Geschwister-Scholl-Preis 2004 - soazig AAron

Ansprache von oberbürgermeister christian ude

Zum 25. Mal wird heute der Geschwister-Scholl-Preis verliehen. 1980 haben der Verband Bayerischer Verlage und Buchhandlungen, der inzwischen als Landesverband Bayern im Börsenverein des Deutschen Buchhandels firmiert, und die Landeshauptstadt München diesen Preis ins Leben gerufen. Seither wird damit jährlich ein Buch ausgezeichnet, das im weitesten Sinn an das Vermächtnis der Geschwister Scholl erinnert, von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.

Das ist ein außerordentlich hoher Anspruch, schon der Name des Preises legt hier einen Maßstab an, der die Jury immer wieder vor die Frage gestellt hat, wofür überhaupt ein „Geschwister-Scholl-Preis“ verliehen werden kann. Schließlich war der Schrecken des „Dritten Reichs“ und seiner Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie so einzigartig, wie es auf der anderen Seite der Mut der Geschwister Scholl, ihrer Mitstreiter der Weißen Rose und all derer bleibt, die dagegen angekämpft haben.

Fast sechs Jahrzehnte nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft ist heute – zum Glück – weder in Deutschland noch sonst einem demokratischen Rechtsstaat etwas annähernd Vergleichbares auch nur denkbar. Dennoch ist es dank der engagierten und kompetenten Arbeit der Jury gelungen, eine Reihe höchst beeindruckender Werke mit dem Geschwister-Scholl-Preis auszuzeichnen, die dem damit verbundenen Anspruch auf eine sehr unterschiedliche, immer aber herausragende Weise gerecht werden. Das gilt für die Erzählungen, Essays, Lyrikbände und Erinnerungsbücher ebenso wie für die wissenschaftlichen Dokumentationen und Abhandlungen, die sich in der Reihe der preisgekrönten Werke finden.

Der Geschwister-Scholl-Preis ist sehr schnell zu einem der bedeutendsten und meistbeachteten deutschen Literaturpreise geworden, was angesichts der Vielzahl von Literaturpreisen noch umso bemerkenswerter und erfreulicher ist. Auch die Preisverleihung stieß auf Anhieb auf eine so große Resonanz, dass der Alte Rathaussaal, wo die Veranstaltung in den ersten Jahren stattfand, dafür bald schon zu klein wurde.

Seit 1988 wird der Geschwister-Scholl-Preis nun in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität verliehen, an jenem Ort, der wie kein anderer an den Widerstand der Geschwister Scholl erinnert: Hier wurden Hans und Sophie Scholl entdeckt, als sie am 18. Februar 1943 ihre letzten Flugblätter in den Lichthof warfen, hier wurden sie festgenommen, der Gestapo übergeben und damit ans Schafott geliefert. Nur vier Tage später wurden sie zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Natürlich kann die Verleihung eines Preises, der dem Andenken an die Geschwister Scholl gewidmet ist, nichts von dem begangenen Unrecht je wieder gut machen. Aber neben vielen anderen Münchner Initiativen und Projekten zeigt gerade auch der Geschwister-Scholl-Preis, dass München aus seiner Geschichte gelernt hat, dass aus der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" eine Stadt der Toleranz und Weltoffenheit wurde, die sich konsequent und mit Nachdruck für die Ideale einsetzt, für die die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter der Weißen Rose ihr Leben riskiert und geopfert haben.

Wie aktuell deren Vermächtnis auch heute noch ist, hat ja gerade in letzter Zeit eine Reihe von Alarmsignalen deutlich gemacht. Der von Neonazis geplante und zum Glück verhinderte Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung für das Jüdische Zentrum im vergangenen Jahr, die Stimmenzuwächse rechtsextremer Parteien bei den letzten Landtagswahlen, der Anstieg rechtsextremistischer Gewalttaten, wie wir ihn gegenwärtig gerade auch in Bayern erleben: Das alles zeigt, wie dringend geboten es ist, neuen Anfängen entschlossen zu wehren und Zivilcourage zu zeigen gegen Intoleranz, Fremdenhass und Antisemitismus, solange das – anders als zu Zeiten eines rücksichtslos mordenden Staatsterrors – noch ohne Gefahr für Leib und Leben oder die persönliche Freiheit möglich ist.

Im letzten Jahrzehnt hat es leider vor jeder Preisverleihung Anlässe gegeben, die uns schmerzhaft bewusst machten, dass die Gefahren des Rechtsextremismus nicht vollständig gebannt sind, sondern immer wieder in bedrohlicher Weise aufflackern. Da gab es Anfang der 90er Jahre Übergriffe auf Asylbewerberheime und Ausländerwohnheime mit Brandstiftung und Todesfolgen, da gab es Mitte der 90er Jahre Anschläge auf jüdische Friedhöfe und gemeindliche Einrichtungen, da gab es Ende der 90er Jahre schon einmal beklemmende Wahlerfolge der Rechtsradikalen in den neuen Bundesländern und in diesem Jahr wie gesagt die Münchner Attentatspläne und im Osten das erfolgreiche Zusammenwirken von DVU und NPD. Die Attentatspläne sind ein polizeiliches Problem und zum Glück von der Polizei auch rechtzeitig aufgedeckt worden. Aber die rechtsradikalen Wahlerfolge sind eine politische Herausforderung, und zwar an uns alle. Und da möchte ich eine modern gewordene politische Attitüde kritisieren: Es kommt immer häufiger vor, dass kritische Demokraten über die rechtsradikalen Wahlerfolge zwar entsetzt und empört sind, beim nächsten Atemzug aber erzählen, dass sie als besonders kritische und sensible und nachdenkliche Menschen künftig nicht mehr wählen gehen, sondern sich der Stimme enthalten. Hierzu eine unerbittliche mathematische Erkenntnis: Wenn die Hälfte der Demokraten in diesem Land am Wahltag zuhause bleibt, hat jede rechtsextreme Stimme doppeltes Gewicht! Dann können schon mit 2,5 Prozent Zustimmung die 5 Prozent-Hürden in den Bundesländern übersprungen werden!

Wahlenthaltung, und mag sie noch so geistreich mit Empfindsamkeit oder Enttäuschung begründet werden, überlässt den Rechtsextremen freiwillig das Feld! Oder anders ausgedrückt: Der Vormarsch der extremistischen Kameradschaften und Skinhead-Szene in die Parlamente wird letzten Endes nicht durch zeitgeschichtliches Wissen, durch schulische Aufklärung, durch Erinnerungsarbeit oder Betroffenheitspflege gestoppt, sondern durch die Stärkung des demokratischen Spektrums und eine offensive politische Auseinandersetzung, die nicht nur Nein zu den Neo-Nazis sagt, sondern auch ein Ja zur Stärkung demokratischer Strukturen zustande bringt.

Ich danke allen, die Anteil haben am Erfolg des Geschwister-Scholl-Preises: Das ist der Landesverband Bayern im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der die Stiftung des Preises initiiert hat und ihn gemeinsam mit der Landeshauptstadt München verleiht. Das sind besonders auch die zahlreichen aktiven und ehemaligen Jurymitglieder, die mit ihren Vorschlägen – mitunter auch gegen kritische Einwände – dem Preis zu seiner exzellenten, inzwischen auch internationalen Reputation verhalfen. Das sind die Kolleginnen und Kollegen des Münchner Stadtrats, die als beratende Mitglieder mit großem Engagement an den Juryentscheidungen mitgewirkt haben. Das ist die Ludwig-Maximilians-Universität als Gastgeberin der alljährlichen Preisverleihung. Das ist das städtische Kulturreferat. Das sind die Laudatoren, und das sind vor allem auch die Preisträgerinnen und Preisträger, die für ihre Werke mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wurden.

Heute geht dieser Preis an die bretonische Autorin Soazig Aaron für ihr Buch „Klaras NEIN“. Ein „Wagnis“ wurde dieses Buch genannt, weil es die fiktive Geschichte einer Auschwitz-Überlebenden erzählt, geschrieben von einer Autorin, die vier Jahre nach Kriegsende geboren, also keine Zeitzeugin ist. Es ist, wenn man so will, eine „erfundene“ Wahrheit, die Soazig Aaron da in der Form einer Tagebuch-Erzählung vermittelt. Aber es ist eine Wahrheit, die der Authentizität und Intensität autobiographischer Erinnerungsbücher oder wissenschaftlicher Abhandlungen über den Holocaust, für den Auschwitz zum Synonym wurde, nicht nachsteht.

„Klaras NEIN“ ist nicht nur die Rekonstruktion des Leidens und Grauens in Auschwitz und all den anderen Todeslagern, sondern die erschütternde Darstellung dessen, was die Hölle der Massenvernichtung aus denen gemacht hat, die mit dem Leben davonkamen. Es ist die Geschichte einer Überlebenden, die nicht mehr die ist, die sie vorher war, vor der Deportation nach Auschwitz, die ihr Überleben mehr als ein „Unterleben“, als Unglück, gar als Schande, und den Tod ihres im Widerstand umgekommenen Mannes als Gnade empfindet, die sich weigert, nach ihrer Heimkehr nach Paris, die keine ist, wieder an ihr früheres Leben anzuknüpfen, je wieder ein Wort ihrer deutschen Muttersprache in den Mund zu nehmen, ja selbst ihre Tochter wiederzusehen, weil sie, wie sie sagt, ihr nichts zu geben hat außer ihren Schmerz, ihren Wahnsinn, ihre Krankheit, unter der sie leidet, ohne Aussicht auf baldige Genesung.

Es ist eine Geschichte, die eine ganz neue Antwort gibt auf die Frage nach dem angemessenen Umgang mit den Verbrechen des NS-Terrors. Das ist wichtig in einer Zeit, in der die überlebenden Opfer immer weniger werden und der Tag immer näher rückt, an dem niemand mehr aus eigener Anschauung, aus eigenem leidvollen Erleben über Verfolgung, Entrechtung und Demütigung, über Entmenschlichung und Mord berichten wird.

Denn mit dem Verlust der Zeitzeugen, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Stimme erhoben, um die Erinnerung an den Holocaust lebendig zu halten, wächst die Gefahr, dass die emotionale Teilnahme am Schicksal und Leid der Opfer zunehmend „distanzierter“ wird, dass die Dimension des Grauens verharmlost, die enthemmte Unmenschlichkeit der Verfolger und Mörder relativiert und die verzagte Gleichgültigkeit, das bemühte Wegsehen der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft im NS-Staat kleingeredet wird.

„Klaras NEIN“ weist einen Weg, dieser Gefahr zu begegnen. Es ist „der Roman, auf den ich gewartet habe“, schreibt der Schriftsteller und KZ-Überlebende Jorge Semprun in seinem Vorwort dazu, das er mit dem Fazit abschließt: „Wir können ruhig sterben: Unsere Stimme, die Stimme der Zeugen, wird in dieser wunderbaren Fiktion weitergegeben und bewahrt.“

Es ist ein Buch, so heißt es resümierend in der Begründung der Jury, das dem Geschwister-Scholl-Preis und der Literatur große Ehre einlegt. Gleich mit ihrem ersten Roman ist der Autorin Soazig Aaron damit ein großer Wurf gelungen. Dazu herzlichen Glückwunsch, herzliche Gratulation zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2004.

 

Christian Ude, München 22.11.2004

 

Christian Ude ist Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München.

 

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