Preisträgerin 2007

Anna Politkovskaja

"Russisches Tagebuch" Anna Politkovskaja Anna Politkovskaja
"Russisches Tagebuch"

Aus dem Russischen von Hannelore Umbreit
und Alfred Frank

DuMont Literatur und Kunst Verlag
Köln 2007
458 Seiten, € 24,90 (D) / sFr. 43,70
ISBN 978-3-8321-8022-5

 

Die Verleihung

Am 26. November 2007 nahm Ilya Politkovsky stellvertretend für seine Mutter Anna Politkovskaja den Preis entgegen. Oberbürgermeister Christian Ude und Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde.

Begleitet wurde Ilya Politkovsky von Yuri Safronov, dem stellvertretenden Chefredakteur der Zeitung „Novaya Gazeta“, der Zeitung, für die Anna Politkovskaja geschrieben hat. Yuri Safronov hat maßgeblich an der Zusammenstellung der Texte des „Russischen Tagebuchs“ mitgewirkt.

Die Laudatio hielt Dirk Sager, der viele Jahre als Korrespondent in Russland tätig war und bis 2004 das ZDF-Studio Moskau leitete. Der feierliche Festakt schloss mit einer Lesung aus dem „Russischen Tagebuch“ von Iris Berben.Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender unseres Verbands, Ilya Politkovsky

 

(v.l.n.r.) Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender unseres Verbands, Ilya Politkovsky,
Oberbürgermeister Christian Ude

Foto: Christine Strub

 

Die Begründung der Jury

Anna Politkovskaja, die am 7. Oktober 2006 in ihrem Haus in Moskau erschossen wurde, hat in diesem Buch von 2003 bis 2005 die politische Szenerie ihres Landes minutiös be-schrieben. In Reportagen, Medienanalysen, Interviews, Wahlobservationen, Kriegsberichten und Prozessbeobachtungen zeigt die Journalistin der Zeitung „Nowaja gaseta“ einen Machtmissbrauch in allen Bereichen der Öffentlichkeit, von der Manipulation politischer Prozesse über Verfehlungen der Justiz bis zur Beeinträchtigung der Pressefreiheit.

Mit analytischer Schärfe benennt sie Verletzungen fundamentaler Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und deren Auswirkungen auf eine Bevölkerung, die sich resigniert aus der politischen Verantwortung verabschiedet hat. In ihren Recherchen zu den Hintergründen und Alltäglichkeiten des Krieges in Tschetschenien geht sie Menschenrechtsverletzungen nach, kompromisslos konfrontiert sie in ihren Interviews die Verantwortlichen. Voller Mitgefühl schildert Anna Politkovskaja die Situation von Menschen, die ohne eigene Schuld in ein Räderwerk von Willkür und Terror geraten – Soldaten, versehrte Veteranen, Angehörige von Verschleppten, Gefolterten und Gefallenen sowie den Überlebenden des Anschlages auf die Schule in Beslan. Unnachgiebig appelliert Anna Politkovskaja an die Mitverantwortung der westlichen Welt für die Demokratisierungsprozesse auch in ihrem Land.

Anna Politkovskaja war eine unbestechliche Journalistin, deren moralische Ansprüche es ihr nicht erlaubten, sich zurückzunehmen, selbst wo sie Gefahr für ihr Leben heraufziehen sah. Es ist nicht zuviel gesagt, dass Anna Politkovskaja bereit war, für Texte wie das „Russische Tagebuch“ zu sterben. Ihren Tod hat sie in Kauf genommen, aus Solidarität mit den Menschen, für die sie schrieb, in Verteidigung des Rechtes auf freie Information und aus Hingabe an das Prinzip demokratischer Rechtsstaatlichkeit. Ihr Engagement galt nicht zuletzt denen, die nach uns kommen, den Kindern und Enkeln. Ihr unbeugsamer Mut, gerade im Angesicht ihrer berechtigten Ängste in einer immer bedrohlicher werdenden Situation, gibt ein Beispiel für Zivilcourage und moralische Integrität weit über ihren Berufsstand und ihr eigenes Land hinaus.

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Anna Politkovskaja

Anna PolitkovskajaAnna Politkovskaja wurde 1958 geboren. Sie war die bekannteste russische Journalistin; mit ihren Berichten und Reportagen über Tschetschenien erlangte sie Berühmtheit und wurde mit zahlreichen Preisen geehrt. Sie arbeitete für die Moskauer Zeitung Novaja Gazeta und verbrachte seit dem Anfang des zweiten Tschetschenien-Krieges im September 1999 viele Monate als Korrespondentin in der Kaukasus-Republik.

Am 7. Oktober 2006 wurde Anna Politkovskaja in Moskau erschossen – an Putins Geburtstag. Im DuMont Literatur und Kunst Verlag erschien 2003 ihre Dokumentation „Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg“ und 2005 das Buch „In Putins Russland“.

 

Das Werk

Das „Russische Tagebuch“ entstand zwischen Dezember 2003 und September 2005. Anna Politkovskajas Aufzeichnungen beginnen mit Putins Kampagne zu seiner Wiederwahl und enden mit der eindringlichen Frage: Habe ich Angst?
Bis zur Selbstaufgabe engagiert, persönlich und mit Blick für das Schicksal des Einzelnen, beschreibt sie im „Russischen Tagebuch“ die Politik ihres Landes dieser zwei weichenstellenden Jahre. Dabei geht es ihr um politische Ereignisse ebenso wie um die Stimmung in der Bevölkerung. Ein Bericht aus erster Hand, der wagt, was in Putins Russland lebensgefährlich ist: die Wahrheit.

So zeigt Anna Politkovskaja nicht nur die Verbrechen der russischen Armee in Tschetschenien, sondern auch jene an den russischen Soldaten und den Kampf ihrer Mütter um die Rechte und Würde ihrer Söhne. Sie prangert Putins „starken Staat“ an und schildert das Klima der Resignation, der Angst und der Rechtlosigkeit. Immer wieder hat Anna Politkovskaja die Blindheit und mutwillige Ignoranz des Westens gegenüber den Missständen in ihrer Heimat beklagt. Nun, da sich die Welt betroffen zeigt und um sie trauert, sollten wir endlich hören, was sie zu sagen hat.

 

Die Mitglieder der Jury 2007

Christoph Buchwald (Verleger), Sabine Dultz (Münchner Merkur), Dr. Ingeborg Harms (Publizistin und Literaturkritikerin), Dr. Dieter Heß (Bayerischer Rundfunk), Prof. Dr. Hans Günter Hockerts (Lehrstuhl für Zeitgeschichte, Universität München), Dr. Susanne Mayer (Die Zeit), Dr. Gustav Seibt (Historiker und Publizist), Gitta Severloh (Hessischer Rundfunk) und Sabine Zaplin (Schriftstellerin).

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