Geschwister-Scholl-Preis 2008 - David grossman
Ansprache von Wolf Dieter Eggert
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter David Grossman,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
heute verleihen der Landesverband Bayern im Börsenverein des Deutschen
Buchhandels und die Landeshauptstadt München zum 29. Mal den Geschwister-Scholl-Preis.
Dieser Preis gilt dem Gedenken an den heldenhaften, im Wortsinn todesmutigen
Kampf seiner Namensgeber gegen ein menschenverachtendes Verbrecherregime.
Heute soll dieser Preis Persönlichkeiten und ihre Werke ehren, die in vorbildlicher
Weise für Freiheit, Demokratie, Menschenwürde und Toleranz eintreten
und streiten.
Dass es solche Persönlichkeiten und solche Bücher gibt, und wohl auch
weiterhin geben wird, beweist schon die umfassende Vorschlagsliste,
welche die Jury im Mai dieses Jahres zur Vorauswahl stellte.
Allen Mitgliedern
der Jury gebührt an dieser Stelle unsere Anerkennung und unser Dank für die
mühevolle Arbeit, im literarischen Diskurs den Preisträger ermittelt zu haben.
Schlussendlich war das Votum der Jury eindeutig:
Das Werk “ Die Kraft zur Korrektur” von David Grossman erhält
den Geschwister-Scholl-Preis 2008.
Mit dieser Auszeichnung würdigen wir nicht nur das Buch “Die Kraft
zur Korrektur”, sondern das gesamte erzählerische Werk David Grossmans,
denn dieses bringt das, was der Preis auszeichnen möchte, auf höchst eindrückliche
Weise zur Sprache und führt uns überzeugend vor Augen, dass geistige
Unabhängigkeit und moralischer, intellektueller Mut im alltäglichen Leben
im wahrsten Sinne des Wortes Herkulesarbeit sind.
Es gibt immer wieder Zeiten,
in denen bestimmte moralische, gesellschaftliche oder politische Überlegungen,
Einsichten und Schlussfolgerungen undenkbar sind, ausgeschlossen, außerhalb
jedes Radius, der dem Denken der Zeit und der Zeitgenossen zugänglich
ist. In der allgemeinen Raserei und Erschöpfung versiegt die Kraft zur Korrektur
dann fast immer als erste.
Wer die Grenze zum Undenkbaren überschreitet und sich öffentlich in politische
und/oder moralische No-Go-Areas begibt, weil in all dem menschlichen
Elend und politischen Desaster weit und breit kein anderer Ausweg zu sehen
ist, begibt sich in Gefahr, nicht selten in Lebensgefahr.
Grossman hat von Anfang an – seit seiner ersten öffentlich gemachten
Äußerung zur Lage im Lande vor beinah vierzig Jahren – stets den Standpunkt
vertreten, dass ein Frieden im Nahen Osten nur im Nebeneinander von Israel
und seinen arabischen Nachbarn möglich ist, und er hat, ausgehend von den
jeweiligen herrschenden Bedingungen, immer wieder konkrete Vorschläge für
Schritte aufeinander zu gemacht. Schritte, die von beiden Seiten schmerzliche
Zugeständnisse verlangen, aber überlebensnotwendig sind, um Schlimmeres –
oder das Schlimmste – zu vermeiden.
Wer wie Grossman bei der Gedenkfeier für den ermordeten Premier Jitzhak
Rabin vor tausenden von Menschen konstatieren muss:
„Dieses Jahr können wir uns selbst kaum ins Gesicht schauen“, und wer
sich und all die anderen auf dem Rabin-Platz fragt
„Wann haben wir die Hoffnung auf ein anderes besseres Leben verloren?
Und […] wieso stehen wir auch heute noch am Rand und schauen wie hypnotisiert
zu, wie Wahnsinn, Brutalität, Gewalt und Rassismus von unserem Zuhause Besitz
ergreifen?“, der verfügt über eine zutiefst humanistische Kraft des
Denkens. Und über großen Mut.
Vielleicht kann man - wenn Sie mir diesen Gedanken gestatten - es ganz
einfach so sagen: Fragen wie die von Grossman hätten auch in einem Flugblatt
der Geschwister Scholl stehen können.
David Grossman ist kein Politiker. Auch als Essayist ist er zuallererst Schriftsteller,
im Hauptberuf Erzähler, und das auf unnachahmliche Weise. Auch beim
Erzähler Grossman, dem Autor umfangreicher Romane, einer Doppelnovelle,
von Kinderbüchern, Erzählungen und Theaterstücken, finden wir die selbe
gedankliche und intellektuelle Freiheit wie bei dem Redner Grossman
auf dem Rabin-Platz. Wahrscheinlich - vermute ich - sind die Freiheit
des Erzählers und die des Essayisten untrennbar miteinander verbunden
und der Essayist ohne den Erzähler nicht denkbar.
Wer davon erzählen kann, wie sich der kleine Momik in dem meisterlichen
Roman Stichwort: Liebe eine flügellahme Krähe packt, bei der es
sich, wie der Bub vermutet, um das mysteriöse „Nazi-Biest“ handelt, von dem
die Erwachsenen in seinem Beisein stets nur im Flüsterton sprechen; wie er
den widerspenstigen Vogel im Kartoffelkeller einsperrt und zähmt, damit das
„Nazi-Biest“ endlich aufhört, die Familie zu quälen und zu malträtieren,
- wer eine solche Figur (er)schaffen kann, meine Damen und Herren, der braucht
auch als Schriftsteller Mut, und zwar den allergrößten.
Er muss sich auch seine erzählerische Freiheit gegen heftigste Widerstände
erst erkämpfen. Er weiß, dass er sich weit vorwagt auf ein Gelände,
für das es keine Wegkarten gibt, und er tut dies, weil er – wie Momik - zwischen
all den traumatisierten Überlebenden und verzweifelten Davongekommenen
verstehen will, was nicht zu verstehen ist.
Dieses „Der-Andere-Werden“, sich
empathisch und emphatisch Einfühlen in einen Anderen, und sei es der ärgste
Feind, beschreibt Grossman mit unglaublicher Präzision und größter Anschaulichkeit
in dem Aufsatz „Den anderen aus dem eigenen Innern kennenlernen oder die
Lust, Gisela zu sein“, den Sie ebenfall in dem Band Die Kraft zur Korrektur nachlesen können.
„Ich bin der Meinung“, schreibt Grossman da, „ dass wir, die
Menschen – das heißt die sozialen Wesen, die wir sind und die wir
uns gern mit unseren menschlichen, warmen, empathischen Beziehungen
zu unserer Familie, unseren Freunden, unserer Gemeinschaft brüsten
- , auf äußerst kompetente und vielschichtige Weise nicht nur dem
F e i n d gegenüber isoliert und verbarrikadiert sind, sondern in gewisser
Weise g e g e n ü b e r j e d e m N ä c h s t e n – oder besser gesagt:
Wir isolieren uns selbst, damit sein Inneres nicht in uns hineinstrahlt.
Wir sichern uns vor all den Ansprüchen fremder Innenleben, die
auf uns gerichtet sind und die ununterbrochen auf uns niederprasseln.“ [S.38]
Dieser Selbstisolation und Selbst-Verbarrikadierung - oder, einfacher
gesagt: dieser Einsamkeit aus Angst setzt Grossman die -Lust, Gisela
zu sein - entgegen.
Den Mut, sich auch in den Anderen zu versetzten, und sei es der Feind
– wie zum Beispiel in den KZ-Kommandanten Neigel in Stichwort: Liebe; oder
hineinzukriechen in einen die Qualen der Eifersucht bis in die intimsten
Details genießenden Ehemann, wie in Das Gedächtnis der Haut, oder
einfach in eine ängstliche, liebe Seele wie Momiks Mutter Gisela an ihrer
ewig ratternden Singer-Nähmaschine – diesen Mut zur schutzlosen, möglichst
vollkommenen Empathie mit Freund und Feind, mit Mordlust und Todesangst,
mit den Lauen und den Kaltgewordenen hat David Grossman in seinem literarischen
wie in seinem publizistischen Werk so überaus eindrücklich gezeigt. So schafft
er andere Blickwinkel, ungewohnte Perspektiven; so schafft er Freiräume fürs
Nachdenken, vermeidet alles Ideologische, arbeitet sich zu immer neuen Abgründen
der condition humaine, also den Bedingungen der menschlichen Existenz
, vor.
David Grossman liefert mit seinen Büchern unschätzbare Beiträge zu der wahrscheinlich
niemals endgültig zu beantwortenden Kardinalfrage, die alle große
Kunst umtreibt: Was ist das, ein Mensch?
Für diese Beiträge sind wir, die Leser, und nicht zuletzt der Börsenverein
des Deutschen Buchhandels, dessen Aufgabe es sein muss, die Freiheit des
Denkens und des geschriebenen Wortes zu bewachen wie einen Augapfel, zutiefst
dankbar.
Lieber David Grossman:
toda raba (todA rabA)!
Vielen Dank!
Wolf Dieter Eggert, München 24.11.2008
Wolf Dieter Eggert ist der Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und Geschäftsführer des Hueber Verlags in Ismaning bei München.
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