Geschwister-Scholl-Preis 2005 - necla kelek

Ansprache von rosemarie von dem knesebeck

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Dr. Necla Kelek,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Juroren des Geschwister Scholl Preises und Mitglieder der Weißen Rose,

Jahrhunderte lang hat Europa, allen voran seine Kolonialmächte, dem Rest der Welt gezeigt, was sauber, ordentlich, anständig, tüchtig und tapfer ist. Ob in Lateinamerika, Asien oder Afrika, wir Europäer hatten, wie Bob Dylan einst sang, Gott auf unserer Seite. Wir bauten Schulen, Krankenstationen und Kirchen, vor allem aber Warenkontore, denn darum ging es.

Das Alte Europa - und bald auch die Neue Welt - bescherten den Hochkulturen unseres Planeten eine äußerst effiziente Verwaltung und ein ertragreiches Wirtschaftssystem. Für uns erfolgreich, ertragreich und effizient!

Und damit auch das Deutsche Reich nicht länger hinter den alten Kolonialmächten zurückstehe, entsandten wir vor gut hundert Jahren so genannte „Schutztruppen“ nach Deutsch-Südwestafrika. Deutsche Touristen, die heute nach Namibia reisen, sind noch immer begeistert, wie sauber und tüchtig die Farbigen etwa in Swakopmund sind, wie deutsch dieses Städtchen noch immer ist. General Lothar von Trotha sah die Afrikaner noch ganz anders:

„Sie gleichen sich alle in dem Gedankengang, daß sie nur der Gewalt weichen. Diese Gewalt mit krassem Terror und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Geld.“

Am deutschen Wesen sollte die Welt genesen. In der festen Überzeugung, in seinem Kampf gegen den Terror, deutsche Tugenden und Interessen zu verteidigen, setzte des Kaisers General am Waterberg seine mörderische Strategie in die Tat um: „Schutztruppen“ besetzten Wasserstellen, attackierten das versammelte Volk der Herero von drei Seiten und verfolgten es auf seiner Flucht in die Wüste Omaheke. Obwohl wir als die besten „Vergangenheitsbewältigter“ gelten, ignoriert unser historisches Gewissen Fakten und unsere Empörung über die Menschenrechtsverletzungen wird oft zurückgehalten, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht: Wir schweigen zu Tibet, da wir unsere Güter und Dienstleistungen nach China exportieren wollen.

Die Frage stellt sich, wann hat das Alte Europa angesichts seiner eigenen blutigen Geschichte zu schweigen, wann darf es, nein, wann muß es Frauenrechte in Afghanistan einfordern, öffentlich Beschneidungen junger Afrikanerinnen anklagen und gegen Zwangsehen von Türkinnen in der Bundesrepublik einschreiten?

Wann wird Toleranz zur Mittäterschaft?

„Eine Kultur, die dem einzelnen die Menschenrechte verweigert, ist nicht demokratiefähig“, heißt es bei Necla Kelek in „Die fremde Braut“. Zunächst Ihnen, sehr geehrte Frau Kelek, herzlichen Dank für dieses Buch! Ihr „Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“ bricht ein Tabu und riskiert, politisch mißverstanden zu werden. Das ist gut so, denn wir brauchen Bücher, die Denkanstöße geben und sich nicht hinter sogenannter „politischer Korrektheit“ verstecken.

„Der soziologische Hintergrund der meisten Menschen ist klein wie der Boden einer Konservenbüchse“, schrieb Kurt Tucholsky vor 80 Jahren. „Sie wähnen sich im Himmel. Eine neue Gesellschaftsliteratur sollte sie aus diesen Träumereien reißen und ihnen die Erde zeigen, wie sie ist. […] Aber die Herren Schriftsteller haben keine Zeit, […] sie bauen eine Nebenwelt auf“.

Die Schriftstellerin Necla Kelek fand die Zeit und auch den Mut, sich mit allen Seiten anzulegen. Sie konfrontiert uns in ihrem „Bericht“ mit einer Wirklichkeit mitten in Deutschland, die wir nicht kennen, die sich uns verschließt und der wir uns verschließen.

Man bleibt in der Gesellschaft in der Regel unter sich. Jungen Türkinnen begegnen wir vielleicht in der U-Bahn oder im Hallenbad, aber selbst wenn wir uns einmal in die Straßenzüge rund um den Bahnhof verirren, können wir einen türkischen Laden nicht von einem arabischen oder kurdischen unterscheiden.

Als eine Kurdin vor sechs Jahren unter Pseudonym ihre autobiographische Erzählung „HennaMond“ bei Peter Hammer veröffentlichte, war die Zeit für diese Buch noch nicht reif. Kaum eine Rezension, lediglich ein „Lesezeichen“ im Bayerischen Fernsehen.

Fatma B. wuchs als Kurdin in Ostanatolien auf und kam im Alter von neun Jahren als Türkin unter die Deutschen. Es konnte nur besser werden, meinte sie, denn hinter ihr lagen Armut, Demütigungen und Gewalt. Vor ihr aber lag eine hoffnungsvolle Zukunft, wenn auch in einem fremden Land. Doch - ihre Identität als Kurdin brachte sie mit ins Ruhrgebiet. Nicht nur von Seiten der dort lebenden Türken und Deutschen, nein, selbst in der eigenen Familie begegnete sie Unverständnis, ja sogar Gewalt bis hin zu Morddrohungen, nachdem sie in die Ehe mit einem deutschen Arzt geflohen war. Lieber tot als mit einem Deutschen verheiratet. Das gebot die Familienehre. Inzwischen - Jahre nach „HennaMond“ - ist übrigens auch Fatma B.s deutsch-kurdische Familie zerbrochen. Kein Einzelschicksal, sondern eine Realität, in der viele junge Kurdinnen und Türkinnen in der Bundesrepublik leben.

Ein aus Anatolien nach Europa verschleppter Ehrenkodex, der grundlegende Menschenrechte verletzt und die Frau elementarer Rechte beraubt, kann und darf in einer Demokratie nicht geduldet werden. Es geht - auch beim ostentativen Tragen des Kopftuchs - um die Würde des Menschen, die durch Vergewaltigungen innerhalb der Familie, durch erzwungene Ehen mit Clanmitgliedern aus der Türkei auf grausame Weise verletzt wird. Die Morde an jungen Türkinnen in Deutschland zwingen uns zu handeln – ebenso wie wir es auf internationaler Ebene nicht hinnehmen können, daß der Iran den Staat Israel auslöschen will oder dies auch nur androht. Auf die familiären Morddrohungen gegenüber der Kurdin Fatma B. folgten die Morde an jungen Türkinnen in Berlin. Wir dürfen dabei nicht tatenlos zusehen.

Die in Istanbul geborene Soziologin Dr. Necla Kelek motivierte Unrecht, das im Namen des Koran begangen wird, zu ihrem „Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“. Doch „Die fremde Braut“ ist keine soziologische Studie, sondern arrangiert die erschütternden Geschichten junger Türkinnen, die nach Deutschland verheiratet wurden, zu „Dokumentarliteratur“. Gegenstand dieses Genres der 68er-Generation sind nicht mehr Arbeiterschicksale in Bottrop oder Bitterfeld, Keleks Dokumentarliteratur prangert Sklaverei zu Beginn des 21. Jahrhunderts an – Sklaverei mitten im sich stolz als liberal und weltoffen gebenden Hamburg. Die Autorin erzählt von „Importbräuten“. Ihre Geschichten stehen für das Los von über fünfzig von ihr befragten Türkinnen, die nach Deutschland verheiratet und hier isoliert wurden. Man nennt eine solche Ehesklavin „Gelin“ – „die, die kommt“. Doch sie kommen nicht nur, sie müssen auch bleiben. Es gibt für sie kein zurück. Mutig und unerschrocken kämpft Necla Kelek dafür, diese Zwangsehen in der Bundesrepublik unter Strafe zu stellen. Sie kennt die falsch verstandene Liberalität mancher Intellektueller, die gerne wegsehen und von Religionsfreiheit reden, während die Würde türkischer Frauen in Deutschland mit Füßen getreten wird. Natürlich weiß Frau Kelek, daß sie Applaus auch aus Kreisen der Neuen Rechten ernten wird, die ihr Buch propagandistisch ausschlachten könnte, dass Linke sie als politisch unkorrekt empfinden und sie sich dem Zorn der eigenen Leute aussetzt. Dennoch wendet sie sich entschieden gegen das Tragen von Schleier und Kopftuch. Sie entsprächen keineswegs der Latzhose aus den Anfängen der Frauenbewegung. Denn, so Kelek:

„Das Verschleiern sagt über die Trägerin aus: Ich bin ehrbar. Im Umkehrschluß heißt das: Alle nicht verschleierten Frauen sind unrein und damit eine Schande für die muslimische Gesellschaft.“

Keleks Resümee: Die bundesdeutsche Linke und Teile des liberalen Bürgertums seien längst muslimischer als die Muslime selbst. Und das ist nicht ganz untypisch für uns Deutsche. Erst soll am deutschen Wesen die Welt genesen, dann machen wir kehrt und sind plötzlich unter der Parole „Multikulti“ muslimischer als die Muslime.

Ich denke, wir haben mit dem Grundgesetzt einen Rahmen gesteckt, auch für die Parallelkulturen innerhalb der Bundesrepublik. Sie alle kennen aus ihrer Kindheit noch die bunten Knetstangen. Man kann aus ihnen farbige Figuren formen oder aber sie zu einem braunen Knödel vermengen. Es wäre bestimmten Kreisen sicherlich recht, wenn jedes Einrichtungshaus zwischen Oslo, Malaga und Budapest gleich aussähe, jeder Baumarkt und jeder Supermarkt. Überall die gleichen Waren, europaweit. Allüberall: multikulti, überall eine braune Knetmasse. Unser Mahlzeiten könnten wir dann in Tappas-Bistro-Kaffeehaus-Pizzeria-Pubs einnehmen und unsere Gerichte entsprächen dem gastronomischen Mix: Labskaus-Paella oder Irish-Stew-Moussaka und Spaghetti an Eisbein. Nein, Europa hat nur eine Chance, wenn es die kulturelle Identität aller wahrt, keine Ghettos entstehen läßt und klare Grenzen setzt. Haßtiraden in Islamschulen dürfen dabei ebenso wenig toleriert werden wie Zwangsehen junger Türkinnen.

Sie, Frau Kelek, haben uns ein Stück deutscher Realität erschlossen. Sie haben ein ergreifendes Buch geschrieben und eine Diskussion angeregt. Für all das danke ich Ihnen im Namen des Börsenvereins – Landesverband Bayern und gratuliere Ihnen zum Geschwister-Scholl-Preis 2005.

Rosemarie von dem Knesebeck, München 14.11.2005

 

Rosemarie von dem Knesebeck war in den Jahren 2000 - 2006 die Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und ist Geschäftsführerin des Knesebeck Verlags in München.

 

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