Preisträger 2003

mark roseman

Geschwister-Scholl-Preis 2003, Roseman, CoverMark Roseman
"In einem unbewachten Augenblick
Eine Frau überlebt im Untergrund
"

aus dem Englischen von Astrid Becker

Aufbau-Verlag
Berlin 2002
583 Seiten, € 25.00
ISBN 3-351-02531-9

 

Die Verleihung

Am 24. November 2003 nahm Mark Roseman in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München den Preis entgegen. Oberbürgermeister Christian Ude und Rosemarie von dem Knesebeck, Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde.

Die Laudatio hielt der Regisseur, Schriftsteller und Schauspieler Imo Moszkowicz. Geschwister-Scholl-Preis, Verleihung

 

v.l.n.r.
Imo Moszkowicz, Prof. Mark Roseman, Dr. Rosemarie von dem Knesebeck, Christian Ude

 

Foto: Christine Strub

 

Die Begründung der Jury

„Mark Roseman macht in seinem Buch ’In einem unbewachten Augenblick’ in exemplarischer Weise deutlich, dass es couragierten Deutschen auch im nationalsozialistischen Terrorsystem möglich war, Verfolgten beizustehen, die ohne fremde Hilfe trotz heldenhaften eigenen Widerstandes nicht überlebt hätten. Damit erinnert er an das Vermächtnis der Geschwister Scholl, in deren Namen der Preis verliehen wird.

Das Buch erzählt die Geschichte der 1923 geborenen deutschen Jüdin Marianne Strauß aus Essen, die im August 1943 unmittelbar vor der Deportation ihrer Eltern und ihres Bruders durch die Gestapo untertauchte. Selbst der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgeliefert, brachte Marianne Strauß schon vor diesem Schritt ins Ungewisse große Zivilcourage auf. Sie half anderen, etwa ihrem bereits in den Osten deportierten Verlobten und dessen Familie. Doch nicht allein ihrem ungewöhnlichen Mut und Einfallsreichtum ist es zu danken, dass Marianne Strauß den Nationalsozialismus im Untergrund überlebte. Sie fand Helfer, vor allem immer wieder Unterschlupf bei zahlreichen Mitgliedern der von Artur Jacobs begründeten Organisation: "Bund. Gemeinschaft für sozialistisches Leben", deren Wirken Mark Roseman erstmals ausführlich darstellt.

Die Familie von Marianne Strauß, ihr Verlobter und dessen Familie wurden ermordet, ihre Hoffnungen auf einen Neubeginn in Deutschland enttäuscht. Marianne Strauß ging 1946 nach Großbritannien, heiratete einen britischen Offizier und führte ein unauffälliges Leben als Ehefrau und Mutter. Ihre außergewöhnliche Geschichte, festgehalten in einer großen Fülle von Tagebüchern, Briefen und Dokumenten, blieb ein halbes Jahrhundert unerzählt. Mark Roseman hat Marianne Strauß-Ellenbogen bis zu ihrem Tode 1996 beharrlich und einfühlsam motiviert, erste wichtige Stationen ihres Lebens freizugeben. Nach ihrem Tod hat er – mit Hilfe und Einwilligung des Sohnes – ihre Biographie in detektivischer Recherche Schicht um Schicht freigelegt und vermittelt sie mit überzeugender erzählerischer Intensität.

Marianne Strauß hatte sich auf diese schmerzliche Konfrontation mit der Erinnerung nur deshalb eingelassen, um ihren bis heute unbekannten Helfern ein Denkmal zu setzen: Es gab Deutsche, die sich ihre Menschlichkeit bewahrt hatten und die deshalb Möglichkeiten suchten und fanden, verfolgten jüdischen Bürgern zu helfen.“

 

Mark Roseman

Geschwister-Scholl-Preis 2003, Roseman, Portraitgeboren 1958 in London, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität von Southampton.
Für die englische Originalausgabe "The Past In Hiding" von "In einem unbewachten Augenblick" bekam er eine Reihe bedeutender Preise, darunter 2000 den Fraenke Prize für das beste historische Werk, der von der Wiener Library, London vergeben wird und 2001 den Wingate Prize für das beste Sachbuch. "The Past In Hiding" wurde außerdem 2000 als Book of the Year vom Sunday Telegraph und Observer vorgeschlagen. Mark Roseman gewann außerdem zahlreiche Stipendien, u.a. für ausgedehnte Recherchereisen in Deutschland. Als Publizist und Wissenschaftler arbeitet er seit Jahren im Bereich der Quellenforschung und analysiert den Stand der historischen Forschung zur NS-Bürokratie, wie unter anderem in seiner Publikation zur Wannsee-Konferenz.

 

Das Werk

In einem unbewachten Augenblick erzählt die Geschichte der Marianne Strauß, der 1923 geborenen Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Essen. In jenem unbewachten Augenblick gelang es ihr unterzutauchen, als ihre Familie von der Gestapo abgeholt wurde. Vor allem mit Hilfe der weitgehend unbekannt gebliebenen Organisation „Bund“ gelang es ihr, im Untergrund versteckt, in Deutschland den Zweiten Weltkrieg zu überleben.

In seinem Buch entwirft Roseman ein komplexes Bild von Mariannes Leben, das er aus immer neuen Facetten behutsam zusammensetzt. Dabei stellt er immer wieder seine Rolle als Historiker auf den Prüfstand.

 

Die Mitglieder der Jury 2003

Ulrich Chaussy, Sabine Dultz, Ingeborg Harms, Gert Heidenreich, Prof. Dr. Hans-Günter Hockerts, Susanne Höhn, Dr. Heribert Prantl, Elke Schmitter und Dr. Gustav Seibt

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