Geschwister-Scholl-Preis 2007 - Anna Politkovskaja

laudatio von dirk sager

 

Laudatio für ein Tagebuch

Mit dem Tagebuch begleitet der Leser Anna Politkowskaja vom Dezember 2003 bis zum 31. August 2005. Das ist ein Weg durch die Schattenwelten russischer Politik, auf dem sich Hoffnungen verflüchtigen und die Gefährdungen immer bedrängender werden. Am Ende des Weges hat der Leviathan klare, eindeutige Konturen bekommen: der autoritäre Staat, der das Land in Fesseln legt und jeden Widerspruch unnachsichtig verfolgt.
 
Anna Politkowskaja  schreibt über Russland, wie ein Ausländer es nie könnte und dürfte. Der kann vielleicht ein mitfühlender Beobachter sein. Aber sie ist unmittelbar betroffen von dem, was sie sieht. Jedes Notat ist ein sezierender Schnitt, mit dem sie das System staatlichen Unrechts bloß legt. Aber jeder Schnitt verletzt auch sie selbst, nimmt ihr Hoffnungen.

Etwas ist geschehen im Leben dieser jungen Frau, die in einer Diplomatenfamilie aufgewachsen ist, was ihren Blick verschärft hat, was ihm jene Schonungslosigkeit verlieh,  vor der sie auch die eigene Seele nicht schützen konnte.

Schon dass sie sich in der damals noch verhältnismäßig vielfältigen Presselandschaft der neunziger Jahre für die Arbeit bei der „Nowaja Gaseta“ entschied, war ein Bekenntnis zur inneren Unabhängigkeit.

Die wahrscheinlich einzige Zeitung in Moskau, die sich nicht in den Rankünen der Mächtigen missbrauchen ließ. Arm aber frei war die Devise des Chefredakteurs Muratow, mit der er die besten Federn der Hauptstadt für sein Blatt gewann.

Aber es war nicht der Schreibtisch in der Redaktion, wo Anna Politkowskaja zu ihrer Rolle fand. Dort verfolgten ihre Kollegen argwöhnisch und skeptisch den Aufstieg des grauen ehemaligen KGB-Agenten und Geheimdienstchefs Wladimir Putin an die Spitze der Macht.

Anna ging dorthin, wo diese Macht ihr unverhülltes Gesicht zeigte: Sie reiste als Berichterstatterin in den Krieg nach Tschetschenien. Der Krieg war das Vehikel, in dem sich der unbekannte Putin in den Wellen eines rasch wachsenden russischen Nationalismus zum späteren Alleinherrscher empor tragen ließ. Im russischen Krieg gegen das Volk der Tschetschenen, der offiziell nie Krieg genannt wurde, entdeckte sie, was andere erst später erkannten.

Anna war keine Kriegsreporterin im herkömmlichen Sinn. Schon gar nicht war es die Lust am Abenteuer, die sie auf die Szene grausamer Begebenheiten trieb. Einmal erscheint sie in Bildern eines Filmes, den eine junge Tschetschenin gedreht hat. Man sieht sie in dem Dorf Schatoi in den Bergen des Kaukasus. Das Dorf besteht nur noch aus Ruinen. Kurz zuvor hatte dort eine Gruppe russischer Soldaten sechs Männer getötet. Auch zwei Kinder waren bei dem Überfall umgekommen.

Man sieht Anna Politkowskaja im Kreis der aufgelösten Frauen. Sie hat einen Schreibblock in der Hand, auf dem sie sich Notizen macht. Inmitten der Trümmer eine Frau in städtischer Kleidung. Selbst dort mochte sie von diesem Teil ihrer Persönlichkeit nicht lassen. Und sie war in Parteilichkeit auch nicht blind  gegenüber dem extremistischen Teil der tschetschenischen Kämpfer und deren Rolle im Unheil.  
 
Sie reiste nicht einmal nach Tschetschenien, sondern immer wieder, obwohl die Regierenden solche Reisen unabhängiger Journalisten zu unterbinden trachteten, denn sie fürchten die Berichte von den Massakern, von den Entführten und Ermordeten, von den Filtrationslagern – das russische Pendant zu Guantanamo.     

Anna wurde von den Militärs verfolgt und bedroht. Die militärische Obrigkeit kannte sie und ließ sie den Hass spüren. Keine Reise, bei der die Frage nach der Heimkehr nicht im Ungewissen lag.

Aber sie wusste, dass,  wenn sie sich nicht zum Chronisten des Unrechts machen würde, fände sich kein anderer. Heute würde es sie vielleicht trösten, wenn sie erführe, das der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, Fall für Fall die russische Regierung für begangene Verbrechen verantwortlich macht und zur Zahlung von Entschädigungen an die Hinterbliebenen der Massaker verurteilt. Wenigstens das … zum Ärger der russischen Regierung, die sich ihrerseits damit rächt, dass sie den Ausbau dieses Gerichtshofes hintertreibt.

Vielleicht schlimmer als Angst, die auf solchen Reisen der Begleiter ist, ob man will oder nicht, sind die Gesichter der Menschen, denen man begegnet, die gezeichnet sind von den Schrecken der Verbrechen. Der Schrecken in den Augen der Überlebenden, der Mutter, deren Sohn entführt wurde und nie wieder auftauchte, des alten Mannes, dessen Familie umkam. Sie fuhr immer wieder dorthin und sah immer wieder in die Augen dieser Menschen, denen sie nicht anders helfen konnte, als über das zu schreiben was sie sah.

Immer in der Hoffnung, dass die Berichte ein Echo fänden, dass sie ein Anstoß werden könnten zur Anteilnahme und zu Reaktionen führen könnten bei den Staatsmännern der westlichen Welt. Aber die Reaktionen blieben aus. Keiner wollte etwas wissen von dem, was sie erlebt hatte. Die Freundschaft zum Herrn im Kreml war ihnen wichtiger.

So blieb ihr nur immer wieder der neue Aufbruch zu einer Reise in den Kaukasus, wo sie unentwegt den tief verstörten Menschen begegnen würde, denen keiner hilft und auch sie nicht helfen konnte – nur das Gefühl konnte sie geben, dass jene Unglücklichen wenigstens die Aufmerksamkeit einer Journalistin fanden.

Wer solche Erfahrungen mit sich trägt, wird einsamer und nimmt die Wirklichkeit anders wahr. Das ist nicht etwa als Entschuldigung zu verstehen für Überspitzungen im politischen Urteil.

Beladen mit diesen Bildern vom Krieg im Kaukasus liegt die Folgerung nahe, dass die Politik im Land nicht ein Spiel von Intrigen oder ein Tanz der Eitelkeiten bei Hofe ist, vielleicht auch die pure Lust an der Macht oder Selbstbereicherung, über die man sich empören kann.

Diese Politik hat ein System, zu dem unauflöslich die Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit dieses Krieges gehört. Dieses System verändert die russische Gesellschaft. Dieses System nimmt Opfer in Kauf, um sich zu behaupten. Das Tagebuch beschreibt den Prozess der Veränderung.

Die Tragödie der Geiselbefreiung in dem  Musical-Theater, der 129 Menschen zum Opfer fielen, liegt vor dem Beginn des Tagebuchs. Aber Anna Politkowskaja begleitet die Hinterbliebenen auf dem vergeblichen Weg, Aufklärung über die Vorgänge zu erhalten.

Der Staat wollte die Verantwortlichen nicht benennen, nicht einmal den chemischen Stoff, der in das Theater gesprüht wurde und dem die meisten der Geiseln zum Opfer fielen, weil nicht einmal den Ärzten in den Krankenhäusern das Gas genannt wurde. Das Staatsgeheimnis wog schwerer als das Leben der Menschen.

Bezeichnenderweise erzählt sie nicht, dass sie selbst in jenen Stunden vor dem Sturm der Sondertruppen im Theater war und zu vermitteln suchte. Doch Wladimir Putin war an einem friedlichen Ausgang nicht gelegen, ihre Vermittlung nicht erwünscht. Anna verschweigt das, weil sie sich nie ins Bild drängt.

Sie erzählt auch nicht, dass sie auf dem Weg zur anderen Geiseltragödie in der Schule von Beslan offensichtlich vergiftet wurde, so dass sie die kleine Stadt in Nord-Ossetien nicht erreichen konnte, wo sie hoffte, vielleicht die Katastrophe abwenden zu können.

Bei der Befreiung der 1600 Geiseln kamen über dreihundert von ihnen um, die meisten Kinder. Später trifft sie die Mütter und berichtet von deren Schmerz und Zorn, weil sich der Staat der Aufklärung der Vorgänge widersetzt.

Das Tagebuch führt tief hinein in ein Staatswesen, das sich immer weiter entfernt von den Hoffnungen und Träumen, die man an der Wiege des neuen Russlands hegen konnte. Es beschreibt den Ausbau der Macht im Kreml, einer Macht, die alles kontrollieren will: das Parlament, die Gerichtsbarkeit und die Medien.

Sie erzählt vom Schicksal Chodorkowskis, der beispielhaft zum Opfer dieser Gerichtsbarkeit gemacht wird, damit nur jeder begreife, was einem widerfährt, der das gebotene Maß an Unterwürfigkeit missen lässt oder gar offen widerspricht.

Anna beschreibt, wie durch Parteien- und Wahlgesetze die Duma praktisch gleichgeschaltet wird, wie sich wieder der Koloss einer zentralistischen Staatsmacht erhebt, dieses Mal vom Geheimdienst geschultert. Der Geheimdienst, der zu einer nie vorher da gewesenen Stärke auflebt, weil er jetzt auch Herrschaft über Konzerne ausübt.

Sie weiß auch, auf welche Kräfte dieser Staat für Mordaufträge zurückgreifen kann. „Killer in Staatsdiensten aus den Eliteeingreiftruppen der Hauptverwaltung Aufklärung des russischen Generalstabs. Kämpfer des Zentrums für Spezialaufträge des Inlandgeheimdienstes FSB. Oder die geheimen FSB-Kommandos zur Ausführung besonders wichtiger Operationen, die zumeist in der Liquidierung unliebsamer Personen bestehen.“  

So viele Morde, die nicht aufgeklärt wurden. Die Ermittlungen im Mord an Annas Politkowskaja, das sei hinzugefügt, endeten in einem Verwirrspiel der Behörden. Zwar fand man Männer, die an dem Verbrechen anscheinend beteiligt. In einem byzantinisch anmutenden Ablenkungsmanöver befand der Generalstaatsanwalt im Amtszimmer des Präsidenten, dass die Drahtzieher in London säßen. Den Beweis dafür blieb er schuldig.

Im Oktober 2004 notierte Anna Politkowskaja:
„In diesem Herbst ist im Land bereits der politische Winter ausgebrochen. Es fröstelt einen von der nicht mehr weichenden Kälte auf staatlichem Boden.“

Anlass war Ausführungen von Wjatscheslaw Surkow, dem die Rolle des Ideologen im Kreml zugeschrieben wird, der den politischen Gegner, die Liberalen, zur vom Westen ausgehaltenen „5. Kolonne“ erklärt. Zum Feind.

Ist sie allein in diesem Russland? Ziemlich. Aber sie berichtet auch von Begegnungen mit Polikern, denen sie vertraut, von Gesprächen mit Wladimir Ryschkow, einem jungen, engagierten, demokratischen Duma-Abgeordneten, der in der nächsten Duma keinen Platz mehr haben wird, weil seine Partei nicht registriert wurde, und in direkter Wahl nicht mehr gewählt werden kann, weil Direkt-Mandate abgeschafft wurden.

Sie schreibt von Grigorij Jawlinski, der mit seiner Partei Jabloko chancenlos ist, weil das gleichgeschaltete Fernsehen ihn aus der Öffentlichkeit eliminierte.

Am wärmsten schreibt sie von den Soldatenmüttern, jener Organisation, die als eine der ersten Organisationen einer Zivilgesellschaft 1989 zusammenfand, um die Söhne vor Willkür und Gewalt in den russischen Streitkräften zu schützen. Die Soldatenmütter gründeten im Herbst 2004 eine Partei. Anna notiert: „Die Partei der Soldatenmütter ist eine Weltneuheit, auf unserem Planeten hat es bisher nichts Vergleichbares gegeben.“ Annas Hoffnungen waren vergeblich. Der Partei wurde nicht registriert.

Doch schon damals hielt sie fest:  „Dies ist die dumpfeste Zeit seit den Jahren der UdSSR.“

Für Anna Politkowskaja sind die Tage ihrer Aufzeichnungen eine Zeit, in der das „Gespräch über Bäume ein Verbrechen ist“. Ihr Blick ist auf eine Herrschaft gerichtet, die das Land usurpiert, die eben nicht, wie manche im Westen geneigt sind anzunehmen, eine „benevolente Diktatur“ darstellt, sondern wo der Missbrauch der Macht zum System gehört. Und je weiter man ihren Beobachtungen folgt, desto spürbarer wird die Fassungslosigkeit der Autorin.  

Sie leidet an der Passivität der Mehrheit ihrer Landsleute, die sich dem autoritären System ergibt. Aber sie wehrt sich gegen die Überheblichkeit, mit der die politische Klasse die Entmündigung des Volkes legitimiert.
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Valentina Matwijenko, die Gouverneurin von St. Petersburg erklärt in aller Freimut, ein parlamentarisches System sei für Russland nicht geeignet. „Der Mentalität des russischen Menschen“, sagt Frau Matwijenko, „entspricht mehr ein Herr im Haus, der Zar, der Präsident. Kurz gesagt die Herrschaft des Einzelnen.“  
Diese Aussage, die Anna so empört, sticht auch dem Ausländer ins Auge, weil diese Ansicht gelegentlich von westlichen Freunden Putins vertreten wird – unter der Hand, versteht sich.
Anna notiert dazu, dass gemäß dieser Sichtweise das Staatsoberhaupt nicht als demokratische Führungsgestalt gelte, sondern als autoritärer Herrscher. Sie schreibt: „Mit ihrer Erklärung über die angeborene (mentale) knechtische Natur des russischen Volkes hat sich die Gouverneurin von St. Petersburg im Grunde einen rassistischen Ausfall geleistet.“

Diese Aufzeichnungen sind ein bebender Widerhall des Mitgefühls mit den Leidenden, der Empörung über das System staatlichen Unrechts, ein Widerhall auch der Fassungslosigkeit angesichts der Arroganz der Herrschenden.

Die Autorin hat dem Buch ein Nachwort zugefügt – mit der fragenden Überschrift „Finale: Habe ich Angst?“ Darin spricht sie jedoch nicht von ihren persönlichen Ängsten, sondern von ihrer Sorge für die Menschen in Russland, von der sich selbst genügenden herrschenden Elite und von der Not der einfachen Menschen, die um ihr Lebensglück betrogen werden.

Sie schreibt von ihrer Angst, dass Russland unter diesem System, dass Größe und Stärke verheißt, in Wirklichkeit zugrunde geht. Die Bedrohung, der Anna selbst ausgesetzt ist, von der sie weiß, ist ihr der Worte nicht wert.

In der Regierungszeit Putins sind schon zwei Kollegen aus der Redaktion der „Nowaja Gaseta“ ermordet worden. Nun hängt im kargen Konferenzsaal der Zeitung ein drittes Porträt.

Die Ehrung dieses Buches wäre gewiss eine große, eine stolze Stunde, wäre nicht das Bild gegenwärtig, das zarte, schmale und ernste Gesicht einer Frau, die hingerichtet wurde, weil sie die Wahrheit über Russland schrieb. Ihre Wahrheit. 

Es ist eine traurige Stunde, wenn der Sohn die Ehrung für seine Mutter entgegennimmt, deren Nähe er nur noch auf dem Friedhof suchen kann. Ein Strauß frischer Rosen und eine Fotographie, die aus dem Schnee ragt.

Und unvergessen bleibt die Kommentierung des Präsidenten, der sein unterkühltes Mitgefühl mit den Worten zum Ausdruck brachte, die Ermordung von Anna Politkowskaja schade der Regierung mehr als ihre Berichterstattung es jemals getan habe, womit er wohl zum Ausdruck bringen wollte, dass ihn jedenfalls keine Schuld träfe. Anna Politkowskaja hat nicht gefehlt in der Darstellung seiner Erbarmungslosigkeit.

Der Bürgersteig des Hauses, Lesnaja Nr. 8, in Moskau war in den Tagen nach dem Mord übersäht mit Blumen: Rosen und Astern, denn es war die Zeit des Herbstes. Und viele Tausend Menschen drängten sich auf den entlegenen Friedhof, um der Journalistin das letzte Geleit zu geben. Das war die Antwort der Menschen auf die Worte des Präsidenten.

Ich bin froh, dass die Jury zu dem Schluss gekommen ist, dieses Buch mit dem Geschwister-Scholl-Preis auszuzeichnen. Sie ehrt das Buch einer mutigen Frau. Sehen sie es mir bitte nach, wenn ich einem Satz aus der Begründung für diesen Preis nicht zu folgen vermag. Dort heißt es: „Es ist nicht zuviel gesagt, dass Anna Politkowskaja bereit war, für Texte wie das „Russische Tagebuch“ zu sterben.“ Ich bin sicher, dass Anna Politkowskaja nicht bereit war zu sterben. Sie ist nur dem gefolgt, was das Gewissen ihr befahl. Wie Antigone, die sich Kreon nicht unterwerfen wollte, oder wie die Geschwister Scholl und ihre Freunde.

Dirk Sager, München 26.11.2007

 

Dirk Sager ist Journalist, er war u. a. Korrespondent in Moskau und bis 2004 Leiter des ZDF-Studios in Moskau.

 

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