Geschwister-Scholl-Preis 2000 - margarete holzman/reinhard kaiser

dankesrede von reinhard kaiser

Die politische Bedeutung der Aufzeichnungen von Helene Holzman für die Gegenwart, ihr historischer Wert als Zeitzeugnis und Quelle, die Nähe zwischen dem Engagement von Helene Holzman und ihrer Tochter Marie und dem Handeln der Angehörigen der "Weißen Rose" - all dies ist heute abend schon zur Sprache gekommen. Ich möchte mich für die Ehre, die diesen Aufzeichnungen und ihrer Autorin mit der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises zuteil wird, und für die Aufmerksamkeit, die Sie alle, indem Sie heute Abend hierher gekommen sind, ihnen entgegenbringen, bedanken, indem ich Ihnen eine Geschichte erzähle - gleichsam die Rahmenhandlung zu dem Hauptereignis, das dieses Buch darstellt.

Die auf solide Text- und Buchgestalt zielende Herausgeberarbeit nahm ein knappes Jahr in Anspruch - vom Frühsommer 1999 bis zu den letzten Umbruchkorrekturen im vergangenen Mai. Die Rahmenhandlung jedoch, die Geschichte, die ich Ihnen zum besten geben möchte, beginnt vor fast zehn Jahren. Das Sonderbare an ihr ist: je genauer man sich auf ihre Einzelheiten einläßt, desto unwahrscheinlicher klingt sie. Es ist aber eine wahre Geschichte.

An dieser Geschichte liegt es, daß ich das Buch der Helene Holzman lange Zeit, bis es schließlich fertig war, wie etwas Eigenes betrachtet habe. Dabei habe ich an diesem Text, der ja nun wirklich nicht von mir stammt, nicht einmal als Herausgeber allein gearbeitet - sondern zusammen mit Margarete Holzman und Fruma Kucinskiene aus Kaunas. Und dennoch - die Funktionsbezeichnung "Herausgeber" gibt das Verhältnis nur unzulänglich wieder. Helene Holzmans Buch war und ist mir genauso wichtig wie meine eigenen Bücher, sogar wichtiger als manche von ihnen.

Mit einem dieser anderen Bücher ist dieses neue so eng verbunden, daß man sagen kann: Gäbe es jenes andere nicht, wären wohl auch die Aufzeichnungen der Helene Holzman bis heute noch nicht erschienen. Doch auch jenes andere Buch war nicht so sehr mein eigenes, daß ich mich als seinen Verfasser bezeichnet hätte. Die korrekte Benennung war in diesem Fall weder "Herausgeber" noch "Autor", sondern "Finder". Sie hätte auch lauten können: "Werkzeug des Zufalls". Tatsächlich ist mir die Geschichte, die in dem Buch "Königskinder" erzählt wird, durch einen Zufall unter die Augen gekommen, und ohne diesen Zufall wären die Recherchen nicht in Gang gekommen, die mich schließlich zu Margarete Holzman nach Gießen und von den "Königskindern" zu "Dies Kind soll leben" geführt haben.

Im Mai 1991 besuchte ich eine Briefmarkenauktion in Frankfurt. Bei der Vorbesichtigung von einigen wenigen der insgesamt 7134 Auktionslose, die der Katalog verzeichnete, fand ich in einem Pappkarton ein Bündel von etwa dreißig Briefen - alle vom gleichen Absender in Königsberg und einigen anderen deutschen Städten zwischen 1935 und 1939 aufgegeben, alle an die gleiche Empfängerin unter der stets gleichen Stockholmer Adresse gerichtet. In den Kuverts steckten noch die Briefe - lauter Liebesbriefe. Gegen die Konkurrenz etlicher anderer Sammler ersteigerte ich diesen Karton und mit ihm die Briefe - aus Neugier auf eine Geschichte, von der ich nichts wußte und damals nicht ahnte, daß sie mich auf Jahre hinaus nicht mehr loslassen würde.

Es war keine einfache, alltägliche, sondern eine hoch dramatische, tief traurige, mit der "großen" Historie auf unheilvolle Weise verwickelte Liebesgeschichte, die da vor mir Gestalt annahm, nachdem ich die Briefe an Hand der Stempel auf den Umschlägen in eine chronologische Reihenfolge gebracht hatte und zu lesen begann. Ein deutscher Geologe jüdischer Herkunft, Rudolf Kaufmann, der 1933 seines Postens an der Universität Greifswald enthoben worden war, verliebt sich im Sommer 1935 in Bologna, also schon im italienischen Exil, in eine junge Schwedin, Ingeborg Magnusson, die ihre Ferien in Italien verbringt. Ihretwegen, um ihr näher zu sein, kehrt er im Herbst 1935 nach Deutschland zurück. Aber nah sind sich die beiden dann doch nur noch zweimal für kurze Zeit, alles in allem dreizehn Tage - im übrigen, über Jahre hin, nur Briefe.

Der letzte der von mir ersteigerten Briefe war am 27. November 1939 (also heute vor 61 Jahren) in Königsberg auf die Post gegeben worden: "Weißt Du schon, daß ich, wenn Du den Brief in den Händen hast, Ammoniten im Anstehenden klopfe? Ja, die Geologie hat es mir noch immer angetan, auch in diesen schweren Zeiten! Bald schreibe ich Dir einen lieben, langen Brief..." - Ein offenes Ende.

Kein Zufall war es, daß wir, meine Frau, unsere Kinder und ich, im Sommer 1992, ein Jahr nach der Auktion, die Ferien in Schweden verbrachten. Ich hatte begonnen, nach Spuren der "Königskinder" zu suchen. Ich wollte nach Stockholm, wenigstens für einen Tag, wollte nachsehen, ob das Haus noch da war, in dem Ingeborg Magnusson gewohnt hatte. Straße und Hausnummer kannte ich ja von den Briefumschlägen. Wir fanden das Haus im Stadtviertel Östermalm, wie ich es gehofft hatte. Und fürs Archiv machte ich ein Foto, wie ich es geplant hatte. Aber was ich fand, als ich mir an der Haustür das Klingelbrett ansah, traf mich wie ein Schock: Zwischen anderen Namen stand dort der Name Magnusson.

Der Brief, den ich dann später an "Herrn oder Frau Magnusson" unter dieser Adresse schrieb, erreichte Ingeborgs hochbetagte Schwester Greta, die noch immer in der alten Wohnung lebte. Sie konnte mir berichten, wie die Geschichte der beiden Liebenden geendet hatte: daß Rudolf Kaufmann während des Krieges in Litauen von Deutschen ermordet worden war - daß ihre Schwester nie geheiratet hatte und 1972 gestorben war. Greta Magnusson hatte noch viele Briefe von Rudolf Kaufmann an ihre Schwester aufbewahrt. Aus ihnen ging hervor, daß Kaufmann Ende 1939 von Königsberg in das noch nicht vom Krieg berührte Litauen geflohen war und in der damaligen Hauptstadt Kaunas eine Zeitlang bei einer aus Deutschland stammenden Buchhändler- und Künstlerfamilie Zuflucht gefunden hatte. An seine schwedische Freundin schrieb er:
"Jeden Tag wird es mir bewußt, wie ich doch vom Schicksal begünstigt worden bin, daß ich den Mut fand, rechtzeitig aus Deutschland zu fliehen. Überall hört man Notschreie von Leuten aus Deutschland, die als Bettler nach Lublin müssen. Und was hätte man mit mir angefangen!?! Leider kann man auf legale Art niemandem mehr helfen. Es leben hier ja schon ca. 30000 Flüchtlinge oder noch mehr. Hier bei Holzmans bin ich für alle nur der >kleine Bruder<, und die beiden Mädels, eine ist 15, die andere 17 Jahre alt, betrachte ich wie meine Schwestern. Es sind so liebe, gebildete und feinsinnige Menschen, die so recht zu unserem Kreise passen würden."

So erfuhr ich zum erstenmal von den Holzmans in Kaunas. - Daß eines dieser "beiden Mädels" keine Autostunde von Frankfurt entfernt lebte, hätte ich mir nicht träumen lassen - und mit herkömmlichen Recherche-Mitteln hätte ich es wohl auch kaum herausgefunden. Der Name Holzman ist nicht eben selten - und die Vornamen der beiden Buchhändlertöchter werden in den Briefen Rudolf Kaufmanns gar nicht erwähnt. Eines Tages jedoch bekam meine Frau, die für verschiedene Frankfurter Verlage als Korrektorin tätig ist, den Auftrag, einem Buch mit dem Titel "Baltische Reise" die Fehler auszutreiben. Sie zeigte es mir und sagte: "Darin kommt übrigens auch Kaunas vor." Ich begann, noch im Stehen, zu blättern. Ich fand das Kapitel über Kaunas und sah, daß darin beschrieben wird, wie die Stadt vor dem Krieg ausgesehen hatte, und daß die Autorin, Verena Dohrn, sich hierbei auf das beruft, was ihr "Margarete Holzman aus Gießen" berichtet habe. Mir war sofort klar, daß ich von dieser Margarete Holzman schon gelesen hatte - in den Briefen Rudolf Kaufmanns. Sie mußte eine der Töchter des Buchhändlers sein. Ihre Telefonnummer fand ich im Gießener Telefonbuch. "Ich glaube", sagte ich, nachdem ich mich vorgestellt hatte, "Sie kennen jemanden, dessen Geschichte ich seit fünf Jahren verfolge: Rudolf Kaufmann." - "Ach, der Rudi!" rief sie. "Wie schön, daß sich mal jemand um sein trauriges Schicksal kümmert!"

Nachdem das Buch "Königskinder", ergänzt und bereichert durch das, was Margarete Holzman an Erinnerungen und Dokumenten beisteuern konnte, erschienen war, wurde ich bei Lesungen gelegentlich gefragt, ob ich denn nun "in dieser Richtung weiterarbeiten wolle". Sie werden verstehen, daß ich, eingedenk der Kette von Koinzidenzen, die meine Arbeit erst in Gang gebracht und dann begünstigt hatten, ausweichend antwortete. Ich sagte: So etwas könne man wahrscheinlich nicht wollen. - Gewiß, ich hatte auch gezielt und systematisch geforscht - in Archiven, Bibliotheken, bei Ämtern. Aber die entscheidenden Wendungen, die wirklichen Bereicherungen der Geschichte kamen doch unverhofft zustande. Margarete Holzman sagt manchmal, wenn wir uns auf die unwahrscheinliche Geschichte unseres Zusammenkommens besinnen: "Es gibt keinen Zufall!" Ich zögere ein bißchen, dem zuzustimmen, aber ich spreche dieses Wort nun etwas anders aus als früher - mit einer kleinen Pause zwischen den beiden Silben: Zu-Fall, etwas, das einem zu-fällt, etwas, das mir zu-gefallen ist - als Herausforderung, als Zumutung, als Aufgabe, ein Überfall der Geschichte oder einer Geschichte, die ich mir nicht ausgesucht hatte - eher umgekehrt, nicht wahr? - einer Geschichte, die nicht untergehen wollte und die nun, da sie weiterleben konnte, andere Geschichten gebar.

Nachdem mir Margarete Holzman alles berichtet hatte, was sie über Rudolf Kaufmann und seine Zeit im Haus ihrer Eltern wußte, hörte sie nicht auf zu erzählen, und ich hörte nicht auf, zuzuhören. Im Gegenteil. Irgendwann nahm ich ein Tonbandgerät zu Hilfe, um dauerhaft festzuhalten, was sie zu erzählen hatte. Neue Geschichten kamen zur Sprache - aus der Zeit vor dem Krieg, aus der sowjetischen Zeit, aus der Zeit der deutschen Besetzung und des Judenmords in Litauen. Hin und wieder kam Margarete Holzman an den Nachmittagen im Sommer 1998, als ich sie mit meinem Tonbandgerät heimsuchte, auch auf die Aufzeichnungen ihrer Mutter zu sprechen. Es dauerte einige Zeit, bis ich das Gefühl hatte, die Frage stellen zu können: ob ich diese Aufzeichnungen lesen dürfte - aber eines Tages war es so weit, und sie gab sie mir mit nach Frankfurt. Nach diesem "Zu-Fall" hörten die Zufälle dann erst einmal auf, und es begann die gezielte, planvolle Herausgeberarbeit.

Aber nun, nachdem diese Arbeit getan ist und das Buch vorliegt, scheint die Rahmenhandlung noch immer nicht an ihr Ende gelangt zu sein. Manchmal markieren fertige Bücher nicht das Ende der Geschichte, die in ihnen erzählt wird, sondern wirken selbst wie Magnete, die weitere Einzelheiten zu ihrer eigenen Geschichte oder neue Geschichten anziehen. So war es bei den "Königskindern". Möglich, daß auch das Buch der Helene Holzman ein weiteres "gebiert". Was sie in ihren Aufzeichnungen über die Geschichte zweier guter Freunde, des aus Berlin stammenden, nach Nazi-Kategorien "halbjüdischen" Komponisten Edwin Geist und seiner aus Litauen stammenden, jüdischen Frau Lyda, aufgeschrieben hat, ist so anrührend, so fesselnd, daß sich sofort Neugier einstellt - der Wunsch, mehr zu erfahren und nach dem literarischen und kompositorischen Nachlaß Edwin Geists zu fahnden, der sich am Ende des Krieges bei Helene Holzman befand, den sie jedoch bei der Übersiedelung in die Bundesrepublik im damals sowjetischen Litauen zurücklassen mußte. Wir haben die Spur aufgenommen - und erste unverhoffte Zu-Fälle haben sich bereits eingestellt. Wir werden uns nicht auf sie verlassen - aber wo sie hilfreich sind, werden wir diese Hilfe nicht verschmähen. Auch der Geldbetrag, der mit der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an "Dies Kind soll leben" verbunden ist, wird uns helfen, weiterzuarbeiten. Ich denke, Helene Holzman wäre damit einverstanden.
Vielen Dank.

Reinhard Kaiser, München 27.11.2000

 

Reinhard Kaiser ist Schriftsteller und Übersetzer.

 

Die Rede ist urheberrechtlich geschützt. Wenn Sie die Rede oder Teile daraus für eine Veröffentlichung nutzen möchten, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle des Börsenvereins - Landesverband Bayern. Wir sind Ihnen bei der Klärung der Rechtefrage gerne behilflich.