Geschwister-Scholl-Preis 2006 - Mihail Sebastian

Dankesrede von Edward Kanterian

Bist du Jude?

Es geschah im Frühherbst 1991, zwei Jahre nach meinem Abitur in München, zwei Jahre nach dem Fall von Ceausescu und dem Kommunismus in Rumänien. Es war nun leicht, meine alte Heimat, die ich mit meiner Familie 1981 verlassen hatte, wieder zu besuchen. Ich war gerade bei meiner Großmutter in Tîrgu-Jiu, der Stadt von Constantin Brancusi, und saß im Nachbarsgarten zusammen mit einigen gleichaltrigen Rumänen, einige von ihnen Freunde aus der Kindheit. Wir tranken Federweißer und die Stimmung war ausgelassen. Bald kam die Rede auf die Politik – das passierte damals leicht in Rumänien, denn die Menschen machten ausgiebig Gebrauch von ihrer neu gewonnenen Rede- und Pressefreiheit. Wir unterhielten uns über die Probleme im Land und meine Freunde schienen gut informiert. Ich fragte sie, was sie von verschiedenen Politikern hielten, unter anderem vom damaligen Ministerpräsidenten, Petre Roman (1989-1991).

Einer meiner Freunde, ein angehender Ingenieur, nennen wir ihn Corneliu, sagte da ganz trocken:
"Er ist Jude".
"Was besagt das schon?", erwiderte ich.
"Eine Menge", meinte Corneliu. "Den Juden ist nicht zu trauen. Roman hat dafür gesorgt, dass es Rumänien so schnell nicht gut gehen wird. Er verkauft unser Land an die seinen." Und Corneliu fing an, andere Juden oder scheinbare Juden in der damaligen Regierung zu nennen.
"Das ist alles Unsinn", unterbrach ich ihn gereizt. "Man mag ihn politisch kritisieren, aber Roman ist rumänischer Staatsbürger und die Tatsache, dass sein Vater Jude war, besagt nichts. Du musst Politiker an ihren Worten und Taten messen, nicht an der ethnischen Identität ihrer Eltern. Warum sagst Du nichts über Ion Iliescu, der doch kein Jude ist und Schlimmeres anstellt als Roman?" Aber die braven Worte des deutschen Abiturienten waren ohne Wirkung.
"Weißt Du, dass Du mir gefällst?", lachte Corneliu. "Wenn die Ethnie wirklich keine Rolle spielt, dann erklär’ mir mal, warum die meisten Kommunisten in Rumänien nach 1945 Juden waren, etwa Ana Pauker [Außenministerin] oder Alexandru Nicholsky [einer der Mitbegründer der Securitate]".

Ich konnte es mir nicht erklären. Erst später fand ich heraus, dass dies eines der hartnäckigsten Mythen in Rumänien ist. Die Juden waren in der kommunistischen Partei zwar etwas überdurchschnittlich vertreten, aber die Mehrheit stellten die Nicht-Juden, die „Rumänen“.
"Und überhaupt", fuhr Corneliu fort, der die Sympathien der Anwesenden auf seiner Seite hatte und sich von meiner Ignoranz bestätigt fühlte, "ihr habt in Deutschland doch auch Schwierigkeiten. Die Juden fordern doch immer noch Geld für Auschwitz. Ich sage es dir: mit denen gibt es immer Probleme."

Die Leichtigkeit und Sicherheit, mit der er diese Worte aussprach, wirkten wie ein giftiger Stachel auf mich. „Geld für Auschwitz.“ Ich schaute ihn mit finsterer Miene an und sagte mit kaum beherrschter, zitternder Stimme:
„Du bist doch orthodoxer Christ. Wie kannst du ein Antisemit sein? Bedeuten dir denn die Leiden der Juden gar nichts? Warum ist deine erste Reaktion Neid, Verachtung, Ressentiment, und nicht Mitleid?“
“Weißt du,” sagte Corneliu mit forschenden Augen, “es ist wirklich merkwürdig, dass du so sehr die Juden verteidigst. Sag mal: Bist du Jude?”

Hier kam die Diskussion zu ihrem Ende. Sicher, ich erklärte ihm noch, was für mich eine Banalität war: dass man mit den Leiden dieses Volkes mitfühlen kann, auch wenn man keiner von ihnen ist. Aber die Fronten waren verhärtet. In meinen Augen war er ein Antisemit. In seinen Augen war ich ein Jude. Oder den Juden verkauft. Vîndut evreilor, wie eine Phrase im Rumänischen es ausdrückt.

„Bist du Jude?“ Noch heute fällt es mir schwer, eine angemessene Antwort auf diese Frage zu haben. Denn ein solcher Einwand war mir in vorherigen Diskussionen nicht begegnet. Wohlgemerkt in Diskussionen in Deutschland.
Ich hatte ähnliche Gespräche in der Folgezeit. Aber jenes Gespräch mit Corneliu gab mir am meisten zu denken. Er und ich waren nicht so verschieden. Wir gehörten zum selben Jahrgang, kamen aus derselben gebildeten Mittelschicht, die es in Rumänien auch unter Ceausescu gab. Keiner war dümmer oder boshaftiger als der andere. Warum also dieser eine gravierende Unterschied in einer so ernsten Angelegenheit?

Nein, ich bin kein Jude. Ich bin Rumäne-Armenier-Deutscher. Als Rumäne erfuhr ich von kleinauf wie sehr das rumänische Volk vom Terror der Geschichte geplagt worden ist. Vor allem unter dem Kommunismus haben die Rumänen viel gelitten und sie haben jedes Recht, dass man ihrer Klage zuhört. Von der armenischen Seite meiner Familie her wurde ich sensibilisiert gegenüber den Gräueln eines Völkermords. Aber es war erst in Deutschland, im Geschichtsunterricht am Münchner Erasmus Grasser Gymnasium, wo ich lernte, nicht nur über die eigenen Opfer nachzudenken und über sie zu trauern, sondern auch über die Opfer der anderen, die Opfer, die wir oder unsere Nation verschuldet hat.

Wie Norman Manea einmal festgestellt hat, gab es vor der Bundesrepublik immer nur „Heldendenkmäler“ und eine Kultur des Gedenkens an die eigenen Gefallenen. Aber der Holocaust hat dies geändert. Er war nicht nur eine Infragestellung der deutschen Zivilisation, oder der modernen, westlichen, sondern eine Infragestellung des Humanen an sich. So sehr, dass er zu neuen Formen des Humanen geführt hat – einer neuen Gedenkkultur.

Der Unterschied zwischen Corneliu und mir im Jahre 1992 lag also vielleicht darin, dass nur ich die Gunst erfahren hatte, als Kind in die Bundesrepublik auszureisen und hier erzogen zu werden, während er im Rumänien Ceausescus geblieben war, wo die Schatten der eigenen Geschichte nicht nur nicht durchleuchtet, sondern eher noch finsterer wurden. Corneliu blieb gefangen unter einer kommunistisch-nationalistischen Diktatur, die zuviel Kontinuität mit der Diktatur Ion Antonescus, des Hitler-Verbündeten, aufwies, als dass die über 200.000 Juden und Sinti und Roma hätten zur Sprache gebracht werden können. Die über 200.000 Juden und Sinti und Roma, die die Rumänen unter Antonescu in den Jahren 1941-1942 in den Ostprovinzen in eigener Regie ermordeten. Vielleicht lag der Unterschied zwischen mir und Corneliu also in einer glücklichen Fügung des Schicksals, in dem, was Bernard Williams mit dem problematischen Terminus moral luck auf den Begriff gebracht hat.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil das am heutigen Abend prämierte Buch, Mihail Sebastians Tagebuch, wesentlich dazu beigetragen hat, dass man mittlerweile als Rumäne in Rumänien über die rumänischen Verbrechen vor 1945 reden kann, ohne gefragt zu werden: „Bist du Jude?“; „Bist du Zigeuner?“. Denn die Verwicklung Rumäniens in den Holocaust wurde inzwischen auf höchster politischer Ebene zugegeben und es gibt auch einen nationalen Holocaust-Gedenktag. Diese bemerkenswerte Entwicklung war ein mühsamer Prozess (der bis heute noch manche Ambivalenzen besitzt). Eine kritische Öffentlichkeit entstand in den Neunziger Jahren, der monolithische Nationalismus wurde durchbrochen, der Kriegsverbrecher Antonescu wurde beim Namen genannt, und auch Antisemiten standen allmählich nicht mehr so im Kurs. Vor allem aber erschien Mitte der neunziger Jahre Sebastians Tagebuch. Es schlug ein wie ein Meteorit. Debatten und Polemiken folgten. Manche hielten es für eine Fälschung. Aber der überwiegende Tenor war der der Preisung – und der Scham. Denn das Tagebuch beleuchtete die tabuisierten Aspekte der rumänischen Nation aus der einzig zwingenden Perspektive: der des Opfers. Die Rumänen konnten in einem authentischen Zeitdokument nachlesen, was Antonescu mit den Juden wirklich getan hatte, wie schändlich antisemitisch viele Rumänen gewesen waren, wie sehr selbst führende Intellektuelle wie Mircea Eliade durch den Faschismus zutiefst irregeleitet wurden. Sie konnten sich nicht herumwinden, sondern erlebten wie an der eigenen Haut, was es heißt, ein jidan [Saujude] zu sein. In der Rezeption von Sebastians Tagebuch kristallisierte sich, katharsisartig, die tiefste Schande eines ganzen Landes heraus.

Und so ist es nicht unmöglich, wenn auch ungewiss, dass einmal nicht nur die Deutschen oder die Rumänen, sondern auch die Türken, Japaner, Serben oder Hutu den Zeilen von Niklas Frank, dem Sohn des Generalgouvernements von Polen, Hans Frank, beipflichten werden:

Je mehr ich mich mit den Eltern beschäftigte, desto schuldiger fühlte ich mich. Der Satz, „wir müssen Verantwortung übernehmen, dass es nicht mehr dazu kommt“, bringt meines Erachtens nichts. Das ist hohles Pathos. Wir sollten vielmehr auch als unschuldige Nachgeborene eine Scham empfinden. Wir sollten uns dem Grauen stellen und den Schmerz aushalten.

Dem Grauen und dem Schmerz der anderen.

Liebe Jury, liebe Anwesende. Sie ehren mit diesem Preis und mit Ihrer Anwesenheit einen einzigartigen Menschen und sein vorbildliches Lebenswerk. Er ist nicht unter uns und wir wissen nicht, was er gesagt hätte, wenn er einen solchen Preis aus Deutschland erhalten hätte. Wie aus den letzten Seiten des Tagebuchs klar wird, hasste er gegen Ende des Krieges nicht nur Rumänien, sondern auch Deutschland für all das, was es ihm und seinem Volk angetan hatte. Aber es war Nazi-Deutschland, das er hasste. Hitlers Deutschland. Nicht das Deutschland der Geschwister Scholl.

Haben Sie meinen tiefsten Dank.

Edward Kanterian, München 20.11.2006

 

Edward Kanterian ist der Herausgeber des Buches "Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt". Er lehrt Philosophie an der Universität Oxford.

 

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