Geschwister-Scholl-Preis 2010 - Joachim Gauck

dankesrede von Joachim Gauck


Sehr verehrte liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

diese Dankesrede ist nicht einfach für mich. Bei uns im Norden sagt man dazu: „Wat to veel is, is to veel“.

Lieber Peter Schneider, liebe Jury, lieber Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Eggert, alle Sie, die Sie mir einen so festlichen Empfang hier bereitet haben,

das ist ein München, wie es leuchtet, wie ein Größerer gesagt hat. Dass Bürger dies immer wieder erfahren können, hängt auch mit der Freiheit und Liberalität zusammen, die in dieser Stadt geliebt werden. Und dass ich hier zum zweiten Mal sein kann, nun um einen Preis mit einem so wunderbaren Namen zu bekommen, das rührt mich sehr, es beschämt mich auch. Ich habe mich bei meiner damaligen Vorlesung zu Ehren der Geschwister Scholl sehr tief in das Leben von Hans und Sophie hineinversetzt und bedaure, dass die Zeit nicht ausreicht, heute aus dieser Rede einige Zitate bringen zu können. Ich möchte Ihnen all die Antworten auf die guten Worte ersparen, die ich hier gehört habe, die einzelnen Herleitungen, auch manche überraschende Einsicht, die mein Laudator uns vermittelt hat. Ich bin einfach beglückt durch Ihre Anwesenheit und durch Ihre warme Herzlichkeit, mit der Sie mir diesen Preis zuerkannt haben.

Und dann ist es natürlich für mich wunderbar, bekannte und vertraute Menschen zu sehen, Sie, Frau Hamm-Brücher, und Sie, Hans-Jochen Vogel, der den Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie, den ich jetzt seit vielen Jahren leiten darf, zusammen mit wackeren Demokraten gegründet hat. Das ist natürlich ein zusätzlicher Gewinn und ein zusätzliches Fest.

Liebe verehrte Damen und Herren, es gibt noch Dinge, die sehr überraschend sind und der Empfang dieses Preises ist so eine Überraschung. Ich bin, wenn ich hier stehe, auch in einer gewisser Weise hergebracht worden von guten Umständen und Peter Schneider hat eben gesagt, ich habe ja auch Glück gehabt. Ja, das gehört dazu, das ist so. Wir können eben nicht alle Umstände schaffen, die uns nach oben bringen, die uns schützen und bewahren, sondern wir brauchen Glück oder wie der Glaubende sagt, Segen. Davon habe ich vielleicht eine Menge bekommen und trotzdem habe ich Erfahrungen machen müssen mit meiner Seele und mit meiner Schwäche, die mich auch selbst überrascht haben. Ich bin eigentlich kein besonders heldenmütiger Typ und trotzdem ist es mir geschenkt worden, dass ich meinen Ängsten immer mal wieder den Abschied geben konnte, manchmal ein wenig eher als andere, manchmal auch später.

Von meinem Buch möchte ich noch sagen, dass ich zunächst die allergrößten Schwierigkeiten hatte mit einem Werk, das jetzt so stark angenommen wird. Irgendwie habe ich mich davor gefürchtet. Als ich immer wieder die Verleger hingehalten habe mit der Behauptung, ich sei ein Redner und kein Schreiber, da gab es irgendetwas in mir, einen inneren Widerstand. Es war eine so starke Schwäche in mir, dass nur durch die Hilfe einer engagierten, couragierten und klugen Frau, nämlich von Helga Hirsch, meiner Co-Autorin, aus dem Projekt tatsächlich ein Buch wurde. Helga, dafür danke ich dir.

Ja, aber was war es denn wirklich, das mich gehindert hat? Es fiel mir unendlich schwer, die „Abschiedsszene“ zu schreiben, wo meine großen Söhne, Christian und Martin, mich verlassen und unsere DDR verlassen haben, weil sie nicht nur nicht studieren konnten, sondern noch nicht mal Abi machen durften, selbst das war ja Menschen, die in der Staatsjugend nicht organisiert waren, nicht erlaubt. Es gab da ein Land, das wies den Leuten zu: du darfst Abi machen und du nicht. Mein Ältester wollte Medizin studieren, ohne Abi geht das nun mal nicht. Als ich den Abschied schreibe, da fließen viele Tränen aus meinen Augen, das ganze Papier ist nass und in meiner Seele ist es dunkel, aber das, über was ich schreibe, war über 20 Jahre her. Ich hatte über diesen Abschied auch schon öfter gesprochen, in Vorlesungen, in Vorträgen. Ich hatte erzählt, wie schwer solch ein Abschied ist und dass Trauer manchmal erst später kommt.

Ich habe darüber gesprochen, ich war darüber. Als ich aber alleine war mit meinem Papier, da war ich nicht darüber, sondern da war ich mittendrin in einem Leben, das schon so lange gelebt worden war, aber mit Gefühlen, die damals in das Leben nicht hinein sollten, weil ein stolzer Mann, der nicht leiden und trauern wollte, Gefühle der Trauer meinte, nicht tragen zu können und meinte, dass sie ihn schwach machen würden. Nun also kamen diese Gefühle nach. Es war etwas von dem tiefen dunklen Wasser, was am Grund so vieler Menschen ist, die in der Diktatur gelebt haben, diesem tiefen dunklen Wasser der Traurigkeit, nach oben gedrungen. Und so etwas tut der Seele gut. Ich dachte, du hast es endlich geschafft. Und ich war verändert, das ganze Buch hat mich verändert. Das ist einer der Gründe, warum ich in diesem aufregenden Sommer immerfort mit beiden Füßen auf der Erde stehen konnte. Ich war nämlich dichter bei mir selbst angekommen.

Erst lange nachdem ich diese Tränen des Abschieds geweint hatte, viel später erst, ein halbes Jahr, ein dreiviertel Jahr, es ist noch nicht lange her, da ist mir der tiefere Grund für diese übermäßige Trauer bewusst geworden. Es war eben nicht nur die Trauer darüber, dass die Söhne für eine Zeit, die man damals noch nicht überblicken konnte, aus dem Schoß der Familie hinaus mussten, sondern es war doch wohl die Traurigkeit über hergeschenkte Freiheit. Ich selber hätte bis zum 13. August 1961 jederzeit gehen können,. Aber ein klares und helles Bewusstsein hat eine Entscheidung gefällt: Ich werde nicht gehen. Ich werde hier sein und immer darauf warten und etwas dafür tun, dass es sich hier ändert, das werde ich tun.

Ich denke mir, dass ich diesen Beschluss nie bereuen werde, er gehört so sehr zu mir. Ich sehe mich nicht als Pfarrer in Lübeck, Hamburg oder München. Ich habe von dieser Entscheidung nichts zurückzunehmen. Aber wäre es nicht auch möglich gewesen, dass ich die Freiheit, die ich mir selber nicht gegeben habe, weil ich etwas anderes, meine Treue zu den Menschen, bewahren wollte, dass ich mir über diese verlorene Freiheit ein wenig Traurigkeit gegönnt hätte? Traurigkeit darüber, dass ich, ein erwachsener mitteleuropäischer Akademiker, nicht in Freiheit leben konnte? Nicht in freien, gleichen und geheimen Wahlen meine Regierung wählen, nicht schreiben, denken, lehren, gründen konnte, was ich wollte? Aber damals habe ich das nicht gewusst. Und so gehörte eben, denke ich, zu diesem Erwachsenwerden auch das Erkennen dessen, dass einem nicht alle Güter des Lebens zu allen Zeiten in die Hand fallen. Und dass man, wenn man so viele Jahrzehnte fern der Freiheit gelebt hat, dass man eigentlich, wenn man sich selber lieb hat, doch auch traurig darüber sein darf, dass man in diesen langen Lebensjahren, als man jung und stark und voller Dynamik war, all das nicht hatte, was unsere Gesellschaft so ausmacht.

Und da bin ich dann angekommen und da wusste ich endlich, was ich gefürchtet hatte. Dann aber konnte ich Hilfe annehmen bei der Gestaltung des Buches und des Stoffes. Es ist nicht immer einfach, wenn man zu zweit ein Buch macht. Wenn die Co-Autorin auch noch so frech ist, einem so wunderschöne Stücke wegzunehmen und in die Tonne zu tun, weil sie sagt, das sei viel zu lyrisch und man könne es mit anderen Stückem nicht verbinden. Dann ist Zoff angesagt, das ist doch klar. Aber das ist egal. Ich hatte eine Helferin gefunden und gleichzeitig durfte ich das als Symbol erkennen für uns alle, die ja nie alles können. Und manchmal sehen wir einfach nicht, dass neben uns einer ist, der aus unserem Unvermögen mit seinem Vermögen etwas Großartiges machen kann. Dies war die nächste Lehre. Und deshalb erzähle ich oft, wenn ich in Lesungen durchs Land gehe, davon, wie ein älter gewordener, anerkannter Mann mit einigen Verdiensten sich plötzlich zu Hause vorkommt wie ein Kind im Dreck und dann doch wieder auf geheimnisvolle Weise zweierlei bemerkt: dass da in seiner Seele noch eine Ecke ist, die nicht angeschaut war und dass neben uns Menschen sind, die uns Brücken bauen dorthin, wo wir wieder stark sein können und wieder wirken können.

Ich wollte Ihnen heute, weil Sie mich angerührt haben, ein bisschen aus dieser Seelenlandschaft erzählen, denn ich glaube, dass ganz besonders im Osten Deutschlands in ganz vielen Menschenseelen noch so ein Meer von Traurigkeit liegt, oft zubetoniert. Es ist wirklich ganz tief unten und das ist nicht gut. Es ist gut, wenn hoch kommt, was uns klein gemacht hat, wenn diese Gefühle, die zu diesem „Klein-gemacht-werden“ gehören, leben dürfen. Wir wissen aus therapeutischen Prozessen, dass so ein Wieder-Hochkommen zwar mit jahrzehntelanger Verspätung existieren kann, aber doch eine unglaublich befreiende Wirkung haben kann.

Ich habe mich darüber gefreut, wie Sie Ihre Jury-Entscheidung begründet haben und es hat mich besonders bewegt, dass mein Bekenntnis zur Freiheit, dass im Schlusskapitel meines Buches ausgeführt ist, von Ihnen entdeckt worden ist. Gleichzeitig gehört zu dieser Freude über die Freiheit die Tatsache, dass wir sie uns immer wieder bewusst machen müssen. Erich Fromm hat nach dem Krieg ein ganzes Buch geschrieben darüber, dass unsere Freude an der Freiheit immer begleitet ist von einem Geschwisterkind, der Furcht vor der Freiheit. Und dass aus dieser Furcht vor der Freiheit etwas entstehen kann, was sich in einer peinlichen Flucht in Konformität oder in Destruktivität ausdrücken kann. Und wenn hier ein Vertreter einer Generation eben die Laudatio gesprochen hat, die einmal aufgebrochen ist, um weder in einer Destruktivität zu landen, noch in einer Konformität zu ersticken, wenn er mir heute diese Laudatio gehalten hat und mit einer ganz anders konnotierten Freiheitsliebe meine Freiheitsliebe begleitet und aufgesucht hat, dann ist das eine besondere Freude für mich. Es freut mich auch, nebenbei gesagt, Peter, dass du nicht zu denen gehört hast, die in eine der sieben völlig überflüssigen neuen kommunistischen Parteien eingetreten bist, damals, das war ja nicht unbedingt nötig.

Es freut mich und so ist mein Leben in diesem Herbst geprägt von einer Erfahrung, die ich als Pfarrer in jedem Herbst hatte. Die Christen in meiner Gegend – ach, das tun wir glaube ich im ganzen Land – feierten im Herbst das Erntedankfest. Mir ist zuteil geworden, dass ich in diesem Herbst meines Lebens eine beständige Freude hatte. Zufuhr und Geschenke sind in meine Hand gekommen und haben meine Seele ausgefüllt, die mich glücklich und stolz machen. Ich gehöre nun inzwischen einer Generation an, die auch schon mal gerne sagt, dass sie glücklich, stolz und dankbar ist. Ich weiß, dass wenn man so spricht, in manchen intellektuellen Zirkeln nicht wohl gelitten ist, denn wir lieben die Unkultur des Verdrusses und haben es in ihr zu einer gewissen deutschen Perfektion gebracht. Und deshalb ist mir als ein besonderes Geschenk dieses Jahres widerfahren, dass mein altmodisches Reden von Freiheit und Verantwortung plötzlich nicht nur die erwachsene und ältere Generation erreicht hat, sondern erstaunlich viele junge Leute. Wir wissen schon aus den Shell-Studien und anderen, dass unsere Jugend nicht so verkommen und stockdämlich ist, wie die Älteren es oft denken. Wir haben plötzlich Jugendliche und junge Studierende aus allen möglichen Teilen Deutschlands gefunden, die begierig zuhören, wenn ein alter Knacker über Freiheit und Freiheit als Verantwortung spricht. Sie haben etwas gespürt, sie haben etwas gewittert, sie haben auch etwas vermisst in unserer Gesellschaft. Sie wollten, indem sie damals im Juni mir so an die Seite gesprungen sind, doch zeigen: Mensch, uns interessiert das, was hier passiert. Uns interessiert, wer in diesem Land oben ist und wem wir glauben können. Wir wollen nämlich glauben, dass unsere Politiker und unsere Demokratie und unser Land gut sind. Wir wollen uns in diesem Land beheimaten. Genau das haben sie immerfort gesagt mit ihren Aktivitäten. Und es war ein besonderes Geschenk, das mir in die Hände gefallen ist, dass ich daran mitwirken konnte, dass sie das gespürt haben.

Auch weil dieser Preis den Namen von Menschen trägt, die für ihre Art, Freiheit zu definieren und Verantwortung zu übernehmen, mit dem Leben bezahlt haben – will ich Sie aufrufen zu Zeugen dafür, dass das Leben eben nicht verloren ist, wenn wir es verlieren, sondern dass das Leben in seiner ganzen Kraft und Schönheit vor uns entsteht, wenn wir Menschen erkennen, die plötzlich einfach so leben, als wäre es das Selbstverständliche, dass man letztlich sogar für seine Werte alles, was man hat, geben kann, das eigene Leben. Ich habe niemals jungen Leuten davon erzählt. Ich habe, wenn ich über Widerstand gesprochen habe, nur selten über die Märtyrer erzählt. Ich habe auch selten über Maximilian Kolbe und Graf Stauffenberg gesprochen, irgendwann kamen die auch vor, aber ich habe häufiger über die gesprochen, die die ersten kleinen Schritte machen, wenn Widerstand noch gar kein Widerstand ist, sondern einfach nur Abständigkeit, Distanz zu denen, die Unrecht organisieren und exekutieren.

Ich habe dann versucht, nachzubuchstabieren, dass bevor Widerstand Widerstand ist, anders gelebt werden muss. Die Fähigkeit, zu einer Minderheit zu gehören, ohne gleich zu denken, dann sei alles zu spät, jetzt kann ich wohl nur sterben. Wir sind nämlich unter anderem auch minderheitenfähig. Das macht uns gar nicht kaputt, sondern das leben wir einfach. Man muss auch erstmal merken: Du kannst es aushalten, die Mehrheit gegen dich zu haben. Und dann gibt es Menschen, die sind nicht im Stande, auch nur Oppositionelle zu sein, geschweige denn Widerständler, aber sie haben vielleicht schon die geheimnisvolle Gabe, Zeuge zu sein und wahrzunehmen, was geschieht und das aufzubewahren und ihren Kindern und allen, die es hören wollen oder auch nicht hören wollen, zu sagen: Das habe ich gesehen. Sie hatten noch nicht die Kraft zu Opposition und Widerstand, aber schon die Fähigkeit zur Wahrnehmung. Und wenn wir dieses alles so sehen, diese mühsamen Wachstumsprozesse bis hin zur Widerständigkeit, dann erinnern wir uns dankbar der Leute, die uns das glauben gemacht haben, dass wir das können, dass wir Menschen sind, Bürger, nicht nur Konsumenten.

Und deshalb nennen wir immer wieder die Namen von Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Professor Huber, gerade weil in Häusern wie diesem immer, in jeder Diktatur, genug Professoren da sind, die alle Lehrstühle besetzen und genug Dekane und Regenten da sind, genau wie in den Gerichten und in den Kommunen, immer sind genügend da, auch in Zeiten des Unrechts. Aber wir erinnern uns auch an Dietrich Bonnhoefer. In mein Leben trat Bonnhoefer durch einen Pastor, Heinrich Rathe. Er kommt in meinem Buch vor. Er war später Landesbischof, hatte eine fränkische Frau, wollte eigentlich bleiben, ging aber in den 50er Jahren zurück in die DDR. Ein Zeuge Jesu Christi und ein Jünger Bonnhoefers. Er lebt noch. Wir Protestanten halten es ja nicht so mit den Heiligen und den Engeln, aber ich weiß in meinem Herzen, da ist ein lebendiger Engel, der da noch lebt in Schwerin und er ist in das Leben vieler Leute in Rostock und in Mecklenburg eingetreten mit seiner unglaublichen Lauterkeit und hat die Bonnhoefer-Worte nachgesprochen und hat dem, der nicht mehr lebte, eine Zunge gegeben und er ist dabei gar nicht, wie andere Bonnhoefer-Jünger in die Nähe des diktatorischen Sozialismus geraten, überhaupt nicht.

Oder ich denke an jene, die später da waren als diejenigen, die unserem Preis den Namen gegeben haben. An meiner Universität Rostock, eine kleine Universität am Rande unseres Landes, steht im Foyer der Name von Arno Esch, einem jungen Studenten, einem Liberalen. Liberale waren erlaubt in der DDR nach dem Krieg. Er verschwand wie mein Vater, aber er kam nicht zurück. 1950 verhaftet, 1951 getötet von der sowjetischen Geheimpolizei in Moskau. 23 Jahre. Sein Kommilitone, Karl Alfred Gedowski, ein Jahr später zum Tode gebracht, auch er ein Märtyrer. Aber wir rufen sie auf, weil sie uns diese kostbare Gabe, die wir in uns haben, immer wieder in Erinnerung rufen. Dass wir Freiheit bekommen haben, nicht nur für unsere Pubertät, dann ist Freiheitsdrang ja auch was Schönes, endlich darf man alles. Ich lebe auf und keiner kann mir mehr. Ich erlebe Freiheit als Befreiung. Mein Ich wird stark und groß und jeder braucht das, in der Pubertät. Aber erwachsen geworden nimmt die Freiheit für uns eben eine andere Farbe an. Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung und deshalb nenne ich diese Namen. Und deshalb bin ich beglückt über die Anwesenheit so vieler Menschen, die je an ihrem Ort die Freiheit als Verantwortung gelebt haben. Als Freiheit zu etwas und Freiheit für etwas. Das ist ein altes Programm. Es gibt sehr viele ethische und philosophische Arbeiten zu dieser Art von Freiheit. Aber offensichtlich braucht jede Generation die Wiederentdeckung dieser bekannten Orte des Denkens und des Verhaltens. Und deshalb lohnt es sich, dass wir, Peter, und gerade auch die, für die Freiheit ein altmodisches Wort ist, dass die sich neu auf das besinnen, was wirklich der Anspruch ist, der in dem Wort Freiheit steckt.

Als ich anfing, über Freiheit zu reden, war ich noch 20 Jahre jünger. Ich hatte gerade eine veritable Revolution hinter mich gebracht, in meiner Heimatstadt Rostock. Ich kam in unsere Partnerstadt Bremen und sprach noch glühend von der Befreiung. Und ich war so getragen, wir sind fast geflogen damals, wir Macher, weil es so unglaublich war, dass wir so lange, 56 Jahre lang, Staatsinsassen und Knechte waren und plötzlich Bürger sein durften. Das „Wir sind das Volk!“, das hat uns doch wirklich erhoben. Es hat uns ermächtigt, Bürger zu sein. Und ich kam nach Bremen, mein erster Vortrag im Westen und ich schwärme denen dort von der Freiheit vor und mein grüner Freund, wirklich ein Super-Intellektueller, fern jedes Verdachts, sagte „Joachim, das war prima, nur eines muss ich dir sagen. Das mit der Freiheit, das kommt hier nicht so gut, das macht hier bei uns mehr die CSU.“ Der Typ meinte natürlich eine ganz bestimmte Freiheits-Rhetorik, die in ganz bestimmten Etappen der alten Bundesrepublik das konservative Lager gehabt hat. Das finde ich übrigens auch gut, dass das konservative Lager das gehabt hat, das finde ich sehr gut. Und wenn das liberale Lager das auch hat, finde ich es auch sehr gut. Aber ich konnte nun überhaupt nicht verstehen, dass ein engagierter grüner Intellektueller mit linken Wurzeln mit dem Begriff der Freiheit nichts anfangen konnte. Ich konnte es nicht verstehen.

Wir brauchen die Wiederbesetzung dieser Begriffe, die so abgenutzt sind, Peter, du hast da ein wunderbares Bonmot erfunden, das muss ich mir nachher sofort aufschreiben. Dass wenn man die Freiheit nicht wirklich schätzen kann, das ein sicheres Indiz sei, dass man sie habe. Das werde ich immer wieder zitieren und vielleicht hilft das denen, denen ich nicht helfen kann.

Lassen Sie mich noch einmal sagen, dass sich das manchmal natürlich ein bisschen pastörlich anhört, als wollte ich zu den Leuten von der besseren Moral sprechen. Kann ja alles sein. Ich gebe Ihnen aber mal folgendes zu bedenken: Es ist nicht schlecht, wenn eine Bevölkerung sich dieser Tatsache bewusst wird, dass Politik ohne Moral nicht funktioniert. Abseits von Forderungen, die von Religion, Staat, von Autoritäten auf uns kommen, gibt es eine einfache Menschenwahrheit und die geht so: wenn du nicht das aus dir herausholst, was in dir steckt, wenn du deine Fähigkeiten in Beziehung und Bezug auf etwas außer dir selbst zu leben, wenn du das nicht lebst, wirst du wohl nicht glücklich werden. Dann wirst du zu jenen gehören, die immerfort auf das Glück warten in Form eines Schlaraffenlandes. Aber geheimnisvollerweise gibt es eine innere Instanz, die uns belohnt dafür, dass wir das, was in uns ruht, als Potenz, als Fähigkeit, als Kraft, aus uns herausholen. Jeder kann es merken. Unsere Seelen belohnen uns nicht dafür, wenn wir uns den bequemen Lenz machen und unser Leben auf der Fernsehcouch verbringen. Sondern unsere Seelen belohnen uns dafür, dass wir an die Grenzen unserer Möglichkeiten gehen, wenn wir rausholen, was in uns verborgen ist, wenn wir darauf vertrauen, dass in uns etwas liegt, was andere nicht haben, aber was wir mit anderen teilen können. Immer dann, wenn wir für etwas leben, für einen Wert, für eine Arbeit, für Gott, für ein Kunstwerk, für einen Menschen, für diese Gesellschaft, immer dann kriegen wir so viel Belohnung von unserer eigenen Psyche, dass wir eigentlich auf die Anerkennung unserer Mitmenschen verzichten könnten. Aber die gibt es noch oben drauf.

Lassen Sie mich also das Wort, das Ihnen von Peter Schneider in der Laudatio nahe gebracht wurde, die Wahlfreiheit, aufnehmen. Zu einer der zentralen Botschaften, von der ich in den letzten 20 Jahren gesprochen habe, gehört, mich selber und andere daran erinnern, dass Menschen immer eine Wahl haben. Es mag ja sein, dass sie durch bestimmte genetische Dispositionen eingeschränkt ist. Sagen wir es mal so, da wir keine Hirnforscher sind, Peter, wir gehen davon aus, dass wir die hinlängliche Freiheit haben, anständige Menschen zu werden, die hinlängliche. Wir haben vielleicht nicht alle Möglichkeiten, aber es reicht. Unsere Entscheidungsfähigkeit für oder gegen etwas, unsere Differenzierungsfähigkeit ist uns in einem Maße gegeben, das eben die von dir beschriebenen Gegensätze in einer Gesellschaft hervorbringt, stabilisiert, veränderbar oder unveränderbar macht. Und wir alle sind Spieler in diesem Spiel. Und wenn wir dies beides nicht glauben, erstens dass in uns eine immerwährende Sehnsucht nach einer Art Menschlichkeit ist, die sich nicht durch sich selbst und aus sich selbst heraus versteht, sondern erst in der Bezogenheit die Dimension des Humanen wirklich erreicht. Und wenn wir erkennen, dass wir eine Wahl haben, wie viel davon wir umsetzen wollen in unserem eigenen Leben. Dann sind wir auf einem Pfad, der wirklich lohnenswert ist. Und dann muss man sich auch nicht davor fürchten, dass dieser Pfad einmal zu Ende ist.

Jetzt kommt aber wirklich noch einmal der Theologe zu Wort. Ich darf ja nicht mehr Pastor sein, weil ich seit 20 Jahren laisiert bin, aber ab und zu, Peter, natürlich bei deinem Bekenntnis zum Atheismus, muss es ja nun noch mal raus. Raus muss natürlich, dass ich nicht allein gelassen worden bin, sondern dass mir Menschen mit der Kraft ihres Glaubens und mit der Entschlossenheit ihrer Verantwortung geholfen haben und Wege gezeigt haben und meistens waren das glaubende Menschen. Ich durfte annehmen, dass ich in ihrer Nähe beschützter sei, bewahrter und kräftiger. Aber das ist nicht der Grund, warum ich hier noch mal als Pastor auftreten möchte, sondern ich habe vor einigen Jahren entdeckt, dass ich plötzlich, am Abend meines Lebens, eine Bibelstelle liebe und schätze, die ich früher immer gemieden habe. Sie steht in dem Teil der Bibel, den die Christen das Alte Testament nennen. Juden und Christen sind tief mit dieser Geschichte vertraut, denn sie ist die Schöpfungsgeschichte. Und dort, am Anfang unserer Bibel gibt es einen Satz, der heißt, als die Schöpfung beschrieben wird, „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Zu Gottes Bilde schuf er ihn.“ So steht es im Luther-Text. Ich studierte nach Auschwitz Theologie und wollte weder an dieses Land, noch an diese Kultur, noch an diesen Gott, noch an irgendetwas glauben und ohne diese Menschen, die ich eben erwähnt habe, die mir begegnet sind, wäre mir das vielleicht auch nicht gelungen. In dieser Zeit kriegst du dann Aufgaben. Du musst Texte interpretieren als junger Vikar. Ich hatte mir so ein bisschen Glaubensgut angesammelt, welches es mir erlaubte, unter die Menschen zu treten. Ich habe immer wieder an diesem Satz gestanden und gesagt: Nein, ich kann mir einen solchen Gott nicht denken, dem wir ähnlich sein sollen, denn wir sind so zerstört, das geht nicht. Was soll dieser Satz? Es ist doch ganz einfach. Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, das heißt, er hat in uns, in dieses Menschengeschlecht, die Fähigkeit gegeben, verantwortlich zu sein für uns selber und für all das, was um uns herum ist. Und das darfst du als Bürger in den politischen Text kleiden und du wirst Fülle beschreiben. Du darfst es als Mitmensch in einen sehr persönlichen Text kleiden und du wirst Glück beschreiben. Und indem wir dies entdecken, diese geheimnisvolle Gabe, dass wir verantwortungsfähig sind, glauben wir eben nicht, dass wir nur beschwören, was wir wünschen, sondern wir bezeugen, was wir gesehen und gelebt haben. Wir reden nicht nur von Phantasmagorien oder Visionen, sondern wir reden von Menschen, die diese Erde verwandelt haben dadurch, dass sie diese Freiheit als Verantwortung gelebt haben. Und ich rede konkret von einem Land, in dem es seit über 60 Jahren Bürgerrechte gibt: Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Gewissensfreiheit, Versammlungsfreiheit, Forschungs- und Veröffentlichungsfreiheit, in dem 60 Jahre die „rule of law“ zu Hause ist und in dem meine Landsleute es nicht nötig hatten, in diesem Zeitraum andere Länder zu überfallen und andere Menschen zu morden.

Ich rede nicht nur von etwas, was wir wünschen dürften, sondern ich rede von dem, was wir gestaltet haben und ich möchte, dass wir daran erinnert werden. Und Sie ermutigen und erinnern mich, indem Sie mich auszeichnen. Und ich ermutige und erinnere Sie, indem ich Sie an Ihre Leistungen und das, was Sie schon vermocht haben, erinnere. Wir müssen glauben, was wir vermögen.

 

Joachim Gauck, München 29.11.2010

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Joachim Gauck war von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheit. Seit 2003 ist er Vorsitzender des Vereins »Gegen Vergessen – Für Demokratie«.
Er lebt in Berlin. Der Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen blieb als Redner und Kommentator sein großes Thema, auch als er nach zehn Jahren aus dem Amt ausschied.

 

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