Geschwister-Scholl-Preis 2007 - Anna Politkovskaja

Ansprache von Wolf Dieter Eggert

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Ilya Politkovsky,
sehr geehrter Yuri Safronov,
sehr geehrter Dirk Sager,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute verleihen der Landesverband Bayern im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Landeshauptstadt München zum 28. Mal den Geschwister-Scholl-Preis. Dieser Preis gilt dem Gedenken an den heldenhaften, im Wortsinn todesmutigen Kampf seiner Namensgeber gegen ein menschenverachtendes Verbrecherregime. Heute soll dieser Preis Persönlichkeiten und ihre Werke ehren, die in vorbildlicher Weise für Freiheit, Demokratie, Menschenwürde und Toleranz eintreten und streiten.

Dass es solche Persönlichkeiten und solche Bücher gibt, und wohl auch weiterhin geben wird, beweist schon die umfassende Vorschlagsliste, welche die Jury im Mai dieses Jahres zur Vorauswahl stellte. Allen Mitgliedern der Jury gebühren an dieser Stelle unsere Anerkennung und unser Dank für die mühevolle Arbeit, im literarischen Diskurs den Preisträger ermittelt zu haben. Schlussendlich war das Votum der Jury eindeutig und einstimmig: Das Werk „Russisches Tagebuch“ von Anna Politkovskaja erhält den Geschwister-Scholl-Preis 2007.

Anna Politkovskaja, so aus der Begründung der Jury, „ hat in diesem Buch die politische Szenerie ihres Landes minutiös beschrieben. In Reportagen, Medienanalysen, Interviews, Wahlobservationen, Kriegsberichten und Prozessbeobachtungen zeigt die Journalistin der Zeitung „Nowaja gaseta“ einen Machtmissbrauch in allen Bereichen der Öffentlichkeit, von der Manipulation politischer Prozesse über Verfehlungen der Justiz bis zur Beeinträchtigung der Pressefreiheit.“

Die mutige Journalistin Anna Politikowskaya, die am 7. Oktober vor einem Jahr einem hinterhältigen Mordanschlag zum Opfer fiel, dessen Motive, Hintergründe und vor allem dessen Täter bis heute nicht eindeutig geklärt und identifiziert sind, hat mit ihren Veröffentlichungen das Bild Russlands gerade auch in Deutschland entscheidend verändert.

Vorbei die Zeiten, da dieses Bild vor allem geprägt wurde durch die Fotos von Kohl und Gorbatschow in Strickjacken im Kaukasus, gemeinsamem Saunabesuch von Kohl und Jelzin, der Schlittenfahrt der Ehepaare Schröder und Putin oder dessen Besuch samt Kosakenchor bei der Geburtstagsfeier des Amtskollegen in Hannover, der ihn mittlerweile zum „lupenreinen“ Demokraten geadelt hatte.

Nur drei Tage nach dem Mord an Anna Polikovskaya trafen sich in Dresden der russische Präsident Putin und Bundeskanzlerin Merkel zum „Petersburger Dialog“. Die Kanzlerin zeigte sich "sehr bestürzt" über das Verbrechen. Es sei "selbstverständlich, dass die Pressefreiheit zu einer demokratischen Entwicklung gehört". Putin verurteilte den Mord an der Journalistin auf einer Pressekonferenz auch öffentlich scharf. Eine solche Tat sei verabscheuungswürdig und völlig inakzeptabel. Sie schade auch Russland. Die Täter müssten ausfindig gemacht und bestraft werden. Danach ging man zur Tagesordnung über, in Dresden, in Deutschland und in Russland. Bis heute.

In ihrer jüngsten Ausgabe titelte „Die Zeit“ Anna Politikowskaya als „Russlands schlechtes Gewissen“. Im Westen gilt sie als Symbol für mutigen Journalismus, doch in Russland wird sie kaum gelesen. Politkovskaya hat den Putinschen Weg in ein halbautoritäres Regime, das Kritik erstickt und die Menschen manipuliert, vorhergesehen. So schreibt Sie im Russischen Tagebuch: „ein einheitliches Handeln der demokratischen Bewegung in Russland gibt es nicht, weder im Leben noch bei den bevorstehenden Wahlen“.
Vorgestern, eine Woche vor den Parlamentswahlen in Russland ist Oppositionsführer Kasparow bei einer Demonstration gegen Präsident Putin festgenommen worden. Kasparow und andere Mitglieder hatten versucht, in der Zentralen Wahlkommission in Moskau eine Petition für faire Wahlen am 2. Dezember einzureichen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Freiheitskämpfer gehören nicht nur Gattung der Herdentiere. Es sind  immer einzelne Persönlichkeiten, die sich gegen Diktatur und Unfreiheit auflehnen und bereit sind, für ihren Einsatz auch mit ihrem Leben zu bezahlen. In Deutschland denken wir dabei zu Recht vor allem an die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter oder an Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der kürzlich hundert Jahre alt geworden wäre. In den Dank und den Respekt schließen wir natürlich auch die vielen Namenlosen oder zu Unrecht weithin Vergessenen ein, die sich für Freiheit und Demokratie geopfert haben. Mut und Zivilcourage gehören auch in freiheitlichen Gesellschaften nicht unbedingt zu den herausragenden Bürgertugenden.

Wir sollten uns über eine gewisse Zeit einmal selbst genauer beobachten, wo wir aus Gründen der Bequemlichkeit oder des schieren Opportunismus geschwiegen statt geredet haben. Wir erinnern uns an die Mahnung von Gustav Heinemann: „Wer mit dem Finger auf andere zeigt, auf den deuten drei Finger auf ihn selbst zurück.“

Auch in einem so freiheitlichen Rechtsstaat wie Deutschland schätzen die Mächtigen in Politik und Wirtschaft gar nicht, wenn kritische Journalisten sich bemühen, Missständen auf die Spur zu kommen. Auch bei uns werden vermeintliche Sicherheitsinteressen des Staates vorgeschoben wenn es gilt, lästige Nachforschungen zu behindern oder zu unterbinden.

Anna Politkovskayas unbeugsamer Mut, gerade im Angesicht ihrer berechtigten Ängste in einer immer bedrohlicher werdenden Situation, ist ein Beispiel für Zivilcourage und moralische Integrität weit über ihren Berufsstand und ihr eigenes Land hinaus. Immer wieder hat Anna Politkovskaja die Blindheit und mutwillige Ignoranz des Westens gegenüber den Missständen in ihrer Heimat beklagt. Nun, da sich die Welt betroffen zeigt und um sie trauert, sollten wir endlich hören, was sie zu sagen hat.

Anna Politkovskayas „Russisches Tagesbuch“ ist ein würdiger Preisträger für den Geschwister Scholl Preis. Ihr Engagement galt nicht zuletzt denen, die nach uns kommen, den Kindern und Enkeln. Zu unserer großen Freude ist der Sohn von Anna Politkovskaya aus Russland angereist, um im Namen seiner Mutter den Geschwister-Scholl-Preis 2007 gemeinsam mit dem stellv. Chefredakteur der Zeitung Novaya Gazeta, Yuri Safronov, entgegenzunehmen. Herr Politkovsky, Herr Safronov, im Namen des Landesverbandes Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gratuliere ich Ihnen sehr herzlich.

Wolf Dieter Eggert, München 26.11.2007

 

Wolf Dieter Eggert ist der Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und Geschäftsführer des Hueber Verlags in Ismaning bei München.

 

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