Geschwister-Scholl-Preis 2010 - Joachim Gauck

Ansprache von Wolf Dieter Eggert

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Joachim Gauck,
sehr geehrter Herr Schneider,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
im Saale und aus der Jury,

seinem Dichterkollegen Walter Mehring schrieb Kurt Tucholsky 1932 folgende Widmung in den Satireband „Lerne lachen ohne zu weinen“: „Was ist der Unterschied zwischen Mussolini, Stalin u. Hitler? Ja wer das wüßte!“ Im selben Jahr schrieb Tucholsky „Weder eine Schulbehörde noch sonst eine Behörde hat das Recht, für Deutschland zu sprechen. Deutschland sind auch wir“. Dann kam Hitler an die Macht und der Nationalsozialismus schuf neue Behörden, von denen jede ihrerseits für Deutschland das Wort ergriff und damit Kurt Tucholskys Einwand - „Deutschland sind auch wir“ – verstummen ließ. Das „andere“ Deutschland ging ins Exil oder wurde in Gefängnissen und Lagern endgültig zum Schweigen gebracht. Schließlich entstanden mit der Befreiung vom Hakenkreuz zwei deutsche Staaten - mit neuen Behörden, die in Ost und West abermals behaupteten, für Deutschland zu sprechen. Doch für welches der beiden? Für welches „Drüben“, jenseits der Mauer? So wurde eines Tages aus Tucholskys Verdikt, keine Behörde habe das Recht für Deutschland zu sprechen, denn dieses Land seien stets auch wir - die Bürger - der Satz: „Wir sind das Volk!“. Dies war leider kein Schlusssatz unter dem Kapitel Deutschland und seine Behörden, aber es war ein Fanal.

Im Abgesang auf den finanziell wie moralisch bankrotten Staat DDR war damals eine Stimme unüberhörbar geworden, die Stimme Joachims Gaucks. Und plötzlich wuchs zusammen, was eigentlich gar nicht zusammenpasst: Der Volksmund verband den guten Namen eines Bürgerrechtlers mit dem Wort „Behörde“ zu „Gauck-Behörde“. „Behördengänge“, „Behördenfilz“, „Finanzbehörde“ – statt eines neuen Unwortes sollte mit Gaucks absoluter Integrität die Notwendigkeit eines weiteren deutschen Verwaltungsapparates gerechtfertigt werden - keiner Behörde im Sinne Tucholskys - sondern einer Dokumentationsstelle der Unmenschlichkeit und des Unrechts. „Gauck“ stand dabei für Zivilcourage, „Behörde“ für das Auswerten und Verwalten von über 200 Kilometern Spitzelakten.

Wer von Ihnen, meine Damen und Herren, Joachim Gaucks Erinnerungen „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ bereits gelesen hat, kennt die Hintergründe und den Geist, den der Träger des diesjährigen Geschwister-Scholl-Preises dieser Institution eingehaucht hat. „Seine“ Behörde, und es war von Anfang an tatsächlich „seine“ Behörde, sprach für sich und klagte an – dies durch ihre bloße Existenz. Ohne die verschiedenen Ausformungen des Totalitarismus in unserm Land gleichsetzen zu wollen: Nicht noch einmal sollten Verbrechen gegen die Menschlichkeit ungesühnt bleiben, sollten Täter und Zuarbeiter einer Diktatur einfach zur Tagesordnung übergehen können. Während sich durch den Zusammenbruch der DDR 90 000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und 174 000 aktive Inoffizielle von der Geschichte überrollt und ertappt fühlten, brachen Dunkelmänner in die Archive des Ministeriums für Staatssicherheit ein, um nach Ganovenart sie belastendes Material verschwinden zu lassen. Wie schon in Nachkriegsdeutschland und der jungen Bundesrepublik wollte wieder einmal keiner dabei gewesen sein. Aus der deutschen Geschichte gelernt und sich ihr als erster „Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“ gestellt zu haben, ist das Lebenswerk von Joachim Gauck. Seine im Siedler Verlag erschienenen Memoiren begeisterten die Jury und ließen sie ihm den Geschwister-Scholl-Preis 2010 zusprechen.

Feststeht, mit dem diesem Preis an Joachim Gauck traf die Jury wieder eine souveräne Entscheidung. Dafür möchte ich an dieser Stelle den Jurorinnen und Juroren ausdrücklich danken!

Den Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen, den Intellektuellen und glänzenden Rhetoriker Gauck kannten wir bereits, dem Sohn wie dem Familienvater, dem Sinnsucher wie dem Theologen, kurzum, dem sensiblen Zeitzeugen kommen wir durch dessen Erinnerungsband „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ näher: Plaudereien reihen sich an Sentenzen, Utopien ergänzen die Retrospektive. Joachim Gauck erzählt uns, was er unter „Heimat“ versteht, und bekennt bei Lesungen gerne valentinesk-existenzialistisch: „Manchmal hatte ich Sehnsucht nach der Sehnsucht, die ihr Ziel verlor, als die Freiheit kam.“ Eine gaucklerische Synthese aus Karl Valentin und Jean-Paul Sarte. Joachim Gaucks Autobiographie ist keineswegs nur Meinungsbekenntnis und Rückbesinnung, sie läßt auch lachen. Im Gegensatz zu den Memoiren vieler Schauspieler, Berufspolitiker und anderer Medienstars sind Gaucks Erinnerungen sehr persönlich, ohne ins Private zu gleiten.

Geschildert werden Erfahrungen und Erlebnisse in drei deutschen Staaten, in drei politischen Systemen, zu denen Gauck für sich selbst stets eine einzige Haltung finden konnte und die der Geschwister-Scholl-Preisträger des Jahres 2010 mit seiner jüngst in Frankfurt gehaltenen Laudatio auf den Geschwister-Scholl-Preisträger 2008 so formulierte: „Und so steht nun, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ein Mann vor uns, dessen pure Existenz unserer ewigen Sorge, ob Leben gelingen kann, eine Antwort gibt. Darum macht uns die Begegnung auch glücklich. […] Menschen sind nicht dazu verurteilt, Opfer ihrer Umstände zu sein. Menschen haben eine Wahl. Menschen können sich selbst noch angesichts von Willkür und Diktatur eine Bewegungsfreiheit schaffen“, so Laudator Gauck über David Grossmann.

Lieber Joachim Gauck, Ihr leidenschaftliches Eintreten für Integrität, Gerechtigkeit und Freiheit ist zum Baustein bundesdeutscher Zeitgeschichte geworden. Ich gratuliere Ihnen herzlich zum Geschwister-Scholl-Preis!

 

Wolf Dieter Eggert, München 29.11.2010

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Wolf Dieter Eggert ist der Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und Geschäftsführer des Hueber Verlags in Ismaning bei München.

 

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