Geschwister-Scholl-Preis 2009 - Roberto Saviano

Ansprache von christian ude

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zur bereits – man glaubt es ja kaum, es ist aber wirklich wahr – 30. Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises. Mit dem heutigen Abend wird der Preis zum 30. Mal verliehen und ich glaube, dass es in diesem Jahr in ganz besonderer Weise gelungen ist, dem Zweck des Preises tatsächlich zu dienen. Er soll geistige Unabhängigkeit, die unter Beweis gestellt worden ist mit einem Werk, auszeichnen und ehren, aber auch moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut und die Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwesen. Und diese Voraussetzungen sind beim diesjährigen Preisträger wohl in herausragender Weise erfüllt – nur selten hat die Veröffentlichung eines Werkes so viele Risiken mit sich gebracht und so viel Mut erfordert, wie es bei Roberto Saviano der Fall ist. Und wenn Sie befürchten sollten, dass ich ein wenig filibustern muss, um Zeit zu überbrücken, kann ich Sie trösten: eben ist Giovanni di Lorenzo eingetroffen, herzlich willkommen!

Meine Damen und Herren, das hier ist eine begehrte Veranstaltung, und wer den Zutritt je gefunden hat, kommt immer wieder, wir haben es wohl mit einer sachkundigen Gemeinde zu tun und so brauche ich Ihnen die Bedeutung des Preises und die Bedeutung vieler Preisträgerinnen und Preisträger nicht näher bringen – Sie können sich selbst daran erinnern. Nur an die Namensgebung sei kurz angeknüpft, denn die Geschwister Scholl haben den moralischen und gesellschaftspolitischen Maßstab vorgegeben, an den mit diesen Preisverleihungen erinnert werden soll, und es ist hier in diesem Gebäude geschehen, dass sie mit Flugblättern eine Diktatur anprangern, ein Verbrechen beenden und die Bevölkerung wachrütteln wollten. Und nur vier Tage später sind sie hingerichtet worden, übrigens von einem Volksgerichtshof, von dessen Richtern sich kein einziger in der bundesdeutschen Geschichte jemals wegen seiner Untaten hat rechtfertigen müssen.

Wir haben vor wenigen Tagen im Alten Rathaussaal 20 Jahre Mauerfall feierlich begangen. Ich glaube, dass die friedliche Revolution, die da nicht nur im Osten Deutschlands, sondern vorher schon in Polen, in der Tschechoslowakei und in Ungarn und dann bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig und schließlich in Ost-Berlin stattgefunden hat, es auch einmal wert wäre, mit der dabei bewiesenen Zivilcourage geehrt zu werden. Das ist vielleicht eine Anregung für die Jury, denn der Sturz einer Diktatur mit den Mitteln des moralischen und intellektuellen Mutes ist tatsächlich vor 20 Jahren gelungen und auch dies sollten wir im Rahmen dieser Veranstaltung einbeziehen.

Wenn Sie die ersten dreißig Preise Revue passieren lassen vor Ihrem Gedächtnis – sie sind ja auch noch einmal im Faltblatt ausgeführt – dann ist unverkennbar der Schwerpunkt bei der Aufarbeitung des in deutschem Namen und von Deutschen begangenen Unrechts, dann ist der Schwerpunkt die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in all ihren Erscheinungsformen und in all den verschiedenen Lebensbereichen, die sie beherrscht und tyrannisiert hat. Aber es gab etwa in den vergangenen fünfzehn Jahren immer wieder auch Beiträge, die nicht nur mit der historischen Aufarbeitung – so notwendig sie ist – befasst gewesen sind, sondern mit einer beklemmend aktuellen Gegenwart.

Da ist vor allem natürlich die posthume Verleihung an Anna Politkowskaja im Jahr 2007 zu nennen, die ihr journalistisches, ihr publizistisches Wirken mit dem Leben bezahlen musste. Aber Gegenwartsthemen behandelten auch Necla Kelek, die sich mit religiösen Vorurteilen und Beklemmungen und Unfreiheiten auseinandergesetzt hat, oder das Buch „Deutschland, leicht entflammbar“ von Heribert Prantl.
Ich denke, dass der Geschwister-Scholl-Preis nur so Sinn macht, wenn er die Aufgabe der kritischen Aufarbeitung deutscher Vergangenheit nie aus dem Auge verliert, nie einen Schlussstrich zieht, den sich so viele herbeisehnen würden, aber doch auch Augenmerk auf aktuelle Herausforderungen richtet.
Heute müssen wir angesichts des Preisträgers feststellen: Noch nie hat ein Preisträger so intensiven Personenschutz – und zwar nicht nur bei einem Auftritt wie heute, sondern Tag für Tag – nötig gehabt wie er. Er hat sich – und zwar allein durch Veröffentlichung eines Buches und weiterer Schriften und journalistischer Auskünfte – der Lebensgefahr ausgesetzt, wurde von Morddrohungen verfolgt und ist es nach wie vor. Schon diese Risikobereitschaft, nicht zu resignieren vor einem gewalttätigen Gegner, sondern sich mutig entgegenzustellen, verdient unser aller Anerkennung und auch Dankbarkeit.

Mein Damen und Herren, Roberto Saviano ist schlagartig in Italien und international bekannt geworden, gefürchtet von denen, die es anging und verehrt von einer befreit aufatmenden Öffentlichkeit, seit er das Buch „Gomorrha“ veröffentlicht hat, das tiefe analytische und erzählerische Einblicke in das Schattenreich der Camorra ermöglicht hat – und das plötzlich das politische Interesse geweckt hat für ein Phänomen, von dem wir alle seit Kindertagen wissen, das aber nie mit der erforderlichen politischen Ernsthaftigkeit und Konsequenz aufgearbeitet worden ist. Der Autor hat deutlich gemacht: Dieses Unwesen artikuliert sich nicht nur in Schutzgelderpressung oder Drogen- und Waffenhandel und im Prostitutionsbereich – nein, es hat inzwischen Fuß gefasst in vielen angeblich ordnungsgemäßen Wirtschaftsbetrieben von der Bauindustrie über die Modebranche und den Tourismus bis hin zur Müllwirtschaft, die in und um Neapel ganz besonderen Anfechtungen unterworfen worden ist. Allein dies wieder ins Bewusstsein gerufen zu haben und zum öffentlichen Thema gemacht zu haben, ist schon verdienstvoll genug. Ich denke aber, dass wir allen Anlass haben zu zwei Klarstellungen, damit keine Missverständnisse entstehen:

Erstens: Wir sollten die fürchterliche Verstrickung von viel öffentlicher Meinung und auch von viel Staatsapparat in das Unwesen mafiöser Strukturen nicht zum Anlass nehmen, um uns moralisch über Italien zu erheben. Es muss uns bewusst sein, dass die schrecklichsten und massenhaftesten Verbrechen in Italien von Deutschen begangen worden sind, und wenn ein Mord an Zivilisten gegen Kriegsende erst in diesem Kalenderjahr von der deutschen Justiz abgeurteilt wurde – über 65 Jahre nach der Begehung der Mordtaten – dann muss uns bewusst sein: wenn wir mit dem Finger nach Italien zeigen, deuten vier Finger auf unsere Justiz und unsere gesellschaftlichen Reaktionsweisen zurück.
Und die zweite Bemerkung: es ist nicht getan mit einem schaurigen Blick in den Mezzogiorno – in den Süden Italiens. Wir müssen spätestens nach dem Mordanschlag im Jahr 2007 mit sechs Toten in Duisburg erkannt haben, dass dies längst ein internationales, ja ein globales Problem ist, das sich nicht auf Italien begrenzen lässt, sondern das international bekämpft werden muss. Der Preisträger hat dazu einen bemerkenswerten Satz gesagt in einem Interview: es sei nach Duisburg, nach diesem Anschlag, der schon unser Sicherheitsgefühl zutiefst irritiert und wach gerufen hat, wieder ganz still geworden um die Mafia und die Camorra und andere Organisationen – hier war es eine dritte. Und er sagt dazu, viele glauben, die Mafia sei nur stark und gefährlich, wenn sie schießt. Und genau das ist ein Irrtum, sagt er, am gefährlichsten ist es, wenn sie sich nicht veranlasst sieht, zu schießen, weil alles in ihrem Sinne läuft, weil sie alles beherrscht, weil sie alle erfolgreich eingeschüchtert hat.

Und er weist auf den sozialen Nachwuchs für diese Form der organisierten Kriminalität hin. Er sagt, dass es im Mezzogiorno, in den Elendsgebieten viele junge Männer gibt, die nur noch unterscheiden können, ob sie sich verdingen wollen für die organisierte Kriminalität oder für die Armee. Und Armeedienst heißt in den letzten Jahren auch hohes Risiko für die eigene Person, ob es im Balkankrieg war oder im Irak, an dem Italien teilgenommen hat, oder jetzt in Afghanistan. Und damit öffnet er uns die Augen für tatsächlich trostlose Perspektiven, denen viele junge Männer, die auch Nachwuchs für organisierte Kriminalität sein können, ausgeliefert sind.
Insofern glaube ich, es ist kein Buch, das wir einfach lesen, um uns in abfälligem Urteil bestätigt zu fühlen, sondern es sind Bücher, „Gomorrha“ zuerst und das aktuell heute ausgezeichnete über die jungen Leute im Mezzogiorno, die uns irritieren und beunruhigen müssen. Beunruhigung allein wäre aber nicht genug, der Zweck des Geschwister-Scholl-Preises ist schon, von der Einsicht und vom Erschrecken zur Aktion überzugehen, aktiv zu werden gegen Missstände, wie sie uns hier derartig drastisch vor Augen geführt werden.

Herzlichsten Glückwunsch zum 30. Geschwister-Scholl-Preis!

Christian Ude, München 16.11.2009

 

Christian Ude ist Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München.

 

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