Geschwister-Scholl-Preis 2005 - necla kelek
Ansprache von oberbürgermeister christian ude
Sehr geehrter Herr Professor Huber, vielen herzlichen Dank für die Gastfreundschaft
zum wiederholten Male hier in der Ludwig – Maximilian - Universität,
als deren Sprössling ich mir natürlich nicht verkneifen kann, den Rektor
der ehrwürdigen Anstalt zu korrigieren: Wir vergeben hier den Geschwister-Scholl-Preis
schon zum 26. Mal.
Und, meine Damen und Herren, verehrte Ehrengäste, genau das ist das Problem.
Der Preis ist durch viele Verleihungen charakterisiert worden - was in seinen
Ausschreibungsbedingungen gar nicht drin steht, aber sich aus der Verleihungspraxis
ergeben hat - als ein Preis, der vor allem Werke auszeichnet, die sich mit noch
nicht aufgearbeiteten Aspekten des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Das
ist, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, der Regelfall gewesen, und deshalb
denke ich, lauern heute fast hinter jeder Ecke scharenweise mögliche Missverständnisse.
Und ich möchte gerne mit solchen Missverständnissen aufräumen, bevor sie ernsthaft
aufkommen können.
Ein erstes Missverständnis wäre, dass jetzt endlich, fast schon im Sinne der
Schlussstrichsehnsucht, mit der Aufarbeitung des Dritten Reiches Schluss sein
könne, weil alles gesagt und alles geschrieben ist und weitere Aufklärung nicht
mehr von Nöten sei. Diesem Eindruck, meine Damen und Herren, kann man gar nicht
deutlich genug entgegentreten, das ist uns gerade im Vorfeld des 9. November
wieder deutlich gemacht worden: Wenn in einer Strafverfolgungsbehörde ernsthaft
argumentiert wird, ein Neonaziaufzug zur Ehrung der Täter des Hitlerputsches
sei keine Verherrlichung des Nationalsozialismus, weil der doch erst zehn Jahre
später, nämlich 33, angefangen habe, dann zeigt schon dieses Beispiel allein,
dass selbst bei Vollakademikern in politischer Verantwortung noch weitere Aufklärung
Not tut, also vom Ende der Aufklärungsnotwendigkeit keinerlei Rede sein kann.
Aber gleichwohl zeichnet der Geschwister-Scholl-Preis Werke aus, die von geistiger
Unabhängigkeit zeugen, deren Veröffentlichung Mut verlangt aus, die sich für
bürgerliche Freiheitsrechte einsetzen - und das soll nicht auf die Vergangenheit
beschränkt sein. Auch der Laudator des heutigen Abends war schon mal ein Preisträger
mit einem ungewöhnlich gegenwartsbezogenen Buch, das deshalb auch sehr kontrovers
diskutiert worden ist. Nun setzt sich aber das heute zu ehrende Buch nicht mit
deutscher Behördenwillkür oder Mehrheitsmeinungen der deutschen Gesellschaft
oder Intoleranz im Lande auseinander, sondern mit Problemen, die bei einer Minderheit
festgestellt, nachgewiesen und angeklagt werden.
Und da kommt unweigerlich die Frage: ist das statthaft? Ich denke, es ist nicht
nur statthaft, sondern notwendig, ja überfällig - wenn wir dabei aber Missverständnisse
vermeiden. Zum Beispiel das Missverständnis, hier ginge es um eine kulturelle
Überlegenheit des Okzidents über den Orient. Davon, meine Damen und Herren, kann
ja nun wirklich nicht die Rede sein, auch nicht beim Thema Zwangsheirat oder
Missbrauch von jungen Frauen. Wir sollten deshalb, bevor hier ein Tonfall kultureller
Arroganz auch nur hereinschleichen kann, ganz deutlich feststellen, dass es unserem
Kulturkreis keineswegs fremd ist, dass Hochzeitspartnerinnen und –Partner sehr
früh ausgesucht werden, und zwar nicht von den Brautleuten selbst, sondern zur
Wahrung von Besitzständen. Das war über Jahrhunderte Tradition, ist Thema deutscher
Literatur und zeigt, dass es diesen Ansatz, Hochzeiten als Instrument ökonomischer
Interessen der Familien, der Altvorderen zu nutzen, auch hierzulande gegeben
hat. Das ist zum Glück wohl ganz überwiegend Geschichte. Aber aktuelle Beispiele
für den Missbrauch der Frau gibt es auch und das durchaus dort, wo unsere Gesellschaft
am hemmungslosesten kapitalistisch ist. Um nur zwei Formen zu nennen: wenn es
massenhaft Zwangsprostitution gibt, mit sehr jungen Ausländerinnen, die auch
mit Versprechungen ins Wirtschaftswunderland Deutschland gelockt werden, dann
aber nach brutal kapitalistischen Mechanismen zur Profiterzielung ihrer Schleuserbanden
oder Zuhälter eingesetzt werden, dann ist dies ein beschämendes Zeugnis, was
in unserer Werteordnung mit dem Mensch als Ware und als Produkt von Fremdbestimmung
auch möglich ist.
Das entschuldigt und relativiert überhaupt nichts von dem, was im heutigen Buch
festgestellt wird, aber es bremst uns, ehe eine kulturelle Arroganz auftreten
kann. Und auch andere, die aus dem Ausland mit großen Illusionen herkommen, um
geheiratet zu werden, erleben dann nicht immer bürgerliche Emanzipation in einer
partnerschaftlichen Ehe, sondern Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse
unterschiedlichster Art. Ich denke an die Ehe nach Katalog, die so häufig bei
asiatischen Partnerinnen aus Elendsquartieren und armen Dörfern praktiziert wird.
In unserer Geschichte gibt es selbstverständlich noch andere Formen, wie Frauen
herabgewürdigt und instrumentalisiert werden.
Ich halte diese Feststellung (die letzten beiden waren auch Massenphänomene und
reichen in unsere Gegenwart) für außerordentlich wichtig, damit bei diesem Thema,
das richtig und notwendig ist, nicht ein falscher Zungenschlag hereinkommt, der
pauschal verletzt, pauschal herabsetzt und neue interkulturelle Probleme aufwerfen
könnte.
Wir haben Gewalttaten erlebt, die beispiellos sind und etwas mit einem pervertierten
Ehrenkodex zu tun haben, nämlich dann wenn ein Ehrenmord wie in Berlin geschieht
oder wenn sogar eine sich widerstrebende Braut vergewaltigt wird, damit es überhaupt
keine Alternative zur ausgewählten Zwangsheirat mehr gibt. Ganz sicherlich ist
richtig, dass die Kriminalität nicht erst beginnt, wenn der falsche Ehrenkodex
solche Straftaten hervorbringt, sondern dass schon vorher jede Art der Nötigung
gegen den Willen der Betroffenen mit unserer grundgesetzlichen Ordnung unvereinbar
ist, mit unseren Wertvorstellungen nicht in Einklang steht und deshalb bekämpft
werden muss, auch wenn dies eine politisch und gesellschaftlich äußerst schwierige
Aufgabenstellung ist. Darin, denke ich, muss in einer wertorientierten Gesellschaft
Einverständnis bestehen. Auch wenn es in der Realität äußerst schwierig umzusetzen
ist, schon weil es an den Kommunikationsmöglichkeiten mit den betroffenen Frauen
fehlt, was ja eine der Folgen dieser Fremdbestimmung und Unterdrückung ist, dass
sie gar nicht die Sprache des Gastlandes verstehen, dass sie gar nicht in Kommunikationsprozesse
eingebunden sind, dass sie gar keine Gesprächspartnerinnen und -partner finden,
denen sie sich mitteilen könnten, dass sie gar keine Perspektiven haben, die
aus der Putzfrauenrolle für die zahlenden Schwiegereltern herausführen würde
(Wobei die Schwiegereltern nicht die Putzfrau bezahlen, sondern den Brautpreis
gezahlt haben und deswegen einen offensichtlich unbefristeten Anspruch auf niedere
Dienste durchsetzen können).
Meine Damen und Herren, ein weiteres Missverständnis, das heute hinter jeder
Ecke lauert, könnte sein, dass dieses Thema, ebenso wie die Unruhen in Paris
und anderen französischen Städten oder zuvor das Attentat in den Niederlanden
auf einen kritischen Filmemacher instrumentalisiert wird, um darzulegen, dass
die Idee friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Kultur oder
Religion von vorneherein eine Schnapsidee gewesen sei und jetzt endlich als gescheitert
bezeichnet werden müsse. Wer so daher redet, auch wenn er gerade aktuellen Auftrieb
durch aktuelle Konflikte erhält, weiß offenbar nicht, wie er zündelt.
Was soll denn die Alternative sein zum friedlichen Zusammenleben von Menschen
unterschiedlicher Kultur, Herkunft, Hautfarbe, Religion? Eine Rückabwicklung
von Wanderungsbewegungen, die die deutschen Arbeitgeber in den 60iger Jahren
eingeleitet und der deutsche Staat vier Jahrzehnte lang aktiv betrieben hat?
Eine Trennung von Milieus, wie sie ja in Frankreich gerade zu explosiven Situationen
geführt hat, weil Ghettos besonders brandanfällig sind? Ich glaube, dass darüber
Einverständnis bestehen muss: es gibt zum friedlichen Zusammenleben von unterschiedlichen
Kulturen, die nun einmal durch jahrzehntelange Wanderungsprozesse durcheinander
gewürfelt worden sind, überhaupt keine Alternative!
Aber dieses Zusammenleben ist noch schwieriger zu organisieren, als sich viele
vorgestellt haben, als viele noch vor wenigen Jahren angenommen haben, deswegen
müssen Integrationsanstrengungen viel früher ansetzen, viel konsequenter durchgesetzt
werden, mit viel größerem Mittelaufwand verbunden sein und nicht nur an der Oberfläche
dahinplätschern, denn die Entstehung von Parallelgesellschaften mit eigenem Wertekanon
ist eine bittere Realität und auf Dauer nicht hinnehmbar. Das und nichts anderes
ist meines Erachtens die Konsequenz dieses großartigen Buches, das heute vorgestellt
wird. Großartig, weil es ein verdrängtes Thema aufspießt, darstellt, unter die
Leute bringt, das wir einfach ignoriert haben. Nicht durch aktive Verdrängung,
sondern durch schlichtes Nichtwissen, weil diese Familien mit den gekauften Bräuten
so abgeschirmt leben, dass wir tatsächlich die internen Verhältnisse, die Lebensläufe,
die fehlenden Bildungs- und Arbeitchancen überhaupt nicht mitbekommen.
Und insofern ist dies im besten Sinne der ursprünglichen Zweckbestimmung des
Geschwiser-Scholl-Preises ein Buch, das sich durch Mut auszeichnet, in Ihrem
Fall auch noch durch den Mut der so genannten Nestbeschmutzung - ein Vorwurf
den jede Gruppe erhebt, wenn eigene Defizite plötzlich öffentlich thematisiert
werden. Aber es ist auch ein Buch, das sich für bürgerliche Freiheitsrechte einsetzt
und damit präzise der Aufgabenstellung des Geschwister-Scholl-Preises entspricht.
Ich verstehe das als einen Appell, dass die Diskussion, die viele Jahre unterlassen
wurde, aus Nichtwissenheit oder aus Verklärung der Umstände, jetzt endlich nachgeholt
werden muss und dass wir dann die Anstrengungen der Integration verstärken, und
zwar buchstäblich in allen Phasen.
Das beginnt bei den Kleinkindern und multikultureller Erziehung in den Kinderkrippen,
das geht weiter mit den Programmen wie „Mutter lernt Deutsch“, damit die Mütter
dieser türkischen Familien endlich am Willensbildungsprozess im Lande, am öffentlichen
Diskurs, auch an der Diskussion von Wertvorstellungen, teilnehmen können und
mitbekommen, welche Werte zur Verfügung stehen, um sich auf sie zu berufen. Und
es geht weiter damit, dass wir den jugendlichen Türken Perspektiven eröffnen
müssen, um über abgeschlossene Ausbildungen und ernsthafte Berufschancen den
Einstieg in die Moderne wirklich hinzubekommen. Nur zu fordern, sie mögen sich
der Moderne öffnen, obwohl sie in der Realität dort keine Chancen haben, wird
beim Appell bleiben. Erst mit der Eröffnung realer Perspektiven werden wir die
Chance haben, dass sich diese zum Teil erschreckend abgeschottete Minderheit
auch tatsächlich öffnet.
Insofern danke ich Ihnen für einen Diskussionsanstoß, der dringend notwendig
war und ich gratuliere Ihnen nicht nur zum Preis, obwohl der schon zu den höchst
beachteten gehört, die in München verliehen werden, sondern vor allem zum Buch
und seiner Wirkung. Ich wünsche Ihnen die Diskussion, die Sie mit diesem Buch
anstoßen wollten, nicht nur in der türkischen Minderheit, sondern genauso in
der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Herzlichen Glückwunsch an Necla Kelek.
Christian Ude, München 14.11.2005
Christian Ude ist Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München.
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