Geschwister-Scholl-Preis 2006 - Mihail Sebastian

Ansprache von Wolf Dieter Eggert

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Dominique Hechter und Frau Michelle Hechter,
sehr geehrter Herr Kanterian,
sehr geehrter Herr Hamm,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,
sehr geehrte Damen und Herren

heute verleihen der Landesverband Bayern im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stadt München zum 27. Mal den Geschwister-Scholl-Preis. Dieser Preis, so steht es in den Statuten, wird verliehen für ein Buch, das geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortungsvollen Gegenwartbewusstsein wichtige Impulse zu geben.

Dass es solche Bücher gibt, beweist schon die umfassende Vorschlagsliste, welche die Jury im Mai dieses Jahres zur Vorauswahl stellte.

Allen Mitgliedern der Jury gebührt an dieser Stelle unsere Anerkennung und unser Dank für die mühevolle Arbeit, im literarischen Diskurs den Preisträger ermittelt zu haben. Die Auswahl war groß, die Entscheidung keinesfalls leicht aber schlussendlich sprach sich die Jury des Geschwister-Scholl-Preises mit großer Mehrheit für den Tagebuchroman „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tagebücher 1935-1944“ des rumänischen Schriftstellers Mihali Sebastian aus.

Die Aufzeichnungen des jüdisch-rumänischen Schriftstellers und Rechtsanwalts, der 1907 als Iosif Hechter zur Welt kam, verglich der amerikanische Autor Philip Roth in ihrer Bedeutung mit dem Tagebuch Anne Franks und wünschte ihnen genauso viele Leser. Nun liegen sie unter dem Titel „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“ auch auf Deutsch vor: Eine editorische Großtat, herausgegeben von Edward Kanterian, der Sebastians Tagebucheinträge mit Roland Erb und unter Mitarbeit von Larisa Schippel übersetzt hat. Dem Claassen Verlag gebührt das Verdienst, bereits vor Mihail Sebastians Tagebüchern seinen Roman „Der Unfall“ in deutscher Sprache publiziert zu haben. Dieser ebenso ungewöhnliche wie elegante Liebesroman lässt die besondere Bukarester Urbanität der dreißiger Jahre wiederauferstehen, das viel gerühmte „Klein-Paris“ jener Zeit.

In sechs Wochen wird Rumänien, die Heimat Mihail Sebastians, der Europäischen Union beitreten. Unser Verhältnis diesem Land gegenüber, das sich seit jeher sowohl der romanischen Kultur als auch Mitteleuropa zugehörig fühlt, ist leider immer noch allzu oft von Ignoranz und Vorurteilen geprägt. Wie kein anderer Staat jenseits des Eisernen Vorhangs hat Rumänien unter der grausamsten und absurdesten Diktatur nach 1945 gelitten. Seine überaus reiche Kultur, die sich aus so vielen Einflüssen speist, verdient es, vom Rand unseres Kontinents wieder in dessen Zentrum zu rücken. Auch deshalb freut es mich besonders, mit Mihail Sebastian postum eine der größten intellektuellen Hoffnungen Rumäniens ehren zu können.

Das Buch „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tagebücher 1935-1944“ stellt einen einzigen großen Beweis dafür dar, dass die Macht des Wortes auch die finstersten Zeiten überdauern kann. Die Macht des Wortes liegt in seiner Freiheit, in der geistigen Unabhängigkeit seines Verfassers. Dadurch ist auch ein historisches Buch wie das vorliegende dazu angetan, dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.

Angesichts des von Neonazis geplanten Bombenanschlags auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Kulturzentrums am Jakobsplatz vor drei Jahren oder der besorgniserregenden Stimmenzuwächsen rechtsextremer Parteien wird deutlich, dass es beim Geschwister-Scholl-Preis auch und gerade um Anstöße zum demokratischen Widerstand gegen Rechtsextremismus gehen soll.

„Sie haben etwas Einfaches verteidigt, sind für etwas Einfaches eingestanden, für das Recht und die Freiheit des einzelnen Menschen, für seine freie Entfaltung und sein Recht auf ein freies Leben.“ Das schreibt Inge Scholl über ihre Geschwister Hans und Sophie. Nichts anderes wollte zur selben Zeit in Bukarest auch Mihail Sebastian. Der Jude Mihail Sebastian wurde – wie so oft in der Geschichte – zum Außenseiter. Um so deutlicher ist sein Tagebuch vom Willen geprägt, die Menschen und Ereignisse um ihn herum mit „offenen Augen und gesteigerter Aufmerksamkeit“ in Momenten politischer Umschwünge zu beobachten; dabei huldigt er dem Ideal der Authentizität. Das erhebt seine Aufzeichnungen zu einem außerordentlichen Zeitdokument, auch wegen des strategischen Weitblicks, mit dem Sebastian die Kriegshandlungen kommentierte.

Diese Tagebücher sind ein Dokument der Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit, ein ergreifendes Zeugnis der Humanität. „Verwundert, dass wir noch leben, hoffen, warten“, heißt es einmal darin. Als ein Stein gewordenes Symbol dafür, dass sich diese Hoffnung doch noch erfüllt hat, steht hier in München die am 9. November 2006 eröffnete neue Synagoge und das jüdische Kulturzentrum am Jakobsplatz.

Mihail Sebastian war ein wacher, den Menschen zugetaner Beobachter, hochgebildet und sensibel. Im Februar 1937, als der Dreißigjährige an seinem Roman „Der Unfall“ schrieb, wurden die Universitäten wegen antisemitischer Ausschreitungen vorübergehend geschlossen. Es regierte der autoritäre König Carol II. An der Bukarester Universität beobachtete Sebastian unmittelbar, wie die Intellektuellenszene den faschistischen Einflüsterungen der „Eisernen Garde“ erlag. Das nationalsozialistische Deutschland wurde zum großen Vorbild. Sebastians Freunde und Förderer wandten sich von ihm ab. Plötzlich galt er als „rassisch minderwertig“ .Das geistige Klima, das Mihail Sebastian geprägt und seinen Aufstieg gefördert hatte, vergiftete sich zusehends und wandte sich gegen ihn. Peter Hamm wird in seiner Laudatio auf das Buch „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“ ausführlich auf diese Zeitumstände eingehen.

Bis zum bitteren Ende hielt Mihail Sebastian, der höchst elegante Stilist und fesselnde Erzähler, am Ideal der Humanität und der Freundschaft fest. Nie wollte er die Hoffnung ganz aufgeben. Im Sinne der Geschwister Scholl hat er etwas ganz Einfaches gewagt: Inmitten der Unmenschlichkeit Mensch zu bleiben und Zivilcourage zu beweisen. Dieses Ideal der Humanität kann uns heute Vorbild sein und dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse geben, Nicht zuletzt seit der Studie der Universität Leipzig im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung wird deutlich, dass Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus mitten unter uns sind. Nur ein freier, seiner selbst bewusster Geist ist für Infektionen dieser Art immun.

Mihail Sebastians Werk „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“ ist ein würdiger Preisträger für den Geschwister Scholl Preis. Zu unserer großen Freude sind die beiden Nichten des Autors aus Paris angereist, um im Namen ihres Onkels den Geschwister-Scholl-Preis 2006 gemeinsam mit dem Herausgeber entgegenzunehmen. Frau Dominique Hechter, Frau Michelle Hechter, Herr Kanterian im Namen des Landesverbandes Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gratuliere ich Ihnen sehr herzlich.

Wolf Dieter Eggert, München 20.11.2006

 

Wolf Dieter Eggert ist der Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und Geschäftsführer des Hueber Verlags in Ismaning bei München.

 

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