Geschwister-Scholl-Preis 2004 - soazig aaron

dankesrede von soazig aaron

Ich danke
- dem Rektor der Universität München, Prof. Dr. Bernd Huber
- dem Oberbürgermeister der Stadt München, Herrn Christian Ude
- der Vorsitzenden der Jury des Geschwister-Scholl-Preises, Frau Rosemarie von dem Knesebeck sowie jedem einzelnen Jurymitglied.
Dem Laudator Herrn Christoph Buchwald sage ich großen Dank für seine Worte zu „Klaras Nein“. Ich danke auch den Musikern.

Dank und Anerkennung schulde ich aber auch meiner Verlegerin, Frau Katharina Wagenbach-Wolff, der Übersetzerin Grete Osterwald sowie Monsieur Jorge Semprun für sein so bewegendes Vorwort zur deutschen Ausgabe. Aber auch meinen französischen Verleger, Monsieur Maurice Nadeau, will ich an diesem Tag nicht unerwähnt lassen.
Und all den Autoren, die hier gelesen, auserwählt und vor mir schon mit diesem Preis ausgezeichnet wurden, schicke ich einen kollegialen Gruß.

Als erstes möchte ich sagen, dass ich mich durch diese Auszeichnung natürlich geehrt fühle, vor allem aber zutiefst berührt, weil ich ihren Symbolgehalt kenne, weil ich weiß, welche Emotionen sie wachruft in Deutschland, besonders hier in München und vor allem in dieser Universität. Doch lassen Sie mich gleich ergänzen: Wann und wo auch immer die WEISSE ROSE erwähnt wird, versteht man sie als Sinnbild für Mut, aber auch für Hoffnung. Diese Bewegung des Widerstands unter den bekannten Umständen bezeugt deutlich und unüberhörbar, dass es immer Menschen gibt und geben wird, die aufstehen, um NEIN zu sagen.

Obwohl es ein Allgemeinplatz ist, erstaunt es mich doch immer wieder von neuem, dass dieses kleine Wort der Verneinung das Kennzeichen für Selbstbehauptung ist, wohingegen sein Pendant, das Ja, sehr oft für freiwillige Unterwerfung, ja Selbstaufgabe steht.
Man kann natürlich sagen, in diesem NEIN der Empörung, des Aufbegehrens und der Ablehnung des Unannehmbaren, in diesem NEIN zu den Lügen und Manipulationen durch Verführung oder Gewalt, sei das Ja zu Würde, zu Ehre, zu Brüderlichkeit, zur Vision eines Lebens in Freiheit und Frieden enthalten. Das kann man sagen, aber zunächst einmal steht da das NEIN.

Bei Primo Levi lesen wir über den Haß der Nazis: „wenn begreifen unmöglich ist, so ist doch erkennen notwendig“.

Wenn es ihnen möglich war, haben die Opfer ja auch Zeugnis abgelegt, mit Mut, unter Schmerzen, und immer in Würde. Das hatten sie sich zur Pflicht gemacht. Denn sie wussten, wovon sie sprachen. Wie oft haben sie versucht, das Räderwerk zu entschlüsseln, wie eine Maschine, die man zerlegt, um zu begreifen. Ihre Zeugenaussagen sind erschütternd - und unendlich wertvoll. Ich denke an Victor Klemperer, Hermann Langbein, Primo Levi, Jorge Semprun, Germaine Tillon, Jean Améry, Charlotte Delbo, Imre Kertész, Ruth Klüger, David Rousset, und die Liste ist nicht vollständig, jeder hat noch andere Namen im Kopf.

Doch begriffen haben auch sie nicht, trotz all ihrer Anstrengungen.

Auch Historiker haben sich bemüht und bemühen sich noch immer, sie wühlen in Archiven, nehmen jedes Papier unter die Lupe, klassifizieren Dokumente, tonnenweise. Sie kennen die Fakten, die Daten, die Auslösermechanismen, die physischen und psychischen Umstände, die Bewegungen und Abläufe des Räderwerks, schlagen sich herum mit Zahlenkolonnen und Statistiken, halsen sich langwierige, kniffelige und undankbare Arbeit auf. Auch manche von ihnen haben sich dies zur Pflicht gemacht. Doch hinter diesen Anmerkungsapparaten, den Zettelkästen mit Belegen, den Analysen, Synthesen und Hypothesen, den fundierten und sachkundigen, manchmal arg nüchternen Abhandlungen, verbergen sich leidenschaftliche, intelligente, anständige, empfindsame, ja manchmal schmerzerfüllte Menschen, Männer und Frauen, und dabei denke ich besonders an Raoul Hilberg und Annette Wieviorka.

Aber begreifen können auch sie nicht.

Es gibt auch Philosophen, die darüber philosophieren und Konzepte erfinden, und all die Forscher und Geisteswissenschaftler jeglicher Fachrichtung – aber auch sie vermögen nicht zu begreifen. Wie ja auch wir nicht rechtzeitig begriffen haben, dass in Kambodscha, in Bosnien und in Ruanda Massaker stattfanden und beispielsweise auch jetzt die Greueltaten in Darfur nicht begreifen.

Und dann kommen die Gaukler: die Filmemacher, Dramatiker, Schauspieler, Musiker, Tänzer, bildende Künstler jeglicher Art, die Dichter, die Romanschriftsteller ...
Lassen Sie mich nur kurz an eine Szene aus dem Film „Shoah“ von Claude Lanzmann erinnern: Da ist der Kesselflicker aus Korfu, dieser einfältige Mann, der beim Löten seiner Kessel den Reim des Kindes, das er damals war, dieses „Papa, Mama, die sind nicht mehr da“ vor sich hinsummt. Er kam zurück, in den Arm eingebrannt jene unauslöschlichen Zahlen, und nun singt er in der leeren Synagoge von Korfu, neben dem Kantor, singt laut, mit schöner Stimme, während seine Augen die leeren Bänke absuchen. Vielleicht füllt er sie ja mit seiner kindlichen Seele, die sich erinnert.

Auch er hat die Gründe für seine einzige große Reise in den fernen schlesischen Norden, so fern vom Süden unter blauem Himmel, an den Gestaden eines blauen Meeres, nicht begriffen. Oft muss ich, wenn ich Gesänge des Ritus höre, an diesen in seiner Seele zerstörten Mann auf Korfu denken.

Dass die oben erwähnten Gaukler auch nicht mehr begreifen, muss ich wohl nicht eigens hinzufügen.

Diese mörderische Zeit der Greuel jeglicher Art hat dazu geführt, dass man an den Wörtern zweifelt, ihrer Verwendung, ja ihrer Grundbedeutung misstraut, dass man kein Vertrauen mehr hat zur Erzähltradition: dem Thema, den fiktiven Figuren und dem allwissendem Autor, denn man befindet sich – wie Nathalie Sarraute sagt – im „Zeitalter des Argwohns“. Den Nachkriegsgenerationen, zu denen ich gehöre, wurde das Fragen und das Zweifeln vererbt. Es fällt schwer, wieder glaubwürdige Fiktionsformen und -Inhalte in Gang zu setzen und nach all diesen großartigen „Aufarbeitungen“ der Fiktion zu neuer Legitimität zu verhelfen.

Da Zweifel und Misstrauen dauerhaft und hartnäckig ihre Spuren eingegraben haben, sollten wir jetzt vielleicht den Konditional einführen, das Tempus der Mutmaßung, der Sehnsüchte und der Skepsis. Noch sind nicht alle Möglichkeiten fiktiven Erzählens ausgeschöpft.

Sie verändern sich von Generation zu Generation und gewinnen je nach Zeitumständen an Leben und Kraft. Die Ewigkeit ist noch nicht zu Ende.

Zu „Klaras NEIN“ will ich nicht viel sagen. Es gibt Dutzende ernsthafte und tiefsinnige Definitionen des Romanschriftstellers. Mir genügt ein recht banales und fragmentarisches Bild: Bei der Arbeit ist der Romanschreiber meiner Ansicht nach ein Schwamm. Das sollte man vielleicht nicht zugeben, es ist auch nicht sehr angenehm, wie ich bezeugen kann, aber es ist sein quasi „normaler Zustand“.

„Klaras NEIN“ wurde in diesem Schwammzustand, aber auch in einem Unschulds-, nicht aber Naivitätszustand geschrieben. Dadurch war es möglich, den Figuren völlige Freiheit zu geben und ihre Worte – Ausdruck von Schmerz, Gewalt, manchmal auch Anmaßung – keiner Zensur zu unterwerfen. Sich zum Zensor über eine Figur zu erheben, wäre aus meiner Sicht, gelinde gesagt, eine Geschmacklosigkeit, wenn nicht gar, schlimmer noch, ein Beweis für Feigheit und Ungerechtigkeit.

Soviel zu den zwei Grundbedingungen, unter denen die Geschichte entwickelt wurde.
Nur ein Wort noch zur Erklärung der Beweggründe:
„Die Signatur eines Gedichts wie auch eines jeden Textes ist“ – wie Derrida es ausdrückte – „die Verletzung. Was da klafft, was nicht vernarbt, der Hiatus also, das ist der an der verwundeten Stelle sprechende Mund.“ Das ist in der Tat eine der Antworten auf die Fragen nach den Beweggründen. Und von allen Beweggründen ist dies der ursächliche und wichtigste. Er ist der unterschwellige, der im Dunkel bleibt, den man auch nicht unbedingt ans Licht holen sollte. Das gilt für alle Schriftsteller.

Und natürlich habe auch ich, die diese Epoche noch kennenlernen wollte, sie nicht begriffen.

Nichts zu begreifen hinterlässt Frustration, ist aber auch eine beruhigende Feststellung, denn was würde es denn bedeuten, wenn wir verstünden?

Lassen Sie mich zum Schluss noch Professor Kurt Hubers gedenken. Er lehrte Philosophie und schöpfte aus sich selbst und seinem Lehrstoff die Begründung für den Aufstand gegen geistige Verblendung und schändliches Tun. In jenen Zeiten, da das Denken dem Spott preisgegeben war, wusste er das Denkens hochzuschätzen. Unerschütterlich in seinen Überzeugungen, stellt er sich an die Seite jenes Grüppchens seiner Studenten, verfasst mit ihnen die Flugblätter, wird mit ihnen verhaftet und mit ihnen hingerichtet. Dieser Professor Kurt Huber hat sich nicht ins Schweigen zurückgezogen, in jenes verletzende Schweigen, über das unendlich hergezogen werden kann. Daher konnte er sich verdutzt und wohl auch bedauernd die Frage stellen, „was geschähe, wenn diese subjektive Maxime meines Handelns ein allgemeines Gesetz würde.“ Er gab den Anstoß für die Zeit der Mutmaßungen und der schmerzhaften Fragen, die unbeantwortet blieben, weil es keine Antwort darauf gibt. Und voller Hoffnung und Überzeugung konnte er sich sagen: „Mein Handeln und Wollen wird der eherne Gang der Geschichte rechtfertigen, darauf vertraue ich felsenfest.“ Professor Kurt Huber hatte recht.

Und wir schulden ihnen allen Dank, all diesen Widerständlern der WEISSEN ROSE, Widerständlern unter vielen anderen, bekannten und unbekannten. Ich danke Kurt Huber, Willi Graf, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Hans Scholl und Sophie Scholl, die so junge Sophie, ich danke dem Geschwisterpaar, dessen Namen dieser so schöne Preis trägt. Ich danke aber auch all jenen, die hier und überall in Europa zur Rettung der Ehre und Würde des „Menschengeschlechts“, wie Robert Antelme sein Buch so treffend betitelt hat, beigetragen haben.

Und Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihr Kommen und Ihre Aufmerksamkeit.

Soazig Aaron, München 22.11.2004

 

Soazig Aaron ist Historikerin. „Klaras NEIN“war ihr erstes Buch.

 

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