Geschwister-Scholl-Preis 2007 - Anna Politkovskaja

dankesrede von yuri safronov

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist mir eine Ehre, zu Ihnen im Namen der Novaja gazeta zu sprechen, der wohl einzigen Zeitung in Russland, die sich in ihrer fast 15jährigen Geschichte nie den Luxus geleistet hat, die Macht zu bedienen. Dies ist wohl auch der Grund, warum Anna Politkovskaja gerade bei der Novaja gazeta gearbeitet hat.

Das Russische Tagebuch ist eine Chronik der Ereignisse in Russland von Dezember 2003 (als die russischen Oppositionsparteien die Parlamentswahlen verloren, kapitulierten und aus der öffentlichen Politik ausgeschlossen wurden) bis zum 1. September 2005, dem Jahrestag der Tragödie von Beslan.

Das Buch enthält Auszüge aus Politkovskajas Arbeiten. Sie sind nur ein kleiner Teil dessen, was sie in ihrer kurzen Zeit bei der Novaja gazeta veröffentlichte. Ein kleiner Teil dessen, was ihr Herz bewegte. Denn Anna Politkovskaja war niemand, der distanziert schreiben konnte; sie war zugleich Psychologin und Beschützerin, Vertreterin der Anklage und Rechtsanwältin; und sie stand stets auf der Seite der Unterdrückten.

Im Russischen Tagebuch gibt es eine Episode während einer Reise durch Inguschetien, einer Republik an der Grenze zu Tschetschenien. Anna Politkovskaja trifft sich in ihrem Hotelzimmer mit Menschen, deren Verwandten von den Geheimdiensten entführt wurden. Bei den Behörden hatten diese Menschen vergeblich nach Gerechtigkeit gesucht. Nun gab es nur noch eine Person, an die sie sich wenden konnten: Anna Politkovskaja.

So war es stets, wo immer Politkovskaja erschien. Und so war es auch in unserer Redaktion in Moskau. Die Menschen suchten sie in ihrem Büro auf, kamen zu ihr mit ihren Problemen und ihrem Leid. Hunderten, wenn nicht Tausenden von ihnen hat sie in verschiedenen Situationen geholfen. Dutzenden hat sie im wahrsten Sinne des Wortes das Leben gerettet.

Im Epilog zu dem Buch Wofür (Za čto) – herausgegeben nach Annas Tod von ihren Verwandten und der Novaja gazeta – haben wir ihre vielseitige journalistische Begabung geschildert. Sie wusste zu jedem Thema etwas zu schreiben, keine Gattung war ihr fremd. Selbst eher lyrische Stoffe meisterte sie mit Bravour.

So schrieb sie über die letzte Königshochzeit des 20. Jahrhunderts. Über Reisen bis ans Ende der Welt. Über ihren Hund. Über das erstaunliche Paris. Über den argentinischen Tango, eine Ausdrucksform der Liebe …

Mit ihren Fähigkeiten – ihrem absoluten Gespür für das richtige Wort, ihrem feinen Sinn für Humor – hätte sie über alles schreiben können. Doch wozu „über alles“ schreiben, wozu über abstrakte Themen schreiben, wenn du in so einer Zeit lebst und in so einem Land?

Als Journalistin ist sie über 60 Mal nach Tschetschenien gereist.
Für diese schwierige, schreckliche und gefährliche Arbeit hat sie sich unter Einsatz ihres Lebens engagiert. Für mich ist der Name Anna Politkovskaja der Inbegriff des wahrhaftigen, vorbildlichen Journalismus.

Im Namen der Novaja gazeta danke ich dem Kulturausschuss des Münchner Stadtrats und dem Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern für die Entscheidung, das Russische Tagebuch mit dem Geschwister-Scholl-Preis auszuzeichnen – ein Buch unserer Korrespondentin, ein Buch von Anna Politkovskaja, dieser großartigen Frau, die wir lieben und um die wir trauern.

Übersetzung © David Drevs

 

Yuri Safronov ist der stellvertretende Chefredakteur der Zeitung „Novaya Gazeta“, der Zeitung, für die Anna Politkovskaja geschrieben hat. Jury Safronov hat maßgeblich an der Zusammenstellung der Texte des „Russischen Tagebuchs“ mitgewirkt.

 

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