Geschwister-Scholl-Preis 2003 - mark Roseman
Ansprache von rosemarie von dem knesebeck
Magnifizenz, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Professor Roseman, sehr geehrter Herr Moszkowicz, meine sehr verehrten Damen und Herren,
Der Grundstein ist gelegt. Jüdisches Leben in München soll wieder
ins Stadtbild integriert werden und damit an Normalität zurückgewinnen.
Die glücklicherweise rechtzeitig aufgedeckten Pläne von Neo-Nazis,
die Grundsteinlegung des Jüdischen Gemeindezentrums mit einem Blutbad
enden zu lassen, waren ein Fanal. Es verhallte.
Pöbel und Politik: Der Bundestagsabgeordnete Martin H. prägte das
Unwort vom „Tätervolk“ der Juden, ein Bundesgeneral applaudiert öffentlich.
Sprache als Sprengstoff - Worte als Dumdum-Geschosse. Was damit zerstört
wird, ist genau jene Normalität, auf die wir mit dem Neubau des Jüdischen
Gemeindezentrums alle hoffen. Der Pöbel ist vorübergehend in Gewahrsam,
der General bezieht Pension und der Politiker wird aus der CDU-Fraktion ausgeschlossen.
Wachsamkeit gegenüber Sprache ist notwendig und muss Konsequenzen haben.
Warum neigt man in diesem Land mehr und mehr dazu, Sprache geringzuschätzen,
das gesprochene wie das geschriebene Wort zu mißachten? Glauben wir
nur noch an die Macht der Bilder? Unzählige Talkshows haben zu einer
Inflation der Wörter geführt. Man läßt reden und schaut
zu. Dies birgt die Gefahr, auch irgendwann denken zu lassen, anstatt sich
selbst mit der Gegenwart und mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen.
Fast vergessen ist heute, daß Bayerns erster Ministerpräsident
von Beruf Schriftsteller war. Er, der den Grundstein für den Freistaat
Bayern gelegt hat, wurde von einem Rechtsradikalen auf offener Straße
erschossen. Graf Arco hatte Kurt Eisner beim Wort genommen. Das war 1919.
Warum gilt 2003 das Wort vom „Tätervolk“ nicht als Waffe,
deren Munition an unzähligen deutschen Stammtischen, in Sportheimen
und Kantinen nur darauf wartet, geladen zu werden?
Schönhuber, Haider und Schill schwangen ihre populistischen Reden zu
einer Zeit, als die heutige Krise in Wirtschaft und Politik nur wenigen bewußt
war. Der Deutsche Michel war satt, jetzt hat er Angst. Das ist gefährlich.
Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus drohen, ein weiteres
Mal in Deutschland gesellschaftsfähig zu werden. Dem muß jeder
Einzelne von uns, dem müssen wir im Namen von Hans und Sophie Scholl
entgegentreten. Ungeachtet unterschiedlicher Religionen, verbindet uns alle
in diesem Saal ein Glaube – der Glaube an die aufklärerische Kraft
des Wortes.
Dieser Glaube war es auch, der unseren diesjährigen Preisträger
Mark Roseman, das Leben einer mutigen Frau, das Leben der jungen Jüdin
Marianne Strauß, anhand von Gesprächen, Briefen und Archivalien
erzählen ließ: „In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau
überlebt im Untergrund.“ Das schreit nach Bühne, schreit
nach Zelluloid. Stoff für George Tabori, Stoff für Margarethe von
Trotta und auch für unseren Laudator Imo Moszkowicz. Doch der britische
Historiker Mark Roseman schrieb kein Drehbuch, kein Filmszenario, sondern
ein Buch - ein Buch mit knapp 600 Seiten. Roseman baut auf die Sprache, setzt
auf Sprachbilder, um Historie anschaulich zu machen. Dabei liest sich eine
seiner Zwischenüberschriften wie das Motto zu Rosemans Lebensbild der
Marianne Strauß: „Vernunft und Gefühl“. Diese Mischung
aus Hirn und Herz ließ seine Protagonistin vom Untergrund aus dem Staatsterror
der Nazis Widerstand entgegensetzen. Auf einer Ebene erzählt unser Preisträger
von der Verhaftung der Familie, vom
„unbewachten Augenblick“, der die junge Jüdin untertauchen
und überleben lässt; auf einer zweiten Ebene reflektiert Roseman
seine Quellen - mündlich Überliefertes und Schriftstücke.
Vernunft und Gefühl leiteten auch sein Erkenntnisinteresse: Wie verändert
sich ein Mensch, der im Untergrund einem totalitären System trotzt?
Gerade die leidenschaftliche Subjektivität des Geschichtsprofessors
Roseman objektiviert beispielhaft seine Lebensgeschichte einer couragierten
Frau. Mündliche Aussagen und Dokumente konfrontierend, wird er zum Interpreten
von Geschichte. Sein heute prämiertes, im Aufbau-Verlag erschienenes
Buch „In einem unbewachten Augenblick“ ist mehr als eine weitere
Veröffentlichung zum Thema Holocaust: Es reflektiert Sprache und interpretiert
sprachlich ein Kapitel europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Aber – es reflektiert auch die Geschichte von Erinnern und Vergessen.
Und noch mehr, es enthüllt im Kleinen wie schon Victor Klemperers Tagebücher „die
Komplexität der Beziehungen Deutschlands zu seinen Juden“, wie
Roseman in seinem Vorwort aufzeigt.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich über die diesjährige
Entscheidung der Jury besonders glücklich bin. Ausgezeichnet wird mit
dem Geschwister-Scholl-Preis 2003 nicht nur eine historische Dokumentation,
sondern auch ein sprachliches Kunstwerk, das auf das Medium Buch vertraut.
Das Buch als Medium ist gefährdet. Vorüber sind die Jahre enthusiastischer
Neugründungen von Zeitschriften- und Buchverlagen, vorbei die Zeiten,
als in Berliner Kneipen die Tür aufging und Studenten Raubkopien von
Büchern angeboten haben. Wir haben als Verband diesen Betrug an Autoren,
Buchhändlern und Verlegern stets bekämpft, bezeichnend ist jedoch,
daß er sich längst ins Internet verlagert hat. Ein Buch aber wie
Mark Rosemans „In einem unbewachten Augenblick“ läßt
sich nicht einfach „ins Netz“ stellen und „runterladen“.
Was hier an „Vernunft und Gefühl“ der Marianne Strauß
formuliert wurde, paßt nicht auf den Monitor, sondern verlangt nach
den Seiten eines Buches – will „begriffen“ sein.
Im Jahr 1980 wollte der Verband Bayerischer Verlage und Buchhandlungen
sein hundertjähriges Bestehen mit einem neuen Literaturpreis feiern.
Gemeinsam mit der Landeshauptstadt München wird seitdem jährlich
der Geschwister-Scholl-Preis vergeben. Es ist ein Buch-Preis für Schöne
Literatur, von der Lyrik bis zum Essay, aber auch ein Preis an Autorinnen
und Autoren von Sachbüchern. Dabei spricht es für Mark Rosemans
Buch, daß es „grenzüberschreitend“
zwischen Schöner Literatur und Sachbuch steht. Vor allem aber entspricht
es ganz und gar den inhaltlichen Vorgaben unseres Preises, an das Vermächtnis
der Geschwister Scholl zu erinnern, geistig unabhängig und geeignet
zu sein, „moralischen, intellektuellen Mut zu fördern und dem
verantwortlichen Gegenwartsbewußtsein wichtige Impulse zu geben.“
„Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband
Bayern“, so der neue Name unseres Verbandes, und die Stadt München
haben mit dem Geschwister-Scholl-Preis einen weltweit einzigartigen Preis ins
Leben gerufen. Wir verdanken es den Preisträgern der letzten zwanzig Jahre,
daß dieser politisch gedachte Buch-Preis in der Menge vorrangig literarisch
ausgerichteter Ehrungen zugleich zu einem der angesehensten deutschen Literaturpreise
geworden ist. Daß dazu auch der Geschwister-Scholl-Preis 2003 beitragen
wird, verdanken wir Mark Rosemans „The Past in Hiding“, aber auch
seiner Übersetzerin Astrid Becker, die das englische Original in bestes
Deutsch übertragen hat. „In einem unbewachten Augenblick“
– Schöne Literatur und Sachbuch in einem – fordert und fördert
als sprachliches Kunstwerk den „moralischen“ und
„intellektuellen Mut“, den wir für die Zukunft brauchen,
um uns Abgeordneten wie Martin H. zu widersetzen.
Das erste Buch von Erich Fried trägt den Titel „They fight in
the dark“ und erzählt vom Widerstand junger Österreicher
in Großbritannien. Einer dieser jugendlichen Antifaschisten war Erich
Fried selbst. In seinen ersten Gedichtband schrieb er deshalb die Widmung
„Kunst und Menschlichkeit helfen viel überwinden – vielleicht.
London 1944“.
Es gibt keine Gewißheit, daß Kunst und Menschlichkeit helfen,
viel zu überwinden. Ein Zweifel bleibt, doch die Hoffnung ist stärker
und deshalb danke ich im Namen des „Börsenvereins des Deutschen
Buchhandels – Landesverband Bayern“ Herrn Professor Roseman für „In
einem unbewachten Augenblick“ und gratuliere ihm zum Geschwister-Scholl-Preis
2003.
Rosemarie von dem Knesebeck, München 24.11.2003
Rosemarie von dem Knesebeck war von 2000 - 2006 Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und ist Geschäftsführerin des Knesebeck Verlags in München.
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