Geschwister-Scholl-Preis 2010 - Joachim Gauck

Laudatio von Peter Schneider

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Ude,

verehrte Angehörige und Überlebende der Weißen Rose,

lieber Joachim Gauck,

meine Damen und Herren!

Ich betrachte es als ein Privileg, an dieser Stelle Joachim Gauck, den Preisträger des Geschwister-Scholl-Preises des Jahres 2010, zu loben und zu würdigen. Dieser Preis ist einer der schönsten und ehrenvollsten Preise, den diese Republik zu vergeben hat, und Joachim Gauck ist ein Mann, der das Gewicht dieses Preises mit Würde, ja mit einer gewissen Lässigkeit tragen kann – man muss nicht lange überlegen, was er mit diesem Preis zu tun hat. Die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter stehen für eine Tugend, die in der Geschichte unseres Landes öfter beschworen als bewiesen worden ist. Er steht für die Verteidigung der Freiheit, wenn die Freiheit in Gefahr oder bereits abgeschafft ist, er steht für geistige Unabhängigkeit und für den Mut, an dem Anspruch auf die Freiheits- und Bürgerrechte festzuhalten – auch dann, wenn die Einlösung dieser Rechte aussichtslos erscheint.

Immer noch stehen wir Nachgeborenen staunend vor dem Beispiel, das die Namensgeber des Preises hinterlassen haben. Was befähigte diese jungen Leute, mitten im Krieg Flugblätter zu verteilen, die die Hitler-Diktatur „grauenvollster, jegliches Maß unendlich überschreitender Verbrechen“ anklagten? Woher nahmen sie die Weitsicht, in ihrem letzten Flugblatt „Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewalttaten“ als Grundlagen eines neuen Europa zu reklamieren? Bedachten sie nicht, dass sie mit ihrer „freien Meinungsäußerung“ – es handelte sich schließlich nicht um einen Aufruf zum bewaffneten Widerstand, sondern um einen schriftlichen Einwurf in den Lichthof dieser Universität – ihr Leben aufs Spiel setzten? Oder nahmen sie dieses Risiko bewusst in Kauf? Sahen sie nicht voraus, dass sie von einem eifrigen Hausmeister – die Rolle des Hausmeisters in zwei deutschen Diktaturen verdient eine eigene Dissertation – denunziert werden, vor Roland Freislers Volksgerichtshof enden und zum Tode verurteilt werden würden? Soviel steht fest: Sie hatten nicht ihre Kommilitonen und Professoren hinter sich, folgten nicht den Vorgaben einer bestehenden Organisation, sie waren Einzelne, die sich zusammenschlossen und einer fragilen, immer noch rätselhaften und bestrittenen Instanz gehorchten: ihrem Gewissen.

Wie groß und nachhaltig die Beunruhigung war, die die Geschwister Scholl mit ihrem Beispiel setzten, lässt sich daran ermessen, wie lange die Bundesrepublik und die Stadt München brauchten, um sie zu ehren. Das erste Mahnmal für die Geschwister Scholl wurde in München – vielleicht nicht ganz zufällig – im Jahre 1968 errichtet. Zu einer Zeit, als Angehörige von Naziverbrechern erfolgreich Rentenansprüche einklagten und Hinterbliebene von Widerstandskämpfern leer ausgingen. Noch im Jahre 1974 erhielt die Witwe von Roland Freisler einen Aufschlag von 400 DM auf ihre Witwenrente mit der Begründung, ihr verstorbener Ehemann hätte im Erlebensfall – aufgrund seiner „fachlichen Qualifikation“ wohl eine Tätigkeit als Rechtsanwalt oder Beamter im höheren Dienst gefunden. Hitler-Gegner gleich welcher Provenienz wurden als Vaterlands-Verräter verunglimpft – ich erinnere nur an den CDUWahlkampf des Jahres 1961, in dem Willy Brandt in Anspielung auf seine Herkunft als uneheliches Kind und seine antifaschistische Tätigkeit im norwegischen Exil als „Alias Frahm“ an den Pranger gestellt wurde. „Eines wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen“, sagte damals Konrad Adenauer, „Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben.“ Der Schock, den die Erkenntnisse einer Historiker-Kommission über das Auswärtige Amt im Dritten Reich noch im Jahre 2010 auslösten, spricht nicht gerade für die Tiefe dieses Wissens. Als ich Anfang der sechziger Jahre an dieser Universität studierte, konnte ich an keiner Festveranstaltung des Geschwister-Scholl-Preises teilnehmen – der Preis wurde erst 1980 gegründet. Nichts liegt mir ferner, als den Gründern und Stiftern dieses Preises irgendeinen Vorwurf zu machen. Vielmehr soll mein kurzer historischer Rekurs dazu dienen, die Widerstände deutlich zu machen, denen sie sich bei der Schaffung und Durchsetzung dieses Preises gegenübersahen. Ja, auch dazu gehörte ein Stück Mut. Dass wir heute im Namen der Geschwister Scholl zusammentreten, um einen Mann zu ehren, der ihrem Beispiel unter den ganz anderen Bedingungen der DDR-Diktatur folgte, erscheint uns heute als eine Selbstverständlichkeit. Aber was inzwischen selbstverständlich ist, musste – auch in der demokratischen Bundesrepublik – erst erstritten werden.

Joachim Gauck hat sich dem kommunistischen Regime in der DDR von Anfang an verweigert. Er war nicht geleitet durch ein Programm oder durch eine politische Gruppe oder durch feindliche Agenturen aus dem Ausland, die Diktaturen gewohnheitsmäßig hinter jeder Freiheitsregung wittern. Er war – zusammen mit anderen, die sich oft nicht kannten – lange Zeit ein Einzelkämpfer. Bei seinem Aufbegehren gegen die systematische Gleichschaltung des Denkens, Fühlens und Verhaltens hat ihm seine Erdung als Pastor in Rostock zweifellos Halt und Orientierung geboten. Und wenn wir nach „konspirativen Gruppen“ hinter diesem Pastor suchen, so muss man wohl am ehesten die evangelische Kirche nennen. Aber diese „Erklärung“ für seine frühe Verweigerung bedarf einer zweifachen Einschränkung. Wie wir nicht nur durch Gaucks schöner Autobiographie „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ erfahren, zeigte die evangelische Kirche in der DDR ein Doppelgesicht: An ihrer Basis kann sie auf eine imponierende Reihe tapferer Pastoren und Pastorinnen verweisen, ohne die die friedliche Revolution in der DDR gar nicht denkbar wäre. Aber in allen Etagen der Hierarchie, vor allem in den höheren, muss die Evangelische Kirche auch Geistliche nennen, die mit dem Regime paktierten oder sich ihm als informelle Mitarbeiter zur Verfügung stellten. Dieses zwiespältige Bild der Kirche ist uns aus dem Dritten Reich bekannt: Auf der einen Seite die heldenhaften Pfarrer der Bekennenden Kirche, die mitten im Krieg – etwa in der St. Annenkirche und in der Jesus-Christuskirche in Berlin Dahlem – Bittgottesdienste für verhaftete Verfolgte abhielten und für die noch nicht Verhafteten Hilfe und Verstecke organisierten – ich nenne nur die Namen Martin Niemöller, Helmut Gollwitzer und den überlebensgroßen, in Deutschland immer noch verkannten Harald Poelchau. Auf der anderen Seite Kirchenmänner, viele Bischöfe darunter, die unter Nazifahnen und mit dem Heil-Hitler-Gruß für den Krieg demonstrierten. Die zweite Einschränkung nennt Gauck in seinem Buch. Er studierte Theologie, nicht weil er sich dazu berufen fühlte, sondern weil dieses Studium das einzige war, das ihm einen geistigen Freiraum in der Diktatur gewährte. Dass solchen eher weltlichen Motiven ein starker Pfarrer entwachsen kann, der in seiner stetig wachsenden Gemeinde die Hoffnung auf eine Veränderung wachhielt, gehört wohl zu den Wundern, die eine eigenwillige Auslegung des Evangeliums bewirken kann. Deswegen möchte ich, ein gläubiger Atheist, an dieser Stelle den vielen tapferen Kirchenmännern – und – Frauen meinen Respekt bekunden, die im Dritten Reich und in der DDR ihrem Gewissen folgten und Widerstand geleistet haben.

Aber da ist es wieder: das rätselhafte, irgendwie erklärungsbedürftige Wort ‚Gewissen‘. Aus welchen Quellen ernährt es sich? Was war zuerst: Der Glaube oder die eher instinktive Auflehnung gegen Lüge und Unterdrückung? Der Einfluss der Bergpredigt oder der Freiheitsdrang? Woher nehmen übrigens auch Nicht-Kirchgänger, Nicht-Religiöse die Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, wenn sie sich bei der Ausübung dieser Unterscheidung nur Isolation, Benachteiligung oder gar Gefängnis oder Tod einhandeln? Wie im Fall der Geschwister Scholl müssen wir auch im Falle Joachim Gauck eine Antwort auf die Frage suchen, was ihn dazu befähigte, den Verführungen und Erpressungen des Systems zu widerstehen.

Ganz früh, in seiner Jugend, gab es ein Ereignis, das seine Haltung zum real existierenden Sozialismus geprägt und für Jahrzehnte bestimmt hat. Im Juni 1951 wurde der Vater des damals 11-Jährigen von zwei Männern abgeholt und weggebracht. Jahrelang erfuhr die Familie nichts über sein Schicksal, wusste nicht, was ihm zur Last gelegt und wo er festgehalten wurde, ob er überhaupt noch lebte. Erst viel später fand Joachim Gaucks Mutter heraus, dass der Vater wegen angeblicher Spionage und antisowjetischer Hetze (letzterer Vorwurf bezog sich auf den Besitz einer nautischen Fachzeitschrift aus dem Westen) zu zweimal 25 Jahren verurteilt und in ein Arbeitslager nach Sibirien verschleppt worden war. Im Oktober 1955 kehrte der Verschleppte dank der von Konrad Adenauer eingeleiteten „Moskauer Verhandlungen“ über die Rückführung der Kriegsgefangenen zurück. „Das Schicksal unseres Vaters“, schreibt Gauck in seinem Buch „wurde zur Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Form von Fraternisierung mit dem System aus. (…) Ich hatte dieses Gebot so verinnerlicht, dass ich nicht einmal mehr durch die Freizeitangebote der FDJ in Versuchung geriet. Dafür lebte ich in dem moralisch komfortablen Bewusstsein: Wir sind die Anständigen.“

Also doch alles nichts als frühe Prägung, bereits im Kindesalter erlernter Widerwille? Gab es da überhaupt eine Entscheidung? Seine „gut begründete“ antikommunistische Grundeinstellung (so Joachim Gauck in seiner Autobiographie) scheint durch dieses traumatische Erlebnis auf den ersten Blick erklärt und damit auch seine lebenslange Gegnerschaft gegen die Diktatur bis hin zu seinem „coming out“ als wortgewaltiger Bürgerrechtler. Glück im Unglück gehabt, könnte ein zynischer Informeller Mitarbeiter (IM) dem Gegenspieler Gauck vorhalten: Durch das extreme Unrecht, das seiner Familie widerfuhr, war der junge Gauck von Anfang an gegen die Versprechen und Lügen des Systems geimpft. Und wer wollte leugnen, dass die familiäre Prägung und die schon im Kindes- oder Jugendalter aufgesogenen Einstellungen eine entscheidenden Einfluss auf die Entscheidungen eines Erwachsenen haben, ja selbst auf seine Prinzipien und Grundüberzeugungen?

Wenn wir diesem Erklärungsmuster bis zu Ende folgen würden, dann gäbe es eigentlich keinen zwingenden Grund, einen Stasi-Spitzel anders zu beurteilen als einen Joachim Gauck. Dann wären beide, Joachim Gauck wie die IMs, durch eine quasi automatische, ihnen selbst gar nicht zugängliche Konditionierung gelenkt, dann gäbe es auch keinen Grund, ihm den Geschwister- Scholl-Preis zuzuerkennen. Denn in „Wahrheit“ hätte der Mutige, der gegen den Strom schwamm, genauso wenig eine Wahl gehabt wie der Feige, der für seinen Verrat Honorare und Orden entgegennahm und die Vorteile genoss, die ihm die Kollaboration mit dem System gewährte. Martin Luthers Satz: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ wäre nicht das Ergebnis eines geistigen Ringens mit Gott und Teufel in seiner Wittenberger Turmstube, sondern eines vorgegebenen Programms, oder – um einen Ausdruck des Internet-Zeitalters zu benutzen – eines Algorithmus. Und dasselbe würde für die Geschwister Scholl gelten und für alle stillen und auch lauten Helden, die ihr Leben im Kampf für die Freiheit riskiert haben und es heute – in Afrika, in China, in der Sowjetunion, in Indonesien, in Kuba – immer noch riskieren und oft genug verlieren. Räumen wir also endlich auf mit der Chimäre des Gewissens!

Ich mute ihnen diese Überlegungen zu, weil sie uns auch von der neueren Gehirnforschung zugemutet werden. Neurobiologen wie Benjamin Libet und John-Dylan Haynes stellen unsere Gewissheiten über die Freiheit des Willens in Frage. Mithilfe der Kernspintomographie glauben diese Forscher nachweisen zu können, dass chemische Prozesse im Gehirn, abzulesen am erhöhten Sauerstoffverbrauch in einem bestimmten Gehirnareal, jeder Entscheidung zu einer Handlung um Sekundenbruchteile vorausgehen. Derjenige, der einen politisch Verfolgten in seine Wohnung lässt und ihn für eine Nacht aufnimmt, hat genauso wenig eine Wahl, wie der andere, der ihm – unter Berufung auf seine Verantwortung als Familienvater – die Tür vor der Nase zuschlägt. In Wahrheit, so könnte man die These dieser Forscher zuspitzen, hat unser freier Wille gar keinen Einfluss auf unsere Handlungen: Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun!

Auf verblüffende Weise findet diese Philosophie ihr Echo in dem spontanen Verständnis vieler Politiker für die Mitläufer und die Spitzel der DDR-Diktatur. Auch im Westen waren es ja nicht wenige, die nach der Wiedervereinigung – wieder einmal – einen Schlussstrich unter die Vergangenheit forderten und großzügig eingestanden, sie wären vielleicht auch IMs geworden, wenn sie in der DDR aufgewachsen wären. Nun gut, auch der Sprecher, der vor Ihnen steht, kann nicht sagen, wie er sich verhalten hätte, wenn er in der DDR aufgewachsen wäre. Aber falls Peter Schneider ein IM geworden wäre und seinen besten Freund verraten hätte, dann sollte man doch sagen, dass er ein Versager war. Woher diese populäre Neigung, sich selber in vorauseilender Zerknirschung zum potentiellen Versager zu erklären und quasi ein Naturrecht zur Kollaboration einzuklagen, statt sich etwas Zivilcourage zuzutrauen? Joachim Gauck hat diese Frage in seinem Buch mit der ihm eigenen Noblesse so ausgedrückt: „Warum sagten sie – (die Entschuldiger aus dem Westen, Anmerkung des Verfassers) – nicht: ‚Ich hoffe, ich hätte standgehalten und mich gegen Anpassungsdruck, Verfolgung und Erpressung gewehrt?“

Wir, die „Wessis“, hatten gute Gründe, uns selbstgerechter Urteile über die „Brüder und Schwestern“ in der DDR zu enthalten. Wir waren dieser zweiten Diktatur nicht ausgesetzt. Aber eine Demokratie, die sich nicht mehr erlaubt, zwischen den Handlangern und den Anständigen und Freiheitskämpfern in einem unterdrückerischen Systems zu unterscheiden, begibt sich der Werte, auf die sie selber zählen muss. In diesem präzisen Sinn gibt es nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht zum nachträglichen Urteil. Und es, so meine ich, das Engagement für diese Unterscheidung, die Joachim Gauck motivierte, die später so benannte Gauck-Behörde zu führen. Er selber hat immer wieder darauf hingewiesen, dass in den sechs Millionen Stasi-Akten nicht nur die Zuträger des Systems, sondern auch die gar nicht so wenigen kenntlich werden, die sich Mielkes Geheimdienst widersetzten. Sie, die Nicht-Verführbaren, Nicht-Erpressbaren sind es, die für die Mitmacher bis auf den heutigen Tag die eigentliche Kränkung darstellen. Denn ihr Beispiel beweist, dass es möglich war, der Diktatur zu widerstehen.

Aber lassen Sie mich auf meine Eingangsfrage zurückkommen. Was befähigte Joachim Gauck zu seiner Standhaftigkeit, zu seinem zähen, lebenslangen Aufbegehren? Von seiner Prägung durch das Trauma der Verhaftung seines Vaters habe ich gesprochen. Aber wie weit reicht und hält eine solche Prägung? Reichte sie dazu aus, auch alle Folgen seiner Haltung zu ertragen? Zu ertragen, dass seine Kinder nicht studieren durften, jedenfalls nicht die Fächer, die sie studieren wollten? Gewährte sie ihm Halt, als er viele seiner ehemaligen Klassenkameraden mit der SED konform gehen oder im Fall der Verweigerung, in Isolation, im Alkohol oder im Gefängnis enden sah? Zu sehen wie sein älterer Bruder Christian, der sich, weil ihm das Studium verweigert wurde, mühsam als einfacher Seemann zum Ingenieur hochdiente und dann nicht weiterkam, weil er auf die Frage, ob er Parteimitglied sei, die Antwort gab, er fühle sich „nicht reif“ dafür? Gab ihm diese Prägung die Kraft, die linken Westbesucher zu ertragen, die ihm klarzumachen versuchten, dass er im besseren Deutschland lebte? Half sie ihm darüber hinweg, dass Willy Brandt, ein Adressat seiner Hoffnung, den Kontakt zu Dissidenten in der DDR und zu Lech Walesa vermied, um seine Entspannungspolitik nicht zu gefährden? Worauf genau hoffte dieser Uneinsichtige, der wider alle Erfahrung so sehr an die Freiheit glaubte? Hoffte er auf eine Reform, auf die Reformierbarkeit des Systems? Oder auf ein Überschwappen des permanenten Aufruhrs, wie ihn die Polen über zehn Jahre lang ihren deutschen Nachbarn vorführten, ohne viel Lust auf Nachahmung zu wecken? Tatsächlich sehe ich in der Beharrlichkeit, ja Verstocktheit, mit der Gauck seinen Anspruch auf die Freiheit verteidigte, etwas sehr Polnisches, fast möchte ich sagen, etwas Katholisches – eine Unbeirrbarkeit, die ja nicht nur von der SED, sondern auch von den Gewerkschaften und der Linken in der BRD als irrationale, katholisch-reaktionäre Hitzköpfigkeit verurteilt wurde, als eine Gefährdung des „Weltfriedens“. „Wir bedauern, dass dies notwendig wurde“, sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, als er bei einem Besuch in der DDR aus dem Zug stieg und nach seiner Meinung über den Putsch von General Jaruzelski gefragt wurde, der der Solidarnosz-Bewegung erst einmal ein Ende machte. Nicht von ungefähr hat Joachim Gauck immer wieder auf das polnische Beispiel hingewiesen, auf das Beispiel eines Volkes, das seine Freiheit mehr liebte als seine Sicherheit. In diesem Kampf war Joachim Gauck – mit anderen Einzelkämpfern, die erst Jahre später zusammenfanden – die meiste Zeit allein. Und in den langen Jahren nach der Niederschlagung des deutschen Arbeiteraufstands 1953, nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956, nach dem Bau der Mauer 1961, nach der Niederwalzung des Prager Frühlings 1968, nach dem Jaruzelsjki-Putsch in Polen 1981 wird er oft der Verzweiflung nahe gewesen sein. „Trauer als Kehrseite der Sehnsucht“, schreibt er in seinem Buch, „war mir damals so wenig bewusst wie wohl den meisten DDR-Bürgern. Sie hätte mich gelähmt, also schickte ich sie weg. „Stör mich nicht“, sagte ich, „ich will leben, ich will stark sein!“

Die schmerzlichste Prüfung hatte er wohl zu bestehen, als er dabei zusehen musste, wie seine in der Familientradition des Ungehorsams gegen das Regime erzogenen Kinder eines nach dem anderen ihr Elternhaus verließen und in den Westen gingen. „Es müssen doch welche bleiben, die dafür eintreten, dass am Ende die Wahrheit siegt“, sagte er seiner geflohenen Vertrauten Sybille Hammer bei einem Besuch in Westberlin. Und sie entgegnete ihm: „Sollte ich am Fließband oder als kirchliche Hilfskraft mein Leben verbringen und immer unter meinen Möglichkeiten bleiben?“ Gauck, der Dableiber, der Hoffnungsstarke, der Tröster, der an irgendeine Öffnung, vielleicht an ein Wunder glaubte, er war selber trostlos und wusste keine Antwort.

Nicht alle Söhne und Töchter, deren Väter vom stalinistischen Geheimdienst entführt wurden, haben sich wie Joachim Gauck verhalten. Einige schwiegen sich über das Verhängnis aus, andere resignierten, wieder andere ließen sich bekehren und wurden Parteigänger des Systems. Nein, es gibt wohl doch kein automatisches, durch unkontrollierbare chemische Vorgänge im Gehirn vorbestimmtes Verhalten, keinen Algorithmus, der Joachim Gaucks Hoffnung und seinen Widerstand erklärt. Er musste sein Verhalten jeden Tag im Streit mit sich selbst und seinen Nächsten und Vertrauten neu bestimmen, musste sich unzählige Male zwischen Anpassung und Widerstand entscheiden und auch Kompromisse eingehen. Die Neurobiologen können uns nicht sagen, welche Mischung aus Prägungen, inneren Kämpfen, Überzeugungen und Ich-Idealen jenen ominösen Sauerstoffandrang im Gehirn verursacht, der dann – Sekundenbruchteile vor der Entscheidung – zu einer Handlung führt: im einen Fall zur Unterwerfung und sogar zum Verrat, im anderen Fall zum Aufbegehren und zur Solidarität mit den Verfolgten. Wir dürfen, wir müssen annehmen, dass es wohl doch jene rätselhafte, biochemisch vielleicht nie ganz aufklärbare Instanz in unserem Innern gibt, die man das persönliche Gewissen nennt.

Selbstverständlich kannte auch Joachim Gauck die Angst, die das Bindemittel jeder Diktatur ist. Aber öfter als andere hat er dieser Angst widerstanden. Und als immer mehr Menschen im Oktober 1989 aus dem Gefängnis der Angst ausbrachen, als sie sich gegenseitig mit ihrem Mut ansteckten und in das Zentrum der Angstmacher, in Mielkes Stasi-Zentralen einbrachen, da war er einer der ersten, der dem Jubel und dem Freiheitsdrang Ausdruck und Richtung geben konnte. Kein Zweifel, Gauck hat nicht nur Mut und Standfestigkeit bewiesen, er hat auch Glück gehabt. Denn am Ende fand er sich mit Hunderttausenden auf demselben Weg. Ja, diese Geschichte eines Widerständigen hat ein gutes Ende genommen. Und wenn wir ihn ehren, ehren wir auch die unzähligen anderen, die mit ihm gegangen sind und sich die Freiheit erkämpft haben.

Vielen von uns galt und gilt der Begriff Freiheit längst, als eine abgedroschene Phrase, als „uncool“. Diesen freiheitsverwöhnten Zweiflern möchte ich zu bedenken geben: Wer mit dem Begriff Freiheit nichts mehr anzufangen weiß, kann ziemlich sicher sein, dass er, ohne es recht zu wissen und etwas dafür getan zu haben, im Besitz der Freiheit ist. Und diesen Besitz sehr leicht verspielen kann, da die Freiheit kein abgeschlossenes Projekt ist und sich verliert, wenn sie nicht immer neu erkämpft und erweitert wird. Diejenigen aber, die die einfachsten Freiheitsrechte entbehren, wissen in der Regel ganz genau, was ihnen fehlt, und haben kein Problem damit, zu sagen, was ihnen das Wort Freiheit bedeutet. Und halten dann die Freiheit, die sie mühsam errungen haben, allzu leicht für sakrosankt. Auch einem Joachim Gauck dürfte es nicht leicht gefallen sein, jenen ungeheuerlichen Missbrauch der Freiheit zu begreifen, in deren Namen die großen Investmentbanken im Verein mit willfährigen Politikern ganze Volkswirtschaften ruinieren.

In den USA hat es sich bewährt, den Neubürgern zu vertrauen, die mit ihrem ungebremstem Elan und Optimismus die schal gewordenen Versprechen der amerikanischen Verfassung beim Wort nehmen und auf ihre Verwirklichung drängen. In diesem Sinn begrüße ich den Bürger Joachim Gauck und wünsche uns, dass wir uns von seiner Begeisterung für die Freiheit anstecken lassen.


Peter Schneider, München 29.11.2010

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Peter Schneider ist Schriftsteller.

 

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