Geschwister-Scholl-Preis 2010 - Joachim Gauck

Ansprache von christian ude

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Geschwister-Scholl-Preis wird heute zum 31. Mal verliehen, zum 23. Mal hier in der Aula der Universität und ich muss sagen, so viel Unzufriedenheit habe ich, der ich schon 20 Mal teilnehmen durfte, noch nie erlebt. Wer das nicht glaubt, hätte sich vor den Türen aufhalten müssen, als erstmals massenweise Publikum zurückgeschickt werden musste, weil man für viele keinen Platz mehr hier in der großen Aula finden konnte. Damit hat sich jetzt hoffentlich auch Ihre Schrecksekunde gelegt.

Es ist tatsächlich für den Preis eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, nach mehr als 30 Verleihungen wieder eine Wahl getroffen zu haben, die derart überzeugt und derartig viele Bürgerinnen und Bürger weit über die treue Gemeinde aller Preisverleihungen hinaus angezogen hat. Dazu der Jury, die viel zu selten genannt und gewürdigt wird, ein herzliches Dankeschön.

Persönlich freue ich mich besonders über diese Wahl, weil ich letztes Jahr unter dem Eindruck einer Veranstaltung über die demokratische und gewaltfreie Revolution 20 Jahre zuvor angeregt hatte, hier doch auch einmal die Zivilcourage zu ehren, die sich 1989 bewährt hat, und sich nicht ausschließlich auf die kritische Auseinandersetzung mit nationalsozialistischem Terror zu beschränken, so wichtig dieses Thema ist und auch bleibt. Und in der Tat macht die heutige Übergabe des Geschwister-Scholl-Preises deutlich, dass in Deutschland Zivilcourage auch nach 1945 gefordert war und immer noch gefordert ist. Es handelt sich um kein historisch endgültig abgeschlossenes Kapitel, dass der aufrechte Gang etwas Besonderes ist und Zivilcourage eine persönliche Tugend, die leider nur selten anzutreffen ist und deswegen besonders ermutigt werden sollte.

Hier, im Westen der Republik, ist uns, wenn wir gegen den Stachel löcken wollten, wenn wir eine Minderheitsmeinung vertreten haben, wenn wir uns gegen den Mainstream gestellt haben, relativ wenig abverlangt worden. Wie wenig, das sieht man erst, wenn man sich Lebensläufe aus dem östlichen Teil Deutschlands anschaut und da sind die Memoiren von Joachim Gauck ganz besonders aufschlussreich. Es zieht sich als roter Faden von der frühesten Kindheit durch sein gesamtes Leben, durch die Kindheit, die Schuljahre, die Studienzeit, die Zeit der Berufstätigkeit, bis hin zur Arbeit als Revolutionspastor 1989. Und danach war immer noch sehr Vieles aufzuarbeiten, was mit Unrecht zu tun hat. Ich glaube, dass die Lektüre für jemanden, der im sicheren Schoß eines demokratischen Rechtsstaats aufgewachsen ist, immer wieder beklemmend ist. Zum Beispiel 1951, die Verhaftung des Vaters, die einer Entführung gleichkam. Zwei Jahre später die Mitteilung an die Mutter, dass er wegen regimekritischer Tätigkeit zu unvorstellbaren 25 Jahren verurteilt worden ist. Und dann noch zwei Jahre später zwar die Rückkehr des Vaters, aber gezeichnet von den Jahren der Unfreiheit, abgemagert, körperlich geschwächt, aber eben nicht geistig gebrochen. Und für ein solchermaßen eingeschüchtertes Kind dann die Frage, ob man die kritische, die kompromisslose Haltung des Vaters trotz dieses erlebten Schicksals aufgreifen und fortsetzen oder doch lieber klein bei geben sollte.

Ich habe erst aus diesem Buch gelernt, dass es drei Wahlmöglichkeiten gab für einen so herangewachsenen jungen Menschen: entweder abhauen, was für ihn nicht in Frage kam oder irgendeine Lehre machen, fernab von allen akademischen Ausbildungen oder die dritte Option: Theologie studieren. Und für den letzten Weg hat er sich bekanntlich entschieden und dabei gleichzeitig erklärt, dass dies viele mit dem aufrechten Gang, zumindest der Sehnsucht nach dem aufrechten Gang, so gehalten haben, weil Theologie zu studieren eine der wenigen Möglichkeiten war, keine Kompromisse mit dem System zu schließen und doch eine qualifizierte Ausbildung zu genießen und eine anspruchsvolle Tätigkeit zu entfalten. Das erklärt uns, warum so viele Pastoren eine wichtige Rolle bei der friedlichen Revolution gespielt haben, warum Gebete in Kirchen ein ganz wichtiges Fundament für eine Freiheitsbewegung waren, die sich dann sehr kraftvoll entwickeln konnte. Es war für mich als Protestant, lieber Joachim Gauck, auch sehr trostreich, von dieser Rolle evangelischer Kirchenleute zu erfahren, denn man wird ja oft genug damit konfrontiert, dass im wilhelminischen Reich Wilhelm II. das Oberhaupt der evangelischen Kirche war, dass es im Dritten Reich nicht nur die bekennende Kirche gab und dass auch in Ostdeutschland mehr Kompromisse geschlossen worden sind, als man nachträglich wahrhaben will. Da tut das Beispiel der aufrechten Pfarrer schon sehr gut und es hat Maßstäbe gesetzt, die fortwirken sollten.

Nach dem Mauerfall, nach der Deutschen Einheit, haben Sie, wie ja schon gewürdigt worden ist, einer Behörde, die mit dem deutschen Obrigkeitsstaat überhaupt nichts zu tun hatte, aber sehr viel mit seiner Aufarbeitung, sogar Ihren Namen gegeben. Und diese Behörde steht auch heute noch, wenn jetzt in wenigen Wochen Frau Birthler aus dem Amt ausscheiden wird, für die Frage, wie lange wir die oft quälende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Unrechtssystemen fortführen wollen? Die Antwort, für die Sie auch persönlich stehen, kann nur heißen: Es darf keinen Schlussstrich geben, nicht für braunes Unrecht, das der Geschwister-Scholl-Preis mit den meisten Ehrungen immer wieder in Erinnerung gerufen hat, aber auch nicht für Unrecht, dass in der DDR begangen worden ist von einem System der Unfreiheit. Hier gilt das Wort „Gegen Vergessen“ und es ist sehr erfreulich, dass Sie diesem Verein so viel Lebenszeit gewidmet haben, einem Verein, dem auch Hans Jochen Vogel, der Münchner Ehrenbürger auf die Beine geholfen hat, immer mit dem Hinweis, es gehe nicht ausschließlich um die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischem Unrecht, so sehr es uns gerade hier, in der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung, beschäftigen muss. Es geht auch um Unrecht, dass im DDR-System begangen wurde und das nicht unter den Teppich gekehrt werden darf.

Insofern ist das heute eine Ehrung für ein Lebenswerk, das in Ihrem Buch eindrucksvoll persönlich beschrieben ist, aber es ist auch ein Appell, keinen Schlussstrich zu ziehen in der Auseinandersetzung mit Unrecht.

Wir danken Ihnen, dass Sie uns dazu ein so ermutigendes Beispiel gegeben haben.


Christian Ude, München 29.11.2010

 

Es gilt das gesprochene Wort.


Christian Ude ist Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München.

 

 

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