Geschwister-Scholl-Preis 2006 - Mihail Sebastian

Ansprache von oberbürgermeister Christian UDe

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in diesem November 2006 war in München schon viel die Rede davon und das mit Recht, dass das Judentum in dieser Stadt wieder eine Zukunft hat, Aufmerksamkeit gewinnt, Akzeptanz gewinnt, auf Interesse stößt, und dass Jüdinnen und Juden, die hier bislang im Bewusstsein lebten, nur auf der Durchreise zu sein, jetzt wirklich die Koffer, auf denen sie gelebt haben, symbolisch auspacken und in ihrer vielleicht sogar alten, auf jeden Fall neuen Heimatstadt Wurzeln schlagen. Wenn jemand geglaubt oder gehofft haben sollte, dass jetzt „endlich“ ein Schlussstrich gezogen werden könne oder sich gleichsam von alleine ergebe, dann möge diese 27. Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises zeigen, dass davon überhaupt keine Rede sein kann. Jawohl, es gibt in Zukunft eine hoffentlich bessere, eine hoffentlich gesicherte, eine hoffentlich friedliche Zukunft für das Judentum in unserer Stadt, dieser ehemaligen Hauptstadt der Bewegung, aber die Auseinandersetzung mit deutscher Verantwortung, mit nationalsozialistischem Verbrechen, und vor allem mit nationalsozialistischem Ungeist, der uns heute plötzlich wieder begegnet, kann und darf niemals enden, auch beim schönsten und feierlichsten Festakt nicht.

Die Preisverleihung des Geschwister-Scholl-Preises hat sich immer nicht nur als Ermutigung für Autoren oder posthume Ehrung für Verfasser bedeutender Texte verstanden, sondern immer auch als ein Beitrag zu einer kritischen Bilanz, zu einer Ausforschung bisher noch übersehener Sachverhalte und zur politischen Aufklärung im weitesten Sinne. Dabei ging es oft um Vorgänge in Deutschland, um die Schuld deutscher Berufsstände, ob es die viel zu lange verschonten deutschen Juristen waren oder die noch länger ver-schonten deutschen Mediziner oder die deutschen Hochschulen, die sich alle in nationalsozialistisches Unrecht hatten verstricken lassen.

Vieles hat in München einen besonderen örtlichen Bezug, weil diese Stadt nicht zufällig Hauptstadt der Bewegung geworden ist, sondern von antisemitistischen Ausschreitungen bis hin zur tatsächlichen Errichtung eines Konzentrationslagers vor den Toren der Stadt immer eine verhängnisvolle Rolle in der Geschichte des Nationalsozialismus spielte.

Aber ein Aspekt ist dabei recht kurz gekommen, nämlich, dass München auch die Stadt des Münchner Abkommens ist, das hier spektakulär inszeniert unterzeichnet wurde und das zur Einverleibung des Sudetenlands ins deutsche Reich führte und zur Zerschlagung der Tschechoslowakei. Es war nun einmal ein wichtiger Schritt bei dem Einmarsch im Osten.

Das Buch, das heute mit der Preisverleihung posthum für den Autor geehrt wird, macht uns deutlich, wie viele fürchterliche Konsequenzen Hitlers Machtergreifung eben auch in ganz anderen, weit entfernten Ländern, wie Rumänien hatte.

Ohne Hitlers Machtergreifung wäre die Eiserne Garde nicht an die Macht gekommen, hätte es in Rumänien keine Rassengesetze und keine Massaker gegeben. Es gab zwar dort auch erschreckendes antisemitisches Potential, aber an die Macht geführt, ermöglicht wurde es durch die deutschen Truppen, durch das Bündnis mit Hitler-Deutschland, durch Hitlers Druck.

Viele haben hierzulande nach dem Münchner Abkommen die Hoffnung gehabt, es werde ein Appeasement bringen, werde Hitlers Machthunger beschwichtigen und beruhigen, ihn von weiteren, befürchteten Kriegsplänen abbringen. Diese Naivität hat Mihail Sebastian nicht geteilt, er hat mit analytischer Schärfe am 01. Oktober 1938 in seinem Tagebuch schon notiert: „Frieden, eine Art Frieden. Ich habe nicht den Mut mich zu freuen. Das Münchner Abkommen schickt uns nicht an die Front, lässt uns am Leben, aber es bereitet uns auf eine grausige Zeit vor. Erst jetzt werden wir erfahren, was der Druck Hitlers bedeutet.“

Und genauso wie er es in der Ferne zu Papier gebracht hat, war es auch. Und in seinem Tagebuch erfahren wir, wie Hitlers Macht sich ausgewirkt hat, wie das Leben der jüdischen Minderheit in einer unerbittlichen Eskalation immer schwerer, ja unerträglicher wurde. Und da unterscheidet es sich eben von den Tagebüchern Anne Franks, auch wenn man diesem Tagebuch den gleichen publizistischen Erfolg wünschen möchte, aber das Beklemmende ist der langsame Werdegang nationalsozialistischen und antisemitistischen Terrors, der sich schrittweise in eine Gesellschaft immer unerbittlicher hineinfrisst.

Zunächst einmal geht es dann „nur“ um das Berufsverbot für den Journalisten, der nicht mehr schreiben darf, dann geht es um das Verbot aller Zeitungen, die sich kritisch artikuliert haben. Dann wird Mihail Sebastian die Anwaltslizenz entzogen und er kann keinen Beruf mehr ausüben und wird in Armut gestürzt. Aber selbst das ist nicht das Ende, jetzt kommen weitere Schikanen, die man sich am Anfang noch harmlos vorstellt und die dann die ganze Barbarei des Regimes offenbaren: Ihm wird das Telefon gesperrt, dann bekommt er als Klassik-Liebhaber das Radio entwendet und kann seine Musik nicht mehr hören, dann verliert er – weil mit Berufsverbot belegt – die Wohnung und muss zur Familie ziehen. Dann wird er zur Zwangsarbeit herangezogen und dann muss er – eine besondere Infamie – im staatlichen Auftrag die armseligen Habseligkeiten bukarester Juden konfiszieren, sich also am Räderwerk des nationalsozialistischen Unrechts beteiligen. Und dann erst folgt 1941 der Eintritt Rumäniens an die Seite Deutschlands im Krieg gegen die Sowjetunion und dann folgen die organisierten Pogrome, die planmäßige Ermordung von 200.000 rumänischen Jüdinnen und Juden.

Diese langsame Eskalation des Schreckens in einer anfangs noch kultivierten Gesellschaft, in einem Paris des Ostens, ist es, was dieses Buch so auszeichnet und für uns schwer erträglich macht.

Und einen Aspekt will ich noch besonders herausgreifen: Das ist die Rolle von Intellektuellen, die anfangs Freunde sind, die bei Geselligkeiten zugegen sind, die intellektuell befruchtenden Austausch pflegen, aber dann werden sie Vorzeige-Intellektuelle der Eisernen Garde, lassen sich aus Opportunismus oder Überzeugung von der Faszination des Faschismus und seiner Machtentfaltung infizieren, lassen sich instrumentalisieren, schreiben über den einstigen Freund antisemitische Texte. So kommt zu allem rechtlichen und sozialen Elend, dem er ausgeliefert ist, auch noch eine intellektuelle Vereinsamung und menschliche Enttäuschung dazu.

Ich glaube, dass dieser Aspekt einer Vertiefung wert ist, denn wir neigen manchmal dazu, Antisemitismus einfach als Ausdruck törichter Unterbelichtung, aggressiver Dummheit, fehlender Bildungschancen zu begreifen. Die Biografien, die hier aus ursprünglich freundschaftlicher Perspektive gezeichnet werden, zeigen aber: es waren auch Intellek-tuelle, die sich hergegeben haben für diesen Rassenwahn.

Und so war es ja auch in Deutschland. Ich habe schon an den Berufsstand der schreck-lichen Juristen erinnert oder an Mediziner, die sich mit all ihrem akademischen Bildungsgut haben instrumentalisieren lassen für Menschenversuche. Oder denken wir an Hochschullehrer, die alles Gut der Aufklärung im Handumdrehen haben über Bord werfen können, alle Werte europäischer Humanität im Handumdrehen negiert haben, um auf der „richtigen Seite“ der neuen Machthaber zu stehen.  

Das ist in diesem intellektuell so anregenden Buch vielleicht der beklemmendste Aspekt.

Ich gratuliere, stellvertretend für den verstorbenen, ein halbes Jahrhundert unentdeckt gebliebenen und erst vor zehn Jahren wiederentdeckten Autor, seinen Familienange-hörigen, die den Preis heute entgegennehmen und ich gratuliere dem Her-ausgeber der Tagebücher, Dr. Edward Kanterian, für den die heutige Preisverleihung auch ein Wieder-sehen mit München bedeutet: er hat nach der Übersiedlung aus Rumänien zehn Jahre hier gelebt von 1981-1991, hat am Erasmus-Grasser-Gymnasium sein Abitur gemacht und anschließend in München den Zivildienst geleistet und ich hoffe, dass Sie sich jetzt in die-ser Stadt mit ihrem jüdischen Zentrum, mit dieser Zukunft für das Judentum nach der Beschäftigung mit diesem Tagebuch etwas wohler fühlen als vorher.

Herzlichen Glückwunsch zum Preis, zum Geschwister-Scholl-Preis 2006.

Christian Ude, München 20.11.2006

 

Christian Ude ist Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München.

 

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