Geschwister-Scholl-Preis 2006 - Mihail Sebastian

Laudatio von peter hamm

 

DIE BERUFUNG ZUM SCHMERZ oder
VON SCHMERZ UND SCHAM EIN MENSCH ZU SEIN

„Man schämt sich inzwischen, Mensch zu sein. Das immerhin noch: Scham.“
(Peter Handke, „Spuren der Verirrten“)  

Am 11. Juni 1942 notiert in Dresden Viktor Klemperer in sein Tagebuch: „Jeden Tag fühlen wir uns schlimmer gehetzt und dem Tod näher. Wir glaubten vorgestern, die Lage sei unüberbietbar schlimm, sie ist seit gestern hundertmal schlimmer. Sie wird morgen wieder noch schlimmer als heute sein.“

Im selben Monat Juni des Jahres 1942 notiert in Bukarest Mihail Sebastian in sein Tagebuch: „Zwei Jahre seit der französischen Kapitulation vergangen. Wir sind noch am Leben. Sicher, wir schleppen mit uns die Pein dieser furchtbaren zwei Jahre, doch immerhin sind wir noch am Leben. Wie lange noch?“

Weil Mihail Sebastian die Eskalation des Schreckens, der die Juden unter faschistischer Herrschaft ausgeliefert waren und die für Millionen von ihnen mit ihrer Ermordung endete, in seinen Tagebüchern ähnlich minutiös festgehalten hat wie Klemperer in den seinen, erschien er manchen Lesern, wie etwa dem amerikanischen Schriftsteller Philip Roth, als ein rumänischer Bruder Viktor Klemperers. Der Vergleich zwischen Mihail Sebastian und Viktor Klemperer bietet sich an und führt doch in die Irre, jedenfalls sind die Unterschiede zwischen Mihail Sebastian und Viktor Klemperer gravierender als die Gemeinsamkeiten und weisen auch weit hinaus über jene zwischen rumänischer und deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert, die doch größer kaum sein könnten.

Die Differenz besteht erst einmal darin, dass Klemperer die Welt selbst dann noch, als sie mehr und mehr aus den Fugen ging, stets von seinem ganz gefestigten, sicheren Standpunkt aus betrachtete und beurteilte, während Mihail Sebastian sich nicht nur seit je im existentiellen wie intellektuellen Unsicherheitsgelände bewegte, sondern auch in einer geradezu vorsätzlich anmutenden Ungefestigtheit und Erschütterbarkeit die Voraussetzung für sein und jedes wahre Künstlertum erblickte. Klemperer führte eine bürgerliche Existenz, deren Rahmen die akademische Laufbahn mit ihren kleinen und auch etwas lächerlichen Intrigen und Idiosynkrasien vorgab und deren Fundament die Familie bildete sowie die Sorge um diese. Er fühlte sich in seiner kulturellen Identität so sicher aufgehoben wie in seiner deutschen Identität und das eben auch dann noch oder dann erst recht, als er durch Hitler wieder jenem Judentum zugeschlagen wurde, das er glaubte hinter sich gelassen zu haben. In seinem Tagebuch bekannte er: „Käme aber eine Wahl im geringsten in Betracht, so bedeutete mir das Deutschtum alles und das Judentum gar nichts“.

Als dieses Deutschtum sich ihm gegenüber dann in immer noch brutaleren Formen bekundete, erklärte er sich selbst zum Vertreter des wahren oder des anderen Deutschland und notierte in seinem Tagebuch: „Ich bin deutsch und warte, dass die Deutschen zurückkommen; sie sind irgendwo untergetaucht“. In dieser seiner Rolle als der wahre Deutsche fühlte sich Klemperer mit Beginn der Nazibarbarei nicht von ungefähr sogleich auch zur Zeugenschaft aufgerufen; „Kulturgeschichtsschreiber der gegenwärtigen Katastrophe“ wolle er werden, bekannte er. Das bedeutet: er gab seinem Leben jetzt einen noch tieferen Sinn. Während der ganz allein auf sich gestellte Mihail Sebastian, der als Dichter a priori auch so etwas wie sein eigener Verfolger oder – um das Rimbaud-Bild zu benützen - Selbsthenker war und den Gedanken von der Sinnlosigkeit seines und jeden menschlichen Tuns nicht immer abweisen konnte, in der zur Absolutheit erhobenen Absurdität und Aggressivität der faschistischen Herrschaft mit ihren antisemitischen Exzessen den im Wortsinne schlagenden Beweis für alle seine Befürchtungen fand. Er benützte sein Tagebuch deshalb vor allem als Fluchtort, als letztes privates Refugium für seine Bitterkeiten, seine Verzweiflungen und seinen Schmerz über eine Welt, in der es, wie er einmal in diesem Tagebuch klagt, „mehr Genies gibt als anständige Menschen“.

Als Viktor Klemperer 1995 posthum der Geschwister-Scholl-Preis verliehen wurde, da rühmte ihn sein Laudator Martin Walser vorzugsweise wegen seines unbeirrbaren Festhaltens an seinem Deutschtum und wegen seines „durch keine ihm angetane Gemeinheit zerstörbaren Kulturvertrauens“. Er unterlief damit die Intentionen der Jury (der ich damals angehört hatte), die Klemperer für die unbestechliche Chronik der schließlich zur Endlösung führenden Bestialisierung des deutschen Volkes und ganz sicher nicht für seine nationalen Illusionen ausgezeichnet hatte. Wollte Martin Walser wirklich nicht wissen oder womöglich vergessen machen, was sich zwischen 1933 und 1945 doch endgültig und auf unwiderlegbare Weise gezeigt hatte, dass nämlich Kultur und Barbarei zusammengedacht werden müssen wie Weimar und Buchenwald, wie Goethe und Himmler, wie Beethoven und Heydrich, und wie – warum nicht? - Hannah Arendt und Martin Heidegger. Vertrauen in eine Kultur, die den größten Zivilisationsbruch der Geschichte nicht zu verhindern vermochte, hatte sich doch als ebenso illusionär erwiesen wie Vertrauen in jene sogenannte deutsch-jüdische Symbiose, die Gershom Scholem schon lange vor Auschwitz als schöne Legende entlarvt hatte. Spätestens als Walser erklärte, er habe aus der Klemperer-Lektüre gelernt, „dass es in Deutschland die Bevölkerung gab und (daneben oder darüber) eine Bande von Verbrechern als Machthaber“, musste man erkennen, dass Viktor Klemperer als Entlastungs- statt Belastungszeuge herhalten sollte. Als ob es diese verbrecherischen Machthaber ohne mächtige Mitwirkung der Bevölkerung hätten schaffen können, ganz Europa in ein Schlachthaus zu verwandeln!  

Würde man Walsers Methode auf Mihail Sebastian anwenden und diesen an seinem unbeirrbaren Festhalten am Rumänentum und dem Grad seines Kulturvertrauens messen wollen, käme nichts als Irrsinn heraus, eben jener kulturelle und nationale Irrsinn, dem Mihail Sebastian in Rumänien permanent ausgesetzt und von dem er selbst auch ein Teil war. Wie, möchte ich hinzufügen, Klemperer mit seiner deutsch-nationalen Gesinnung, die ihn 1915 dazu verführte, sich freiwillig an die Front zu melden, mit seiner Schmähung Frankreichs, dem er als Romanist doch besonders verpflichtet hätte sein müssen, und seinem Abscheu vor dem, was er „Ghettogesinnung“ nannte, auch selbst Teil jenes Deutschtums war, das schon mit dem Unheil schwanger ging.

Mihail Sebastian wurde 1907 in ein Land hineingeboren, dessen gesellschaftliche und kulturelle Widersprüche ungleich größer waren und sich weit gewalttätiger äußerten als in Deutschland. Es war ein Land mit lauter Rissen und entsprechend zerrissenen Menschen, die gerade weil sie ihrer nationalen Identität so unsicher waren, gern von einem Großrumänien träumten. Die Frage, die alles beherrschte, lautete: wie kann man ein Volk, das zu fast einem Drittel seiner Einwohner nicht aus Rumänen im engeren Sinne besteht, sondern aus Ungarn, Deutschen, Ukrainern, Russen, Bulgaren, Serben, Polen, Türken und Griechen und nicht zuletzt anderthalb Millionen Zigeunern, zu einer Nation verschmelzen. Obwohl oder eher weil auf Diktat der Großmächte Rumänien 1919 den sogenannten Minderheitenvertrag paraphieren musste, der den Minderheiten Religionsfreiheit und Schulunterricht in den jeweiligen Muttersprachen und gleiche Rechte garantierte, wuchs der Fremdenhass so stark, dass etwa Emil Cioran , der nachmalig berühmte Pariser Philosoph und Aphoristiker und zeitweilige Freund Mihail Sebastians, 1936 in seinem exaltierten und kryptofa-schistischen Buch „Die Verklärung Rumäniens“ behaupten konnte, der Fremdenhass sei unauflöslich mit dem rumänischen Nationalgefühl verwoben und stelle sogar dessen einzigen Kitt dar! Die ersten, die dem Kind Mihail Sebastian „feiger Jude“ nachriefen, gehörten zur griechischen Minderheit! 

Da die jüdische Minderheit, die immerhin 5 bis 6% der Bevölkerung ausmachte, als die wirtschaftlich stärkste betrachtet wurde, zugleich aber auch die schwächste war, weil sie von keiner Nation außerhalb geschützt werden konnte, konzentrierte sich der Fremdenhass mehr und mehr auf sie, obwohl doch Juden seit den Zeiten der römischen Kolonisierung und seit der Vertreibung aus Spanien einträchtig mit Rumänen zusammengelebt hatten. Doch mit der Einwanderung der Aschkenasim aus dem polnischen Galizien und der russischen Ukraine im 19. Jahrhundert, die sich vor allem als Händler auf dem Lande betätigten, und dem Erstarken des Nationalismus nach 1848 erstarkte auch der Antisemitismus, der bald nicht nur zur festen Konstante der rumänischen Politik werden sollte, sondern ebenso zu einem festen Bestandteil des intellektuellen und auch des literarischen Diskurses.

Mitte der Zwanziger Jahre, als Mihail Sebastian aus Braila an der Donau, wo er 1907 als Josef oder Josif Hechter geboren wurde, nach Bukarest kam, um zunächst Jura zu studieren und bald dann eine reiche Übersetzertätigkeit zu entfalten und an bedeutenden Zeitschriften mitzuarbeiten, verdiente die rumänische Metropole, die mit ihrer rasanten Modernisierung einen krassen Kontrast zu dem immer noch zu 80% bäuerlichen Land bildete, zu Recht das Etikett Paris des Ostens. Hier orientierte man sich nicht nur an der Pariser Kleidermode oder lauschte den bedeutendsten musikalischen Interpreten der ganzen Welt, sondern verfiel auch allen intellektuellen Moden des Westens, mochten sie noch so verrückt anmuten. Und da in dieser Stadt von kaum etwas mehr als 500 000 Einwohnern nicht weniger als 50 000 Studenten lebten, die freilich wenig Hoffnung auf spätere berufliche Entfaltung hatten, da der rumänische Staat spätestens Anfang der dreißiger Jahre vor dem Bankrott stand, wurden in studentischen Zirkeln, die oft geheimbündlerische Züge trugen, alle importierten Ideen bis zu jenem Siedegrad diskutiert, an dem sie explodieren mussten und zur Tat – oder vielmehr Untat entarteten.

Was sich hochtrabend Aktion nannte, war selten mehr als Prügel für die jüdischen Kommilitonen und nächtliche Straßenjagden auf alle Arten von Wehrlosen. Als Mihail Sebastian 1934 seinen stark autobiographischen Tagebuch-Roman „Seit 2000 Jahren“ herausbrachte, der den schlimmsten Skandal der rumänischen Literaturgeschichte auslöste, da präsentierte er sich an dessen Beginn als jüdischer Student und als ein Geprügelter unter vielen Geprügelten, die alle von der Angst beherrscht werden, die Universität eines Tages nicht mehr lebend zu verlassen. „Einstweilen“, so heißt es einmal darin, „habe ich im Laufe der Vorlesung nur zwei Faustschläge erhalten und habe acht Seiten mitgeschrieben. Für zwei Faustschläge ist das nicht wenig.“ Einer der Kommilitonen des Geschlagenen verteidigt die Schläger, obwohl er doch sein Freund ist. In dem, was zwischen den Freunden gesprochen wird, spürt man nicht nur beklemmend das Klima der Katastrophe, das damals in Rumänien herrschte. sondern unüberhörbar artikuliert sich hier auch einer der tatsächlichen nahen, ja nächsten Freunde Mihail Sebastians, der da aber noch nicht der weltberühmte Religionsphilosoph Mircea Eliade ist, sondern ein junger Schriftsteller, der sich in grotesken Gewaltphantasien ergeht und nichts weniger als einen Weltenbrand herbeisehnt.

In der Figur des Stefan Parlea zeigt er sich im Roman „Seit 2000 Jahren“ nicht nur bereits heftig von allen Symbolen und Mythen angezogen, sondern verkündet auch Ungeheuerlichkeiten wie diese: „Das einzige, was ich für die Universität tun kann, ist, dass ich sie anzünde“. Oder:„Fenster einschmeißen ist eine feine Sache. Jede Gewalttat ist eine gute Tat. Zugegeben ‚Nieder mit den Juden!’ ist eine Viecherei. Was soll das für einen Sinn haben. Wichtig dabei ist nur, dass man etwas im Lande aufrüttelt. Mit den Juden fängt es an – wenn es nicht anders geht -, aber es muß in einem allgemeinen Brand enden, in einem Erdbeben, das niemand schont.“ Wer derartige Sätze für literarische Übertreibungen oder gar Denunziationen hält, wird eines Besseren oder vielmehr Schlimmeren belehrt, wenn er in Mihail Sebastians Tagebüchern authentische Äußerungen des von der Eisernen Garde fanatisch begeisterten Mircea Eliade findet. So äußerte Eliade etwa, nachdem ein liberaler Student im Hauptquartier der Eisernen Garde gefoltert worden war, er, Eliade, hätte sich nicht damit begnügt, sondern ihm auch noch die Augen ausgestochen; „alle, die eine andere Politik als die Gardisten vertreten“, so Eliade, „sind Volksverräter und haben das gleiche Schicksal verdient“.

Die Eiserne Garde des Klerikalfaschisten Corneliu Codreanu, in dessen Lehre sich ein religiös verbrämter Kult des Martyriums und des Todes mit Ultranationalismus, Antisemitismus und Terrorismus verband – Cioran sprach von einer Symbiose „von Revolver und Gebet“ -, faszinierte in den dreißiger Jahren nicht nur Mircea Eliade, sondern eine ganze Generation junger Intellektueller. „Raserei gehörte damals zur Tagesordnung – und sie nahm konkrete Gestalt an in Eliade“, äußerte 1978 Emile Cioran in einem Gespräch, in dem er sich und Eliade als „ehemalige Gläubige, Gläubige ohne Religion“ apostrophierte. Daß ihn selbst Codreanu einmal fanatisiert und er 1936 sein weithin dem Ungeist Codreanus verpflichtetes Buch „Die Verklärung Rumäniens“ veröffentlicht hatte, vergaß Cioran dabei zu erwähnen.
(Noch viel später, als Cioran seinen antisemitischen Sündenfall bereute und die Juden zu einer „Legion von Einzigartigen“ stilisierte, verriet ihn doch das Wort Legion.)

Im Dezember 1936 erhielt Viktor Klemperer den Besuch einer Freundin und ehemaligen Kommilitonin, die, wie er in seinem Tagebuch festhält, jetzt zwar eine „Gegnerin des dritten Reiches“ war, aber – so Klemperer weiter - „doch von einer ziemlich lauen Gegnerschaft erfüllt und ohne den Abscheu, der für einen redlich denkenden Menschen notwendig ist“. Klemperer zieht daraus das Fazit: „Wer kein Todfeind der Nazis ist, kann mir nicht Freund sein“. Im damaligen Rumänien, über das es in Mihail Sebastians Roman „Seit 2000 Jahren“ einmal heißt: „Nichts ist hier unvereinbar“, sah sich Sebastian von Freunden umgeben (um nicht zu sagen: umstellt), die nach Klemperers Maßstab seine Todfeinde hätten sein müssen, weil sie eben der Raserei verfallen waren und jener Rhinozerisierung, die Èugen Ionesco, auch er ein Freund Sebastians, der sich als Jude allerdings in derselben Lage wie dieser befand, später in seinem Theaterstück „Die Nashörner“ anklagte, jenem Stück, das nicht nur die rumänischen Erfahrungen jener Jahre so peinigend genau auf den Punkt bringt. Mihail Sebastian empfand es als schlimme Schmach, dass er die Tapferkeit vor dem Freund nicht aufbrachte, die nötig gewesen wäre, um sich von jenen rhinozerisierten Freunden wie Mircea Eliade, Emil Cioran oder Camil Petrescu loszusagen, die alle das Mit- oder Nebeneinander von Kultur und Barbarei geradezu aufreizend plakativ personifizierten, solange diese furchtbaren Freunde ihrerseits sich so gerierten, als gälten ihre antisemitischen Ausfälle allein den anderen Juden und nicht ihm, Mihail Sebastian.

Was Wunder, dass der Ich-Erzähler des Tagebuch-Romans „Seit 2000 Jahren“ auf die Situation, in die er sich verstrickt sieht, abwechselnd mit Selbsthass oder mit übertriebener Selbstliebe reagiert. In Jakob Wassermanns Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude“, die Mihail Sebastian kannte und zitierte, hatte er gelesen: „Es ist die Tragik im Dasein des Juden, dass er zwei Gefühle in seiner Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung.“ In Mihail Sebastians Roman „Seit 2000 Jahren“ erklärt dessen Protagonist einmal: „Ich überrasche mich dabei, dass ich mein Schicksal liebe, ich wollte, ich könnte mich leidenschaftlich ablehnen, ohne Entschuldigung, ohne Verständnis. Ich wollte, ich wäre fünf Minuten lang Antisemit, damit ich in mir den Feind spüren könnte, der niedergehalten werden muß!“ Mihail Sebastians Roman „Seit 2000 Jahren“ ist eine einzige große Frage nach dem Warum, dem Warum des Judenhasses. Und dabei spielt Mihail Sebastian nicht nur das abscheuliche antisemitische Repertoire aus Jahrhunderten durch, das er nun in Rumänien wieder in blutige Wirklichkeit verwandelt sieht, sondern auch alle Formen und Nuancen jüdischer Reaktionen darauf, von der Indifferenz über die Selbstkritik und Selbstanklage bis zur Identifikation mit dem antisemitischen Aggressor und bis zum gerade erstarkenden Zionismus, der bei Mihail Sebastian allerdings, ähnlich wie bei Joseph Roth und vielen anderen jüdischen Intellektuellen jener Zeit, radikal verworfen und sogar mit Faschismus identifiziert wird. „Und was macht man mit den dort lebenden Arabern, die auch das Recht auf einen natürlichen Tod haben, nicht auf einen sofortigen durch zionistische Ausrottung?“, lässt Mihail Sebastian einmal eine seiner jüdischen Romanfiguren fragen, eine Frage, die bis heute leider nichts von ihrer Brisanz eingebüßt hat.

Auf die große Frage nach dem Warum, die Mihail Sebastians Roman stellt, erhält sein Protagonist keine einzige plausible Antwort, weder von Juden noch von Antisemiten (von denen er übrigens jene „mit Argumenten“ für die schlimmeren hält). Als Jude, der auch Künstler ist, neigt er dazu, in der Verfolgung eine „Berufung zum Schmerz“ zu erblicken, ein prekärer Gedanke, der im Kopf des Aggressors leicht zum Alibi für diesen werden kann. Als Ausbund eines solchen Aggressors erwies sich für Mihail Sebastian ausgerechnet jener Mann, der von ihm und einer ganzen Generation junger Intellektueller wie kein anderer Rumäne verehrt, ja geliebt wurde, gemeint ist Nae Ionescu, seines Zeichens Professor für Philosophie, Ästhetik und Metaphysik sowie Herausgeber der renommierten Zeitung „Cuvantul“. Die ehrenvolle Einladung zur Mitarbeit an dieser Zeitung erging an Mihail Sebastian schon bald nachdem Ionescu als Vorsitzender einer Prüfungskommission in Braila die exzellente Begabung des Gymnasiasten Josef Hechter erkannt und diesen nach Bukarest gelockt hatte, wo er nun neben Emil Cioran, Mircea Eliade und der gesamten jungen Elite des Landes als Hörer zu Ionescus Füßen saß und daneben unter seinem angenommenen Schriftsteller-Namen Mihail Sebastian brillante Aufsätze für dessen Zeitung sowie diverse andere Blätter verfasste.

Nae Ionescu, der sich als Student in Deutschland einst an Lebensphilosophie und Mystik berauscht hatte und so etwas wie eine rumänische Melange aus Oswald Spengler, Ludwig Klages, Hermann Graf Keyserling und Carl Schmitt mit einem Schuss balkanischen Schmierenkomödiantentums gewesen sein muß, wurde für Mihail Sebastian nicht nur ein väterlicher Freund, sondern eine Art Übervater. Und er verlor für ihn selbst dann nicht seine Anziehungskraft, als Ionescu in seinen Vorlesungen seine Sympathien für die Eisernen Garde nicht mehr im geringsten kaschierte und gar als Gutachter in einem Prozess gegen Gardisten, die jenen bereits erwähnten liberalen Studenten entführt und gefoltert hatten, diese mit dem perfiden Verweis auf die in den Studentenzentren von Oxford und Cambridge praktizierte Prügelstrafe und deren erzieherischen Wert verteidigte. In Mihail Sebastians Tagebuch, das bis 1940, also bis zum Tod Ionescus, auch zum Ort qualvoller Auseinan-dersetzung mit ihm, dem Meister, wird, ist ein gespenstisch anmutendes Gespräch wiedergegeben, in dem Ionescu die Mörder der Eisernen Garde als fromme Mitleidstruppe schönredet und sich zu dem Satz versteigt: „Zwischen einem Menschen, der dich aus Hohn und Spott ermordet, und einem, der dasselbe tut, aber voll innerem Schmerz, besteht ein großer Unterschied“.

Der ungeheuere Skandal, den Mihail Sebastians Roman „Seit 2000 Jahren“ auslöste, hatte weit weniger mit dessen Inhalt als damit zu tun, dass Sebastian ausgerechnet diesen Nae Ionescu, der in der Figur des Ghita Blidaru auch schon so etwas wie die geheime Hauptfigur des Buches darstellt, um ein Vorwort zu seinem Buch gebeten hatte, also quasi um eine Antwort der höchsten Autorität auf die große Frage nach dem Warum der Verfolgung. Als dieses Vorwort dann bei Sebastian eintraf, kam es ihm, wie er Eliade bekannte, „einem Todesurteil gleich“. Doch sein Stolz und wohl auch seine ungebrochene Verehrung des Meisters verboten es ihm, es zurückzuweisen. Nae Ionescu, der allgemein als großer Kenner jüdischer Geschichte und Theologie galt, hatte sein Vorwort als Plattform für einen krassen antijudaischen Ausfall benützt, indem er, keine noch so groben Sophismen scheuend, darin erklärte, das Leiden der Juden sei kein Problem, sondern ein Phänomen und auch keineswegs das Ergebnis rassischer Diskriminierung, sondern „von derselben Notwendigkeit wie die Tatsache, dass die Winkelsumme des Dreiecks 180 Grad beträgt“. Schließlich seien die Juden, gerade weil sie das für die Verkörperung Gottes auserwählte Volk waren, aber in Christus den Messias nicht erkannt hätten, zu den wahren Verdammten dieser Erde geworden. Infamerweise sprach Ionescu am Ende seines Vorworts Mihail Sebastian ganz persönlich und dazu noch mit seinem jüdischen Namen Josef Hechter an: „Josef Hechter, du leidest, weil du Jude bist. Du würdest aufhören, Jude zu sein, wenn du nicht littest, und du würdest dem Leiden nur entkommen, wenn du aufhörtest Jude zu sein… Josef Hechter du bist krank. Du bist substantiell krank, weil du nicht anders kannst als leiden und weil dein Leiden tief begründet ist…Der Messias ist schon gekommen, Josef Hechter, und du hast ihn nicht erkannt…Josef Hechter, fühlst du nicht, dich umfängt Kälte und Dunkel."

Der Entrüstungssturm, der nach Veröffentlichung von Mihail Sebastians „Seit 2000 Jahren“ losbrach und von allen Seiten des geistigen Spektrums angefacht wurde, entlud sich allein auf Mihail Sebastian, der nicht nur jetzt erst recht zur Zielscheibe maßloser, meist in der Gossensprache geführter antisemitischer Angriffe wurde - einer der Kritiker verstieg sich sogar zu dem Mordaufruf: „Mihail Sebastian muß daran gehindert werden zu atmen!“ -, sondern der auch von der jüdischen Presse, die es Sebastian verübelte, dass er Nae Ionescu die Plattform für ein derartiges Pamphlet geboten hatte, beispiellos aggressiv attackiert wurde; so warf ein jüdischer Kritiker Mihail Sebastian jüdischen Selbsthass vor und schmähte ihn, der sich doch stets als Abkömmling des Ghettos u n d der Donau( also als Jude u n d Rumäne) sah, als – so wörtlich – „eine Fäkalie des jüdischen Ghettos“.

Mihail Sebastian versuchte, sich mittels seiner Schrift „Wie ich zum Hooligan wurde“, deren Titel auf den kurz zuvor erschienenen Roman „Die Hooligans“ seines Freundes Mircea Eliade anspielte, gegen die Angriffe zur Wehr zu setzen und vor allem auch Nae Ionescu zu antworten, dem er, wie er es formulierte, diesen „Faustschlag der Desillusion“ verdankte. Den Vorwurf, er sei von der „Sucht nach Assimilation“ besessen, der ihm von jüdischen Kritikern gemacht worden war, konterte er mit der Feststellung, ein Schriftsteller könne sich nur assimilieren um den Preis, sein Wesen als Schriftsteller aufzuheben: „Schreiben ist ein Akt der Vergegenwärtigung, sich assimilieren bedeutete, sich aufzugeben. Es ist schwerwiegender als ein Selbstmord, es ist eine Verstümmelung.“ Und weil er sich dieser Selbstverstümmelung nicht schuldig machen wollte, insistierte Sebastian auf dem, was ihn am tiefsten am Judentum anzog, seinem tragischen Kern, der für ihn freilich nicht aus der Verkennung des Messias herrührt, sondern aus der uralten tiefen Gespaltenheit seines Volkes: „Einerseits sind sie Kritiker mit ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit zur Abstraktion, andererseits Visionäre mit ihrem unmittelbaren Sinn für das Mysterium… Sind die Juden Skeptiker? Zweifellos. Sind sie Visionäre und Propheten? Keine Frage, alle Welt sagt es. Wie versöhnen sich ihre abgründigen Zweifel mit dem brennenden Glauben? Diese dauernde Spannung zwischen aufgeregter Sensibilität und unerbittlicher Kritik, das ist die blutende Wunde des Judentums, sein tragischer Kern.“

Es war auch der tragische Kern und die Wunde des Menschen und des Schriftstellers Mihail Sebastian, der sich in seinem Buch „Wie ich zum Hooligan wurde“ explizit zum kritischen Geist bekannte, von dem er sagt, er werde von jeder Diktatur, der faschistischen wie der kommunistischen, am meisten gefürchtet; ein Bekenntnis, das zugleich auch eines zum Individualismus und zum Dissidententum einschloß: „Ich bin“, so Sebastian, „kein Anhänger irgendeiner Idee oder irgendeines Anführers, ich bin immer Dissident. Vertrauen habe ich nur in das jeweilige Individuum, aber in dieses habe ich ein großes Maß an Vertrauen. Der Tod des Individuums bedeutet den Tod des kritischen Geistes, in letzter Instanz den Tod des Menschlichen überhaupt.“ An die Adresse von Nae Ionescu gerichtet, dessen Ausstrahlung auf ihn Sebastian auch hier mit großer Wärme schildert und dem er ausdrücklich Dankbarkeit dafür bekundet, dass er ihn einst zum Studium nach Paris schickte, wo er seiner Begeisterung für die moderne französische Literatur frönen durfte und zum Kenner der Korrespondenz Marcel Prousts wurde (die er dann in Rumänien herausgab), zieht Sebastian schließlich die Bilanz: „Schwer ist für mich nicht die Tatsache, dass so ein Vorwort gedruckt wurde, sondern dass es geschrieben werden konnte“.

Mihail Sebastians „Tagebuch 1935 – 1944“, das in den letzten Jahren den Ruhm des rumänischen Schriftstellers auch außerhalb Rumäniens begründete und das wohl auch in Zukunft als sein Hauptwerk gelesen werden wird, obwohl Sebastian selbst seinen Wert immer wieder in Frage stellte, setzt ein auf dem Höhepunkt des Skandals um den Roman „Seit 2000 Jahren“ und wirkt in manchen Passagen sogar wie eine Art Fortsetzung dieses Romans. Auch wenn Sebastians Tagebuch nicht in erster Linie eine Chronik der Schmähungen und Repressionen ist, denen Juden wie er damals ausgesetzt waren, so wirken doch die entsprechenden Fakten so erdrückend, dass daneben die zahlreichen Eintragungen, in denen Sebastians Tagebuch zum Entwicklungslabor seiner Literatur wird, und in denen von Musik, Literatur und vor allem auch von den vielen unglücklich-verquälten Frauenbeziehungen Sebastians die Rede ist, etwas in den Hintergrund rücken. Erst beim zweiten Lesen entfalten auch sie ihre eigene Dramatik, ihre Schönheit und ihren intellektuellen Reiz und zeigen Mihail Sebastian als einen Diaristen vom Range André Gides oder Jules Renards, dessen Tagebuch zu Mihail Sebastians Lieblingslektüre zählte.

Als Chronist der Katastrophe registriert Sebastian nicht nur alle antijüdischen Maßnahmen des Staates, sondern ebenso die Reaktionen und eben auch die ausbleibenden Reaktionen der nichtjüdischen Bevölkerung und seiner nichtjüdischen Freunde darauf. Nachdem bereits 1937 einem Drittel der rumänischen Juden die Staatsbürgerschaft entzogen worden war, verabschiedete eine der vielen kurzlebigen Regierungen im August 1940 ein „Judenstatut“, das den meisten Juden die Staatsbürgerschaft absprach und “Mischehen“ gesetzlich verbot. Und nachdem im September 1940 Rumänien dem Bündnis der Achsenmächte Deutschland und Italien beigetreten war und Marschall Antonescu eine Militärdiktatur installiert hatte, die nach einem Putschversuch der Eisernen Garde deren Anführer auf eben jene bisher von den Gardisten praktizierte bestialische Weise ermordete, schoss die Regierung sich erst recht auf die Juden ein, nicht zuletzt, um sich den Deutschen willfährig zu zeigen.

Die antijüdischen Maßnahmen reichten vom Berufsverbot für Anwälte und Journalisten – Sebastian war beides – und vom Aufführungsverbot für Theaterstücke von Juden, das den erfolgreichen Dramatiker Sebastian besonders hart traf, über die Erhöhung der Mieten und des Brotpreises für Juden, die Enteignung ihrer Immobilien, die Abschaltung ihrer Telefone und Einziehung ihrer Radios – ein für den musiksüchtigen Sebastian, der nächtens die Sender aus ganz Europa nach klassischer Musik absuchte, besonders schwerer Schlag! –, bis zur Beschlagnahmung ihrer Fahrräder und Skier – letzteres wieder ein verheerender Verlust an Lebensqualität für Sebastian, den Autor des Romans „Ein Unfall“, mit dem er dem Skisport die denkbar schönste literarische Huldigung dargebracht hat. Eines Tages müssen dann von den Juden auch Betten, Kissen und Decken abgeliefert werden und daneben sogar Kostüme, Hüte und Stiefel, und dies jeweils in so hohen Stückzahlen, dass sich viele Juden gezwungen sehen, erst einmal - und natürlich zu stark überteuerten Preisen - das zu erwerben, was sie abliefern sollen! Immer neue und immer maßlosere Geldforderungen an die jüdische Bevölkerung - einmal soll sie in kürzester Zeit 10 Milliarden Lei aufbringen – haben zur Folge, dass auch für Mihail Sebastian die materiellen Sorgen immer dramatischer, ja auswegloser werden.

Kurzzeitig kann er zwar als unterbezahlter Hilfslehrer an einer noch bestehenden jüdischen Schule unterrichten oder eine bescheidene Stellung bei der relativ staatsunabhängigen Königlichen Stiftung einnehmen, auch existieren noch neben seinem exzentrischen Freund Prinz Antoine Bibescu, der einst der Freund Debussys und Prousts war und Sebastian immer wieder einmal einige äußerlich unbeschwerte Ferientage auf seinem Landgut beschert, einige wenige wohlhabende Juden in Sebastians Bekanntenkreis, die um Hilfe zu bitten ihm allerdings immer schwerer fällt und ihm auch drastische Demütigungen einträgt. Auch kann er noch unter einem neuen Pseudonym Theaterstücke für die Bukarester Bühnen übersetzen und einmal sogar ein eigenes unter fremden Namen ins Theaterprogramm schmuggeln. Doch neben der wachsenden materiellen Not beherrscht ihn permanent die panische Angst vor der Deportation – da er sich Zeitungen kaum leisten kann, ist er auf Gerüchte angewiesen –, die Angst vor Pogromen und Massakern, wie sie inzwischen in den östlichen Provinzen Bessarabien und der Bukowina geradezu planmäßig durchgeführt zu werden scheinen; so ermorden dort allein im Juli 1941 rumänische und deutsche Armee-Einheiten sowie SS und die Einsatzgruppe D 160 000 Juden!.

Doch auch in nächster Nähe geschehen Massaker, das grauenvollste im Schlachthof von Straulesti, wo Juden an den Fleischerhaken aufgehängt wurden und unter jedem Leichnam ein Zettel klebte: „Koscheres Fleisch“; manchen der Erhängten hatte man noch, wie Eugène Ionesco in seinem Tagebuch berichtet, die Hoden in den Mund gestopft. Und zu alledem schweigt das Volk, schweigen die Freunde – oder, noch schlimmer, finden sie Erklärungen, die Rechtfertigungen gleichkommen. Sicher, es gibt da und dort auch Gesten der Loyalität und der Scham. Aber sie sind so sehr die Ausnahme, dass Mihail Sebastian in immer tiefere Verzweiflung verfällt und fast nur noch in der Musik und der Literatur so etwas wie Trost findet; wobei sein Lektüreprogramm, obwohl er ab Winter 1942 immer wieder auch zur Zwangsarbeit abkommandiert wird, immens ist und von Shakespeare und Montaigne über Tolstoj und Balzac (von dem er 7 Bände der Pleiade-Ausgabe in wenigen Wochen schafft) bis zu Proust und den modernen Franzosen reicht.

Je mehr die Geschichte ihn klein macht und zu einem Nichts zu zerstampfen droht, desto mehr droht sich Mihail Sebastian auch als Schriftsteller abhanden zu kommen: „Ich bin uninspiriert, ohne Talent, Erleuchtung, Berufung. Es gelingt mir nicht, den einfachsten Gedanken auszudrücken. Irgendetwas drängt mich zur Plattitude, zur Indifferenz“. Klagen dieser Art kehren fast ermüdend wieder in seinem Tagebuch, das zugleich doch immer wieder ihre beeindruckende Widerlegung darstellt. Einmal, im Dezember 1937, fragt sich Sebastian mit Blick auf seine literarische Arbeit: „Müßte ich dem Leben nicht dankbar sein, dass es eine Leere um mich herum schafft, dass es mir alle Gewohnheiten und Bequemlichkeiten entzieht und mich von neuem an den Anfangspunkt stellt, aber nicht mit der Unreife eines Zwanzigjährigen, sondern mit der Hellsichtigkeit eines Dreißigjährigen?“ Sebastians Hellsicht, die ihn eigentlich nur vor den Frauen verlässt, kann freilich unter den waltenden Umständen immer nur zu noch tieferen Verfinsterungen führen.

Schließlich zieht sich die Schlinge um ihn und seinesgleichen immer enger; am 20. Oktober 1941 notiert er: „Ein antisemitischer Irrsinn, den nichts aufhalten kann. Wenn da wenigstens ein antisemitisches Programm wäre, dann wäre es noch gut. Wir wüssten, wie weit sie gehen. Doch hier handelt es sich um pure Bestialität, eine entfesselte, schamlose, gewissenlose, zwecklose, sinnlose Bestialität. Alles, alles, schlicht und einfach alles kann passieren. Ich sehe auf den Gesichtern der Juden die Blässe der Angst. Ihr atavistisches Lächeln erstarrt, ihre alte tröstende Ironie ist verschwunden. Eines Tages, eines weit entfernten Tages wird dieser Albtraum Vergangenheit sein – doch wir, du, er, ich, wir hier, die wir uns jetzt in die Augen blicken, werden dann längst gefallen sein. Von Juni bis jetzt sind über 100 000 Juden ermordet worden. Wie viele von uns sind noch übrig. Wohin soll ich mich wenden, was noch erwarten?“ Eine Flucht ins Exil, wie sie 1942 sein Freund Eugène Ionesco wagt, verbietet ihm schon die Sorge um seine Mutter, mit der er nach der Beschlagnahmung seiner Wohnung wieder zusammenlebt, und ebenso verbietet sich deshalb auch die Flucht in den Selbstmord, der gleichwohl als Vorstellung in seinem Tage-buch allgegenwärtig ist. Doch als Sebastian dann vom Selbstmord Stefan Zweigs im fernen Brasilien erfährt, schreibt er:„Stefan Zweig hat Selbstmord begangen. Er hatte kein Recht dazu, durfte es nicht tun.“

Einmal besucht Mihail Sebastian einen anderen rumänisch-jüdischen Schriftsteller seiner Generation, es ist (der jetzt endlich auch hierzulande entdeckte) M. Blecher, der seit seinem 19. Lebensjahr an Knochentuberkulose leidet, und der ihm anvertraut, er fühle sich schon zu schwach für den Selbstmord, und Sebastian begreift da, dass die Skala des Leidens ins Unendliche reicht, und notiert in seinem Tagebuch: „Werde ich noch einmal den Mut haben, mich über etwas zu beklagen, werde ich noch einmal die Schamlosigkeit besitzen?“ Und nach seinem nächsten und letzten Aufenthalt an Blechers Matratzengruft, als dieser schon an der Schwelle des Todes steht, klagt sich Sebastian selbst an im Tagebuch: „Warum besaß ich nicht den Mut, ihn zu umarmen, mehr mit ihm zu reden, eine brüderliche Geste zu machen, irgendetwas, das ihm bewiesen hätte, dass er nicht allein ist, dass er nicht absolut und unrettbar allein ist?“

Es ist eine der größten Stärken dieses sich stets der Schwäche bezichtigenden Mihail Sebastian, dass er nie moralischem Narzissmus verfällt, sondern sich lieber selbst auf die Anklagebank setzt. So hält er in seinem Tagebuch einen Moment fest, an dem er seinen opportunistisch lavierenden Freunden einmal plötzlich erschreckend ähnlich sieht: 1939, als die Namen der jüdischen Autoren noch nicht aus den rumänischen Literaturgeschichten entfernt sind und diese noch auftreten dürfen – noch gibt es sogar in der Armee eine jüdische Einheit, bei der Sebastian zeitweilig dienen muß -, tritt er am sog. „Tag des Buches“, einer Aufforderung des Schriftstellerverbands folgend, in der Uniform der Nationalen Front auf. Am Abend schreibt er in sein Tagebuch: „Habe ich noch das Recht, über die moralischen Qualitäten eines Menschen zu urteilen, wenn ich selbst nicht einmal die Kraft habe, einer solchen Komödie zu widerstehen? Was würde ich angesichts einer schlimmeren Zwangslage tun? Wie würde ich mich in einem Konzentrationslager verhalten?“

Diesen einst so kindlich-enthusiastischen Menschen, der sich als ein gerade einmal Dreißigjähriger nur noch alt, hässlich und verbraucht vorkommt und der sich wünscht, in einen „langen, bleiernen Schlaf zu verfallen“, überkommt jetzt immer häufiger „eine Art von Ekel oder Überdruss, Mensch zu sein“. Ein Ekel und ein Überdruss, die auch dann nicht weichen wollen, als sich das Blatt doch noch wendet, Marschall Antonescu vom König entmachtet wird und sich Rumänien plötzlich auf die Seiten der Alliierten schlägt. Auch wenn kein Konzentrationslager mehr droht, Mihail Sebastian sofort wieder als Autor und Vortragender gefragt ist und anscheinend bald sogar als Berater zum Außenministerium berufen wird, muß er doch jene bittere Erfahrung machen, die nach 1945 in West-Deutschland Walter Warnach mit dem treffenden Wort von der verlorenen Niederlage umschrieb: niemand will sich der Vergangenheit stellen, niemand will Faschist gewesen sein oder den Faschisten nach dem Munde geredet haben, alle waren schon immer dagegen oder gar im Widerstand, auch wenn sie gerade noch Ungeheuerlichkeiten von sich gaben wie etwa Sebastians unseliger Freund Camil Petrescu, der sich einmal sogar bei ihm darüber beklagt hatte, keine der den Juden geraubten Wohnungen bekommen zu haben, und der sich nun auf die Seite der Kommunisten schlägt, die den Ton angeben seit die Rote Armee in Bukarest einmarschiert ist.

Als Sebastian einmal von Übergriffen der Sowjetsoldaten hört, schreibt er: „ Es wäre nicht in Ordnung, wenn Rumänien leicht davonkäme. Dieses wohlhabende, sorglose, frivole Bukarest ist die reinste Provokation für eine Armee, die aus einem verwüsteten Land kommt…Diese russischen Soldaten, die auf den Straßen Bukarests patrouillieren, diese Soldaten mit ihrem kindlichen Lächeln und ihrer sympathischen Grobschlächtigkeit, müssen Engel sein. Wie bringen sie es über sich, hier nicht alles in Brand zu setzen, wahllos zu morden und zu plündern, diese Stadt dem Erdboden gleichzumachen, eine Stadt, in der die Mütter, Frauen, Schwestern, Geliebten jener Männer leben, die ihr Land mit Mord und Verwüstung überzogen haben?... Die Russen sind schließlich im Recht. Widerlich sind eher die Einheimischen, ob Juden oder Rumänen.“

In seinen letzten Leidensjahren hatte sich Mihail Sebastian zaghaft wieder dem Juda-ismus angenähert und etwa jenen seiner Leidensgefährten, die in der Hoffnung auf Verschonung zum Katholizismus konvertiert waren und auch ihm diesen Schritt nahe legten, eine klare Absage erteilt: „Auf einer sonnigen, sicheren und friedlichen Insel irgendwo im Ozean wäre es mir gleichgültig, ob ich Jude bin oder nicht. Aber hier und jetzt kann ich nichts anderes sein“. Einmal hatte er sogar bedauert, dass der gelbe Stern nicht auch in Zentralrumänien eingeführt wurde, – er hätte ihn, schreibt er, aufgefasst „als eine Art Medaillon, ein Abzeichen, das meine Entsolidarisierung von der Schande dieser Zeit, ihrer Ruch- und Ahnungslosigkeit symbolisiert“. Allerdings hielt er jene, die seine Leidensgenossen waren, darum doch nicht für die besseren Menschen. Sebastian, der noch auf dem Höhepunkt der Verfolgung etwa die Instinktlosigkeit des Anführers der zionistischen Bewegung, Zissu, registrierte, der Abend für Abend Kinos und teure Restaurants frequentierte, während um ihn herum Tausende deportiert wurden, und der sich auch als extrem hartherzig erwies, als Sebastian einmal in einer ihm ausweglos erscheinenden Notlage Geld von ihm borgen wollte – „Vor niemandem habe ich mich so geschämt wie vor diesem reichen und schäbigen Menschen“, notierte er im Tagebuch -, Sebastian erlebt nun, nach der Befreiung, angewidert das Gerangel und Geschacher um neue Posten und Pfründe.

Am 1. September 1944 ist er dabei, als ein „Syndikat jüdischer Autoren“ ins Leben gerufen wird, und bemerkt dazu in seinem Tagebuch: „Unbekannte Gesichter und Namen. Eine Mischung aus verzweifeltem Versagertum, ressentimentgeladener Mediokrität, altem Ehrgeiz und Verbitterung – alles mit einer ostentativen Unverschämtheit wieder zu Tage tretend. Ich war zu feige, um ihnen das ins Gesicht zu sagen, was sie verdienen, und ich kann mir das nicht verzeihen. Aber das war das letzte Mal, dass ich in eine solche Falle tappte.“ Und am 12. September 1944 notiert er: „Mal treibt es mich zur Polemik, dann wieder bin ich angeekelt und will gar nichts wissen. Manchmal lässt mir das Verlangen, mich zu äußern, keine Ruhe. Ich möchte anreden gegen den bodenlosen Schwindel, die groteske Komödie, die nun gespielt wird. Dann erinnere ich mich wieder daran, dass mich das alles nichts angeht. Was kann ich denn schon in dieser Kloake bewerkstelligen?“

Alles was Mihail Sebastian zuletzt bleibt, sind nur seine Scham und sein Schmerz, seine Berufung zum Schmerz – und damit zum Künstler. Doch was heißt „nur“? Scham und Schmerz darüber, ein Mensch zu sein und erfahren zu haben, wie leicht der Mensch zur Bestie abzurichten ist, empfindet allein, wer den Menschen noch nicht verworfen, sondern sich ein Bild vom Menschen bewahrt hat, ein Bild, das dessen gewöhnliches Maß notwendigerweise übersteigen muß. Solche Scham und solcher Schmerz sind das Gegenteil jener vermeintlich überlegenen ‚philosophischen’ Haltung, die Emil Cioran in den so frivolen wie koketten Buchtitel „Vom Nachteil geboren zu sein“ gefasst hat. Der Schmerz wäre ja keiner, wenn er nicht zugleich Ausdruck eines Glücksanspruchs wäre, jenes Glücksanspruchs, der uns in den großen Werken der Kunst, gerade wo sie dem Schmerz abgerungen sind und diesem Ausdruck geben, als unser eigener bewusst wird – und uns damit auch an unser Glück geboren zu sein erinnert. „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, / gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide“: das Privileg, von dem Goethe in seiner Elegie sprach, ist nicht nur eines des Künstlers, sondern dient der Menschheit, wenn dieser auch das noch sagt, was sie leidet.

Mihail Sebastian hat in diesem Sinne als Schriftsteller mit seinem Schreiben nicht nur sich selbst in schlimmster Zeit eine Zuflucht geschaffen, sondern auch der Menschheit, die in seinen Büchern und Tagebüchern eindringlich erfahren kann, dass wir nicht nur stumm und hilflos dem Moloch der Geschichte ausgeliefert sind und dass Scham und Schmerz kostbare Gaben – gleichsam die uns aus dem verlorenen Paradies mitgegebenen Gottesgeschenke – sind. Die Absurdität, der er lebenslang ausgesetzt war, und die in dem Augenblick, als der Faschismus besiegt war und Mihail Sebastian wieder freier atmen durfte, in der Gestalt des Todes an ihn herantrat – am 29. Mai 1945 wurde er von einem Lastwagen überfahren -,
darf nicht das letzte Wort behalten. Das letzte Wort behält - in seinen Büchern und Tagebüchern – Mihail Sebastian.

Peter Hamm, München 20.11.2006

 

Peter Hamm ist Autor und Journalist.

 

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