Preisträger 2000
margarete holzman / reinhard kaiser
Margarete
Holzman und Reinhard Kaiser (Hrsg.)
"Dies Kind soll leben. Die Aufzeichnungen der Helene Holzman, 1941-44 "
Verlag Schöffling
& Co
Frankfurt am Main 2000
384 Seiten, € 24.90
ISBN 3-89561-062-3
Die Verleihung
Am 27. November 2000 nahmen Margarete Holzman und Reinhard Kaiser den Preis entgegen. Oberbürgermeister Christian Ude und Rosemarie von dem Knesebeck, Vorsitzende des Verbandes Bayerischer Verlage und Buchhandlungen e.V. (ehemaliger Name des Verbandes bis 2003), überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde.
Die Laudatio bei der Preisverleihung hielt Ulrich Herbert.

v.l.n.r.
Oberbürgermeister Christian Ude, Reinhard Kaiser, Margarete Holzman und
Dr. Rosemarie von dem Knesebeck
Foto: Christine Strub
Die Begründung der Jury
"Das Buch ist ein eindringlicher Appell an den Mut zur Humanität und
zu geistiger Freiheit auch und gerade der jungen Generation. Als Deutsche
mit litauischem Pass und "Halbjüdin" hat die Malerin und Buchhändlerin
Helene Holzman (1891-1968) die Zeit der deutschen Besetzung 1941-1944 in
der Stadt Kaunas miterlebt und erlitten, ihr Ehemann und ihre ältere Tochter
wurden verschleppt und ermordet. Sie selbst und eine Gruppe befreundeter
Frauen bemühten sich, möglichst viele gefährdete Kinder aus dem Ghetto und
damit vor dem sicheren Tod zu retten.
Gänzlich unpathetisch, doch voll anrührender und erschreckender Details, scheinbar
kunstlos und doch mit eindringlicher Erzählgabe zeichnet die Autorin ein genaues
Bild dieser Schreckenszeit voll Feigheit und Opportunismus, Brutalität und Hass
einerseits, Tapferkeit und Überlebenswillen, Zivilcourage und kühnem Widerstand
andererseits. Sie schildert die Täter und Mitläufer, denen sich eine verschworene
Gemeinschaft einfacher Frauen widersetzt, und zeigt dabei die Gebrochenheit und
Widersprüchlichkeit menschlicher Verhaltensweisen in einer Extremsituation, aber
auch die Chancen einer unbeirrbaren Mitmenschlichkeit gegen Rassenhass und Gewalt.
Die Aufzeichnungen, die Helene Holzmans gerettete Tochter Margarete und Reinhard
Kaiser nach 55 Jahren sorgfältig ediert haben, sind eine einzigartige historische
Quelle für die bisher wenig erforschte Vernichtung der Juden in Litauen. Als
authentische Chronik, aber auch als tief berührendes individuelles Zeugnis steht
es neben den Tagebüchern von Anne Frank und Victor Klemperer."
margarete holzman / reinhard kaiser
Helene
Holzman veröffentlichte ihre Aufzeichnungen Zeit ihres Lebens nicht.
Ihre Tochter Margarete hat sie zusammen mit Reinhard Kaiser ediert.
Margarete Holzman ist „dies Kind“, die gerettete Tochter der Helene
Holzman. 1924 in Litauen geboren, entkam sie als Zwanzigjährige zusammen
mit ihrer Mutter der Verfolgung durch Wehrmacht und SS. Heute lebt sie als Übersetzerin
und Dolmetscherin in Gießen. Reinhard Kaiser, geboren 1950 in Viersen am
Niederrhein, lebt als Übersetzer und Schriftsteller in Frankfurt am Main. Bei
Recherchen für sein Buch "Königskinder. Eine wahre Liebe" (1996) kam
er in Kontakt mit Margarete Holzman, die als Übersetzerin und Dolmetscherin heute
in Gießen lebt.
Das Werk
Auf mehr als 700 Seiten in drei Kladden hat Helene Holzman gleich nach dem Ende des Krieges aufgeschrieben, was in ihrer Heimatstadt Kaunas, einem der finstersten Orte des Holocaust, geschehen ist. Zehntausende, darunter eine Tochter und der Ehemann der Autorin, verloren ihr Leben. In den Texten wird spürbar, mit welcher Kraft die Autorin um Fassung ringt. Sie tut dies der Sachlichkeit und Wahrheit zuliebe. Als hellwache Chronistin berichtet sie aus einer Stadt, in der das Menschenmorden und Menschenschinden während drei Jahren zum unübersehbaren Alltag wurde.
Die Mitglieder der Jury 2000
Ulrich Chaussy, Gert Heidenreich, Regina Moths, Dr. Heribert Prantl (Preisträger
1994),
Dr. Joachim Sartorius, Dr. Renate Schostack, Dr. Volker Ullrich und Prof. Dr.
Reinhard Wittmann