Geschwister-Scholl-Preis 2004 - soazig AAron

laudatio von christoph buchwald

Chère Madame Aaron, meine sehr verehrten Damen und Herren,

gestatten Sie mir vorab folgende kleine Abschweifung: Eines der wunderbarsten und erstaunlichsten Phänomene der Literatur und der Künste ist es, dass die pure Fiktion, die reine Erfindung “wahrer” sein kann als jede auf Fakten basierende Darstellung. Ästhetik und Philosophie beschäftigen sich damit seit der Antike.

Thomas Manns Roman Buddenbrooks etwa – trotz des Buddenbrook-Hauses in Lübeck ist das meiste frei erfunden – schildert realistisch wie kein anderer den Niedergang einer einstmals mächtigen Familie und gilt bis heute als der grosse Roman vom Anfang des Endes des patrizischen Bürgertums. Oder Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands, vollkommen fiktive Biographie eines jungen Arbeiters: der epochemachende Roman in drei Bänden zeichnet ein verblüffend genaues Bild vom Untergang der Weimarer Republik, von den Schauprozessen in Moskau und den linken Rivalitätsgefechten im Spanischen Bürgerkrieg. Vom Mythos des spanischen “Freiheitskampfes” bleibt nach der Lektüre des Romans kaum etwas übrig.

Die Beispiele grosser literarischer Epochengemälde lassen sich beliebig fortsetzen, von Alfred Döblin bis Philip Roth und von Theodor Fontane bis Italo Calvino, und alle belegen sie eindrücklich dreierlei:

Erstens: Literatur und Kunst, wie fiktiv sie auch sein mögen, sind immer auch ein Echo von Zeit und Epoche.

Zweitens: Ihre Wahrheit ist etwas vollkommen anders als die Summe historisch belegbarer Zahlen, Daten und Ereignisse. Nur so ist zu erklären, weshalb ausgerechnet Picassos Bild “Guernica”, auf dem die Gliedmassen, Augen und Ohren von Mensch und Tier nicht unbedingt an der Stelle zu finden sind, wo die Natur sie klugerweise vorgesehen hat - zu der Ikone der Schrecken des Bürgerkrieges geworden ist.

Und drittens: Zeitzeugenschaft und historische Authentizität sind weder Voraussetzung noch Garanten für das Gelingen, geschweige denn für die Wahrheit von Literatur. Im Gegenteil: zu grosse Nähe macht blind. Weil die grössten Dilemmata einer Epoche den Ereignissen fast nie unmittelbar auf der Zunge liegen, braucht es den zeitlichen Abstand, um die entscheidenden Fragen überhaupt stellen zu können, zuzulassen im Denken. So gesehen hat es seine Logik, dass es den “grossen deutschen Wende-Roman” noch nicht gibt.

Ende der Vorüberlegung.

Aber was, höre ich Sie fragen, haben um Himmelswillen literarische Wahrheit und das Erzählen aus grösserem zeitlichem Abstand mit dem zu preisenden Buch zu tun, das heute abend mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wird?

Die Frage, meine Damen und Herren, beantwortet sich wie von selbst, wenn wir uns das preisgekrönte Buch genauer ansehen. Es trägt den Titel Klaras NEIN, und im Untertitel lesen wir “Tagebuch-Erzählung”.

Es ist, um es gleich zu sagen, eine skandalöse Geschichte, die (und da ist die Verbindung zu unserer kleinen Vorüberlegung) wohl erst jetzt, fast 60 Jahre später so - so mutig und so meisterlich – erzählt werden konnte.

Am Sonntag, den 29. Juli 1945, schreibt die Erzählerin in ihr Tagbuch: “Klara ist zurückgekehrt. So. Da steht es. Geschrieben. Ich muss es schreiben, damit es wirklicher wird und um daran zu glauben”.

Mehr als drei Monate nach Kriegsende und Befreiung aus dem KZ ist Klara wieder in Paris, hat sich unter ihrem Mädchennamen registrieren lassen, als könnte sie die Lagerjahre damit ausradieren. Kahlgeschoren und kaum vierzig Kilo schwer, spricht sie meist zu schnell oder zu langsam, ist zappelig in ständiger Bewegung und meidet stocksteif jede Berührung. Sie geht “mit der Vorsicht einer Katze, die sich scheut, eine Pfütze zu durchqueren” durch die Wohnung, kann nicht allein sein, aber auch nicht bei anderen, und erzählt allenfalls auf nötigendes Nachfragen und nur in Bruchstücken, was sie nach ihrer Verhaftung 1942 in Auschwitz durchgemacht hat. “Aber vernünftigerweise”, sagt sie, “kehrt man aus der Hölle nicht zurück”.

Am schockierensten jedoch, notiert die Klaras Schwägerin fassungslos im Tagebuch, ist die Tatsache, dass sich Klara kategorisch weigert, ihre bei Verwandten untergekommene kleine Tochter zu treffen, zu sehen, geschweige denn wieder zu sich zu nehmen. Klares NEIN.

Und mindestens ebenso unbegreiflich ist, dass Klara mit keinem einzigen Wort nach dem Schicksal ihres ebenfalls 1942 verhafteten jüdischen Mannes fragt. Als ihr die Schwägerin schliesslich ungefragt und unter grösster emotionaler Mühsal berichtet, dass er als Mitglied einer Widerstandsgruppe von den deutschen Besatzern erschossen wurde, reagiert Klara buchstäblich wie aus der Pistole geschossen: “Oh, sehr gut…”, um dann, auf der stochernden Suche nach den passenden Wörtern, in den gröbsten Floskeln Zuflucht zu suchen: “Jedem sein Schicksal. Ich werde keinen Helden beweinen… die Gnade, getötet zu werden… nicht jeder hat dieses Glück…”.

Darauf die Tagebuchschreiberin, halb wütend, halb verzweifelt über die permanenten Zumutungen dieser Frau: “Ich kann nicht mehr!” Und an anderer Stelle: “Sie verschleisst mich. In ihren Reden ist soviel kalter Hass”. Und Grausamkeit, Zynismus, Gehässigkeit, Arroganz und ungenierte Gleichgültigkeit.

Klaras NEIN, meine Damen und Herren, erzählt anhand der Aufzeichnungen der engelsgeduldigen und verständnisvollen Tagebuchschreiberin die Geschichte einer Heimkehr in die Fremde, einer Rückkehr aus der Unterwelt. Die Autorin portraitiert eine junge Frau, die Auschwitz überlebt hat und darüber zur Zumutung für sich und andere geworden ist.

Das ist neu in der Literatur, und es ist obendrein auch kühn. Literarische Referenzgrössen gibt es nicht. Was wir kennen, sind beispielsweise
- Heinrich Bölls Erzählungen von zu Tode erschöpften und desillusioniert aus dem Kriege heimkehrenden Soldaten,
- Irmgard Keuns wunderbaren aus dem Exil zurückkommenden Ferdinand, den Mann mit dem freundlichen Herzen,
- Primo Levis Maßstäbe setzende Lagerberichte, und
- Jules Melvin Bukiets Roman Danach, in dem Lagerüberlebende eine kriminelle Vereinigung gründen und ihre Befreier ausnehmen wie die Weihnachtsgänse –,
aber noch nie hat jemand erzählt von einer (wie Klara sagen würde) Unterlebenden, die für jeden und alle unbegreiflich bleibt. Für sie ist in unserer Vorstellungswelt bislang kein Platz vorgesehen.

Allein diese mutige Erkundungen einer Terra incognita, die – wenn Sie mir diese Untertreibung gestatten - als ethisch, moralisch und politisch vermintes Gelände und zudem als literarisch hoch gefährliche Kitsch- & Clichéegrube nur kartographiert werden kann von jemandem, der allein der Wahrheit verpflichtet ist, und nichts als der Wahrheit – allein diese Expedition ist den Geschwister-Scholl-Preis dreimal wert. Dafür, dass er bzw. sie alle denkbaren Bilder und Überlegungen, Blasphemien, Erkenntnisinteressen und Schlussfolgerungen zulässt – mit Ausnahme der ideologischen, der philosemitischen, antisemitischen oder politisch korrekten.

Ist das ein Mensch?, fragte der grosse Primo Levi angesichts dessen, was er an Entmenschlichung und Niedertracht unter seinen Leidensgenossen in den Lagern mitgemacht hatte. Soazig Aaron variiert diese Frage: Ist eine Frau, die sich nach all der erlittenen Unmenschlichkeit des Lagers kategorisch weigert, ihr Töchterchen und ihren Mann (wenn er denn noch lebte) wiederzusehen, nicht ihrerseits grausam und unmenschlich? Ist das noch ein Mensch?

Anhand der Tagebuchaufzeichnungen ensteht, erzählerisch überaus geschickt, nach und nach ein Bild Klaras, und dieses Bild ist – höflich ausgedrückt – in höchstem Maße ambivalent: Klara, die Lügnerin, das Nervenbündel, die Unkooperative, Hämische, Gleichgültige, Herzlose, die jüdische Rabenmutter, die Undankbare, die Hassende und Unberechenbare, die im KZ eine Frau auf deren Wunsch zu Tode bringt, ihre alte Hausärztin als “fette Kuh” und eine Freundin als “Drecksau” niedermacht, einem Mann, der sich eine unpassende Bemerkung über ihren geschorenen Kopf erlaubt, die Faust ins Gesicht schlägt, sich über die “unerträgliche Barmherzigkeit” und “das übermächtige Wohlwollen” der Freunde mokiert, eine lebende Tote, die rücksichtslos zusammenstiehlt, was sie braucht und von sich selbst sagt, “ich bin nicht wahnsinnig, aber ich bin krank”, “im Unglauben an mich”. Aber auch die verzweifelt rührende Klara, die sich nach der Befreiung nach Budapest und Prag durchschlägt, um dort ihre ermordeten Lagerfreundinnen wenigstens symbolisch zu beerdigen.

Erschöpft und überanstrengt notiert die Tagebuchschreiberin, Klara erzähle, wenn sie überhaupt etwas erzähle, “von einem anderen Planeten”, und was sie da so stockend und wie in Anfällen berichte, seien “Legenden von einem unbekannten Stamm”.

Darf man, hören wir uns ungehalten, aber leise fragen, eine Jüdin, eine fast zu Tode geschundene Überlebende so darstellen?
- als brutales, berechnendes menschliches Wrack, das alles, auch das Ureigenste, das Wichtigste und Liebste, scheinbar erbarmungslos niedermacht: das Jüdischsein und das Heldentum des Ehemanns, die ums Begreifen ringenden Freunde, die Barmherzigkeit der Davongekommenen, die deutsche Muttersprache, die emigrierten zionistischen Juden – “sie werden bald auf hebräisch bellen!” - und nicht zuletzt die Befreier.
Darf man eine solche im Lager ihrer Menschlichkeit Beraubte zeigen als aus der Verantwortung flüchtende Un-Mutter, die ihr Töchterchen nie, nie wiedersehen will?
So eine, denken wir in uns hinein, Opfer der Großen Barbarei hin oder her, möchte man doch lieber nicht kennen und sich auch nicht vorstellen müssen. Es ist zu verwirrend.

Die Antwort, verehrte Anwesende, muss jeder Leser für sich finden.

Madame Aaron, und auch darin zeigt sich ihre Meisterschaft, hütet sich vor Verurteilung und Urteil. Sie hat ihrerseits nichts weniger unternommen als den halsbrecherischen Versuch, einen Menschen und eine condition humaine, eine Menschlichkeit zu zeigen, die dank der Perfidie eines politischen Systems so sehr beschädigt und bis auf die Grundfesten des Daseins erschüttert sind, dass sie anderen und vor allem sich selbst zur unerträglichen Last geworden sind. Allein das verdient unsere allergrößte Bewunderung.

Klara ist sich ihrer Entmenschlichung von den Zehen bis in die Haarspitzen verzweifelt bewusst, und weil sie nicht mehr die psychische Kraft hat, sich endgültig von dieser Last zu befreien, verlangt sie sich der Tochter zugewandt das äusserste an Menschlichkeit ab, dessen sie noch fähig ist: nämlich die Unmenschlichkeit, ihre Tochter je wiederzusehen.

Angesichts dieses Paradoxes, das innerhalb von Klaras Logik tatsächlich als Tat grösstmöglicher Liebe zur Tochter und grösstmöglicher Härte gegen sich selbst erscheint, versagen unsere moralischen und ethischen Gut/Böse-, Schwarz/Weiss-Codierungen vollständig.

Die Frau, die sich nach den entmenschlichenden Erfahrungen des Konzentrationslagers nur noch als wandelnde Bombe und lebende Untote empfinden kann, betreibt lieber die Trennung von der Tochter und (wenn er denn überlebt hätte) die Scheidung vom Ehemann, als diese ihr Liebsten mit ihrer vollkommen entregelten Anwesenheit zu quälen.

“Ich verstoße meine Tochter nicht”, sagt Klara in einem gefassten, lichten Augenblick zur rat- und fassungslosen Tagebuchschreiberin, “ich verstoße mich selbst aus ihrem Eigenleben, für ihr eigenes Leben. Ich habe nichts zu geben außer meinem Schmerz und meinem Wahnsinn, meiner Krankheit, genau das ist es, (….) ich bin ohne Aussicht auf baldige Genesung.”

Ob Klaras NEIN und ihr unumkehrbarer Beschluss, auf Nimmerwiedersehen nach Amerika und in die Anonymität zu verschwinden, der menschlichen Weisheit (oder wessen Weisheit auch immer) letzter Schluss sind, darin weiss sich auch die Tagebuchschreiberin bis zuletzt keinen Rat.

Und wir, die Leser? Hätten wir uns Rat gewusst?

Anders als die Tagebuchschreiberin, die nach 46 Tagen mit Klara bei deren Abreise nur noch eine große Leere und Erleichterung spürt, reiben wir uns am Ende des Buches seltsam fasziniert, verwirrt und irritiert nachdenklich die Augen und können wenig mehr als zugeben, dass wir verschont geblieben sind, dass wir über solche paradoxe Unmenschlichkeit aus größter Menschlichkeit eigentlich noch nie haben nachdenken müssen.

Die Frage, ob unsere Moral differenziert und unsere Menschlichkeit stark genug gewesen wären, um mit einer wie Klara auch nur umgehen zu können, ohne schreiend verrückt zu werden, diese Frage wird uns noch lange beschäftigen.

Ich kann mir vorstellen, meine Damen und Herrn, dass nur ein Nachgeborener, eine Nachgeborene überhaupt in der Lage ist, ein Buch wie Klaras NEIN zu schreiben. Sicher scheint mir, dass es das bislang überzeugenste Argument gegen die Doktrin eines fernsehbekannten Literaturkritikers mit Doppelnamen ist, der meinte, über die Erfahrungen von Auschwitz dürfe überhaupt nur schreiben, wer sie mitgemacht habe. Der in alle Sprachen übersetzte spanische Schriftsteller Jorge Semprun (der Auschwitz überlebt hat) hat dazu in einem Vorwort zu Klaras NEIN das Passende angemerkt:

“Klaras NEIN ist der Roman, auf den ich gewartet habe, das erste starke, unvergessliche Zeichen der Kraft eines fiktiven literarischen Versuchs, sich an die kühne und bescheidene Rekonstruktion unserer innersten Erfahrungen der Vernichtung zu wagen, die auch ihre Rettung ist. – Wir können ruhig sterben: Unsere Stimme, die Stimme der Zeugen, wird in dieser wunderbaren Fiktion weitergegeben und bewahrt.”

Ich denke, wir haben zur 25. Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises keine würdigere Preisträgerin als Madame Aaron finden können. Klaras NEIN nämlich zeugt wie kaum ein Werk der jüngsten Literatur - ich zitiere die Statuten des Geschwister-Scholl-Preises - “von geistiger Unabhängigkeit und ist geeignet, moralischen, intellektuellen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben”. Und das, gestatten Sie mir die Ergänzung, auf dem höchstmöglichen ästhetisch-literarischen Niveau und gegen alle Denkbeschränkungen des Gutmenschentums und der Political Correctness an.

Ich danke Grete Osterwald für die in keine Sentimentfalle laufende kongeniale Übersetzung, den Verlegern Maurice Nadeau und Frau Katja Wagenbach für ihren verlegerischen Mut und Ihnen, verehrte Madame Aaron, für Ihr grandioses erstes Buch. Sie haben uns damit reicher gemacht. Mögen ihm noch viele folgen.

Merci, Madame, merci beaucoup.

 

Christoph Buchwald, München 22.11.2004

 

Christoph Buchwald ist Autor und Literaturvermittler.

 

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