Geschwister-Scholl-Preis 2005 - necla kelek

laudatio von Heribert Prantl

In einem Brief von Franz Kafka an Oskar Pollak aus dem Jahr 1904 findet sich eine schöne Passage über den Wert von Büchern. Sie geht so: „Ich glaube“, so schreibt Kafka, „man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt.“

Necla Kelek hat so ein Buch geschrieben. Es wirkt auf uns wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt. „Die fremde Braut“ tut weh. Sie beißt, sie sticht. Das Buch ist wie ein Faustschlag auf den Schädel. Der soll uns aufwecken, uns die Augen öffnen – und uns zeigen, was wir nicht akzeptieren dürfen: Dass mitten unter uns Zehntausende von jungen türkischen Frauen wohnen, die das Wort Gleichberechtigung nicht sprechen, nicht schreiben und nicht leben können. Necla Kelek beschreibt und analysiert das Integrationshindernis Heiratsmigration, sie geißelt Zwangsheiraten und arrangierten Ehen, wie sie in der muslimisch-türkischen Gesellschaft in Deutschland gang und gäbe sind. Jeder zweite Türke in Deutschland sucht seine Partnerin in der Türkei. Die typische Import-Braut ist sehr jung, ungebildet und kommt vom Dorf, wird an einen fremden Verwandten in Deutschland verheiratet, lebt dort ohne Außenkontakte in der türkischen Gemeinde und lernt kein Wort Deutsch – mit katastrophalen Folgen für die Bildung der Kinder.

Necla Kelek unterscheidet nicht groß zwischen Zwangsheiraten und arrangierten Ehen, für sie sind das graduelle Unterschiede. Es geht ihr um das Grundproblem: Wie durch die Import-Frauen, wie durch die fremden Bräute ein archaischer Begriff von Ehre gepflegt und ein Familienbild tradiert wird, das mit dem Grundgesetz nichts zu tun hat. „Gelin“ heißt auf türkisch „die, die kommt“ – der Brautpreis ist Deutschland. Wenn die „Import-Gelins“ kein Wort Deutsch können: niemand aus ihren neuen Familien in Deutschland hat ein Interesse daran, dass sich das ändert. Im Gegenteil, denn dann erführe die Braut womöglich auch, dass sie in einer Gesellschaft lebt, in der sie Rechte hat. Importiert wird die Frau aber, so Necla Kelek, damit sie sich dem Mann unterwirft. Sie habe ihm Kinder zu gebären und den Haushalt zu führen. Necla Kelek scheut das Wort „moderner Sklavenhandel“ nicht. Wie gesagt: Das Buch ist wie ein Faustschlag auf den Schädel.

Faustschläge sind, wie jeder weiß, kein Mittel aus der Homöopathie. Sie gehören eher ins Arsenal des Doktor Eisenbarth, der bekanntlich die Leut’ nach seiner Art kuriert hat. Und wenn ich, als gebürtiger Oberpfälzer, das sage, ist das keine Kritik sondern eine eine Respektsbezeugung vor einem heute unterschätzten Landsmann: Johann Andreas Eisenbarth, geboren vor 343 Jahren im oberpfälzischen Oberviechtach, also in meiner Heimat, war der erfolgreichste Arzt seiner Zeit. Seine Methoden haben gelegentlich auch dort geholfen, wo die Schulmedizin versagte. Heute gilt er nur noch als Marktschreier. Wenn er nicht geschrieen hätte, hätte er nichts ausrichten können, hätte er die Patienten nicht erreicht.

Necla Kelek ist eine Frau Doktor Eisenbarth der deutschen Gesellschaft im Jahr 2005. Man darf nämlich auch schreien, man muss schreien über das Schicksal der 23jährigen Hatin Sürücü, die im Februar diesen Jahres aus ihrer Wohnung im Berliner Stadtteil Tempelhof gelockt und auf offener Straße von ihren Brüdern mit drei Kugeln hingerichtet wurde – weil sie sich von ihrer Familie losgesagt und als alleinerziehende Mutter ein westliches Leben führen wollte. Schreien befreit.

Necla Kelek schreit in ihrem Buch. Sie ist wütend und zornig. Sie mischt ihre Familiengeschichten, ihre schönen Erzählungen vom Sultan und den Gebräuchen ihrer tscherkessischen Vorfahren, mit ihrer Wut und mit ihrem Zorn über die muslimisch-türkische Gemeinde in Deutschland. Und wenn sie im sthenischen Affekt mit Sätzen zuschlägt wie dem, dass „eine Kultur, die dem einzelnen die Menschenrechte verweigert, nicht demokratiefähig“ sei, dann geht das selbst einem Mann wie Bundesinnenminister Otto Schily zu weit, der in jedem zweiten Interview vor Parallelgesellschaften warnt und die Assimilierung für die beste Form der Integration hält. Mit einem solchen Satz von der Integrationsfeindlichkeit der muslimischen Kultur bedient Necla Kelek vordergründig die Vorurteile einer aufgeschreckten deutschen Gesellschaft, erhält sie den Beifall ungebetener Freunde; den Beifall von denen nämlich, die noch immer nicht kapieren wollen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Diesen Beifall will sie natürlich nicht. Sie will, so verstehe ich sie, die Öffnung der muslimisch-türkischen Gesellschaft in Deutschland für die Aufklärung. Und daher schlägt sie zu, als gelte es, eine Bresche in eine Mauer zu schlagen. Vielleicht übersieht sie, dass gar nicht überall eine Mauer steht. Mir hat der Lehrer einer sogenannten „Türkenklasse“ an einer Berufsschule erzählt, wie er, nach dem Vorlesen aus Necla Keleks Buch, mit seiner Klasse ins Gespräch gekommen sei, wie es spannend geworden sei in der Klasse, wie es zu Diskussionen kam zwischen „Modernen“ und „Unmodernen“. Vielleicht meinte er, dient Keleks Beschreibung ihrer Befreiung der Hilfe zur Selbsthilfe seiner Schülerinnen und Schüler. Das war die Hoffnung, die er mit diesem Buch verband.

Necla Kelek rechnet ab mit dem Islam, wie sie ihn erlebt und erlitten hat. Die pauschalisierenden Sätze von Necla Kelek, die so tun als sei der Islam per se ein großes Integrationshindernis, entspringen ihrem Leiden an der ihrer Religion, an Zuständen, für die diese Religion mitursächlich zu sein scheint, sie entspringen ihrer Wut auf die starren Konventionen, ihrem Zorn darüber, wie wenig sich zu ändert scheint, sie entspringen auch dem eigenen Mädchenschicksal. Und trotz alledem ist auch die Autorin selbst ein Beispiel dafür, wie, selbst bei widrigen Umständen, Integration gelingen kann – und wie sie immer mehr gelingen muß. Vielleicht kann unsereins bei Gelegenheit des Buches auch einmal darüber nachdenken, seit wann bei uns, in der deutschen Gesellschaft, die Berufstätigkeit von Frauen allseits akzeptiert ist und seit wann Männer und Frauen in der Kirche nebeneinandersitzen und nicht streng auf zwei Seiten aufgeteilt..

Das Leiden Necla Keleks an der Religion, der man angehört, kann ich schon verstehen. Auch ich als Katholik habe mir meine Kirche und die von ihr verkündeten Meinungen so oft anders gewünscht. Und oft war und bin oft zornig auf sie und auf ihre Sturheiten. Mit ist bei Necla Keleks Islamkritik Tillmann Mosers „Gottesvergiftung“ aus dem Jahr 1976 eingefallen, ein Buch, in dem der Psychanalytiker mit seiner eigenen religiösen Geschichte abrechnete und Gott ins Kreuzverhör nahm. Heute sagt er von seinem Buch, es käme ihm ein Stückchen hochmütig vor, heute sucht er ein neues, für ihn tragbareres Fundament der Religiosität. Er findet es in einem „freundlichen Gottesbild“ und der „Fähigkeit zur Andacht“.

Vielleicht darf man, wenn es um Necla Keleks generalisierende Bedenken über das Zueinanderpassen von Islam und Demokratie geht, an dieser Stelle darauf verweisen, wie es um das Verhältnis von Demokratie und christlicher Religion, von demokratischem Staat und christlicher Kirche bestellt ist: Es ist noch nicht so arg lang her, dass die christlichen Kirchen ihren Frieden mit der Demokratie gemacht haben. Es war der Rechtsgelehrte und spätere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, ein bekennender Katholik, der im Nachkriegsdeutschland der Amtskirche fundiert auseindersetzte, dass sie sich, wenn sie den pluralistischen Staat ernst nimmt, „aus dem Kampf und aus den Auseinandersetzungen der politischen Gruppen soweit nur irgendmöglich herauszuhalten“ habe, dass sie zu allen politischen Gruppierungen in gleicher Weise Kontakt suchen und für alle offen sein müsse. Der philosophische Rechtsgelehrte Böckenförde hat einer Kirche, der, ja es war wirklich so, die Demokratie suspekt war, mit dieser Demokratie versöhnt – auch indem er die Kirche als einen der unverzichtbaren Orte der Wertebildung beschrieb. Man sieht: Auch christliche Kirchen und Demokratie leben noch nicht so arg lange in Eintracht und Frieden miteinander. Ecclesia est semper reformanda, sagt da der Katholik. Ich könnte mir vorstellen, ich wünsche mir, dass es so einen Satz auch auf arabisch und auf türkisch gibt.

Unser Thema ist Integration. Auch dieser Preis, der Geschwister-Scholl-Preis an Necla Kelek, ist ein Beitrag dazu, er ist ein Akt der Integration. Er integriert die Einwanderungsgesellschaft in die Geschichte dieses Preises. Ich habe der Jury, die diesen Preis verliehen hat, nicht mehr angehört. Solange ich ihr angehörte habe, habe ich dafür geworben, bei der Preisverleihung nicht nur in die Vergangenheit zu schauen. Das Vermächtnis der Geschwister Scholl verpflichtet nämlich zu mehr: Es verpflichtet zu sorgsamer Beobachtung der heutigen Zustände und Entwicklungen. Es verpflichtet zum Handeln, wenn ein Teil der Menschen, die hierzulande leben, nicht als Bürger betrachtet und behandelt werden. Vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren behaupteten nicht nur Rechtsradikale, sondern Politiker etablierter Parteien, dass Ausländer keine Mitbürger seien. Nicht wenige lebten im Irrglauben, man könnte die Einwanderung wieder rückabwickeln. Um Integration wollte man sich daher nicht kümmern. Sprachkurse waren nicht wichtig. Warum sollte man „Gastarbeiter“ integrieren, warum sollten sie Deutsch lernen? Stattdessen legte man Rückkehrförderungsprogramme auf.

Politiker etablierter Parteien waren es auch, die damals Asylbewerberstatistiken in einer Manier präsentiert haben, in der hundert Jahre früher Kriegsminister die Aufrüstung eines feindlichen Staates nachzuweisen versuchten. Politiker der staatstragenden Parteien haben so versucht, den Rechtsradikalen das Wasser abzugraben. Sie haben sich daran beteiligt, die Feindbilder zu entwerfen, auf die sich der Mob dann gestürzt hat. Sie haben „Asylmißbrauch“ gerufen und vor der „durchrassten Gesellschaft“ gewarnt – und als das Echo aus Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen schallte, da erklärten sie, dass Deutschland ein ausländerfreundliches Land sei und bleibe.

Für die Kritik daran, für meine „Ermittlungen gegen die Bonner Politik“, wie der Untertitel meines Buches hieß, haben Sie mit 1994 den Gechwister-Scholl-Preis verleihen. Wenn ich heute, elf Jahre später, die Rede für Necla Kelek halten darf, dann ist das zum einen eine große Ehre für mich, zum anderen zeigt es mir, dass sich in diesen elf Jahren auch etwas positiv bewegt hat: Die sogenannten Ausländer, die Neubürger in Deutschland, sind vom Objekt zum Subjekt geworden.

Ich habe gesagt, Necla Kelek sei die Frau Doktor Eisenbarth der deutschen Gesellschaft von heute. Sie nutzt die Techniken, die es heute gibt. Sie handelt lege artis. Sie legt die Fehler der muslimisch-türkischen Gesellschaft in Deutschland unter ihr Mikroskop und betrachtet sie ganz genau. Und sie zieht uns, die Altbürger, zum Okular und sagt: guckt hinein. Sie scheut sich nicht, einen hohen Vergrößerungsfaktor zu nehmen. Das sollten wir uns zum Vorbild nehmen. Es geht um den Mut, unsere Fehler, die Fehler der deutschen, der eingesessenen Gesellschaft so ins Visier zu nehmen, wie die Preisträgerin das mit den muslimisch-türkischen Fehlern macht. Es geht mir hier also nicht um die Kritik an den Türken. Das macht unsere die Preisträgerin. Mir als einem der eingessenene Bürger in diesem Land geht es vor allem um die Fehler unserer deutschen Gesellschaft, die sich mit der Einwanderung immer noch so schwer tut, dass ihr selbst das Wort so schwer über die Lippen geht. Im einschlägigen Gesetz, das seit Beginn diesen Jahres in Kraft ist, wurde es durch „Zuwanderung“ ersetzt.

Es ist gut, dass wir dieses Gesetz endlich haben. Ich muß Ihnen aber sagen, dass ich mir davon viel mehr erhofft hätte. Dieses Gesetz, so wurde es vor Jahren angekündigt, sollte einen großen Teppich weben, auf dem künftig Integration stattfinden kann. Nun ist ein Topflappen daraus geworden. Aber was hülfe uns das schönste Gesetz, was hülfe der schönste und größte Teppich, wenn diese Gesellschaft nicht bereit ist, ihn auszurollen. Diese Bereitschaft kann man nicht legislativ verordnen. Sie muss wachsen. Sie müsste viel schneller wachsen. Seit Jahrzehnten leben nun die Türken in Deutschland. Gleichwohl könnte man den Eindruck haben, die Entdeckung der Türken sei eine Angelegenheit der vergangenen zwei oder drei Wochen. Seitdem in Frankreich die Vororte brennen, wird allenthalben die bange Frage laut, ob nicht auch in Berlin-Kreuzberg oder Gelsenkirchen ein Ausbruch der Gewalt bevorsteht. Wer sieht, wie es vielen Migrantenkindern in Deutschland ergeht, muss sich wundern, dass es keinen Aufschrei und keinen Aufstand gibt. In manchen Regionen, vor allem in den Großstädten, verlässt jedes vierte türkische Kind die Schule ohne Abschluss. Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz gehen die meisten leer aus. Die Bildungschancen der Ausländerkinder sind nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland minimal. Schauen Sie in die Pisa-Studie. Dort entdecken sie die ganz neue soziale Frage in den Zahlen der Statistik. Die Antwort darauf: Die Schule wird wieder ein Ort der Schicksalkorrektur werden müssen.

Die Kids der Einwanderergenerationen haben Kompetenzen, die in der Schule wenig oder gar nicht honoriert werden: Kinder, die keinen Satz ordentlich schreiben und keine zwei Absätze ordentlich vorlesen können, schreiben blind unter der Bank SMS. Die Zwölfjährige spricht akzentfrei Deutsch und kann ebenso gut Italienisch und türkisch, weil ihre Eltern aus diesen Ländern kommen; nur ordentlich aufschreiben kann sie das nicht, was sie sagt. Aber sie wäscht ihre Wäsche selbst, weil die sich bei ihrer Mutter immer verfärbt. Andere Kinder bringen ihre Geschwister am morgen in den Kindergarten, müssen auch selbst dafür sorgen, dass sie ihre Schulsachen dabei haben – Dinge, auf die in den Mittelstandsfamilien die Eltern achten. Perspektiven bietet diesen bemerkenswert selbständigen Kindern die Hauptschule bisher nicht; sie ist ein Stigma. Ich sage es noch einmal: Die Schule muss wieder ein Ort der Schicksalskorrektur werden. Vielleicht hat erst die PISA-Studie klar gemacht, dass auch Schulpolitik ein Stück Ausländerpolitik ist.

Die Krux der deutschen Ausländerpolitik besteht darin, dass sie bis zum heutigen Tage nicht für die ausländischen Einwanderer gemacht wird, sondern für die Deutschen, für die deutschen Wählerinnen und Wähler. Sie waren und sind die Adressaten der deutschen Ausländerpolitik. Und im Umschlag mit dieser Adresse steckt auch noch eine partiell falsche Politik, eine Politik, in der sich alles um die innere Sicherheit dreht, eine Politik, die den Einwanderer vor allem als Störer begreift, eine Politik, die die Furcht vor anderen Kulturen fördert, statt sich über den Mehrwert zu freuen und ihn zu nutzen. Einwanderung hat Deutschland geprägt und verändert. Die meisten Deutschen machen es sich gar nicht bewußt, wie sehr. Wir reden fast ausschließlich über die Probleme der Einwanderung; die Reichtümer und Schätze, die unser Land dabei gewonnen hat – ich meine weniger Monetäres als Kulturelles – machen sie sich viele gar nicht bewusst­. Ein Teil dieses Neues wird buchstäblich konsumiert, vulgo: verfressen.

Multikultur schmeckt hierzulande allen, so lange man sie essen kann. Wäre der Umsatz der ausländischen Gaststätten in Deutschland ein Gradmesser für die Integration der Ausländer in Deutschland, es könnte kaum bessere Werte geben. Indes: Integration ist nicht schon die Addition aller Döner-Buden in den deutschen Fußgängerzonen. Integration ist mehr als das In-Sich-Hineinstopfen von Dingen, die einem schmecken und mehr als die Annahme von Leistungen, die man gerade braucht. Als ich Jura studiert habe und wir im strafrechtlichen Seminar die Probleme diskutiert haben, die sich bei den Diebstahlparagrafen 242 ff Strafgesetzbuch ergeben, da sagte mein Professor über einen Dieb, der Nahrungsmittel stiehlt und sie sofort verputzt, den schönen Satz:; „Die Insichnahme ist die intensivste Form der Ansichnahme.“ Würde dieser Satz auch für die Einwanderungsgesellschaft gelten, dann wären wir schon erheblich weiter.

Nicht das In-Sich-Hineinstopfen, sondern das Sich-Annehmen ist Integration. Wie sieht dieses Einander-Annehmen aus? Die alten und die neuen Bürger werden miteinander die Zukunft gestalten und Geschichte schreiben müssen. Bundespräsident Johannes Rau hat es auf dem Historikertag 2002 so gesagt; „Was bedeutet Geschichte als Quelle für Identifikation und Identität in einer Gesellschaft, in der Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenleben? Wahrscheinlich werden sich die Hinzugekommenen auf ihre Weise die Geschichte zu eigen machen und gemeinsam werden wir einst eine neue gemeinsame Geschichte erzählen.“ Wir müssen uns also immer wieder bewusst machen, dass wir in einer Einwanderungsgesellschaft leben. Da beginnt mit der Erinnerung an die Geschichte der Einwanderung, eine Erinnerung, die bewahrt werden könnte zum Beispiel in einem zukünftigen deutschen Migrationsmuseum – einem Museum, das das historische Erbe der Einwanderer sichert und das uns lehrt, Einwanderung als kulturelles Kapital zu begreifen, das man pflegen muss, auf dass es sich verzinst, oder, schöner gesagt, Früchte trägt.

In regelmäßigen Abständen sucht die deutsche Politik nach der deutschen Leitkultur. Man sollte sich nicht darüber lustig machen, sollte das ernst nehmen – es ist dies vielleicht nicht Anlass zu schäumender Empörung, sondern ein Indiz für den späten, sehr späten deutschen Aufbruch in die Einwanderungs- und Integrationsgesellschaft. Das Gros der etablierten Politik benimmt sich beim politischen Aufbruch in die Einwanderungs- und Integrationsgesellschaft so, wie sich eine westdeutsche Familie in den fünfziger Jahren bei einer Urlaubsreise ins Ausland benommen hat. Damals, als die Westdeutschen die Welt zu entdecken begannen, als sie feststellten, dass die Welt hinter dem Brenner zwar schön ist, aber das Essen dort anders schmeckt, damals, in den fünfziger Jahren also, als der Urlaub an der Adria noch eine Art Expedition war, da begann die große Reise so. Die Familie nahm die Kernvorräte aus der Speisekammer. Sie packte eine gehörige Portion heimische Lebensart in den VW-Käfer und so war mit Hartwürsten und Schweinskopfsülze im Einmachglas das Überleben in der Fremde gesichert. So ähnlich ist die Politik in die neue Einwanderungsgesellschaft aufgebrochen. Sei hat den vertrauten Vorrat an Sprüchen mit auf die Reise genommen. Sie greift hinein ins Reservoir der Formeln vom Vater – und vom Abendland, sie nimmt also möglichst viel von der gewohnten politischen Verpflegung mit, um sich vor den vermeintlichen neuen Gefahren schützen, wo, wie man fürchtet, die Vergiftung droht. Das ist der Inhalt der Leitkulturdebatte. Sie ist eher rührend als gefährlich.

Auf dem Umschlag des Buches, das heute ausgezeichnet wird, steht der Satz, dass dieses Buch mit Multikulti-Illusionen aufräume. Das könnte ein missverständlichrer Satz sein. Ich weiß ja, dass Multikulti als Kampfwort gilt, dass es ein belastetes Wort geworden ist. Für mich war es immer ein Synonym für den Reichtum und das Miteinander, nicht für ein Nebeneinander oder Hintereinander der verschiedenen Kulturen. Und dieses Miteinander der verschiedenen Kulturen ist nicht Illusion, sondern Notwendigkeit. Wer Multikulturalität allerdings als einen Schleier, als einen Vorhang betrachtet, hinter dem sich Verstöße gegen die Grundrechte, gegen Menschenwürde, gegen Gleichberechtigung und Selbstbestimmung verstecken dürfen, der missbraucht das Wort Kultur. Multikulturalität verlangt Hinschauen, nicht Wegschauen.

Homogenisieren und sterilisieren kann man die Milch, nicht die deutsche Gesellschaft. Deutschland war immer buntscheckig und ist in den vergangenen dreißig Jahren noch buntscheckiger geworden. Kulturelle Unterschiede sind ein Teil von Deutschland. Wer assimilieren will, der vergeht sich an diesem Teil der deutschen Identität. Die Politik hat diesen Tagen verkündet, dass man sich bei der Föderalismus-Reform geeinigt habe. Föderalismus ist die Kombination von Vielfalt und Einheit. Man sollte sich klarmachen, dass auch Einwanderung ein Teil des deutschen Föderalismus ist, dass Einwanderung diesem Föderalismus neues hinzufügt.

Die Leitkultur in Deutschland ist eine Kultur des Zusammenlebens, sollte es jedenfalls sein: Sie heißt Demokratie. Sie heißt Rechtsstaat. Sie heißt Grundrechte. Das klingt simpel. Aber der Alltag zeigt, dass es so simpel nicht ist. Diese Leitkultur fordert viel, nämlich Toleranz von beiden Seiten, von den Alt- und von den Neubürgern – und führt dann zur Integration. Toleranz bedeutet mitnichten, dass jeder machen kann, was er will. Toleranz heißt nicht Beliebigkeit, heißt auch nicht, das man für alles Verständnis haben soll. Toleranz ist nichts Schrankenloses. Sie kann nur innerhalb klar definierter Grenzen existieren. Wenn diese Grenzen nicht gesetzt und nicht bewacht werden, wird aus Wohltat Plage. Innerhalb dieser Grenzen gibt es, natürlich Multikulti – und wer sagt, dass Multikulturalität, Demokratie und Rechtsstaat sich nicht vertrügen, der ist töricht und verzichtet auf eine neue Quelle des Reichtums dieser Gesellschaft. Toleranz nimmt niemandem seine Religion, seine Kleidung, seine Lebensgewohnheiten weg. Toleranz setzt aber voraus, dass die heiligen Bücher, wie immer sie heißen, ob Bibel oder Koran, nicht über oder gegen die Leitkultur, gegen die Grundrechte, gestellt werden. Integration fordert also auch von Muslimen Toleranz – und eine Distanzierung vom Islam als einem zwingend vorgeschriebenen Rechtssystem.

Integration ist ein sensibler Prozeß. Mit Haudrauf und Wegdamit und Feldzügen wider die Ausländerei, wie sie vor 200 Jahren Johann Gottlieb Fichte gepredigt hat, wird nur eines erreicht: Die Minderheit flüchtet sich noch mehr ins Anderssein, nimmt zu einer aggressiven Ethnizität Zuflucht. Ein kluges Konzept sieht anders aus: Es wirbt um die Neubürger, es akzeptiert kulturelle Unterschiede. Und die Mehrheitsgesellschaft ist bereit, sich mit der Aufnahme der Neubürger auch selbst zu verändern. Aber sie pocht darauf, dass es einen gemeinsamen Rahmen gibt für alle, für die Altbürger und für die Neubürger: nämlich die Grundwerte der Verfassung und die deutsche Sprache.

Einwanderung kann sich doch nicht nur in den Einwohnermeldeämter und in den Gaststätten niederschlagen. Aneignung von Einwanderung sieht anders aus. Sie findet statt in den Lehrplänen und in den Schulbüchern, sie findet statt in den Theatern, sie zeigt sich auf den Programmen und Spielplänen der Staatsopern und der Nationaltheater. Deutschland muss eine Werkstatt der Kulturen sein. Da muss zusammengebaut, geleimt, gehämmert und gelötet werden, da sprühen Funken, wenn geschweißt wird, da müssen verschiedene Materialien kombiniert, da muss viel ausprobiert werden; da geht, weil viel probiert wird, auch etwas kaputt, aber es kommt immer wieder Ansehnliches heraus. Die Kindergärtner und Lehrerinnen müssen schon in ihrer Ausbildung auf einen multikulturellen Arbeitsalltag vorbereitet werden müssen. Es müssen mehr Lehrer aus eingewanderten Familien ausgebildet und eingestellt werden müssen. Und wenn einmal der Name Ügüzlük für einen Lehrer, einen Polizisten, einen Richter, Manager oder einen Journalisten so selbstverständlich sein wird wie Ulfkotte, Bauer oder Prantl, dann ist diese Gesellschaft da, wo sie hin muß.

Der Koalitionsvertrag der großen Koalition hat sich, bemerkenswert sachlich, mit dem Beitritt der Türkei in die EU befasst. Über diese Sachlichkeit, über diese Unaufgeregtheit bin ich sehr froh – weil das Gegenteil furchtbare innenpolitische Folgen haben könnte. Wie umgehen mit der Türkei, wie umgehen mit dem Islam? Als ich diese Frage vor zehn Jahren dem lebensklugen und aufgeklärten Wiener Altkardinal Franz König, einen der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils darüber interviewt habe, wie man denn mit dem Islam umgehen solle, da hat dieser Mann gesagt: „Wir müssen miteinander leben lernen, nicht nebeneinander.“ Und dann sagte der alte Kardinal etwas Europäisch-Programmatisches: „Wir haben so viele verschiedene Kulturen auf heimatlichem Boden. Dieser Reichtum darf nicht nivelliert werden; er muss das vereinte Europa prägen. Der Reichtum der Sprachen, der Kulturen, der Traditionen, der Religionen, er muss hineingenommen werden in eine wirkliche Union.“ Und ich füge hinzu: Dieser Reichtum der Sprachen, der Kulturen, der Traditionen – er muss auch hineingenommen werden in ein modernes, demokratisches, tolerantes und zukunftskluges Deutschland.

Der heutige Abend, die heutige Preisverleihung ist vielleicht auch ein Beitrag dazu.

Herzlichen Glückwunsch, Necla Kelek.

 

 

Heribert Prantl, München 14.11.2005

 

Dr. Heribert Prantl leitet das Ressort Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung. Er ist Geschwister-Scholl-Preisträger des Jahres 1994.

 

Die Rede ist urheberrechtlich geschützt. Wenn Sie die Rede oder Teile daraus für eine Veröffentlichung nutzen möchten, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle des Börsenvereins - Landesverband Bayern. Wir sind Ihnen bei der Klärung der Rechtefrage gerne behilflich.