Geschwister-Scholl-Preis 2009 - Roberto Saviano

Ansprache von Wolf Dieter Eggert

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Roberto Saviano,
meine sehr verehrten Damen und Herren, im Saale und aus der Jury,

Ein Wort ist zurückgekehrt ins Bewusstsein, in unsere Alltagssprache. Ein einziges Wort, das alle bisherigen Geschwister-Scholl-Preisträger charakterisiert, allen voran unseren heutigen, dreißigsten und selbst erst dreißigjährigen Roberto Saviano: ich spreche von „Zivilcourage“.
Worte verblassen, wenn sie nicht gelebt werden. Sie blenden sich aus dem allgemeinen Bewusstsein aus, wenn Frauen und Männer sie nicht durch ihr Denken und Handeln verkörpern. „Zivilcourage“ braucht keine große Bühne, sie ist eine grundsätzliche Haltung gegenüber den Mächtigen einerseits, den Machtlosen andererseits. Als Raum genügt der „Zivilcourage“ ein S-Bahnabteil, eine Website, ein Ausstellungsraum oder ein Schreibtisch. Die Demagogen der Macht hingegen brauchen Parteitagsgelände, Fußballstadien und ihnen hörige Medienkonzerne.

In der Begründung der Jury, der ich an dieser Stelle für ihr Engagement und ihre gewissenhafte Lesearbeit danken möchte, heißt es, Roberto Saviano spreche in dem prämierten Buch „Das Gegenteil von Tod“ Dinge aus, die in Italien fast niemand zu sagen wagt und die damit unseren Blick auf Italien verändert haben.
In Wochen, da sich unser Blick auf Italien mit jeder Rede, jedem Auftritt eines Politikers, dessen Namen wir in diesem Rahmen nicht nennen wollen, trübt, gewinnt jeder Satz von Roberto Saviano, geschrieben oder gesprochen, an Bedeutung. Seine Sprache ist frei von Phrasen, schnörkellos, doch voller menschlicher Wärme und Empathie. Die Erzählfiguren, auch aus Savianos neuem, im Carl Hanser Verlag erschienenen Buch „Das Gegenteil von Tod“ sind grandiose Gegenentwürfe zu den Bösewichtern unzähliger Camorra- und Mafiafilme. Ob Sie, Herr Saviano, die Verzweiflung einer 17jährigen schildern, deren Bräutigam in Afghanistan fiel, oder die Trauer von Müttern, deren tote Söhne Soldaten oder Polizisten geworden waren, um nicht der Camorra dienen zu müssen, aus jedem Ihrer Sätze sprechen Mitgefühl und faktenkundige Analyse. Ihr engagiertes Schreiben gibt Denkanstöße und rührt an – ein Grund vielleicht, warum Sie so viele Leser begeistern und so zu einer Symbolfigur des „anderen“ Italien geworden sind.
Vom „anderen“ Italien zum „anderen“ China: Es war längst an der Zeit, China als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse einzuladen. Gastgeber zu sein, hieß für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Mächtigen der Volksrepublik China höflich als Gäste zu behandeln und – die Machtlosen, die schreibenden Dissidenten und Bürgerrechtler Chinas, als gerne gesehene Gäste in alle Veranstaltungen einzubeziehen. Wenn mancher Feuilletonist vom Börsenverein mehr Mut und mehr entschiedene Worte verlangt hat, so ist dies durchaus verständlich, doch ging es in Frankfurt nicht um Zivilcourage, sondern um Diplomatie. „Zivilcourage“, sprachlich geformt vom Mut eines einzelnen Bürgers – ohne Amt und Uniform – ist nicht auf eine Institution wie den Börsenverein zu übertragen. Als Gastgeber musste er seinen offiziellen Gästen aus China mit aller Höflichkeit begegnen, gleichzeitig aber den chinesischen Bürgerrechtlern in Frankfurt ein hell erleuchtetes Forum bieten, um ihre Sicht der kulturellen und politischen Zustände in China öffentlich zur Sprache zu bringen. Dies, meine ich, ist dem Börsenverein gelungen. Und darum geht es auch heute:
Der Geschwister-Scholl-Preis 2009 und seine Verleihung in der Aula der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität sollen ein Zeichen setzen und Ihnen, Roberto Saviano, ein Schutzschild der Solidarität bieten. Schreibend geriet Buchautor Saviano selbst in den Sog der Gewalt: Todesdrohungen, von Prominenten erkämpfter Polizeischutz und abermals Todesdrohungen.
Es ist schlimm genug, dass Ihre Kritik am Organisierten Verbrechen vorerst ein Leben ohne Bodyguards, gepanzerte Fahrzeuge und getarnte Adressen unmöglich gemacht hat, um so wichtiger ist es, für Ihre Kritik an der Camorra und deren längst weltweit agierenden Komplizen eine möglichst breite Öffentlichkeit herzustellen. Auch dazu möchte dieser Preis beitragen. Jedes Gespräch über Sie in einer Buchhandlung entrückt sie ein kleines Stück dem Hass derer, deren Machenschaften und Verbrechen Sie offengelegt haben. Ihre Popularität als Journalist und Buchautor dient Ihnen als Wall gegen die Mafia.

Ihr heute prämiertes Buch „Das Gegenteil von Tod“, sehr einfühlsam von Friederike Hausmann und Rita Seuß ins Deutsche übersetzt, ist nicht Leben oder Überleben, sondern Lieben. Einzig die Liebe macht die ständige Konfrontation mit Gewalt, Verbrechen und Tod lebbar. Wer arm ist, schwebt in Todesgefahr – nicht nur in Süditalien, wo schlecht bezahlte Polizisten die Ärmsten der Armen aus dem Meer fischen und in Lager sperren müssen. Roberto Saviano über „Das Gegenteil von Tod“: „Ich schreibe von jungen Männern, für die es nur zwei Optionen gibt: Camorra oder Militär. Mafia-Opfer oder Kanonenfutter bei ‚Friedensmissionen‘. Ich sehe meine Heimat in einem permanenten Kriegszustand. So oder so: Hier steht man immer an der Front.“
Seit „Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra“ steht der Autor selbst an dieser Front und überlegt, sein Heimatland zu verlassen oder – wie er es formuliert hat: „Das ist der Widerspruch meines Lebens: Ich bin inzwischen berühmt und – gejagt wie ein Verbrecher. Jeden Tag wundere ich mich, dass mir so viele Menschen zuhören. Und frage mich gleichzeitig: Wie komme ich wieder raus aus dieser Geschichte?“
Als Ihre Leserinnen und Leser können wir nur auf ein glückliches Ende dieser Geschichte hoffen! Welch ein Glück für uns alle, dass es Sie, Roberto Saviano, in Italien gibt! Und zwar nicht im reichen Norden, sondern im Süden Italiens, den der Rest Europas opernhaft verklärt oder fürchtet. Nirgendwo wird Sprache heute so ernst genommen wie bei Ihnen in Italien: Da ist einerseits jener Machtmensch von tragischer Lächerlichkeit, der Macht und Sprache gleichermaßen missbraucht, und da ist aber auch Roberto Saviano, der eindrucksvoll recherchierte Zusammenhänge und komplexe Sachverhalte einfach zur Sprache bringt – der sagt, was andere ängstlich verschweigen, der Namen nennt, während andere wissend schweigen.

Roberto Saviano, ich verneige mich vor Ihrem Mut, Ihrer Zivilcourage und gratuliere Ihnen zum Geschwister-Scholl-Preis 2009.

 

Wolf Dieter Eggert, München 16.11.2009

 

Wolf Dieter Eggert ist der Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und Geschäftsführer des Hueber Verlags in Ismaning bei München.

 

Die Rede ist urheberrechtlich geschützt. Wenn Sie die Rede oder Teile daraus für eine Veröffentlichung nutzen möchten, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle des Börsenvereins - Landesverband Bayern. Wir sind Ihnen bei der Klärung der Rechtefrage gerne behilflich.

 

Landenshauptstadt München Börsenverein des Deutschen Buchhandels | Bayern Literaturfest München

Börsenverein des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V.

Literaturhaus/Salvatorplatz 1, 80333 München
Tel. 089 / 29 19 42 41, Fax 089 / 29 19 42 49
info@buchhandel-bayern.de, www.buchhandel-bayern.de