Geschwister-Scholl-Preis 2004 - soazig aaron

Ansprache von rosemarie von dem knesebeck

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Aaron,
meine sehr verehrten Damen und Herren, im Saale und aus der Jury,

vor über 80 Jahren erschien bei Hoffmann und Campe ein kleines Taschenbuch mit dem Titel „Deutscher Reaktions-Almanach“. Der Herausgeber hatte 1920 bereits jenes Zeichen der Zeit erkannt, das der ersten deutschen Republik zum Verhängnis werden sollte: Eine Kreuzspinne – auf dem Rücken das Hakenkreuz – leuchtete vom schwarz-weiß-roten Buchumschlag. Die Illustrationen des engagierten Bändchens stammten unter anderem von Käthe Kollwitz, die Textbeiträge von Walter Hasenclever, Paul Zech, Armin T. Wegner, von Alfred Döblin und Kurt Tucholsky, der gleich unter drei seiner Pseudonyme vor den Feinden der ersten deutschen Republik warnte.

Der „Deutsche Reaktions-Almanach“ prangerte 1920 jene Kräfte an, die später mit Volkes Stimme an die Macht kommen sollten. Zugegeben, nur ein literarischer Protest, bewundernswert ist aber der Mut und die Weitsicht jener Schriftsteller und Künstler. Andere Autoren wie Ernst Toller und Erich Mühsam saßen zur selben Zeit in Haft. Im schwäbischen Niederschönenfeld - auch das ist in Vergessenheit geraten - hatte die „Deutsche Reaktion“ das erste „Konzentrationslager“ errichtet. Nur den Begriff gab es noch nicht. Strengste Zensur, Schreibverbot, brutale Schikanen, antisemitische Beschimpfungen, Stacheldraht und schärfste Bewachung, Arrest und Appelle - das alles gab es als Zwangsmaßnahmen gegen Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Anachristen in unserem Land - viele Jahre vor Dachau.

Mit ihrem „Deutschen Reaktions-Almanach“ hatten Tucholsky, Döblin und die anderen ein Zeichen setzen wollen für die Vernunft und gegen den rechten Pöbel, der drei Jahre später in München einen Putschversuch unternahm und ab 1933 regierte. Ein schmales Bändchen wollte den Anfängen widerstehen und voller aufklärerischer Gedanken gegen die Dumpfheit und das Pathos der Hakenkreuzler zu Felde ziehen. Und wir? – Heute?
Sie haben natürlich Recht, meine Damen und Herren, die Zeiten sind heute ganz andere. Jede Analogie zu historischen Gegebenheiten könnten rein zufällig sein. Wir haben keine „Arbeitslosen“ mehr, sondern „Erwerbslose“. Schönhuber, Haider und Schill sind gescheitert. Berlusconi ist ein besonderer Fall, und den Kampfbund von NPD und DVU samt ihrer Propaganda gegen unsere Demokratie könnte man als „Rechtspopulismus“ abtun.

Es ist vielleicht alles gar nicht so schlimm, meinen einige von uns. Ein brauner Spuk, am rechten Rand des politischen Spektrums. Und außerdem scheren sich viele Neonazis ja nicht mehr den Schädel. Sie haben ihre Springerstiefel gegen feine Lederschuhe getauscht - in den Landtagen neuer Bundesländer: die alte Gesinnung.

Meine Damen und Herren, wir alle hier hegen eine große Leidenschaft für das Schöne, aber auch die Kraft der Sprache. Und eins ist sie immer: aufschlußreich, „verräterisch“. Einen Schöngeist erkennen wir an seinem Stil. Die Vernunft erschließt sich aus Formulierungen, auch die Phantasie, aber ebenso Dumpfheit und Einfallslosigkeit. Die Gazetten und Websites der Neuen Rechten strotzen vor Pathos und Phrasen. Volksvertretung oder Volksverhetzung?

Das ist das Schöne an Sprache: Die ostdeutschen Landtagsabgeordneten von DVU und NPD können sich neue Krawatten kaufen und feine Lederschuhe, ihre Sprache wird die alte bleiben. Plump, heuchlerisch, altbacken. Kurzum, das ideale Medium, um Ängste zu schüren und überkommene Feindbilder aufzupolieren. Renaissance der selbsternannten „Herrenrasse“, die deutsche Plebs zieht grölend wieder durch die Straßen.
Doch wie sieht es auf der anderen Seite aus? Wer sind künftig die Wortführer des „anderen Deutschland“? Voll bitterer Ironie schrieb Hans Sahl aus dem Exil: „Wir sind die Letzten. Fragt uns aus. Wir sind zuständig. / Greift zu, bedient euch, / Wir sind die Letzten.“ Hans Sahl ist tot, geblieben sind seine Gedichte und seine Erinnerungen an die Jahre des Exils. Literatur hatte ihm die Heimat ersetzt.

Vielleicht war es seine Muttersprache, die Jorge Semprun das KZ Buchenwald überleben ließ. Heute lehnt sich der spanische Autor, der in vielen Ländern und vielen Sprachen zuhause ist, beruhigt zurück: Seine Romane stehen gegen das Vergessen und werden auch künftig unter jungen Menschen die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wachhalten. Um so beeindruckender, wenn Semprun einer französischen Kollegin in ihr Erzähldebüt schreibt: „Wir können ruhig sterben. Unsere Stimme, die Stimme der Zeugen, wird in dieser wunderbaren Fiktion weitergegeben und bewahrt.“ Das macht neugierig.

Nachdem ich „Klaras NEIN“ von Soazig Aaron gelesen hatte, wußte ich, daß wir - die Jury, die Stadt München und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – die richtige Preisträgerin und das richtige Buch für den 25. Geschwister-Scholl-Preis gefunden hatten. Es ist das große Verdienst von Soazig Aaron, Auschwitz - ein Synonym für Unmenschlichkeit - in eine „wunderbare Fiktion“ gefaßt zu haben. Daß die Autorin selbst nicht zum Kreis der Überlebenden des Holocaust zählt, halte ich für weitaus weniger bemerkenswert als einige Rezensenten. Man schreibt ein Buch wie „Klaras NEIN“ natürlich nicht mit zwanzig oder dreißig Jahren, aber Literatur kann mehr als nur eigene Erfahrungen widerspiegeln. Die Geschichte von Klaras großem Nein und den Gründen, warum sie nach ihrer Befreiung aus Auschwitz jedes normale Weiterleben verweigert, riskiert alles und mündet, konsequenterweise, in einem absurden Halbsatz: „Die Wörter in einen Schrank sperren, den Schlüssel wegwerfen und vergessen, daß es den Schlüssel und den Schrank gegeben hat. Klara wie eine Baustelle.“

Frau Aaron, wie vertraut haben Sie ein Leben mit Literatur verbracht, um so souverän erzählen zu können? Sie sind sich Ihrer Sprache so sicher, daß Sie die Bande zwischen ihrer Erzählfigur Klara und deren Tochter Vera / Victoire zerschneiden. Unmenschlichkeit in Auschwitz, das Klara nur polnisch Oswiecim nennt, kann selbst Urinstinkte wie Mutterliebe vernichten.

Klaras NEIN bricht mit ihrem Leben vor Oswiecim, mit Liebe, Freundschaft und Kindheitserinnerungen. Kein Vaterland mehr, keine Muttersprache. Klaras NEIN, so erzählt uns Soazig Aaron, ist auch ein Verweigern jener Sprache, die Täter und Opfer im Lager gemeinsam gedient hat.

„ Ich habe meine Sprache benützt als wäre sie mein Körper, ein in den Dreck gezogener Körper, Deutsch als ein verachteter Körper, meine Sprache, ich habe sie prostituiert“. Und weiter heißt es in Klaras fiktivem Tagebuch: „Ich sagte mir, wenn sie töten hilft, kann sie mir leben helfen, sie taugt zu allem, diese Hure… aber manchmal war sie wie ein Kind und ich wiegte sie, sagte Reime auf, Gedichte, ich reinigte sie sorgfältig von allem Schmutz, ich wischte sie ab und sagte ihr, das bist auch du…“ Dieses „auch“ genügt Klara nicht. Sie löste sich für immer von der mißbrauchten Sprache ihres Lebens vor Auschwitz. Welcher Glaube an die Sprache, um so tief von ihr enttäuscht sein zu können…

Meine Damen und Herren, wenn es irgendeine Gemeinsamkeit unserer Preisträger aus fünfundzwanzig Jahren „Geschwister-Scholl-Preis“ gibt, dann ist es der Glaube an die aufklärerische Kraft der Sprache und der Literatur. Bücher, unser aller Anliegen, stehen als Medium immer noch im Mittelpunkt, wenn es gilt, Gedanken und Bewusstsein differenziert zu vermitteln.

Der Oldenbourg Gruppe hat es uns finanziell möglich gemacht, nicht nur die Geschichte dieses Preises, sondern kurz auch alle Preisträger der 25 Jahre in einer Broschüre in Erinnerung zu rufen. Dafür danke ich der Druckerei und Binderei sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an unserer Jubiläumspublikation.

Nein, das Gespräch über Bäume ist kein Verbrechen, und es gibt Literatur trotz Auschwitz, nach Auschwitz und gerade wegen all jener Greueltaten, für die dieser Name steht.
Frau Aaron, Ihre „Tagebuch-Erzählung“ von Klaras Weigerung, nach Auschwitz zur Normalität des Alltags zurückzukehren, ist mehr als ein grandioser literarischer Wurf, es erschüttert und provoziert.

Ich gratuliere Ihnen zum Geschwister-Scholl-Preis 2004.

Rosemarie von dem Knesebeck, München 22.11.2004

 

Dr. Rosemarie von dem Knesebeck war die Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. (2000 - 2006) und ist Geschäftsführerin des Knesebeck Verlags in München.

 

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