Geschwister-Scholl-Preis 2000 - margarete holzman/reinhard kaiser

laudatio von ulrich herbert

Sehr verehrte Frau Holzman, sehr geehrter Herr Kaiser,
meine Damen und Herren,

„Man drang in die Wohnungen der Juden ein und trieb alle Bewohner aus den Häusern auf den Marktplatz oder in die Synagoge. Kranke, Säuglinge wurden getragen. Man sagte ihnen, dass sie andemwärts zu Arbeit benötigt und zeitweilig umgesiedelt würden, und hieß sie, die notwendigen Kleidungsstücke mitzunehmen. Auf den Straßen, Plätzen und in den Synagogen spielten sich bereits die schrecklichsten Szenen ab. Man schlug die Juden mit Knüppeln und Gewehrkolben, entriss ihnen die herbei geschleppten Sachen, trennte Kinder von Müttern, bespie und verhöhnte sie. Dann wurden sie geschlossen aus der Stadt getrieben.

An vielen Orten hatte man einige Tage vorher jüdische Ingenieure und Hilfspersonal geholt und sie unter dem Vorwand, Brunnen graben zu müssen, im Walde oder auf freiem Felde breite Gruben ausstechen lassen. Nachdem sie die Arbeit ausgeführt hatten, wurden sie an Ort und Stelle erschossen.

Zu diesen Gruben wurden die Juden geführt. Ihre Bündel mussten sie auf einen Haufen legen und ihre Oberkleidung ausziehen. So wurden sie halbnackt in Partien an den Rand der Gruben getrieben und mit Maschinengewehren erschossen. Zuerst die Kranken, Alten, dann die Kinder und Frauen, zuletzt die Männer. Verwundete wurden erstochen oder erschlagen.

Das Gemetzel währte an vielen Orten den ganzen Tag. Bevor die Reihe an sie kam, waren die Unglücklichen Zeugen, wie man die anderen abschlachtete. Wenn die Gruben, in denen die Töten in vielen Schichten übereinander lagen, voll waren, wurden die Juden gezwungen, sie zuzuschütten, nachdem man die Leichen aus .hygienischen Gründen' mit calcium chloratum bestreut hatte. Kleine Kinder wurden lebendig in die Gruben geworfen und verschüttet. Manche Männer setzten sich zur Wehr, sprangen den Exekutoren an die Gurgel und zogen sie mit in das grauenvolle Massengrab.

Die Exekuteure waren überall litauische 'freiwillige' Partisanen. Deutsche Polizei und Wehrmacht leitete und überwachte die Handlung. Wo die Litauer schlappmachten, wurden sie mit Alkohol aufgemuntert. An vielen Orten wurden die Szenen von deutschen Filmakteuren aufgenommen. Bei den Aufnahmen wurde darauf geachtet, dass nur litauische Exekuteure auf die Platte kamen. Die Deutschen bemühten sich später, den Tatbestand zu fälschen, als ob litauische Initiative in gerechter Volkswut gegen die jüdischen Ausbeuter die Gemetzel veranstaltet habe. All das geschah am helllichten Tage."

Diese Stelle aus dem Buch der deutschen Malerin Helene Holzman beschreibt eine der großen so genannten Judenaktionen in der litauischen Stadt Kaunas im September 1941. Bis Ende Oktober ermordeten die Deutschen Besatzungsbehörden auf diese Weise mehr als ein Drittel der 45.000 Juden, die in Kaunas lebten. Die Szene beschreibt den Alltag des Judenmords, wie er sich zu dieser Zeit überall in Litauen, im Baltikum, in den von den Deutschen besetzten Teilen der Sowjetunion abspielte. Sie beschreibt die unglaubliche Brutalität des Mordgeschehens, die Mordlust der Täter, das Entsetzen der Opfer. Sie beschreibt die Öffentlichkeit des Geschehens: überall Zuschauer, Fotoapparate, Filmkameras; wobei die Deutschen darauf achteten, dass nur die litauischen Hilfstruppen bei dem Mordgeschehen gefilmt würden. Aber oft war ihnen selbst das egal.

Dies alles ist weit entfernt von dem Bild des kalten, beinahe klinischen, industriellen Massenmords das in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unseren Eindruck von dem Genozid an den Juden geprägt hat. Nicht irgendwo im Osten, in abgelegenen, unzugänglichen, anonymen Vernichtungsmaschinen, fernab der Zivilisation fanden diese Massenmorde statt; sondern als apokalyptische, geradezu archaische Massaker, direkt vor der Stadt, unter aller Augen, unter Mitwirkung aller deutscher Dienststellen in Kaunas vollzog sich der Genozid, kaum 70 km von der deutschen Grenze entfernt. Wer das liest, dem müssen die beständigen Beschwörungen von dem geheimen, zeugenlosen Geschehen, jenseits der Wahrnehmbarkeit durch die Deutschen geradezu zynisch vorkommen.

Helene Holzman, geb. Czapski, geboren in Jena im Jahre 1891, Malerin aus gutem Hause, Schülerin von Max Beckmann, zieht in den 20er Jahren zusammen mit ihrem Mann, dem Buchhändler Max Holzman nach Kaunas. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, Marie und Grete. Schon vor der NS-Machtergreifung in Deutschland wird ihnen bedeutet, dass für sie „im Reich" kein Platz mehr sei, denn Max Holzman ist Jude, Helene gilt als so genannte Halbjüdin.

Im Sommer 1940 besetzt die Rote Armee Litauen. Die Buchhandlung der Holzmans in Kaunas wird geschlossen und enteignet. Tausende von Litauern werden als „Bourgeois" nach Sibirien verschickt; viele Juden darunter. Auch die Holzmans stehen auf den Deportationslisten. Soviel zur Frage der Rolle der Juden bei den Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes vor dem Abzug der Roten Armee.

Im Sommer 1941 marschieren die Deutschen in Litauen ein. Sie finden in den litauischen Nationalisten willige Helfer. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht beginnt ein barbarisches Blutbad an der jüdischen Bevölkerung. Hunderte von Juden werden von den litauischen Nationalisten gejagt und auf offener Straße erschlagen. Wenige Tage später lässt der deutsche Einsatzgruppenkommandant Jäger in einem Festungsbau in der Stadt, dem 7. Fort, 3000 jüdische Männer erschießen. Unter ihnen ist vermutlich auch Max Holzman.

Marie Holzman wird als Kommunistin verhaftet - sie war Mitglied des Komsomol gewesen und hatte in Lazaretten deutsche Soldaten besucht und versucht, sie von der Notwendigkeit der Friedens zu überzeugen. 3 Monate später wird auch Marie erschossen.
Nun versucht Helene Holzman, alles zu tun, um das Leben der jüngeren Tochter Grete zu retten - und das Leben vieler anderer. In dem unsicheren Status der „Halbjüdin" - noch dazu mit einem Juden verheiratet gewesen - ist sie selbst in größter Gefahr. Sie ist aber litauische Staatsbürgerin und von der Herkunft her Deutsche. Sie tritt selbstsicher und umsichtig auf. Das hilft ihr oft.

Helene Holzman muss mit ihrer Tochter die angestammte Wohnung verlassen; die ist zu unsicher. Aber sie kommen bei zwei russischen Frauen, den beiden „russischen Nataschas", unter, die vielen Verfolgten und vom Tode Bedrohten in dieser Stadt helfen, wo sie können. Das Risiko ist enorm: Wer Juden versteckt, den erschießen die Deutschen, und Denunzianten gibt es mehr als genug. Ein paar Freunde und Freundinnen, zum Teil aber auch vorher ganz Unbekannte, bilden allmählich ein geheimes Netz der Hilfe; fast alles Frauen - die beiden Nataschas, Helene Holzman und ihre Tochter, eine Ärztin, eine Schriftstellerin, eine deutsche Studentin aus Freiburg (die Nichte Helene Holzmans, Susanne Czapski, die als Werkstudentin nach Kaunas kommt, dort von ihrer Tante eingeweiht wird und ebenfalls hilft. Wir kennen sie heute unter dem Namen Susanne von Paczensky). Eine „kleine Verschwörergruppe", so nennt es Helene Holzman - sie schmuggeln Lebensmittel in das mittlerweile gebildete und abgeriegelte Getto, sie bieten Einzelnen Unterschlupf, versorgen sie mit Lebensmittelkarten, mit Papieren, die ein Freund, der Geiger Vocelka offenbar trefflich herzustellen weiß.

Es gelingt ihnen sogar, die Freunde der Holzmans, den Komponisten Edwin Geist und seine Frau Lyda, aus dem Getto herauszuholen und zu beherbergen. Doch vergebens. Nach ein paar Wochen wird Edwin Geist abgeholt und umgebracht. Als die Gestapo auch Lyda holen will, begeht sie Selbstmord.
Die Verhältnisse werden immer bedrohlicher, obwohl die großen Massenvernichtungsaktionen im Herbst 1941 vorerst eingestellt werden, denn die Juden werden zur Arbeit gebraucht, vor allem um den Flugplatz wieder aufzubauen. Das hatte übrigens einen besonderen Grund, von dem Helene Holzman gar nichts wusste: Die ursprünglich dafür vorgesehenen sowjetischen Kriegsgefangenen, mehr als 10.000 Mann, wurden im August und September ihrem Schicksal überlassen; der überwiegende Teil von ihnen war verhungert. Nun mussten die Juden die Arbeit übernehmen. Nur deswegen wurden nicht alle sofort ermordet.

Das Leben in der Halblegalität wird immer schwieriger und gefährlicher. Die Angst, auch abgeholt zu werden, ist täglich zu spüren und überstrahlt fast alles. Helene Holzman führt immer Gift bei sich, um nicht lebend in die Hände der deutschen und litauischen Mörder zu fallen. Umso erstaunlicher ist da der Lebensmut, die Menschlichkeit, oft sogar der Witz, mit dem die kleine Verschwörergruppe ihre mühseligen Verbindungen knüpft, langwierige Botengänge unternimmt, nach Unterkünften für die Verfolgten sucht. Aber die Aussichten sind deprimierend. Obwohl: seit der deutschen Niederlage in Stalingrad keimt wieder Hoffnung auf. Die Deutschen geraten in die Defensive. Ein Ende, ein Überleben scheint vielleicht doch möglich. Doch das Ende ist an Furchtbarkeit nicht zu übertreffen: Ende März 1944 treiben die Deutschen alle Kinder und alle Alten im Getto zusammen und ermorden sie: 1300 Menschen.

„Dann beginnt die entsetzliche Aktion: die Kinder wurden geholt. Haus für Haus kam deutsche Polizei, von Ukrainern begleitet... Alle Kinder bis zu zwölf Jahren wurden ergriffen und auf Lastautos geladen. Man zwang die Mütter, die ganz Kleinen selbst zu den Autos zu bringen. Große Polizeihunde durchschnüffelten die Wohnungen, die Böden, die Schuppen. Sie waren dressiert, die Kinder herbeizuschleppen. Frauen, die sich weigerten, ihre Kinder herauszugeben, die sich um die Lastautor drängten und ihre (Kinder) wieder herauszerren wollten, wurden niedergeschlagen, einige erschossen. Viele Mütter begehrten, mit ihren Kindern den Tod zu leiden: „Ihr Säue müsst noch arbeiten. Das Zeug hier muss weg.“
Die Kinder waren aus den Betten gezerrt worden und völlig unbekleidet. Sie wurden so roh auf die Autos geworfen, dass viele schwer verletzt wurden. Sie schrieen erbärmlich, und die Größeren versuchten zu entwischen- In diesen unbeschreiblichen Jammer ertönte von den Autos dröhnend laute Radiomusik. Noch nie hat die Welt so perfiden Zynismus gesehen... Diese Aktion wurde von Kittel geleitet, der schon bei der Liquidation des Warschauer und des Wilnaer Gettos erprobt war. Besonders tat sich dabei noch SS-Mann Heldtke hervor, der wegen seiner unförmigen Dicke allgemein bekannt war und der als Schüler des Kaunaer Gymnasiums vor der Hitlerzeit in einträchtiger Kameradschaft mit seinen Klassenkameraden gelebt hatte." (S. 262 f.)

Anfang Juli 1944 aber rückt die Rote Armee näher. Noch einmal überziehen die Deutschen die Stadt mit Schrecken: Das Kaunaer Getto, das von der SS mittlerweile in ein KZ umgewandelt worden war, wird liquidiert. Die noch lebenden Bewohner werden nach Dachau und Stutthof transportiert. Am 1. August marschiert die Rote Armee ein. In Kaunas ist der Krieg zu Ende.

Helene und Grete Holzman überleben - und Helene beginnt wenige Wochen nach der Befreiung mit der Aufzeichnung ihrer Erlebnisse, handschriftlich, in drei Kladden. Dies ist kein Tagebuch; die Verfasserin kennt den Ausgang des Geschehens. Sie kann auch die Zusammenhänge erklären, kennt die Ziele der Deutschen, die Lage der Litauer, das Schicksal der Opfer. Sie ist Augenzeugin und Historikerin des Geschehens zugleich, das verleiht den Aufzeichnungen jene einzigartige Mischung aus mitfühlender Beobachtung und kühlem Blick. Ihre Notizen zeichnen sich durch Genauigkeit und Scharfsinn aus und - bedenkt man, was sie erleiden musste - durch kaum zu fassende Differenziertheit:

(Unter den Deutschen) „gab es auch viele, die den Juden von vornherein mit dem ihnen eingeprägten Vorurteil begegneten und sich durch keine Einsicht davon abbringen ließen. Aber solche waren unter den Soldaten viel seltener,... während die Häupter der Zivilverwaltung wahre Untiere waren, die in ihrer Überheblichkeit im Laufe der drei Okkupationsjahre nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die Litauer die schwersten Verbrechen begingen" (65)
„Die deutschen Soldaten brüsteten sich. Die Länder, in die sie schreiten, legen sich ihnen zu Füßen. Sie beschlagnahmen die Ernten, plündern die Warenlager der Städte, schlagen die Wälder, versklaven die Bevölkerung. Sie sind unwiderstehlich, und dennoch, dennoch - von Anfang an war zu fühlen, dass dieser blendende Aufbau einen Konstruktionsfehler hatte. Es fehlte etwas in seinen Maßen. Dem Fundament wart nicht zu trauen. Der hörige Glaube an die Unfehlbarkeit des Regimes, die maßlose Überheblichkeit gegenüber allen anderen Völkern und nicht zuletzt ihr wahnwitziger Antisemitismus - aus dem allen konnte und konnte am Ende nichts Gutes hervorgehen." (78)

Sie beschreibt die Litauer - Opfer und Täter zugleich; viehische Totschläger darunter, aber auch Verzweifelte, denen man alles genommen hatte. Aber auch viel Naivität, Opportunismus, Desinteresse.
Vor allem aber bekommen die Opfer Gesichter, Lebensgeschichten, Individualität.

„Vorübergehend übernachteten noch andere bei uns, einige Wochen ein rührendes kleines Mädchen. Es war von einer Stelle zur anderen gebracht worden, und seine seelischen Hemmungen wirkten sich so auf ihren armen Körper aus, dass es eine schwere Verstopfung bekam, der man mit keinem Klistier und Abführmittel beikommen konnte. Mit seinem bleichen Gesichtchen, dem aufgetriebenen Leib und dem harten jüdischen Tonfall, mit dem es litauisch sprach, wäre es jedem verdächtig geworden. Man konnte es nur in der Stube halten, wo es keine Besserung seiner Leiden gab. Und schließlich mussten wir auch seinen Stolz, das einzig Schöne, was es an sich hatte, seine dicken, hellbraunen Zöpfe abschneiden und den Kopf gründlich mit Sabadilessig und Petroleum behandeln."

Wer dieses Buch gelesen hat, dessen Blick auf unsere Geschichte verändert sich. Das von uns, den Historikern, oft genug gezeichnete Bild eines abstrakten Mordapparats, mit schneidigen Bürokraten vom Schlage der Heydrichs, Eichmanns und Dr. Dr. Raschs - es rückt hier weit weg. Ob die Mörder die Uniform der SS, der Polizei oder der Wehrmacht trugen - der Streit darum erscheint wie ein merkwürdiges deutsches Sonderproblem. Die Angst, die Verzweiflung der Opfer, die Menschlichkeit derer, die ihnen zu helfen versuchten, sie stehen im Mittelpunkt. Um so klarer wird dadurch der Blick auf die Täter.

Wir haben uns in Deutschland sehr schwer getan, die Opfer des Genozids zur Kenntnis zu nehmen: als Individuen, als Mütter, Väter, Kinder - nicht als Zahlen in den Erfolgsberichten der Mordkommandos. Unser Geschichtsbild ist auf uns selbst fixiert, auf die Frage, wie konnte das geschehen, wer waren die Täter, was trieb sie? Wie konnte uns das passieren, so könnte man diese Fragen zusammenfassen. Sie sind legitim, aber sie reichen nicht aus. Wenn wir nicht die Perspektive derjenigen kennen, die das erleiden mussten, ihr Leben - nicht nur ihren Tod, so wird der Genozid ein abstraktes und immer weniger verstehbares Geschehen bleiben.

Aber mir scheint auch, dass sich dies zu verändern beginnt. Viktor Klemperers Tagebücher sind ein Beispiel dafür; Marcel Reich-Ranickis Memoiren ein weiteres - deren Kapitel über das Leben und Sterben im Getto Warschau die Wahrnehmung des Holocaust bei vielen Deutschen verändert hat, und zwar auch bei solchen, die sich für Geschichte und für diese Geschichte sonst nicht interessieren.

Und nun dieses Buch, das einen nicht mehr verlässt. Nicht nur wegen des unfassbaren, das darin geschildert wird, sondern auch weil man die Holzmans und die beiden Nataschas, Edwin und Lyda, Frau Binskis, Fruma, Dolly, Ilse Kaufmann und all die anderen nicht mehr vergessen kann - Menschen mit Eigensinn und Fehlern, mit unterschiedlichem Schicksal - Menschen, an die man sich erinnern kann. Ganz unheroische Menschen dazu, verzweifelt oft, und doch sind sie in der Lage, zu helfen, wo sie können - mit Bedacht und Umsicht, zielsicher und ohne Aufhebens. Dieses Buch ist auch ein Denkmal für all diejenigen, die den Verfolgten halfen und Juden vor ihren Verfolgern retteten. Es gibt nicht viele Denkmäler für diese Helfer, in Deutschland wie anderswo.

Mehr als 50 Jahre lang blieben die drei Kladden unveröffentlicht, bis Reinhard Kaiser das Manuskript fand - bei Grete Holzman in Göttingen, und am Ende des Buches erzählt er die Geschichte dieser Begegnung. Dass dieses Buch nun vorliegt, ist nichts anderes als ein Glücksfall. Und man muss Grete Holzman, Reinhard Kaiser und dem Schöffling-Verlag dafür dankbar sein, dass sie dieses Buch publiziert und überdies so glänzend ediert haben. Wir brauchen mehr von solchen Büchern, die die Geschichte unserer Vergangenheit aus dieser Perspektive erzählen. Es gibt solche Aufzeichnungen, Notizen, Tagebucheintragungen, Erinnerungen; in Englisch, Russisch, Jiddisch, Litauisch, Polnisch, Hebräisch, Ungarisch. Aber oft genug eben nicht in Deutsch.

Wir brauchen aber auch mehr Historiker, die diese Perspektive in ihre Darstellungen aufnehmen - oder wollen wir uns ewig weiter darüber unterhalten, ob es nun Herr Hitler war oder die politische Struktur des Regimes oder gar der Rekurs auf die bolschewistischen Verbrechen, die für das Unheil verantwortlich sind?

Im vergangenen Jahrzehnt, in den letzten Jahren zumal, hat das Reden über die NS-Vergangenheit, über das richtige und falsche Gedenken, über öffentliche Erinnerung, symbolische Repräsentanz in Deutschland ein Ausmaß angenommen, dass man oft den Eindruck gewann, der Holocaust sei zum bloßen Medium der kulturellen Diskurse und zum Signum der politischen Klasse regrediert. Der Bezug auf die NS-Zeit ist so oft zur kleinen Münze verkommen, die Feuilletonisierung des Geschehens schützt uns wohl auch vor der allzu großen Präsenz und Aufdringlichkeit des Vergangenen. Man soll das nicht nur schelten, ist es doch meist gut gemeint, wenn auch der penetrant didaktische Duktus der Diskussionen, die immer nur auf andere zeigen, verstört.

Das Geschehen selbst aber droht sich unter der Last seiner Indienstnahme zu verflüchtigen, und manchmal ist es schwer geworden, sich vor lauter wirklichen und künstlichen Debatten über Aspekte der Vergangenheitsbewältigung, über Ausstellungen und Denkmale mit den Massakern im 7. Fort, der „Kinderaktion" von Kaunas, der Räumung des Ghettos Wilna, dem Aufstand im Warschauer Ghetto selbst zu beschäftigen.

Weder die Liturgisierung noch die symbolische Repräsentation des Genozids vermittelt aber die Aufklärung, die wir benötigen. Der Holocaust ist weder durch knappe Formeln erklärbar noch auf wenige politische Lehren zu reduzieren. Das Bedürfnis nach Aufklärung kann nur durch die direkte, die individuelle Auseinandersetzung mit dem Geschehen selbst gestillt werden - durch Bücher wie dieses: die Aufzeichnungen der Helene Holzman.

Ulrich Herbert, München 27.11.2000

 

Prof. Dr. Ulrich Herbert ist Historiker. Er ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

 

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