Geschwister-Scholl-Preis 2001 - arno gruen

dankesrede von arno gruen

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Mitglieder des Preis-Komitees,
sehr geehrter Herr Rektor, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Vorsitzende, sehr geehrter Herr Hirsch,

ich werde mich kurz fassen. Ich fühle mich stolz und geehrt, heute den Geschwister-Scholl-Preis zu erhalten.

Für mich waren Sophie und Hans Scholl und ihr Freundeskreis immer außergewöhnliche Beispiele für Menschen, die aus ihrem Herzen heraus das Menschsein zum Kern ihres Seins machten. Ihr grundsätzliches Vertrauen zum Menschsein entsprang nicht ideologischen Ursachen, sondern kam aus tieferen Quellen ihres Mitgefühls sowie ihres Gefühls für Gerechtigkeit und Würde.

Sie waren wahre Helden, die aus sich heraus und ohne äußere Unterstützung kämpften. Ihre Unruhe kam, wie die von Primo Levi, aus der Scham, dass es Menschen waren, die das Ungeheure erdachten und ausführten und die damit das Vertrauen von Mensch zu Mensch zunichte machten.

Auch heute, vielleicht mehr denn je, sind wir gefragt, dieses Vertrauen aufrecht zu erhalten, in einer Welt, in der Hass und die Ketten eines materiellen Überflusses für manche dazu führen, das Leiden anderer nicht mehr wahrzunehmen. In einer Welt, in der die Maschinerie der Image-Fabrikanten in Politik und im allgemeinen gesellschaftlichen Leben zur bestimmenden Wirklichkeit erhoben wird, sind der Verlust des Selbst und der Tod der Liebe nicht mehr zu erkennen. Nur die Jagd nach Ruhm und der globalisierte Hass sind zur Stütze des Lebens geworden.

Wir brauchen heute Menschen wie Sophie und Hans Scholl. Um die Aussage eines ihrer Flugblätter mit ihren eigenen Worten zu umschreiben: Man kann sich mit dem gängigen Ethos über Krieg, Rache und Eroberung nicht geistig auseinander setzen, weil es ungeistig ist. Die Sprache, die von Krieg und Vergeltung spricht, mag sich geistig gesund anhören. In ihrer Ignoranz von Ohnmacht, Elend und Demütigung ist sie jedoch völlig von wahren Gefühlen und der tatsächlichen Realität getrennt.

Was uns im Grunde vor Augen geführt wird, sind Macht und Größe als Ersatz für wahre menschliche Beziehungen. Aber es geht darum, für die wirklichen Bedürfnisse der Menschen zu kämpfen, wirkliches Elend, wirkliche Armut und die Ausgrenzung und Entwürdigung von ganzen Bevölkerungsgruppen zu unterbinden. Nur so werden Terror und Gewalt Einhalt geboten. Nur so werden wir es möglich machen, ein Leben, das demokratisch und lebendig ist, aufrecht zu erhalten.

Arno Gruen, München 12.11.2001

 

Arno Gruen ist Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker.

 

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