Geschwister-Scholl-Preis 2008 - david grossman

dankesrede von david grossman


Schalom und Guten Abend.
Ich möchte zunächst den Mitgliedern der Jury danken, die mir den Geschwister-Scholl-Preis verliehen hat, meinen Verlegern und Lektoren in deutscher Sprache, meinen Übersetzerinnen ins Deutsche, sowie den Freunden, die heute Abend von weit her nach München gekommen sind, und begrüße Herrn Prof. Dr. Huber, Rektor der Universität, Herrn Ude, Oberbürgermeister der Stadt München, Herr Eggert, den Vorsitzenden des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern und die Laudatorin, Dr. Salamander, und natürlich Sie, verehrtes Publikum.

Ich bin sehr bewegt, diesen nach den Geschwistern Scholl benannten Preis entgegenzunehmen, und möchte Ihnen gerne erklären, warum er für mich so wichtig und bedeutsam ist
Vor einigen Jahren erzählte mir ein nicht mehr junger jüdischer Mann folgende Geschichte: In seiner Jugend in Wilna, das schon von den Nazis besetzt war, spielte er mit Freunden auf dem Schulhof Fußball. Jüdische und christliche Jungen kickten zusammen, es war ein wildes, begeistertes Spiel, als plötzlich überall in der Stadt die Lautsprecher ertönten und eine "Akzia" ankündigten.
Kurz darauf stürmten deutsche Soldaten den Schulhof und nahmen die jüdischen Jugendlichen fest. Eine Stunde später steckten sie bereits in einem Zug, der sie in die Vernichtungslager fuhr. Der Zug fuhr nahe am Schulhof vorbei. Die Jungen schauten durch die Ritzen des Waggons und sahen, wie die anderen dort weiter Fußball spielten.
Eine kleine, nicht besonders dramatische Geschichte. In jener Zeit geschahen, wie wir wissen, weitaus entsetzlichere Dinge. Und doch lässt mich diese Geschichte, seit ich sie gehört habe, nicht mehr los. Sie erzählt mir vor allem von einer raffinierten und zweifelhaften Fähigkeit des Menschen: Er kann beschließen, nicht zu wissen, was direkt um ihn herum wirklich passiert. Beschließen, sich selbst keine Rechenschaft darüber abzulegen. Einfach die Augen zu verschließen und weiterzumachen, als sei nichts geschehen,

Meine Damen und Herren,
Sie verleihen mir heute diesen ehrenvollen Preis, benannt nach zwei jungen Menschen, die eine für sie schwierige und gefährliche Entscheidung trafen: Nicht die Augen zu verschließen. Nicht weiterzumachen, als geschehe nichts. Im Gegenteil: Sie beschlossen, alles zu sehen. Sie gingen durch die Welt, als hätten sie sich die Augenlider ausgerissen, und sie legten Rechenschaft über alles ab, was sie sahen.
Und als sie sahen, was geschah, hatten sie den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Sie nannten Mord – Mord, Böses – böse, Wahnsinn – Wahnsinn. Sie weigerten sich, jene Sprache und die Denkmuster zu übernehmen, die die Regierenden, das Militär, die Presse, eine riesige Propagandamaschine und der 'Zeitgeist' für sie geschaffen hatten. Bei ihrem Prozess fragte sie der Präsident des Volksgerichtshofs, wie sie ihre Taten erklären könnten, und Sophie Scholl antwortete ihm in ihrer klaren und einfachen Aufrichtigkeit: „Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen.“
Sie haben angefangen, und das war sehr mutig. Ich weiß nicht, wer von Ihnen, die Sie hier in diesem Saal sitzen, in der Lage gewesen wäre, zu tun, was sie getan haben. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage gewesen wäre, zu tun, was sie getan haben. Hätte ich wohl den Mut gehabt, so dermaßen anders zu sein, so einsam, mir selbst so treu inmitten einer ganzen Gesellschaft, eines ganzen Volks, das anders dachte und anders handelte? Ich hoffe, dass ja, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich sei mir sicher.
Ich habe Stichwort: Liebe, einen Roman über die Schoah, geschrieben, um unter anderem genau auf diese Frage zu antworten: Wie hätte ich mich verhalten, wenn ich damals gelebt hätte? Hätte ich es gewagt – oder wäre ich überhaupt in der Lage gewesen –, in diesem alle mitreißenden, gewalttätigen Strudel ich selbst zu bleiben? Natürlich habe ich mich zuerst gefragt, wie ich mich als Jude verhalten hätte. Als einer, dem alles, was ihm teuer war, genommen wurde, und der selbst schon zur Vernichtung bestimmt war. Wie hätte ich versucht – und hätte ich die Kraft dazu gehabt, meine Selbstständigkeit zu behalten, den menschlichen Funken in mir zu bewahren, in einer Situation, die ganz und gar darauf angelegt war, mich vom Antlitz der Erde und aus dem Bewusstsein überhaupt auszulöschen?
Doch noch eine andere Frage beschäftigte mich beim Schreiben von Stichwort: Liebe. Wenn ich in jener Zeit Deutscher gewesen wäre, wäre ich in der Lage gewesen, gegenüber dieser Welle, die beinahe das ganze deutsche Volk erfasste, standhaft zu bleiben? Hätte ich in mir Antikörper gegen das gewalttätige, rassistische, nationalistische Fieber gefunden, das eine ganze Nation befallen hatte? Hätte ich rechtzeitig erkannt, wo ich bereits anfange, mit dem System und seinen so raffinierten Mechanismen zu kooperieren, die dazu führen sollten, dass normale, seelisch ausgeglichene und auch ziemlich moralische und anständige Leute nach und nach auf ihr selbstständiges Denken, ihren freien Willen und auf die Werte einer universalen Ethik, nach der sie bisher gelebt hatten, aufgeben?

Liebe Freunde,
es fällt mir schwer, Deutsche anzusprechen, wenn ich über die Schoah rede. Fast immer habe ich den Eindruck, dass es mir nicht gelingt, genau auszudrücken, was ich sagen will. Immer ist da eine kleine Verzerrung drin, eine Überempfindlichkeit oder eine Übertreibung. Statt meinen ganz persönlichen Schmerz auszudrücken, ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich als "Vertreter von" rede. Ich bin mir gegenüber misstrauisch geworden, prüfe, ob ich nicht unbeabsichtigt an einer Stelle emotional manipuliere, an der absolute Klarheit vonnöten wäre. Ich weiß zum Beispiel, wie bestimmend bei mir das Gefühl der Kränkung ist, wenn ich daran denke, was in der Schoah passiert ist. Nicht Wut, Hass oder der Wunsch nach Rache, vielmehr eine bittere Kränkung, dass Menschen anderen so etwas angetan haben.
Und ich weiß, mit keinem anderen Gefühl als dem der Kränkung kann der Mensch sich dermaßen in resignierter Verbitterung festfahren, und die ist an sich schon demütigend.
Und siehe da, gerade der Fall der Geschwister Sophie und Hans Scholl und ihrer Freunde aus dem deutschen Untergrund der 'Weißen Rose', ermöglicht mir, und vielleicht nicht nur mir, über etwas zu sprechen, was hier in München, in Deutschland, in Europa passiert ist, ohne in den Bann eben dieser Kränkung zu geraten.
Die Geschwister Scholl haben ja mitten in einer Realität des Schweigens und des Nichthinschauens, in der sich die meisten von einer Welle nationalistischer und rassistischer Triebe mitreißen ließen, mutig ihre kleine Untergrundzelle gegründet. Obwohl es die Ausnahme ist, formuliert ihr Handeln ganz klar die schlichte und doch so schwer umzusetzende Tatsache, dass in beinahe jeder Situation ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit besteht; dass auch in einem System absoluter Willkür jeder Mensch einen gewissen Spielraum hat, selbstständig zu bleiben, sich anders zu definieren, und sich damit diesem Herrschaftssystem zu entziehen.

Willkür, Tyrannei, und die Art, wie Menschen ihnen begegnen, beschäftigen mich bei allem, was ich schreibe. In fast jedem meiner Bücher gibt es den Versuch – oder den Wunsch – geradezu untergrundartige 'Zellen' des freien Willens, der Individualität und Idiosynkrasie zu schaffen, und das inmitten einer Realität von Willkür, Zwang und Entfremdung. Die Figuren, die ich beschreibe, kämpfen fast immer gegen ein starres, gleichgültiges und undurchdringliches ‚System', sei es die erniedrigende Realität militärischer Besatzung oder die Art und Weise, wie wir alle lernen, uns an die erste uns als Menschen begegnende Willkür zu gewöhnen, die Willkür des Körpers und die Art und Weise, in der unsere Seele – die freie, bewegliche und scheinbar unendliche – gezwungen ist, sich an die beschränkte physische Dimension zu gewöhnen. An diese ganze komplizierte Bürokratie unseres Körpers.
In meinen anderen Büchern, vor allem in meinem letzten Roman Bis ans Ende des Landes, der nächstes Jahr auch auf Deutsch erscheinen wird, und auch in Die Kraft zur Korrektur habe ich unter anderem versucht, die Lebenswirklichkeit im heutigen Israel zu beschreiben: Zum einen die Gefahr, den Ängsten und der Hoffnungslosigkeit zu erliegen, die der andauernde Konflikt mit den arabischen Staaten erzeugt, zum andern die gewaltigen Anstrengungen, die intime und verletzliche Zelle der Familie in einer derart brutalen Wirklichkeit zu beschützen.
Schaut man sich heute die Israelis – und auch die Palästinenser – an, kann man sehen, wie die äußerliche Willkür der 'Lage', in der sie gefangen sind, bis in die allerinnersten Zellen beider Völker eindringt. Wie sie sich schon über Jahrzehnte in einem festgefahrenen, beinahe automatischen Mechanismus von Schlag und Gegenschlag, von Resignation und sofort danach kurz anhaltender Euphorie bewegen. Man kann sehen wie wir alle – Israelis und Palästinenser – Geiseln einer Situation wurden, in der wir von Tag zu Tag weniger Handlungsfreiheit, Gedankenfreiheit und Willensfreiheit haben.

Ich schreibe seit dreißig Jahren, und ich weiß: Jedes Mal, wenn ich über einen Kampf gegen die Willkür schrieb, entdeckte ich von Neuem, dass, wenn ich so genau wie möglich die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und dieser Willkür beschrieb, etwas in mir sich veränderte. Etwas in mir wurde erlöst. Wenn ich noch ein bisschen mehr um die Genauigkeit der Beschreibung, der Empfindungen, der feinsten Nuancen dieses Kampfes gerungen hatte, wenn ich mich selbst in meinen Worten sozusagen neu formuliert hatte - in einer um mich herum immer mehr erstarrenden Situation –, dann kam ich einen Millimeter weiter an jener Stelle zwischen mir und dem, was mir vorher als etwas Unüberwindbares  erschienen war.
Nicht, dass ich einen besseren Weg gefunden hätte, mit den widerstreitenden Kräften von Körper und Seele zu leben. Nicht, dass ich wirklich verstanden hätte, wie ein Mensch sich selbst so auslöschen kann, dass er Bestandteil einer Vernichtungsmaschine wird. Nicht, dass die militärische Besatzung enden würde, wenn ich ihre Untaten nur möglichst genau beschriebe. Doch meine innere Einstellung zu dem Unabänderlichen änderte sich dann. In dem Moment, wo ich zu schreiben begann, stand ich jedweder Willkür nicht mehr dort gegenüber, wo ich vor dem Schreiben verharrt war. In Situationen, die mir wie ewig, absolut und monolithisch vorgekommen waren – unumstößlich wie ein Urteil des Himmels oder von Menschenhand – taten sich mir neue Nuancen auf. Ich erschuf mir eine gewisse Bewegungsfreiheit. Gegenüber dem Unabänderlichen, was mich vorher mit Angst und Verzweiflung gelähmt hatte, wurde ich frei. Ich war kein Opfer mehr.
Und für mich, als Jude und Israeli, als der Mensch, der ich heute bin, mit all meinen Erfahrungen und all dem, was ich in den letzten Jahren erlebe, ist das Gefühl, nicht Opfer zu sein, nicht das Opfer einer wie auch immer gearteten Willkür sein zu müssen, – vielleicht das Tröstendste, was ich erreichen kann.

"Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten" ist, wie Sie wissen, eine Zeile von Goethe, die der Vater von Hans Scholl diesem in seiner Kindheit oft vorgelesen hatte. Dies sind die Worte, die Hans wenige Minuten, bevor man ihn zur Hinrichtung abholte, mit Bleistift an die Wand seiner Zelle geschrieben hat.
Auch wenn Hans und Sophie Scholl und ihre Mitkämpfer vom damals herrschenden System ermordet wurden, waren sie doch in einem tieferen Sinn keine Opfer. In einer totalitären tyrannischen Realität hatten sie sich ihre eigenen Gesetze und Wertmaßstäbe gegeben. An einem Ort und in einer Zeit, in der Dutzende Millionen Menschen "wir" grölten, haben sie "ich" gesagt.
Gibt es einen größeren Mut, eine größere Freiheit?
Ich danke Ihnen, dass Sie mich für würdig befunden haben, den nach ihnen benannten Preis zu erhalten.

Übersetzung aus dem Hebräischen © Anne Birkenhauer

 

David Grossman ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der israelischen Gegenwartsliteratur. Seine Bücher wurden weltweit übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

 

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