Geschwister-Scholl-Preis 2008 - david grossman
Ansprache von christian ude
Sehr geehrter Herr Grossman, meine Damen und Herren,
zum 29. Mal wird heute der Geschwister-Scholl-Preis verliehen, gemeinsam vom
Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und von der
Landeshauptstadt München. In diesen annähernd 3 Jahrzehnten hat er ein ungewöhnlich
hohes Renomee gewonnen und die Verleihungsveranstaltungen waren immer herausragende
Ereignisse in jedem Jahr des Münchner Gedenkens. Heute erhält der israelische
Schriftsteller David Grossman diesen angesehenen und bedeutsamen Preis. Zum
einen für seinen Band „Die Kraft zur Korrektur“, die Sammlung wichtigster Stellungnahmen
zum politischen Geschehen.
Zum anderen erhält David Grossman den Geschwister-Scholl-Preis 2008 aber auch
für sein Gesamtwerk, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden ist.
In seinem Essay „Bücher, die mich gelesen haben“ heißt es:
„Die Willkür einer äußeren Kraft, die mit Gewalt in das Leben eines Menschen,
einer Menschenseele eindringt, ist ein Thema, das mich in beinahe all meinen
Büchern beschäftigt.“
Das beginnt beim Trauma des Holocaust und reicht bis zur permanenten Abfolge
von Gewalt und Gegengewalt, unter denen Israelis und Palästinenser nun schon
seit Generationen leiden. Die Art und Weise, in der sich David Grossman mit diesen
Themen auseinandergesetzt hat, weist ihn als einen der herausragenden Autoren
der israelischen Gegenwartsliteratur aus. Dass er sich überhaupt damit auseinandergesetzt
hat, als einer, „der mit dem Schweigen aufgewachsen war“, „in Jerusalem, in einem
Stadtteil und in einer Familie, wo die Menschen nicht in der Lage waren,
das Wort 'Deutschland' auch nur auszusprechen, und auch nicht den Begriff 'Shoa'“,
dass David Grossman auch das in Israel lange Zeit ausgesparte Thema der Besatzung
zur Sprache gebracht hat, weist ihn zudem als herausragend mutigen Autor aus,
der sich auch unbequemen Wahrheiten und unbewältigten Missständen stellt, sie
aus den Tabuzonen und Sperrbezirken der offiziellen Sichtweise holt, in Worte
fasst, analysiert, kommentiert. Sein literarisches Werk entspricht damit genau
den Kriterien des Geschwister-Scholl-Preises, weil es „von geistiger Unabhängigkeit
zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen Mut
zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu
geben“.
Eines ist es allerdings nicht: die kritische Auseinandersetzung, die David Grossman
leistet, ist kein Vehikel zur Beförderung eines wohlfeilen, selbstgefälligen,
anmaßenden Kritisierens am Staate Israel. Und es kann auch kein Deckmantel sein,
unter dem sich alter Antisemitismus in einem neuen Gewand manierlich wieder in
Mode zu bringen wünscht. Dazu ist die deutsche, und ganz besonders auch die Münchner
Geschichte viel zu eng und zu ursächlich mit der Geschichte Israels und der israelisch-palästinensischen
Tragödie verwoben.
Zwar fand der 1. Zionistische Kongress nicht in München statt, wie es von Theodor
Herzl ursprünglich beabsichtigt war. Nachdem die jüdische Gemeinde Münchens Herzls
Pläne von einem eigenen „Judenstaat“ als Antwort auf die gescheiterte kulturelle
Assimilation und bürgerrechtliche Emanzipation rundweg abgelehnt und der Deutsche
Rabbinerverband auf Initiative des Münchner Gemeinderabbiners Cosman Werner erklärt
hatte, deutsche Juden sollten nur eine Nationalbewegung unterstützen, nämlich
die deutsche, wurde der Kongress, den Herzl bereits als Gründung des „Judenstaats“
sah, am 28. August 1897 nicht in München, sondern in Basel abgehalten. Aber gleichwohl
ist München auf ganz andere Weise doch zum Ausgangspunkt des jüdischen Exodus
ins gelobte Land Palästina geworden, als Wiege des Nationalsozialismus, als ehemalige
„Hauptstadt der Bewegung“, als Ausgangspunkt des NS-Terrors, der Ausgrenzung,
Verfolgung, Vertreibung und planmäßigen Ermordung der deutschen und europäischen
Juden.
Hier in München versammelte sich nach dem Holocaust, nach dem 2. Weltkrieg, nach
der Befreiung durch die US-Streitkräfte, im Januar 1946, auch die internationale
„Conference of Liberated Jews“, die zu einem Meilenstein der Gründung des Staates
Israel wurde. Die Teilnehmer, unter ihnen auch David Ben Gurion, waren sich einig:
Ein Leben irgendwo in der Diaspora kam für die Überlebenden nicht mehr in Frage.
Daran hatte der Kongressvorsitzende Zalman Grinberg schon bei der Eröffnungsveranstaltung
im Münchner Rathaus keinen Zweifel gelassen, als er die Schaffung eines jüdischen
Staates als letzten Ausweg für eine Heimstatt aller Juden mit den Worten beschwor:
„Hier, in der ehemaligen 'Hauptstadt der Bewegung', haben sich die Reste der
Juden Europas, die noch lebenden Opfer einer einmaligen geschichtlichen Tragödie,
versammelt, um endlich einen Ausweg aus der entsetzlichen Vergangenheit zu finden
und um der Welt ihr Recht auf Leben zu verkünden. Die Dichter, Schriftsteller,
Nobelpreisträger, Professoren, Entdecker und Erfinder, die wir Europa geschenkt
haben, dienten dem Fortschritt des Kontinents. Aber plötzlich wurde das Abendland
zum Nachtland. Endlos waren die Reihen derer, die in die Krematorien wanderten.
Sechs Millionen Menschen opferten wir. Nur ein kleiner Rest konnte von den Alliierten
gerettet werden. Ein paar hunderttausend Menschen sind geblieben, die alles verloren,
was ihnen lieb und teuer war. Wir wollen nicht in Europa bleiben. Palästina hat
nie aufgehört, unsere Heimat zu sein.“
Hier in München, von der Konferenz der befreiten Juden, erging dann auch die
Forderung an die Vereinten Nationen, die Gründung eines unabhängigen jüdischen
Staates ohne Aufschub voranzutreiben. Am 29. November 1947 stimmte die UN-Generalversammlung
der Aufteilung des britischen Mandatsgebiets von Palätina in einen jüdischen
und einen arabischen
Staat zu.
Im Mai 1948 proklamierte David Ben Gurion die Unabhängigkeit des Staates Israel.
Schon vor diesem historischen Hintergrund verbietet sich jede Instrumentalisierung
des Nahost-Konflikts etwa zu Zwecken der deutschen oder Münchner Vergangenheitsbewältigung
und Vergangenheitsrelativierung von selbst. Umso mehr, als Israel ja in vielerlei
Hinsicht auch ein Vorbild gibt: als einzige wirkliche Demokratie im Nahen
Osten, als Staat, der es mit einer ungeheuren Integrationsleistung geschafft
hat, Millionen von Zuwanderern aus über 120 Ländern eine neue Heimat zu geben,
der sich durch eine vitale, weithin prägende Kultur auszeichnet, der Spitzenpositionen
von der Landwirtschaft bis zur Hochtechnologie einnimmt.
Der Frieden allerdings ist auch über 60 Jahre nach der Staatsgründung
in weiter Ferne. Doch um es mit David Grossman zu sagen: „Natürlich liegt
die Verantwortung für diesen Zustand keinesfalls allein beim israelischen
Staat.“ Denn: „Der Nahe Osten hat Israel zu keiner Zeit integriert und nie
als einen Staat betrachtet, der zu Recht und nicht nur gnadenhalber existiert.
Die arabischen Staaten haben noch nie Toleranz oder Verständnis für die besondere
Lage Israels und für das besondere Schicksal des jüdischen Volkes aufgebracht,
und man kann sie von ihrem Teil der Verantwortung für die Tragödie der ganzen
Region nicht freisprechen.“ Dies fordert eine differenzierte Betrachtung
ein.
München jedenfalls hat aus seiner Geschichte gelernt. Das zeigt nicht
nur der Brückenbau zwischen Juden und Nichtjuden in unserer Stadt, für den
die Errichtung der neuen Münchner Hauptsynagoge und des Jüdischen Gemeindezentrums
am St.-Jakobs-Platz ein deutliches Zeichen gesetzt hat, das zeigt auch der
Brückenbau zwischen München und Israel.
Der Grundstein dafür wurde bereits 1960 gelegt. Damals startete München
als erste deutsche Stadt ein Besuchsprogramm für ehemalige Bürgerinnen und
Bürger, die in der NS-Zeit verfolgt, vertrieben und nach Israel emigriert
sind.
Es folgte das „Haus München“ in Tel Aviv, eine internationale Begegnungsstätte,
die mit Unterstützung der Stadt geschaffen wurde.
Und es sind noch weitere Brückenschläge gefolgt:
Vor 10 Jahren, aus Anlass des 50-jährigen Gründungsjubiläums des Staates
Israel z. B. die Internationale Frühjahrsbuchwoche in München mit der
bis dahin umfangreichsten Präsentation israelischer Literatur im deutschsprachigen
Raum. Oder die Fülle von Veranstaltungen, die heuer zum 60jährigen Jubiläum
stattgefunden haben. Allen voran die Lesungen, Vorträge und Debatten der
„Literaturhandlung“ von Rachel Salamander, zu deren Gästen auch David Grossman
gehört hat.
München steht zur Solidarität mit dem Staat Israel und tritt für sein
Existenzrecht ein, ohne Wenn und Aber – wenngleich die israelische Regierungspolitik
auch manches Rätsel aufgibt, wenngleich da die Grenzen des Verstehens auch
überschritten wurden und werden. Eine demokratische Regierung ist auch der
Kritik der Opposition und der Medien ausgesetzt und selbstverständlich auch
ausländischer Kritik, aber diese Kritik darf niemals, das sind wir unserer
Geschichte schuldig, das Lebensrecht Israels, in Frage stellen oder relativieren.Â
Was wir für Israel wünschen, ist Frieden durch Annäherung. Eine ideologische
Lösung des Nahost-Konflikts kann es nicht geben, und schon gar keine militärische,
sondern nur eine pragmatische.
Dazu braucht es den offenen Dialog, wie er beispielsweise auch vom
Historischen Seminar Jüdische Geschichte und Kultur dieser Universität über
das Verhältnis von „Judentum und Islam“ angestoßen wurde.
Und dazu braucht es auch die „Kraft zur Korrektur“, wie David Grossman
sie so eindringlich fordert.
Das ist die Kraft und der Mut, sich aus erstarrten, stereotypen Denkweisen
zu befreien und bis an die Grenzen des politisch Vorstellbaren zu gehen,
um den Knoten des Hasses zu lösen und den ewigen Kreislauf aus Rache und
Vergeltung zu durchbrechen. Das nimmt auch und vor allem die Politik in die
Pflicht.
Und es mag vielleicht ein kühner, aber auch ermutigender Gedanke sein,
dass die Literatur einem neuen politischen Denken und Handeln auf die Sprünge
helfen könnte.
So ehrt der Geschwister-Scholl-Preis 2008 mit David Grossman einen
Autor, der auch unter den schwierigsten persönlichen Umständen den Mut zum
unabhängigen Denken und zum „Einfühlen in den Anderen“ nie aufgegeben hat.
Ich darf im Namen der Landeshauptstadt herzlich zu dieser Preisverleihung
gratulieren.
Christian Ude, München 24.11.2008
Christian Ude ist Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München.
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