Geschwister-Scholl-Preis 2002 - raul hilberg

dankesrede von raul hilberg

Zweierlei Widerstand

Ich habe gegrübelt, worüber ich heute Abend in meiner Danksagung sprechen könnte, und in diesen Überlegungen drängte sich ein einziger Gedanke voran: die Bedeutung des Widerstandes. Zwei blasse Leichen junger Leute, die hier ihr Leben ließen, kamen mir nicht aus dem Sinn. Mit ihnen ist der Geschwister-Scholl-Preis verbunden, und das ist das Thema, das jedes andere verdrängt.

Nun bin ich von Haus aus Akademiker und fragte mich immer wieder, aus welchen Erwägungen in der damaligen Zeit irgendein Widerstand überhaupt zu Stande kam. Eines wissen wir: Die Teilnehmer waren sich im Klaren, was sie zu tun hätten, und das ist überall bemerkbar, von der Atlantikküste bis zur Front in Russland, doch gab es in diesen Strömungen zwei grundverschiedene Gruppen. Die einen hatten naheliegende Ziele und erhofften einen praktischen Erfolg. Die anderen blickten in die weiteste Ferne und achteten auf ein inneres Gebot.

Die Praktiker wählten wirkungsvolle Handlungen, wie etwa die Sabotage oder einen Streik, eine Zermürbung der Besatzung oder die Aufrechterhaltung der eigenen Kraft im Kampf mit dem Feind. Längst bekannt in dieser Gruppe sind uns die Partisanen. Oft wurden sie von den Alliierten unterstützt und sogar als einen Teil der Kriegsführung hinter den deutschen Linien betrachtet. Zuletzt beherrschten sie manche Gebiete mit Feldern und Dörfern, die sie verteidigen konnten und wo sie vielmals bis zur Ankunft alliierter Armeen ausharrten.

Leicht war ein solcher Widerstand allerdings nicht. Der Aufstand der Polen in Warschau scheiterte 1944, und der Untergrund in Buchenwald konnte 1945 weder die Todesmärsche verhindern noch sich selbst befreien. Man vergesse auch nicht, dass die Befürworter des Widerstands fast immer und fast überall eine Minorität in ihrer eigenen Umwelt waren, denn die breite Bevölkerung, insbesondere in den okkupierten Gebieten, fürchtete die unmittelbar folgenden Repressalien mehr als die fortbestehende Unterdrückung. Besser das andauernde Leiden als der sofortige Tod. Derartige Schlussfolgerungen bewirkten auch, dass in Deutschland die jüdische Reichsvereinigung und in Holland der Joodsche Raad allen deutschen Anweisungen mit peinlicher Genauigkeit Folge leisteten, um, wie man sich ausdrückte, "schlimmeres zu verhüten." Schon deshalb waren in einem solchen Rahmen etwaige Versuche, sich zu wehren oder irgendwo durchzugreifen, die Ausnahmen.

In Belgien waren es drei Jungen, ein Jude und zwei nichtjüdische Freunde, die einen nach Auschwitz fahrenden Sonderzug mit einer Laterne aufhielten, Türen von drei Waggons aufrissen und 231 Juden befreiten, von denen 205 überlebten. In Polen waren die Hindernisse viel größer. Dort drangen eines Tages jüdische und nichtjüdische Partisanen der kommunistischen Gwardia Ludowa in das Judenarbeitslager Janiczow ohne Schwierigkeiten ein, da es ja nur von einem jüdischen Ordnungsdienst bewacht wurde. Von 295 Insassen flüchteten 131. Doch waren sie nun erst recht vogelfrei, und die meisten fanden in den umliegenden Ortschaften keine Zuflucht. Man denke nur an die Todesstrafe für Polen, die Juden beherbergten. So wurden die Flüchtlinge aus Janiczow von deutschen Polizisten aufgegriffen und erschossen. Und im Bialystok Ghetto, wo jüdische Aufständische am Tage einer Deportation einen Zaun mit Maschinengewehrfeuer umstürzten, um der bereits zusammengepferchten Masse von zwanzigtausend Menschen zur Flucht zu verhelfen, brach in der Menge eine Panik aus, und die Erschrockenen schrieen: "Wozu schießen diese Banditen? Sie bringen uns Unglück!"

Zumindest aber hatten alle, die ihre Aufgabe strategisch vorbereiten konnten, einen gewissen Spielraum. Sie wogen ihre Chancen ab. Sie konnten, je nach Beurteilung der Lage, losschlagen, warten oder weichen, und allerorts waren ihre Gedankengänge ausgesprochen konkret.

Anders war es in der Entschlussbildung solcher Leute, ob Christen oder Juden, die der Gewalt aus reiner Überzeugung entgegentraten. Sie fragten sich nicht, um welche Zeit oder unter welchen Umständen ein Widerstand günstig wäre, weil sie den Moment erkannten, in dem sie aus inneren Antrieb handeln mussten. Der Dompropst Bernhard Lichtenberg in Berlin betete öffentlich für die Juden, als die Deportationen 1941 anfingen. Die Geschwister Scholl bereiteten ihre Flugblätter 1942 und 1943 vor, als der Krieg bei weitem noch nicht zu Ende ging. Zur gleichen Zeit planten die Mitglieder der Jüdischen Kampforganisation in Warschau ihre bewaffnete Verteidigung und sicherten absichtlich keinen Fluchtweg aus dem Ghetto. Diese Beispiele zeugen von einem Widerstand, der nicht ein Mittel zum Zweck war, sondern der Zweck als solcher.

Was hätte man damals diesen selbstlosen Personen geraten? Begreifen konnte man sie kaum. Nüchtern, logisch - geschweige realistisch - erschienen sie nicht. War daher ihr Bemühen letzten Endes nur eine Geste? Was konnte man auch mit einem Gebet ausrichten? Was nützte in so einem diktatorischen Staat ein Flugblatt? Und wie konnte ein aussichtsloser Kampf in dem abgeriegelten Ghetto von Warschau auch nur einen Menschen retten?

Umgekehrt hatten die Widerstandskämpfer, die sich aufopferten, keine Vorstellung davon, wie man sie eines Tages feiern würde. Lichtenberg konnte sicherlich nicht seine Seligsprechung vorausahnen. Der vierundzwanzig Jahre alte Leiter der jüdischen Ghetto-Revolte in Warschau, Mordechai Anielewicz, hätte vom Erscheinen seines Bildnisses auf einer israelischen Briefmarke nicht einmal träumen können. Die Geschwister Scholl konnten sich einen Abend wie diesen schon gar nicht vorstellen. Und doch kam es dazu.
Warum?

Verehrte Zuhörer, Sie wissen genau wie ich, was die Antwort ist. Einfach gesagt, diejenigen, die sich aus Prinzip gegen das Nazi-Regime auflehnten, sind jetzt unsere ganz besonderen Wegweiser. Sie zeigen uns, was wir am höchsten werten sollen und wie wir uns im äußersten Notfall zu verhalten haben. Das hatten schon die alten Propheten gelehrt, und das ist noch heute so.

Ich danke Ihnen für diesen Preis, der die Namen von zwei außergewöhnlichen Bürgern München trägt.

Raul Hilberg, München 02.12.2002

 

Raul Hilberg, Historiker und Holocaust-Forscher, hat eines der wenigen Standardwerke über den Holocaust geschrieben, "Die Vernichtung der europäischen Juden".

 

Die Rede ist urheberrechtlich geschützt. Wenn Sie die Rede oder Teile daraus für eine Veröffentlichung nutzen möchten, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle des Börsenvereins - Landesverband Bayern. Wir sind Ihnen bei der Klärung der Rechtefrage gerne behilflich.