Geschwister-Scholl-Preis 2003 - Mark Roseman

laudatio von Imo moszkowicz

Lieber Mark Roseman,

im August 1997 schrieben Sie mir, dass sich herausgestellt habe, dass mein Leben einige verblüffende Querverbindungen mit dem Leben von Frau Ellenbogen aufweist, und dass Sie hoffen, dass mich ein paar Fragen dazu nicht zu sehr belästigen.

Marianne Ellenbogen kannte ich nur unter dem Namen Marianne Strauß, und es ist mir sicherlich gestattet, dass ich mich in meiner Laudatio an diesen Namen halte und lediglich anmerke, dass die Namensgleichheit zur einstigen bayrischen Landesmutter nur eine rein zufällige ist.

Noch eine Querverbindung gibt es, schrieben Sie mir: Marianne ist 1943, als die Familie schließlich doch abgeholt wurde, in den Untergrund gegangen und wurde durch eine wenig bekannte Gruppe geschützt, die sich DER BUND nannte. Über diese Gruppe lernte Marianne Hanna Jordan kennen, die ebenfalls für eine Zeitlang von Angehörigen dieser Gruppe versteckt worden war.

Diese Hannah Jordan ( auch an den Münchener Staatstheatern keine Unbekannte ) ist - über Jahrzehnte hin - meine Bühnen- und Kostümbildnerin gewesen.

Sie befragten Hannah, befragten mich, sowie ca. 40 andere, die Marianne Strauß kannten, bereisten spurensuchend nahezu die ganze Welt.

Mich zogen Sie mit Ihren Fragen in eine Zeit zurück, zu der ich mich nicht mehr äußern wollte, denn ich hatte mir souffliert, dass die Welt mittlerweile genug von der Unbegreiflichkeit der Jahre zwischen 1933 und 45 weiß, und dass es nicht angehen kann, dass diese Schrecklichkeit, die mir meine Mutter und sechs Geschwister und meine Jugend weggerissen hat, jetzt, da mein letztes Jahrzehnt eingeläutet ist, durch eine erinnernde Rückkehr mich auch dieser Jahre beraubt. Denn: Erinnerung ist nicht nur das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann – wie ein mir zu weiser Rabbi tröstend behauptet - sie ist zugleich auch die allerquälendste Hölle. Mein Vorsatz vor keinem Mikrophon, keiner Kamera, keinem Bleistift mehr mich in diese Vergangenheit zurückziehen zu lassen, war schon aus einem einzigen Grund nicht haltbar: Wir, die Opfer, dürfen niemals aufhören das hohe Lied derjenigen zu singen, die in unserem Lande die Kühnheit hatten ihre Mitmenschlichkeit zu bewahren.

Sie schrieben mit detektivischer Akribie die - wie eine Räuberpistole anmutende - Geschichte der Marianne Strauss, malten zugleich ein Zeitbild genauester Art. Immer begleitete Sie die Sorge, dass Ihr Buch niemals wird zu Ende geschrieben werden, und es war unfertig, als Marianne Strauß im Dezember 96 verstarb. Und doch wurde dieses beachtliche Buch daraus, weil Sie, wie Sie schreiben, ein Stück Geschichte zu Papier bringen wollten, die schmerzliche Geschichte von Erinnern und Vergessen.

Und Sie taten das mit bewundernswerter Genauigkeit, setzen aus den oftmals blassen Steinchen des Erinnerns ein zeitliches Mosaik zusammen, das selbst demjenigen der das Glück hatte diese Zeit nicht miterlebt haben zu müssen, ein unverzerrtes Bild vermittelt.

Dafür werden Sie heute mit dem GESCHWISTER SCHOLL-PREIS geehrt, weil Ihr Buch - im weitesten und wohl auch naheliegendsten! - Sinn an das Vermächtnis der Geschwister Scholl und all derer gemahnt, die für ihre unbeugsame Haltung ihre Leben lassen mussten.

Hatte Sie nicht der Holocaust und das schreckliche Mysterium, das ihn umgab, Historiker werden lassen?

Sie sind in London geboren, in Leeds als Sohn reformierter jüdischer Eltern aufgewachsen, und wie man so sagt: bürgerlicher Herkunft. Sie promovierten an der Universität Warwick. Ihre Mutter hatte es mit einem Preisstipendium zum Studium nach Oxford gebracht, Ihr Vater, ein studierter Naturwissenschaftler, unterrichtet an der Uni Logistik. Ihre Eltern leben in Bournemouth, an der Südküste, weil das der einzige Ort in Großbritannien mit vernünftigem Wetter sei, wie Sie anmerken, Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder lebt im entfernten Kanada. Sie haben drei Kinder, sind seit 1990 geschieden, und ziehen bald (wie sie mir anvertrauten) der Liebe wegen in die Staaten.

Mit einem 'Gut Glück auf den weiteren Liebes- und Lebensweg’ verbindet sich der Dank dafür, dass sie die schwere Bürde, die durch die Vergangenheit immer noch auf der Gegenwart lastet, und wohl für eine lange Zukunft lasten wird, mit dem Schicksal der großartigen Marianne Strauß, deren Charme (wie Sie schreiben) eine 'stahlharte Kante’ hatte, exemplifizierten.

Erlauben Sie mir, es das Anne-Frank-Syndrom zu nennen, deren Einzelschicksal für viele erst ein Erkennen der Zeit ermöglichte, denn Millionen Gemordete sind eine abstrakte Zahl, die sich der Vorstellungskraft entzieht. Anne Frank hat nicht überleben dürfen, Mariannes Überleben beruht auf den noch aufrecht erhaltenen, menschlichen Beziehungen zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Welt.

Sie machen klar, dass Marianne ihre jüdische Identität – wie bei so vielen anderen – ihr erst durch die Nürnberger Gesetze aufgedrängt wurde; dieses aufgezwungene Jüdischsein war ihr Schicksal und Bürde.

Sie, Mark, kamen, von dieser Bürde unbelastet, 1982, vom Deutschen Akademischen Austauschdienst finanziert, nach Essen, um für Ihre Promotion an der Universität Cambridge eine Arbeit über die Bergarbeiter an der Ruhr zu schreiben. Sie wurden sofort Mitglied der damals noch winzigen Jüdischen Gemeinde, denn mit wenigen Ausnahmen, zu denen auch ich gehörte, waren die Essener Juden aus der Vorkriegszeit nur noch als Geister zugegen, deren Namen in Grabsteine gemeißelt oder auf Gedenktafeln des jüdischen Friedhofs eingraviert zu finden sind.

Dr. Jamin vom Ruhrlandmuseum bat Sie, ein Interview mit der Essenerin Marianne Ellenbogen, geborene Strauß, die derzeit in Liverpool lebte, zu machen. Sie hatte einen bemerkenswerten Artikel über 'Flucht und illegales Leben während der Nazi-Verfolgungsjahre 1943-45’ geschrieben.

Daraus entstand ein Sog, ein Buch über ihr Schicksal zu machen, und so schrieben Sie IN EINEM UNBEWACHTEN AUGENBLICK, gefördert von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.

Ihr Buch wollten Sie unbedingt zuerst in deutscher Sprache verlegt wissen und Astrid Becker gelang eine bewundernswerte Übersetzung. Inzwischen ist es auch unter dem Titel A PAST IN HIDING in englischer, und unter dem Titel IL PASSATO NASCOSTO in italienischer Sprache erschienen.

Die heutige Auszeichnung gesellt sich zu dem Fraenkel-Preis, den die Wiener Library, London, Ihnen im Jahr 2000 verlieh, dem 'Wingate Literary Prize 2001’ und dem Lucas Prize Project Mark Lynton, 2002.

Nachdem ich Ihr Buch gierig verschlungen hatte, schrieb ich Ihnen: „Welch’ tiefverknüpften Teppich haben Sie, Mark, mit Ihrem grandiosen Buch über Marianne Strauß für alle Zeiten gewoben! Mit tränennassen Augen habe ich soeben (heute ist der Tag der Shoah in Israel) das meisterhaft geschriebene Werk zu Ende gelesen, das mich - partiell - das Verfolgtsein noch einmal durchleben ließ.

Mit schmerzhafter Intensität ruft ihr Buch diese unbegreifbare Zeit zurück, sagt mir vieles, das in meiner Erinnerung immer nach Konturen suchte und jetzt wieder greifbar nah geworden ist. Ihr Dokument einer Judenverfolgung, das die jahrtausendalte Liste um einen weiteren mörderischen Gewaltbericht verlängert, lässt mich die auf dem Foto so wissend lächelnde Marianne fragen: ’Ist es nicht schrecklich ein Jude zu sein?’ Und antwortet sie nicht, dass es zumindest unmenschlich ist dafür unentwegt (!) durch eine Hölle des Leidens zu müssen? Ich umarme Sie!“ So endet meine mail.

Der GESCHWISTER SCHOLL-PREIS wird Ihnen heute in einem Raum übergeben, in dem lebenshungrige Menschen - wie Machiavelli sagt - "der Verzweiflung, die jeden Irrweg aus einem Labyrinth geht und Mittel findet, auf die man durch freie Willensäußerung nicht kommt" Ausdruck gaben.

War es nicht diese Verzweiflung, die die Namensgeber dieses Preises in den Tod getrieben hat?

Die Hoffnung, dass durch ihre mutige Tat ein rasches Ende des Schreckens herbeigeführt werden könnte, war doch längst schon im brutalen Reich von Macht und Gewalt in ihren ekligen Morast abgesunken. Dennoch taten sie, was ihnen ihre moralische Verpflichtung, ihr Glaube, zu tun befahl, und folgten einem Zwang, der in jener Zeit irrational (also verstandesmäßig nicht fassbar, vernunftwidrig, unberechenbar) war. Sie taten was sie getan, damit nicht "Gewissen Feige aus uns allen macht!"– wie Hamlet sagt.

Helden? Nein auch sie nicht!

Wie es auch die vom Essener BUND nicht waren und wohl auch niemals sein wollten. Der von Artur Jacobs gegründete BUND bezog sich auf die Normen und Werte der Linken aus der Weimarer Zeit. Und es ist bewundernswert, wie Sie, Mark Roseman und Marianne, so durch die Jahre hin, bemüht waren, dass diesem BUND auf der Liste der „Gerechten unter den Völkern“, die im Jerusalemer Yad Vashem geführt wird, die ihnen zustehende Ehre zu geben. Bis heute vergebens! Damit Mariannes Wunsch wenigstens posthum in Erfüllung gehen kann, bitte ich - von dieser historischen Stelle aus - die Verantwortlichen des Yad Vashem, ihr zögerliches Verhalten erneut zu überprüfen und jenen die Ehre zu geben, denen sie - last not least - gebührt.

In Ihrem Buch schildern Sie, wie still die Helfer mit den damals lebensgefährlichen Schwierigkeiten, Menschlichkeit zu üben, umzugehen verstanden. Über die unmenschliche Belastung, dass die Verfolgten bei einem Misslingen ihrer Rettung auch den Tod der Erretter und deren in Sippenhaft genommenen Familien in Kauf nehmen mussten, ist erstaunlich wenig berichtet worden. In Ihrem Buch aber glaube ich die Bedeutung dessen zwischen den Zeilen zu lesen. Oder habe ich sie mir nur hineingewünscht?

Sie berichten von dem Soldaten Arras, der nach außen so tat als ob er ein hundertprozentiger Hitleranhänger wäre, in Wirklichkeit aber - im Soldatenrock der Wehrmacht - das alles unterwanderte. Er war der Postillion der Liebe zwischen Marianne und ihrem Geliebten Ernst Krombach, brachte Briefe und Pakete nach Izbica, einem von SS bewachtem Warteraum zu den Gaskammern, in dem auch meine Mutter und einige meiner Geschwister eingesperrt waren, und brachte Briefe von dort zurück. Als er uns aufsuchte, um von den unmenschlichen Zuständen in Izbica zu berichten, hielten wir ihn für einen Spion der Gestapo, der uns aushorchen sollte.

In diese Zeit fällt mein näheres Kennenlernen der Marianne Strauß, die in unserer Kindheit oft in meiner Geburtsstadt Ahlen in Westfalen war, denn ihre Großeltern mütterlicherseits lebten in Ahlen. Die Begegnung mit ihr wurde allerdings erst konkreter, als die Stadt Ahlen dem Führer ihre Stadt als erste im Reich 'judenrein’ vermeldete und wir dieserhalb nach Essen ziehen mussten. So begann die Konzentration der Verfolgten, so auch die mir unvergessliche Begegnung mit Marianne, die mit schönstem Elan die Barriere zwischen S’phardim und Aschkenasim, zwischen Ost- und Westjuden, die selbst in der unbehaglichen Aura der nahenden Katastrophen noch immer zu bemerken war, niederriss.

Im Barackenleben Steele-Holbeckshof besuchte sie uns, die wir als Kohlentrimmer auf dem RWE schufteten, wohl jeden Tag, förderte mit jedem Hoffnungsblick aus "ihren Glutaugen" - so bezeichnen Sie sie treffend, Mark! - den längst schon müde gewordenen jüdischen Stolz, demonstrierte beispielhaft, dass Liebe auch in bedrohlicher Zeit ihr Recht beanspruchen darf.

Wir begriffen allerdings nicht, warum sie eine Privilegierte war, die kommen und gehen konnte, wann immer sie wollte. Sie haben mich mit Ihrem Buch die ganze Wahrheit wissen lassen: Canaris schützte die Familie Strauß.

Das 'Unternehmen Sieben’, das Canaris 1942 auf von Dohnanyis und Bonhoeffers Geheiß als 'Liste der Protegés’ für die Abwehr erfand, schützte die Familie Strauß. Die Idee war: jüdische Menschen als Spione in Südamerika einzusetzen, und sie so zu retten; was immerhin mit 15 Seelen gelang. Von Dohnany bezahlte diese Kühnheit mit dem Leben. Der Plan scheiterte an einem Einwand Himmlers, der die sofortige Überstellung nach Theresienstadt anordnete; im Zuge dieser Aktion floh Marianne IN EINEM UNBEWACHTEN AUGENBLICK.

Das 'Unternehmen Aquilar’ des Bankdirektors Hammacher (um ein weiteres Beispiel zu nennen) der Holländer jüdischen Glaubens aus der Verzweiflung des Verfolgtseins riss, ist - wie das 'Unternehmen Sieben’ - in der reflektierenden Öffentlichkeit, die als Meinungsmacher für das politische Klima zuständig ist, erstaunlich wenig beachtet worden. Wie viel verleumderisches Verkennen begeleitet selbst die Aufständischen des 20. Juli, die, bis zum heutigen Tag, vielfach als Verräter tituliert werden.

'Verleumderisches Verkennen’ - ich kann dieses Stichwort nicht übergehen, ohne auf die schmutzigen Kampagnen hinzuweisen, die mein langjähriger Chef, der Intendant, Regisseur und Schauspieler Gustaf Gründgens zu erdulden hatte. Durch Nutzung seiner von Emmy Göring geförderten Karriere setzte er sein enormes taktisches und schauspielerisches Talent ein, um jüdische Menschen zu schützen. Das ist die blanke Wahrheit, bewiesen von den Zeugen der Zeit!! Das Heulen mit den Wölfen war auch bei ihm - wie bei ach so vielen - nur ein Überdecken der eigenen Ängste.

Wer sich zeitkritisch äußert, der sollte die Tatsache bedenken, die mit dem Anlass der heutigen Verleihung eng verbunden ist, die Tatsache nämlich, dass niemand auf der weiten Welt voraussagen konnte, wann das 1000-jährige Reich zu Ende sein würde. Selbst als Deutschland schon lange nicht mehr an allen Fronten siegte, das Ende bereits abzusehen war, wir dennoch nach Auschwitz verbracht wurden, konnte keiner sagen, dass es noch mehr als zwei Jahre dauern wird; viele hofften vielmehr, dass der Spuk bald zu Ende sein müsste. In dieser Ungewissheit ist in vielen Fällen die Begründung zu suchen, wieso Menschen die Kühnheit aufbringen konnten, sich gegen die Staatsmacht zu stellen.

Es muss gesagt sein - von mir gesagt sein - das es nicht nur einflussreiche Prominente waren, die ihre Positionen nutzten, um so handeln zu können. Allerorten gab es Menschen, die dafür sorgten, dass das Übel sich nicht vermehrte.

Von einer Viertelmillion jüdischer Menschen, die 1939 noch in Deutschland verblieben waren, überlebten wahrscheinlich weniger als 3000 im Versteck, die Hälfte davon in Berlin; unter ihnen Hänschen Rosenthal, Michael Degen, Manfred Joffe.

Hier muss ich aus tiefbewegtem Herzen Kund von einer Ahlener Bergarbeiterfrau tun, die meine hungernde Familie mit Lebensmitteln versorgte, die sie über Jahre vom elterlichen Bauernhof organisierte; Tante Tres’chen tat dieses unter den Augen der Gestapo, riskierte ihr Leben.

Von vier westfälischen Bauernfamilien gilt es ebenfalls zu berichten, die Anfang 43 - da war Stalingrad bereits gefallen! - einen Ahlener Pferdehändler mit seiner Frau und seinem Töchterchen versteckten, die mit mir hätten nach Auschwitz müssen. Die unterschiedlichen Motivationen des unglaublichen Handelns beschäftigen mich derzeit ungemein, weil ich über diese Bauern ein Drehbuch zu einem Film schreibe, der ab Mai nächsten Jahres von mir gedreht werden soll. Der Bauer Aschoff handelte aus Gutmütigkeit, ein gegebenes Versprechen einhaltend, Bauer Pentrop fühlte sich als Kirchenvorstand zu menschlichem Handeln verpflichtet, Bauer Silkenbömer war ein Hasardeur, der den versagenden Kriegstaktiker Hitler zutiefst verachtete, Bauer Schulte - das schwächste Glied in dieser gefährdeten Kette - hatte bei dem Pferdehändler Spiegel Schulden.

Als ich (vor zwanzig Jahren etwa) dem WDR diesen unglaublichen Stoff vorlegte, wurde er mit dem Vermerk abgewiesen, dass wir - wörtlich! - "dieses Thema nicht noch mehr strapazieren wollen". Jetzt hat sich ein Produzent gefunden, der mutiger zu sein scheint.

Ihre Schilderung dieser Zeit zwingt meinem Langzeitgedächtnis Erinnerungen auf, die mich ruhelos halten. Ruhelos insbesondere deswegen, weil mich ein schlechtes Gewissen plagt, ob ich mich bei denen, die uns in jenen Jahren beistanden, zumindest uns zu helfen versuchten, ausreichend bedankt habe.

Aus Ihrem Buch, Mark, ist erlesbar, dass die Devise immer lauten musste: einen Steg zu bauen, über die man Verfolgte von einer Zeit in die nächste führen konnte, gestützt von der Hoffnung, dass das doch bald ein Ende haben wird.

Als ich ihr Buch, in der Absicht es zu verfilmen, einem Filmlektor vorlegte, lautete der letzte Satz der durchweg positiven Analyse: „Doch um es hier direkt zu sagen, ohne die Pietät preiszugeben: Es reicht nicht, um daraus einen Film zu machen. Die eigene Schuldhaftigkeit schwingt zu sehr mit.“

"Die eigene Schuldhaftigkeit" - eine Feststellung, die eine objektive Zeitbetrachtung von Anfang an erschwert hat. Am schwierigsten war es wohl immer da, wo die Tatsache, das es Nazis gegeben hat, die keine Antisemiten waren, und noch um einiges schwieriger da, wo Antisemiten, mit mörderischer Lust, ihren unterschwelligen Antisemitismus kultivierten, obwohl sie keine Nazis waren.

Diese Widersprüchlichkeit untersuchen und benennen Sie ohne nachsichtige Beschönigung, zeigen sich auch hier des leidenschaftlichen Historikers würdig. Sie prüfen sehr genau die Löcher in der Erinnerung, die meistens dort entstehen, wo die Schmach des Erduldethabens für die brutale Wahrheit blind macht, weil man mit ihr nicht weiterleben kann.

"Das Gesetz des Lebens zu erkennen und zu befolgen“ notiert Marianne Strauß in ihrem Tagebuch, einem Tagebuch des Grauens und der Finsternis. Das Gesetz des Lebens - ’dem viele zu folgen suchten, denn es heißt ja wohl zu allererst: das Leben zu erhalten’;
Das Gesetz des Lebens zu erkennen - meint das nicht, dass wir erkennen müssen, das Hass und Rache menschenunwürdig sind? „Das Gesetz des Lebens zu erkennen und zu befolgen.“ Der GESCHWISTER SCHOLL-PREIS, der heute an den Historiker Mark Roseman vergeben wird, mahnt diese Forderung bedeutungsschwer ein.

Erlauben Sie einem Regisseur, der ein Schicksalsgefährte der vom Mark Roseman auf so meisterliche Weise dem Vergessen entzogenen Marianne Ellenbogen, geborene Strauß, war, mit einem Zitat zu enden, das mich in einen Zwiespalt trieb als ich Brechts GALILEO GALILEI inszenierte: „Wehe dem Land, das Helden nötig hat!“, gewichtete Will Quadflieg in der Rolle des Galilei diese Mahnung an die Welt. ...Helden nötig... Meine Erfahrung diktierte mir jedoch eine andere Gewichtung: „Wehe dem Land, das Helden nötig hat!“ ...nötig hat...

Und wir hatten in jener dunklen Zeit viele Helden nötig, einigen setzen Sie in Ihrem Buch IN EINEM UNBEWACHTEN AUGENBLICK ein markantes Denkmal.

Ihnen gebührt der GESCHWISTER SCHOLL-PREIS 2003 in seiner ganzen historischen Bedeutung.

Gratulation!

Imo Moszkowicz, München 24.11.2003

 

Imo Moszkowicz ist Regisseur, Schriftsteller und Schauspieler.

 

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