Geschwister-Scholl-Preis 2005 - necla kelek

dankesrede von necla kelek

„Wir haben das Recht,
wenn wir Dostojewsky gelesen haben,
an Goethe Kritik zu üben.
Aber zunächst müssen wir ihn verteidigen.“

Hans Scholl

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Rektor,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Dr. von dem Knesebeck,
verehrte Mitglieder der Jury,
sehr geehrter Herr Prantl,

1.
als ich davon hörte, dass sie mir hier in München den Geschwister-Scholl-Preis verleihen wollen, musste ich an die erste Tafel Schokolade denken, die ich in München bekam. Es war im August 1967, als ich, damals zehn Jahre alt, mit meiner großen Schwester und meinem kleinen Bruder nach einer dreitägigen Zugreise von Istanbul durch den Balkan auf dem Münchener Hauptbahnhof ankam. Wir waren hungrig und orientierungslos. Unsere Mutter hatte uns am Bosporus in die Bahn gesetzt, mit Fahrkarten, der Adresse unseres Vaters in Niedersachsen, einem Essenskorb und der strikten Anweisung, mit niemandem zu sprechen, höchstens mit einem Menschen, der eine Uniform trüge. Unsere Verpflegung hatten wir bereits kurz hinter der bulgarischen Grenze aufgezehrt.

Wir hatten gehört, dass es in Deutschland fahrende Treppen und drehende Fenster gab, vor allem aber war es für uns das Land von Hänsel und Gretel, und Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Außerdem hatte uns mein Vater bei seinem letzten Besuch in der Türkei die deutsche Nationalhymne vorgesungen: „Wenn ihr die könnt, dann seid ihr drin in Deutschland.“ Nun standen wir mit leeren Magen und dem „Lied der Deutschen“ in der Tasche auf dem Bahnsteig in der großen schwarzen Halle, als hätten wir uns im Wald verlaufen. Mein kleiner Bruder heulte, denn noch schlimmer als Heimweh war sein Hunger. Ein Bahnschaffner kümmerte sich um uns, setzte uns in den richtigen Zug und schenkte uns, kurz bevor der Zug losfuhr, eine Tafel Schokolade. Unsere erste. Wir waren gerettet und konnten es gar nicht fassen, dass man uns zur Begrüßung so etwas Köstliches schenkte.

Ich möchte mich bei der Jury, bei der Stadt München, der Börsenverein des deutschen Buchhandels- Landesverband Bayern, für die große Ehre bedanken, mich mit dem Geschwister-Scholl- Preis auszuzeichnen.

Und zusammen mit meinem Bruder Rahmi, der zu diesem Anlass aus Istanbul gekommen ist, möchte ich mich auch bei dem unbekannten Bahnschaffner für die herzliche Begrüßung, mit einer Tafel Schokolade bedanken. Sie war eins der schönsten Geschenke, die ich erhalten habe.

2.
Nachdem sich die große Rührung, die diese Auszeichnung in meiner türkischen Seele ausgelöst hat, ein bisschen legte, habe ich nachgedacht, worüber ich hier sprechen möchte. Ich habe mir die eindrucksvolle Reihe der Reden der vor mir Geehrten angesehen, aber als erstes habe ich die Briefe und Aufzeichnungen von Hans und Sophie Scholl gelesen. Und Hans Scholl hat mich auch auf das Thema gebracht, über das ich mit Ihnen sprechen möchte. In seinem Rußlandtagebuch findet sich am 22.8. 1942 folgender Eintrag:

„O ja, Sie verteidigen die europäische Kultur, mein Lieber, obgleich sie selbst unter Kultur ihre Nagelfeile und Ihr Wasserklosett verstehen, vielleicht auch ihre kleine Vormachtstellung vor anderen und ihre Briefmarkensammlung. Und Goethe, Schiller, was ist mit diesen beiden Fixsternen am deutschen Nachthimmel…?.

(und dann, ein paar Zeilen später:)

Wir haben das Recht, wenn wir Dostojewsky gelesen haben, an Goethe Kritik zu üben. Aber zunächst müssen wir ihn verteidigen. Wir müssen ihn schützen, in dem wir uns selber schützen.“

Ich möchte mit Ihnen über Deutschland sprechen.

3.
Ich lebe jetzt seit 37 Jahren in diesem Land, bin hier zur Schule gegangen, habe hier einen Beruf erlernt, habe studiert, gearbeitet, unterrichtet, geforscht, geschrieben, habe geheiratet, wurde geschieden , bin Mutter eines zehnjährigen Jungen , habe inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft, ich liebe meine kleine und meine große Familie … und ich liebe Deutschland.

Ja, sie haben richtig gehört … ich liebe dieses Land.

Ich kann ihnen auch sagen warum. Dass ich heute hier stehe und alles, was ich im Laufe meines Lebens an persönlicher Freiheit gewinnen konnte, habe ich der deutschen Gesellschaft zu verdanken. Sicher, ich habe mir Freiheit erkämpfen müssen gegen meinen Vater, der dies nicht ertragen konnte, und ich hatte einen großen Bruder, der mir die Freiheit ließ, aber dass ich mir die Freiheit nehmen und wie mein kleiner Bruder leben konnte, habe ich der Verfassung dieses Landes zu verdanken.

Und den Menschen, die diese Kultur leben und verantworten.

Es war meine Lehrerin, die dafür sorgte, dass ich wieder zur Schule ging; es war der Personalchef, der sich weigerte, mich mit 14 in seiner Werkstatt zu beschäftigen;

es war die Gewerkschaftssekretärin Gilbert Lebien, die meine Mutter überredete, dass ich an Seminaren teilnehmen durfte;

es waren die Kollegen, die mich zur Jugendvertreterin wählten;

es war meine Wohngemeinschaft, die mir abverlangte, für mich und andere verantwortlich zu sein.

Aber es war auch die Literatur und das Studium, die mich zu diesen Schritten ermutigten, die mich kritisches Denken lehrten. Die Frage „Warum?“ kam in meiner Erziehung wie auch in der muslimischen Gemeinde, in der ich groß wurde, nicht vor. Und so war mein Weg in die Freiheit auch ein Prozess, der von einer sehr grundsätzlichen inneren und äußeren Auseinandersetzung begleitet war. Ich habe mir meine Freiheit erkämpft, aber um mit ihr etwas anfangen zu können, musste ich lernen. Meine Freiheit entstand aus Zweifel, Neugier und Kleinmut.

Ich war oft verzweifelt und nur manchmal mutig. Heute muss ich nicht mehr mutig sein, denn ich bin nicht allein. Es ist die deutsche Gesellschaft, die dem kleinen Mädchen aus Istanbul den Zweifel, das Vertrauen, den Mut und die Freiheit schenkte.

4.
Ich war neunzehn Jahre alt, Auszubildende zur technischen Zeichnerin in einer LKW-Fabrik und Jugendvertreterin der IG Metall, als ich 1977 eingeladen wurde, an der Preisverleihung der Carl-von Ossietzky-Medaille teilzunehmen. Preisträger war der Widerstandskämpfer und legendäre Gewerkschafter Willi Bleicher. Als er zu Ehren Ossietzkys, dem Journalisten, der den Friedensnobelpreis verliehen bekam und ihn nicht entgegennehmen konnte, weil er im Konzentrationslager saß, einen Kranz niederlegen wollte, stand ich einige Schritte von ihm entfernt. Er blickte sich kurz um, bat mich, ihm zu helfen. Danach drückte er mir die Hand und sagte: „Danke“.

Diese persönliche Begegnung und die ständige Präsenz der Auseinandersetzung um Verantwortung und Schuld der Deutschen haben mich überzeugt: es gibt in der Geschichte wohl kein Volk, das sich so offen seiner Geschichte gestellt hat, wie in den letzten dreißig Jahren das deutsche. Die Verantwortung für das, was während des Faschismus geschah, sind in der deutschen Gesellschaft tief verwurzelt. Von Forschungsprojekten bis hin zu Schülerwettbewerben, von Mahnmalen bis zu öffentlichen Debatten ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte ständig präsent. Das geht manchmal so weit, dass diese Gesellschaft sich selbst nicht traut, stolz auf das zu sein, was sie sich an zivilen Werten in den vergangenen sechzig Jahren erarbeitet hat. Stolz auf dieses Land zu sein, ist den meisten Deutschen immer noch verdächtig. Manchmal fehlt ihnen ein wenig von dem Selbstwertgefühl, das andere im Übermaß vor sich hertragen.

Und zuweilen hindert dieser Mangel an Stolz die Deutschen auch, Missstände anzuprangern, die sie wahrnehmen, besonders wenn es um Menschen aus anderen Kulturen geht. Die Deutschen hätten kein Recht dazu, diese Meinung ist unter den Deutschen selbst weit verbreitet. Die Angst, an andere Maßstäbe anzulegen, die man für sich selbst für selbstverständlich hält, führt dazu, dass Freiheitsverletzungen akzeptiert werden, die nicht akzeptabel sind.

5.
So wird es als fester Bestandteil einer anderen Kultur akzeptiert, wenn Eltern ihre Kinder von der deutschen Gesellschaft fernhalten, beim Schwimmunterricht und bei Klassenreisen fehlen lassen, wenn Jungen und Mädchen getrennt aufwachsen sollen, wenn Jungen zu Wächtern der Familie erzogen werden, wenn die Eltern bestimmen, wann und wen die Kinder zu heiraten haben. Es wird eine archaische, oft religiös begründete Kollektivkultur akzeptiert, die elementare Rechte der Verfassung verletzt.

Eine Untersuchung des Bundesministeriums für Familie hat 150 türkische Frauen befragt. Jede zweite Frau gab an, dass ihr Ehepartner von den Eltern ausgesucht wurde, jede vierte kannte den Partner vor der Ehe nicht, und zwölf von den 150 Frauen fühlten sich zur Ehe gezwungen. Auch heute – und ich betone, dies sind keine Ausnahmefälle - sind in diesen Kreisen Mädchen faktisch im Besitz der Väter und Brüder, man nennt sie die „Ehre der Familie“, und passt auf sie auf.

Ältere bestimmen über ihr Leben, entscheiden ob sie zur Schule gehen und wen sie heiraten. Ich selbst habe als junges Mädchen in Deutschland miterlebt, wie eine Freundin in der Nachbarschaft über zehn Jahre lang im Haus festgehalten wurde. Dieses Mädchen durfte nicht zur Schule, weil ihre Eltern arbeiteten und sie auf den jüngeren Bruder aufpassen musste. Und mit 16 Jahren wurde sie in die Türkei geschickt und dort verheiratet. Was für ein Leben hat dieses Mädchen gehabt? Ihm wurde jedes Recht auf ein eigenes Leben bestritten, ihm wurde Bildung und Selbstbestimmung verweigert.

Die Ehe ist im Islam kein Sakrament sondern ein zivilrechtlicher Vertrag zwischen zwei Familien. Und dass geheiratet werden muss, ist in der türkisch-muslimischen Gesellschaft keine Frage. „Verheiratet die Ledigen!“ steht im Koran, und die Familienoberhäupter nehmen diese Aufforderung wörtlich. Den jungen Menschen wird das elementare Recht vorenthalten, selbst zu entscheiden, ob, wen und wann sie heiraten. Und es mag in diesem Zusammenhang unwichtig sein, aber ich glaube, es ist keine verklärte Romantik: Damit wird ihnen auch die Liebe vorenthalten. Sie dürfen sich nicht verlieben. Ein Kontakt, ja selbst ein harmloser Flirt zwischen jungen Männern und Frauen ohne die Ehe ist nach traditioneller Auffassung undenkbar, ein Verstoß gegen den Sittenkodex, der geahndet wird.

6.
Diese Mentalität, das Festhalten am türkisch-muslimischen Common Sense in der Fremde, führt zu der Situation, die wir heute in Deutschland bei mindestens der Hälfte der hier lebenden Türken haben. Sie leben in der Moderne, sind dort aber nie angekommen. Sie leben in Deutschland nach den Regeln ihres anatolischen Dorfes. Sie haben sich in ihren Glauben, in ihre Umma, eine Parallelwelt, zurückgezogen und reproduzieren sie, indem sie ihre Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen worden sind, und sie mit Mädchen und Jungen ihrer alten Heimat verheiraten.

Die Folgen sind dramatisch. Mangelnde Individualisierung und Selbstverantwortung zieht mangelnden Bildungswillen nach sich. Wenn Eltern davon ausgehen, dass sie ihre Tochter mit 16 Jahren verheiraten, warum sollten sie dann in die Bildung dieses Kindes investieren, es Abitur machen oder studieren lassen? Es lohnt sich schlicht nicht. Mangelnde Verantwortung für die Zukunft, mangelnde Investition in die Bildung ihrer Kinder, reproduzieren immer wieder den eigenen sozialen Status – den man dann auch noch dem „Gastland“ vorwerfen kann. Und so relativiert sich auch die Mär von der türkischen Familie, in der sich alle so nahe sind, die Geborgenheit bietet. Diese Gemeinschaftist in vielen Fällen ein Kontrollsystem, in dem die älteren Männer bestimmen und kontrollieren, was die Familienmitglieder zu tun und zu lassen haben. Dort herrscht das Prinzip des Respekts und der Ehre, ein Jüngerer hat dem Älteren nicht zu widersprechen, und die Frauen sind die „Ehre“ sprich: Besitz der Männer und haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Es ist kein System der Fürsorge, sondern eine Besitzanzeige. Im Zweifelsfall entscheidet wie im Dorf die Großmutter, ob es angemessen ist, dass die Enkelin zur Schule geht. Keine guten Voraussetzungen für eine Demokratie, denn die braucht mündige Bürger. Und so ist letztlich an der Frage der Gleichberechtigung der Frau die Integration einer großen Zahl von Türken in Deutschland gescheitert. Und diese Erkenntnis ist um so bitterer, weil in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vielfältige Initiativen staatlicher, politischer und sozialer Politik darauf gerichtet waren, die Stellung der Frau zu verbessern. Diese Chance wird immer noch von zu wenigen genutzt. Die Männer befürchten, dass ihnen die Macht über die Frauen verloren geht. Sie folgen hier wie dort einem anderen Weltbild.

7.
Lassen sie mich deshalb ein wenig auf die türkische Seite der Medaille eingehen. Obwohl die türkische Verfassung die Schweizer Verfassung zum Vorbild hatte, und im Zuge der Reformen im Mai 2004 der Artikel 10 geändert wurde – es heißt jetzt „Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Der Staat ist verpflichtet, die Gleichheit zu verwirklichen“ – klafft eine große Lücke zwischen Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit. Und ich möchte aus soziologischer Sicht dafür eine Erklärung versuchen.

Ein Grund liegt in der grundsätzlich anderen Auffassung über die Aufgaben und die Funktion des Staates und der Familie im traditionellen islamisch-türkischen Gesellschaftsmodell. Der Islam kennt keine Trennung von Staat und Politik. Die ist vertikal, in Männer und Frauen, getrennt. Die Männer sind die Öffentlichkeit, die Politik, die Frauen die Privatheit, das Haus. Die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit ist Teil des traditionellen islamischen Weltbildes. Die Gesellschaft ist kein Ganzes mit Männern und Frauen, sondern es sind zwei Gesellschaften, die der Frauen und die der Männer. Wenn die Frau die Domäne der Männer, d.h. die Öffentlichkeit betreten will, muss sie sich nach dieser Auffassung verschleiern, um die Öffentlichkeit, sprich die Männer, nicht zu stören. Frauen stören, weil sie eine ständige Verführung für den Mann sind, vor der er geschützt werden muss, weil er sich so schwer beherrschen kann.

Der Staat ist dieser Auffassung nach der Mann, er trägt Verantwortung für das Land und regelt den politischen und wirtschaftlichen Rahmen für seine Bürger. Das Haus ist die Frau, sie soll im Haus Entscheidungen treffen, aber für das Haus trägt der Mann wiederum die Verantwortung. Er kann seine Kinder so erziehen, wie er möchte, und verheiraten, mit wem er will, der Staat mischt sich nicht ein. Wer in der Öffentlichkeit über die Angelegenheiten der Familie spricht, verletzt das Gesetz der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen. Dieses – vereinfacht dargestellte - Weltbild wird ungebrochen gelebt, ganz gleich, welche Rechte es in der Verfassung gibt. Deshalb auch regen sich die Nationalisten und Islamisten und ihre Presse so darüber auf, dass „Fremde“ über die Armenienfrage und Zwangsheirat, über Ehrenmord und Gewalt in der Familie sprechen. Sie sind der Auffassung, das gehe keinen Fremden etwas an. Es ist eine Auffassung, die der von Max Frisch gegebenen Definition diametral entgegensteht: “Demokratie heißt, sich in seine eigenen Angelegenheiten einzumischen.“

8.
In den modernen Gesellschaften trägt jeder eine Verantwortung für sich. Dem Individuum wird zugestanden und von ihm wird verlangt, sich zu kontrollieren und für sein Handeln verantwortlich zu sein. Es ist eine horizontale Trennung von Einzelnem und der Gesellschaft.

In der türkisch-islamischen Welt dagegen ist der Mensch ein Sozialwesen, der sich nicht selbst, sondern der Gemeinschaft gehört. Er trägt Verantwortung für die Anderen - der Ältere für den Jüngeren, die Männer für die Frauen, das Familienoberhaupt für die ganze Familie.

Wenn ich von „dem“ Islam spreche, begegne ich natürlich sofort einer Reihe von Einwendungen. Es gebe nicht „den“ Islam, sagt man. Es gibt Schiiten, Sunniten, Aleviten, Wahabiten, unterschiedliche Rechtsschulen etc., es gibt den „Euro-Islam“ wie den in Indonesien. Der Islam ist von seiner Anlage her keine Kirche, und es gibt die Herrschaft der Islamistischen Fundamentalisten ebenso wie die Auffassungen der Modernisierer wie beispielsweise Fatima Mernissi oder Youssef Seddik, der den Koran als zutiefst individualistische Metapher deutet.

Ich bin Soziologin, und mir geht es nicht um eine theologische Diskussion. Halten wir uns deshalb an das, was im Namen des Islam gelebt wird. Ich deute Religion als eine kulturelle Dimension. So wie es eine christliche Lebenseinstellung, ein Grundverständnis von Ethik, einen Wertekanon im Christentum gibt, gibt es auch diese kulturelle Dimension im Islam. Religion ist ein kulturelles System, das unserem Leben die Dimension des Transzendenten gibt. Religion vermittelt eine allgemeine Seinsordnung über die soziale Wirklichkeit hinaus.

In der türkisch-islamischen Gesellschaft gibt es spezifische Menschen- und Weltbilder, die eng mit der Religion verbunden sind und von ihr legitimiert werden: Aus der Vorstellung der Umma, der Glaubensgemeinschaft, leitet sich ein soziales Konzept von Gemeinschaftlichkeit ab, das der Gemeinschaft dem Vorrang vor dem Individuum gibt. Damit steht es im Gegensatz zum Bild von der Einzigartigkeit des Individuums in Gesellschaften christlicher Prägung, das deren Transformation zu demokratischen Gesellschaften erleichtert hat. Der Christenmensch wurde durch die Entdeckung des Gewissens zum verantwortlichen Einzelnen. Wer Verantwortung trägt, kann auch schuldig werden. Umgekehrt gilt auch: Ohne Gewissen keine Verantwortung. Die Frage der Individuierung ist von Gewissen, Moral und Werten nicht zu trennen – auch wenn wir das zuweilen zu vergessen drohen. Ohne diese hätten wir uns keine Gesetze, keine Verfassung, keine Grundrechte geben können.

9.
Zwar versuchten sowohl die rechten wie die linken politischen Kräfte der türkischen Republik, den Islam konsequent zurück zu drängen, aber sie setzten dem Kollektivgedanken dieser Religion kein Konzept der Stärkung individueller Rechte und individueller Emanzipation entgegen, sondern füllten ihn – ganz nach Gusto – mit neuen kollektivistischen Konzepten wie der kommunistischen Revolution, kurdischem Separatismus und türkischem Nationalismus. Die türkische Verfassung betont im Artikel 1 den „Frieden der Gemeinschaft“ und „den Nationalismus Atatürks“ – sie gewährt zwar in Artikel 12 Grundrechte, verpflichtet gleichzeitig jeden auf die Verantwortung der Gemeinschaft und der Familie gegenüber.

Dies mag auch ein Grund dafür sein, warum es bürgerliche oder liberale Parteien so schwer haben und nie eine wirkliche Bürgerbewegung entstand. Es gelang den Kemalisten nicht, den Staat auch und zuallererst als Schutzorganisation für die Rechte des Einzelnen zu definieren. Obwohl Atatürk den Islam hasste, leidet seine Idee der aufgeklärten Republik daran, dass er zwar den Staat säkularisierte, aber nicht als eine Gemeinschaft von Individuen, sondern weiterhin als Kollektiv organisierte. Das Prinzip der Umma, der in sich und nach außen geschlossenen Gemeinschaft, wurde nicht in Frage, sondern auf den Kopf gestellt und zum Prinzip des Türkentums erhoben.

Und dieses Prinzip, ich nenne es den türkisch-muslimischen Common Sense oder nennen Sie es Leitkultur, wird mehr oder weniger „fraglos“ gelebt. Von strenggläubigen Muslimen, aber auch von türkischen Familien, die sich auf Nachfrage als republikanisch bezeichnen würden. In der Türkei und in der Migration.

10.
Ich habe vor zehn Jahren begonnen, mich mit dem Thema Migration und Integration zu beschäftigen. Ich ging davon aus, dass die säkularisierte, demokratische und soziale Zivilgesellschaft eine Chance für die Migranten und vor allem für deren Kinder darstellt. Mein Studium habe ich mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung finanzieren können, wofür ich sehr dankbar bin. Meine Forschungen habe ich ohne öffentliche Unterstützung betrieben. Denn ich habe gegen die stillschweigende Übereinkunft der Migrationsforscher verstoßen, die darauf ausgerichtet ist „zu erklären, um zu verstehen und um zu helfen“.

Für sie sind die Migranten die Opfer dieser Gesellschaft. Wer sich mit einer solchen Position bescheidet, hat sich für eine Einbahnstraße entschieden: der Migrant, das abhängige Mündel der deutschen Gesellschaft. Praktisch bedeutete die Umsetzung dieser These in die Praxis: den Migranten wurde die Eigenverantwortung abgesprochen, das deutsche Sozial- und Schulsystem hatte für die Integration zu sorgen. Die Folgen sind nicht mehr wegzudiskutieren: die Integration eines großen Teils der Migranten ist auch wegen dieses falschen Politikansatzes gescheitert.

Ich halte aber die Verantwortung des Einzelnen, die des Wissenschaftlers ebenso wie die des Migranten, für das Gelingen der Integration für unverzichtbar. Ohne Zweifel, wir müssen fördern, aber wir müssen auch den Willen zu Integration einfordern.

Wir müssen mehr wissen über diese muslimische Parallelgesellschaft mitten in Deutschland. Wir müssen wissen, was in den Koranschulen gelehrt wird, wir müssen wissen, was die Hodschas in den Moscheen predigen, wir müssen wissen, warum sie so wenig mit den Deutschen zu tun haben wollen, warum sie so oft ihre Kinder nicht zur Schule schicken, ihren Töchtern die Teilnahme am Sportunterricht und den Klassenfahrten verweigern, warum sich Mädchen das Kopftuch anlegen – wir müssen mehr wissen über ihre Werte, Einstellungen und Motive. Wir müssen hingucken und uns eine ganze Menge einfallen lassen, wie wir die Muslime aus dem Getto der Parallelgesellschaft herausholen und ihnen eine aktive Integration abverlangen können.

11.
Ich forsche und schreibe, um Antworten auf diese Fragen zu bekommen. Ich könnte es nicht allein.

Ich danke meinem Partner Peter Mathews, der an mich glaubt und mich unterstützt, ich danke meiner Lektorin Ingke Brodersen, die mir den Weg bereitete,

ich danke meinem Verleger Helge Malchow und den Mitarbeitern des Verlages Kiepenheuer und Witsch, besonders Gaby Callenberg, Lutz Dursthoff und Eva Betzwieser, dafür, dass sie meine Sache zu ihrer Sache gemacht haben, denn ohne sie, hätten meine Arbeit die Öffentlichkeit nicht erreicht.

Lassen Sie mich noch einmal an Hans Scholl erinnern: „Wir haben das Recht, wenn wir Dostojewsky gelesen haben, an Goethe Kritik zu üben. Aber zunächst müssen wir ihn verteidigen. Wir müssen ihn schützen, indem wir uns selber schützen.“

Die Auseinandersetzung mit dem, was uns fremd ist, ist wichtig. Es kann dazu dienen, den kritischen Blick für das Eigene zu schärfen, aber es sollte uns auch das erkennen lassen, was an dem Eigenen schützenswert ist. Und dieses müssen wir bereit sein, auch zu verteidigen ( – andernfalls gäben wir uns selber preis). Erst dann, und nur dann, kann ein Dialog entstehen, in dem sich zwei, Ich und der Andere, respektvoll begegnen, in dem beide aufgehoben und in ihren wechselseitigen Rechten respektiert sind. Und darum geht es – „Menschen zu schützen, nicht ihre Ideen“ , wie Salman Rushdie sagt, der wegen seines Buches „Satanische Verse“ von Khomeini mit einer Fatwa überzogen wurde. Und er sagt weiter: „ Es ist völlig in Ordnung, dass Muslime – dass alle Menschen – in einer freien Gesellschaft Glaubensfreiheit genießen sollten. Es ist völlig in Ordnung, dass sie gegen Diskriminierung protestieren, wann und wo immer sie ihr ausgesetzt sind. Absolut nicht in Ordnung ist dagegen ihre Forderung, ihr Glaubenssystem müsse vor Kritik, Respektlosigkeit, Spott und auch Verunglimpfung geschützt werden. Die Trennung zwischen dem Individuum und seiner Überzeugung gehört zu den Grundlagen der Demokratie, und eine Gemeinschaft, die sie zu verwässern sucht, tut sich damit keinen Gefallen.“ (S.R. Überschreiten sie diese Grenze S. 411, Reinbek 2004)

Ich danke Heribert Prantl für seine bewegenden Worte und mit ihm bedanke ich mich ganz ausdrücklich bei den vielen Journalistinnen und Journalisten, die den Anstoß, den ich mit meinem Buch gegeben habe, aufgegriffen haben, über Gewalt, Zwangsheirat und Ehrenmorde zu berichten und damit politisch etwas bewegt haben.

Wenn allein in Berlin 6000 Mädchen und Frauen in den ersten zehn Monaten dieses Jahres den Mut hatten, Hilfe gegen Gewalt und Verheiratung bei Noteinrichtungen zu suchen, dann ist es diese Öffentlichkeit, die ihnen Mut gemacht hat , ihr Schicksal nicht mehr nur zu erdulden, sondern sich zu wehren.

Ich bedanke mich dafür, dass ich heute hier sein kann.

 

Necla Kelek, München 14.11.2005

 

Dr. Necla Kelek ist Volkswirtin und Soziologin, sie forscht zum Thema Parallelgesellschaften und berät u. a. die Hamburger Justizbehörde zu Fragen der Behandlung türkisch-muslimischer Gefangener.

 

Die Rede ist urheberrechtlich geschützt. Wenn Sie die Rede oder Teile daraus für eine Veröffentlichung nutzen möchten, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle des Börsenvereins - Landesverband Bayern. Wir sind Ihnen bei der Klärung der Rechtefrage gerne behilflich.

 

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