Geschwister-Scholl-Preis 2009 - Roberto saviano

dankesrede von roberto saviano


Dieser Preis ist sehr viel mehr als nur ein Lob, und ich hoffe, dass es mir durch meine Worte gelingt, Ihnen zu verdeutlichen, was die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises für mich bedeutet.

Wenn ich einen Preis verliehen bekomme oder eingeladen werde, erreichen mich häufig zunächst einmal Gerüchte, Gratulationen von Freunden oder Bekannten, die etwas aufgeschnappt haben, bevor mich die offizielle Mitteilung erreicht. „Ja weißt du, anscheinend sollst du eingeladen werden…“ „Ich gratuliere dir, was für eine Bestätigung, du bekommst anscheinend den Preis….“ Ich bin verwirrt und durcheinander, weil mich die Nachrichten langsam, oft unvollständig, über Umwege erreichen. Mich zu erreichen ist alles andere als einfach. Ich wechsle häufig den Aufenthaltsort und die Telefonnummer und selbst meine nächsten Bekannten erreichen mich nur mit Mühe. Nun ja, so lebe ich im Augenblick und empfinde es nicht als mein Leben. Ich wundere mich weiterhin darüber und – das ist etwas worüber ich lächeln muss – man schreibt mir Folgendes, wenn man mir mitteilt, dass ich einen der bedeutendsten Preise meiner Laufbahn verliehen bekomme: „Lieber Doktor Saviano, ich habe öfters versucht, Sie telefonisch zu erreichen, aber leider erfolglos“.

Und dann lese ich: „Die Stadt München und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Landesverband Bayern haben entschieden, Ihnen den Geschwister-Scholl-Preis 2009 zu verleihen“.

Ich erhalte einen Preis für Das Gegenteil von Tod: eine einfache Geschichte, eine Geschichte darüber, wie schwierig es ist, im Süden Italiens zu leben, und wie schwierig es ist, sich in diesem Land – meiner Heimat – für einen legalen Berufsweg zu entscheiden. Oft hat man keine Alternativen. Entweder du wanderst in den Norden aus, oder du meldest dich beim Militär. Der große Abwesende im Gegenteil vom Tod ist ein junger Mann, der wie viele andere beschließt, sich beim Militär zu melden und in den jüngsten Krieg zieht, an dem Süditalien beteiligt ist. Der „Jüngste Krieg“ im Süden meines Landes ist nicht der zweite Weltkrieg, sondern der Balkankrieg, der Afghanistankrieg, der Irakkrieg. Der Protagonist im Gegenteil vom Tod ist ein Mann aus dem Süden, wie die Mehrzahl der in Auslandsmissionen gefallenen Italiener, der in seinem letzten Krieg sein Leben verliert und zuhause eine Kindsbraut hinterlässt. Und ich erinnere gerne daran, dass in einem Land, das sich in Geschichten voller Mut und Leiden ausdrückt, das Gegenteil von Tod nicht das Leben, sondern die Liebe ist. Jene Liebe, die dich dazu zwingt, einen Menschen, den es nicht mehr gibt, nicht zu vergessen, jene Liebe zum Leben, die dich dazu bewegt, weit weg zu gehen, in Länder, von denen du nicht einmal weißt, wo sie liegen und deren Namen du nicht aussprechen kannst. Jene Liebe zu einer würdevollen Zukunft, die dich die Vorstellung vom Tod besser akzeptieren lässt, wenn die andere Waagschale bestenfalls leer ist.

Man sagt mir, dass durch den Geschwister-Scholl-Preis jedes Jahr ein Buch ausgezeichnet wird, das an das geistige Vermächtnis von Hans und Sophie Scholl erinnert. Sie haben sich als knapp Zwanzigjährige gegen das Naziregime aufgelehnt und wurden wegen ihrer Zivilcourage hingerichtet. Sie wurden in München von der Gestapo enthauptet. Mich schaudert. Man sagt mir, durch den Preis möchte man die Gedankenfreiheit und das Gefühl für politische, soziale und zivile Verantwortung fördern. Man sagt mir, dass vor mir unter anderen Anna Politkowskaja ausgezeichnet wurde.

Beim Lesen der Begründung werden meine Hände eiskalt und mein Gesicht fängt zu glühen an. Seit drei Jahren lebe ich ein Leben mit starken Emotionen. Den Sorgen um eine konstant prekäre Situation steht die geteilte Solidarität unglaublich vieler Menschen gegenüber. Dieser Preis versetzt mich in eine Zeit zurück, in der es Leute gab, die wirklich daran glaubten, die Welt mit Worten verändern zu können, weil sie die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer Veränderung fühlten. Man war sogar bereit, für die eigenen Ideen zu sterben.
Die Verleihung dieses Preises ist für mich eine konkrete Bestätigung. Als habe ich nach so vielen Gedanken, so vielen Worten ein Ziel erreicht. Nachdem ich auf so viele Dinge verzichtet habe und jeden, der mir nahe stand, dazu gezwungen habe, auf ein normales Leben zu verzichten.
Mit einem Jahr Abstand zur Einladung der Schwedischen Akademie empfinde ich diesen Augenblick als einen der schönsten in meinem Leben.

Ich erkenne, dass in Nordeuropa, in Schweden wie in Deutschland die Ereignisse anderorts äußerst aufmerksam verfolgt werden. Mehr als in Italien empfindet man die Widersprüche der anderen Länder als die eigenen. An der Akademie in Schweden war letztes Jahr Salman Rushdie anwesend. Ich traf auf die Großzügigkeit eines Menschen, der nicht vergisst, was er durchgemacht hat. Hier in Deutschland werde ich wohl zum Mentor aufgrund des Respektes vor dem gefährlichen Wort. Jenes gefährliche Wort, das den Tod der mutigen Geschwister Scholl herbeiführte.
Während ich diese Rede verfasse, weiß ich, dass wahrscheinlich meine ganze Vorbereitung verschwinden wird. Ich weiß, dass ich wahrscheinlich nur einen leeren Kopf, Herzklopfen, den üblichen Kloß im Hals und einen trockenen Mund fühlen werde. Ich weiß aber auch, dass ich die Namen jener aufrufen werde, die mir nahe stehen, und die durch ihre Worte ebenfalls unbequem wurden. Die Namen derer, die kaum Redefreiheit genießen und unter Drohungen leben, weil sie der kriminellen Macht lästig sind. Ich weiß, dass ich mich einer Literatur anvertrauen werde, die jeden in Orte des unvorstellbaren Schreckens versetzen kann. Nach Ausschwitz mit Primo Levi, in die Gulags mit Varlam Šalamov und nach Tschetschenien mit Anna Politkovskaja. Sie hat als letzte mit ihrem Leben für ihre Fähigkeit bezahlt, die Ungerechtigkeit in Tschetschenien Lesern auf der ganzen Welt vor Augen zu führen und ans Herz zu legen.
Wenn ich daran denke, wie sie gelebt haben, gestorben sind, und wenn ich an ihre immense Zerbrechlichkeit denke, fühle ich Ihnen gegenüber sehr viel Dankbarkeit, denn mit diesem Preis schützen Sie mich mehr als ein bewaffneter Personenschutz. Wer wegen seiner Worte stirbt, stirbt, weil jene Worte nur schwer die Ohren, Augen und Herzen der Menschen erreichen.
Und das rettet die gefährlichen Worte und ihren Verfasser: die Aufmerksamkeit der Menschen, der Leser.
Viele Intellektuelle bedauern den Verlust ihrer Rolle in der westlichen Gesellschaft und betrachten dabei mit Misstrauen und Ablehnung Popularität und starke Medienpräsenz. Als würde dadurch ein Werk seinen Wert verlieren. Als sei dies nur das Ergebnis der manipulativen Mechanismen des Marktes und der Medien. Als könne man das Publikum, dem man verpflichtet ist, nur als unkritische Masse betrachten. Meiner Meinung nach tut man vor allem dem Publikum Unrecht, denn genauso wie alle Bücher und Worte nicht gleich sind, so ist auch die gesamte Leserschaft nicht gleich. Die Leser können versuchen, sich zu entspannen oder etwas zu verstehen, sie können sich für die unbegrenzteste Fantasie oder die schmerzhafteste und schwierigste Wirklichkeitserzählung begeistern, sie können sogar dieselbe Person in unterschiedlichen Momenten sein: aber sie sind in der Lage zu wählen und zu unterscheiden.
Wenn das aber ein Schriftsteller nicht sieht, wenn er nicht mehr daran glaubt, dass eine ins Meer geworfene Flasche in die Hände eines Menschen gelangt, der bereit ist, ihm zuzuhören, und aufgibt, nicht das Schreiben und Veröffentlichen aufgibt, sondern aufgibt, daran zu glauben, dass seine Worte etwas mitteilen und bewirken können, dann begeht er auch ein Unrecht an sich selbst und an allen seinen Vorgängern.
Was mich an der Geschichte der Geschwister Scholl am meisten berührt hat, ist, dass sie voll und ganz an die Macht des Wortes geglaubt haben. Sie hatten Vertrauen in die deutschen Intellektuellen und glaubten, dass sich diese gegen das Naziregime auflehnen würden. Sie zögerten nicht, sogar öffentlich Flugblätter zu verteilen, in denen eine gewaltfreie Protestbotschaft vermittelt wurde, und als sie nach der Verhaftung verhört wurden, verloren sie nicht die Hoffnung und vertrauten immer noch auf ihre Worte und deren Macht, und übernahmen dafür die volle Verantwortung.
Diese jungen Menschen, die wegen ihrer Friedensidee gestorben sind, haben das gesamte deutsche Volk mit den wenigen Mitteln, die sie zur Verfügung hatten, das heißt den geschriebenen und gesprochenen Worten, rehabilitiert. Ihnen stand aber eine unverhältnismäßig größere nationalsozialistische Propaganda mit wesentlich wirksameren Zwangsmitteln gegenüber.
Es kommt einem seltsam vor, dies zu sagen, aber in manchen Teilen Europas und der Welt wären jene Worte und Flugblätter heute noch das Todesurteil ihrer Verfasser.
In diesen Ländern, die zwar nicht so weit entfernt und trotzdem anders als die unseren sind, ist das Schreiben – trotz der Gefahr – paradoxerweise schließlich gleichbedeutend mit dem Leben. Mancher denkt, dass Drohungen und Einschüchterungen zum Verbergen der Worte führen. Gerade dies passiert aber oft nicht. Statt der Stille geht man den unbegehbaren Weg des täglichen Kampfes, des andauernden und leisen Nahkampfes, wie bei einem Schattenkampf, zwischen dem, was das eigene Gewissen auferlegt und den legitimen Sorgen eines bedrohten Lebens.
Für mich persönlich ist das Schreiben gleichbedeutend damit, nicht auf meine Worte zu verzichten, mich nicht zu verlieren, mich nicht geschlagen zu geben, nicht zu verzweifeln, wenn alles mich zur Verzweiflung und Einsamkeit bringt.
Schreiben bedeutet, dass es einem gelingt, ein Wort in die Welt zu tragen, jemandem dieses wie einen Zettel mit einer geheimen Botschaft weiterzureichen, so wie diese Zettel, die man lesen, dann auswendig lernen und schließlich zerstören muss, indem der Zettel im Mund zerkaut und dann heruntergeschluckt wird. Schreiben bedeutet Widerstand. Wenn ich dann zurückblicke, sehe ich als einziges meine Worte, und ich erkenne mich nur in meinen Worten wieder.
In diesen Jahren habe ich dann die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit den Medien verstanden. Wenn dahinter nicht Leere, Klatsch und Fiktion stecken, die nur ablenken und trösten, sondern der Wille und der Wunsch von so vielen Menschen, zu wissen und zu verändern. Warum darf man nicht alle verfügbaren Mittel benutzen, um die Kräfte zu vereinen? Warum so viel Angst und Misstrauen vor dieser Auseinandersetzung mit den Medien haben?
Meine schlimmste Angst ist nicht diese starke Medienpräsenz, die so viele von oben herab verteufeln, sondern dass es ihnen gelingt, mich zu diffamieren, meine Glaubwürdigkeit zu zerstören und das in den Dreck zu ziehen, wofür ich mich verausgabt und wofür ich bezahlt habe. Das machen sie mit allen, die sich entschieden haben zu erzählen und zu denunzieren, sie haben versucht, das mit Anna Politkowskaja zu tun.
Es gibt einen Satz von Mutter Teresa, der mir in diesen Jahren oft durch den Kopf gegangen ist. Ein Satz, der wahr und schrecklich ist: „Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte.” Wenn ich überhaupt einen Traum hatte, dann, dass ich mit meinen Worten etwas bewirke, beweise, dass das literarische Wort noch Gewicht und die Macht haben kann, etwas zu ändern. Trotz all der Dinge, die ich erlebt habe, wurde mein „Gebet” dank meiner Leser und dank der Menschen, die meine Arbeit prämieren, erhört.
Ich bin davon überzeugt, dass die Geschichte der vielen, zu vielen Schriftsteller, Journalisten und Aktivisten, die für ihre Ideen gestorben sind, und wahrscheinlich auch unsere Geschichte anders verlaufen wäre, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, viele zu erreichen. Nur die Augen der Leser, Zuschauer und Zuhörer können denjenigen, der filmt und schreibt, verteidigen. Sie sind die Wächter der Worte, für die sie sich entscheiden, sie in sich zu tragen und zu verbreiten. Dies darf nicht vergessen werden. Und daran denke ich, wenn ich an den ungezähmten Geist und die zarte Seele, die von der Weißen Rose symbolisiert werden, nachdenke.

Übersetzung aus dem Italienischen © Beatrix Luz

 

Roberto Saviano studierte Philosophie und arbeitete nach seinem Abschluss als Journalist. Sein erstes Buch, "Gomorrha", löste in Italien, aber auch den europäischen Nachbarländern, eine breite Diskussion über die weltweite Macht der Camorra aus. Der Autor erhielt in der Folge Morddrohungen und lebt heute unter Polizeischutz.

 

Die Rede ist urheberrechtlich geschützt. Wenn Sie die Rede oder Teile daraus für eine Veröffentlichung nutzen möchten, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle des Börsenvereins - Landesverband Bayern. Wir sind Ihnen bei der Klärung der Rechtefrage gerne behilflich.

 

Landenshauptstadt München Börsenverein des Deutschen Buchhandels | Bayern Literaturfest München

Börsenverein des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V.

Literaturhaus/Salvatorplatz 1, 80333 München
Tel. 089 / 29 19 42 41, Fax 089 / 29 19 42 49
info@buchhandel-bayern.de, www.buchhandel-bayern.de