noch zwiespältigen Eindrücken und Gedanken. Um so lebendiger geschildert dann die Rückkehr in längeren regelmäßigen Besuchen seit Ende der sechziger Jahre, die nun auch in das Erinnerungsbuch eingeht.

Gays Buch ist von großem Wert nicht nur für Historiker und Politiker, sondern für alle, die wissen wollen, wie verschieden jene Geschichte die einzelnen treffen und ein Leben lang begleiten konnte, wie die Ausgestoßenen mit diesem Schicksal leben konnten, und worin Peter Gays „Deutsche Frage“ eigentlich besteht. Es geht nicht nur die Altersgenossen oder nachträglich Interessierten auf allen Seiten an, sondern besonders jene hoffentlich vielen, die in Deutschland und anderwärts aus der Geschichte einer solchen Diktatur noch in so genannten „Friedenszeiten“ auch heute zu lernen bereit sind: die also hinsehen und nicht wegsehen, wenn es um die Geschichte unseres Jahrhunderts geht - um unserer besserer Zukunft willen.

Für uns ist das Buch eines der bewegendsten Zeugnisse über diese Jahre des Unheils, die wir gleichzeitig, doch in so verschiedener Weise erlebt und schließlich überlebt haben. Und wir sind aufrichtig dankbar, dass Peter Gay diese sein ganzes weiteres Leben so nachhaltig prägende Jugendgeschichte nicht für sich behalten, sondern sie ganz offen und ungeschützt uns allen überliefert hat. Diese Erfahrung zeigt uns, welche neuen Dimensionen gegenseitigen Verstehens gerade auch die Offenbarung solch anscheinend weniger spektakulär verlaufener Schicksale vermitteln kann. Ein Bericht wie dieser wird neben Schmerz und Trauer über das unwiderruflich Geschehene doch zugleich Bewunderung für die Bewältigung und Darstellung dieser Erfahrungen und so auch Ermutigung zum politischen Engagement für eine demokratische Gesellschaft wecken. Es ist ein beispielhaftes Stück Zeitgeschichte.

Karl Dietrich Bracher, München 22.11.1999

 

Prof. Dr. Karl Dietrich Bracher ist ein deutscher Historiker, der u.a. das Seminar für Politische Wissenschaft in Bonn aufbaute.

 

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