Preisträger 2006

Mihail Sebastian

Geschwister-Scholl-Preis 2006, Sebastian, Cover Mihail Sebastian
"Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt"
Tagebücher 1935-44

Herausgegeben von Edward Kanterian

Aus dem Rumänischen von Edward Kanterian
und Roland Erb, unter Mitarbeit von Larisa Schippel

Claassen Verlag
Berlin 2005
864 Seiten, € 26,00 [D], € 26,80 [A], sFr 44,40
ISBN 3-546-00361-6

 

 

auch als Taschenbuch erhältlich:
List Taschenbuch
Berlin 2006
Kartoniert, 864 Seiten, € 11,95 [D], € 12,30 [A],
sFr 21,40, ISBN 3-548-60635-0

 

Die Verleihung

Am 20. November 2006 nahmen Michèle und Dominique Hechter sowie der Herausgeber des Buches Dr. Edward Kanterian stellvertretend für ihren Onkel Mihail Sebastian den Preis entgegen. Oberbürgermeister Christian Ude und Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde. Die Laudatio hielt der Autor und Journalist Peter Hamm.

Zum Abschluss des feierlichen Festaktes las der Schauspieler Axel Milberg aus dem Buch des Preisträgers.Geschwister-Scholl-Preis 2006, Verleihung

 

v.l.n.r. Dr. Edward Kanterian, Oberbürgermeister Christian Ude, Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender unseres Verbands, Michèle Hechter

Foto: Christine Strub

 

Die Begründung der Jury

Die Jury des Geschwister-Scholl-Preises spricht sich für die Aufzeichnungen des rumänischen Schriftstellers Mihail Sebastian aus, die unter dem Titel „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tagebücher 1935-44“ im Claassen Verlag erschienen sind.

Die bewegenden Tagebücher des rumänisch-jüdischen Schriftstellers Mihail Sebastian spiegeln exemplarisch das Drama des rasanten Verfalls demokratischer Strukturen und zivilisierter Sitten. Sebastian, 1907 unter dem Namen Iosif Hechter geboren, war gerade 27 Jahre alt, als er begann, in einem bereits antisemitisch grundierten Land seine Reflexionen zu den aktuellen Zeitläuften zu notieren. Die deutsch-rumänische Allianz führte dann zu Kriegszeiten auch in Rumänien von der allmählichen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung bis zu deren Vernichtung in den Todeslagern des Ostens.

Mihail Sebastians besonderes Drama bestand in seiner langjährigen Freundschaft zu rumänischen Schriftstellern, die sich in der Krise antisemitisch gerierten und auf die Seite der faschistischen Eisernen Garde wechselten. So schrieb Sebastian nicht nur über Verfolgung und soziale Not, sondern auch über zunehmende intellektuelle Vereinsamung und menschliche Enttäuschung. Seine Überlebensstrategie bestand in wacher Beobachtung und vielfältiger Reflexion, über die dieses Tagebuch ein schonungsloses Protokoll führt.

Für heutige Leser bilden seine Aufzeichnungen sowohl ein „journal intime“ als auch ein Kriegstagebuch und eine Chronik des alltäglichen Schreckens, in der nationalsozialistische Verfolgung und rumänische Kollaboration zusammenwirkten.

Sein spät entdecktes Werk gibt dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse. Es ist ein eindringliches Plädoyer gegen Ultranationalismus, Antisemitismus und Terrorismus. Am Ende mündet es in die Erkenntnis, „wie einfach es doch ist, aus einem Menschen eine Bestie zu machen“. Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt verteidigt Mihail Sebastian die Idee der Freiheit als Grundbedingung der Humanität:

„Das Einzige, wonach wir uns gesehnt haben", notierte er gegen Ende seines Leidenswegs, "war die Freiheit. Nicht eine neue Definition der Freiheit, sondern die Freiheit. Nach so vielen Jahren des Terrors haben wir es nicht mehr nötig, dass man uns erklärt, was Freiheit ist. Das wissen wir schon selbst. Keine Floskel kann sie ersetzen.“

 

Mihail sebastian

Geschwister-Scholl-Preis 2006, Mihail SebastianMihail Sebastian wurde 1907 als Iosif Hechter in Braila geboren. Ab 1925 studierte er Jura in Bukarest, veröffentlichte erste Gedichte und schrieb für literarische Zeitschriften. 1932 veröffentlichte er den ersten von insgesamt vier Romanen, später war er auch als Theaterautor erfolgreich. Er starb im Mai 1945 bei einem Autounfall.

Mihail Sebastian verfasste zahlreiche Bühnenstücke, ein umfangreiches Tagebuch sowie einige Romane. Wegen seiner jüdischen Herkunft diskriminiert, wurde er erst lange nach seinem Tod 1945 in Rumänien und kürzlich auch in Frankreich wieder entdeckt, obwohl er zu Lebzeiten eng mit Autoren wie Ionesco, Eliade und Cioran befreundet war. "Der Unfall" gilt als sein bedeutendster Roman.


(Foto: Claassen Verlag)

 

Das Werk

Mihail Sebastians »Tagebücher 1935-44« sind Mitte der 90er Jahre in Rumänien und bald darauf in Frankreich, England und den USA erschienen. Das lang vergessene Hauptwerk des rumänischen Dichters ist ein aufwühlendes Zeugnis der Menschlichkeit, das das Leben in der Verfolgung und unter wachsender Todesgefahr dokumentiert.

»Wenn ich nicht daran denke, mich umzubringen, überlege ich, ob ich betteln soll.« Mihail Sebastian war, als er mit der Niederschrift der Tagebücher begann, 28 Jahre alt und ein bekannter Theater- und Romanautor, der zur Elite des Landes zählte und mit vielen führenden Köpfen - darunter Mircea Eliade, Eugen Ionesco und E.M. Cioran - befreundet war. Zwar hatte er als Jude schon unter den »Eisernen Garden« mit antisemitischen Ausgrenzungen zu kämpfen, aber sein Dasein als Schriftsteller blieb davon weitgehend unberührt. Doch schon bald, so bezeugt sein Tagebuch, greift die Bedrohung auch auf ihn über. Viele Freunde, vor allem der bewunderte Mircea Eliade, sympathisieren mit den Faschisten, Sebastian verliert seine Anstellung, seine Theaterstücke können nur unter Pseudonym aufgeführt werden. Das Geld wird knapp, die Wohnung ist nicht mehr zu halten. Sebastian flieht aufs Land, verbringt Jahre in Todesangst, entgeht knapp der Deportation - doch er bleibt stets ein unbestechlicher Zeuge der Ereignisse. Als im August 1944 Bukarest endlich von den Sowjets eingenommen wird, registriert Sebastian fast ungläubig, dass er überlebt hat.

 

Die Mitglieder der Jury 2006

Christoph Buchwald (Verleger und Hochschullehrer ), Sabine Dultz (Münchner Merkur, Feuilleton), Dr. Ingeborg Harms (Publizistin und Literaturkritikerin), Dr. Dieter Heß (Bayerischer Rundfunk), Prof. Dr. Hans Günter Hockerts (Lehrstuhl für Zeitgeschichte, Universität München), Dr. Petra Kipphoff (Die Zeit), Dr. Gustav Seibt (Historiker und Publizist), Gitta Severloh (Hessischer Rundfunk) und Sabine Zaplin (Schriftstellerin).

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