Geschwister-Scholl-Preis 2011 - Liao Yiwu
Ansprache von Wolf Dieter Eggert
Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Liao Yiwu,
sehr geehrte Frau Müller,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
im Saale und aus der Jury,
mein besonderer Gruß gilt der Hauptperson unserer Feierstunde, dem diesjährigen Träger
des Geschwister-Scholl-Preises, Herrn Liao Yiwu.
Ebenso herzlich begrüße ich die Schriftstellerin Herta Müller. Wir sind besonders stolz
darauf und dankbar dafür, dass Sie, liebe Frau Müller, die Aufgabe übernommen haben,
die Laudatio auf unseren Gast zu halten. Für diese Veranstaltung habe ich mir aus Ihrem
mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Roman „Atemschaukel“ ein persönliches Motto
herausgesucht. Es heißt dort gegen Ende: „Kleine Schätze sind die, auf denen steht: Da
bin ich. Größere Schätze sind die, auf denen steht: Weißt du noch. Die schönsten Schätze
aber sind die, auf denen stehen wird: Da war ich.“ Der Insasse eines Lagers beschreibt
damit einen Dreischritt von der Selbstbehauptung über die Erinnerung zur Zeugenschaft
des „Da war ich“, eine Rückgewinnung von Souveränität.
Manchen mag es als eine seltsame Fügung erscheinen, wie wir uns heute zusammengefunden
haben: einer der großen Dichter Chinas, dessen Machthaber ihn drangsaliert
und sein Werk verboten, ihn selbst vier Jahre lang ins Gefängnis gesteckt haben; eine
Erzählerin, die mit ihrem Werk ein doppeltes Zeugnis abgelegt hat von der unter schwierigsten
Bedingungen entstandenen rumäniendeutschen Literatur und von eben jenen
Verhältnissen unter dem Potentaten Ceaucescu, in denen sie ihre eigene Stimme und
Sprachkraft gefunden und verteidigt hat. Und als Namensgeber dieses Preises erscheint
ein Geschwisterpaar, das mitten im nationalsozialistischen Terror seinen Mut, seinen
Freiheitsdrang bewiesen hat und wegen seines Widerstands hingerichtet worden ist. Eine
seltsame Fügung gewiß: Zeugen dreier zeitlich und räumlich weit auseinander liegender
Diktaturen haben sich in diesem Raum zusammengefunden, und vielleicht liegen die Verliese
der Geheimpolizei in Bukarest, die chinesischen Gefängnisse und München-Stadelheim
von 1943 doch näher beieinander als es die geographische Lage vermuten lässt.
Jedenfalls sind die abgründigen Erfahrungen an diesen drei Orten zusammenzudenken.
Wir sind hier nicht zum Systemvergleich und nicht zum Historikerstreit aufgerufen,
sondern zur Bestärkung der Tatsache, dass die Torturen von den Opfern staatlicher
Gewalt überall gleich erfahren werden, dass es aber nur wenigen vergönnt ist, diese
absurde Zerstörung der Menschlichkeit schreibend zu vergegenwärtigen. Einen dieser
Wenigen wollen wir heute rühmen: Liao Yiwu.
„Man muß sein Leben einsetzen, wenn man schreibt.“ Dieser Satz begleitet ihn seit
lang-em. Er belegt, wie sehr Schreiben ein existentieller Einsatz ist, wenn man die eigene
Stimme vor der Macht bewahren möchte, die gerade den individuellen Ausdruck verhindern,
kollektive sprachliche Normen absolut setzen, auch mit sprachlicher Gewalt unterdrücken
will. „Man muß sein Leben einsetzen, wenn man will.“ Der Satz lässt keine
Lücken zu. Liao Yiwus Gedicht „Massaker“ von 1989 zog einen mehr als zwanzigjährigen
Passionsweg nach sich. Schreiben wird in diesem Satz identisch mit Überleben, vor allem
wenn man bedenkt, dass Liao Yiwus Manuskript seines großen Berichts „Für ein Lied
und hundert Lieder“ dreimal konfisziert und von ihm dreimal wieder neu geschrie-ben
worden ist, bis es außer Landes geschmuggelt werden konnte. Das ist ein ungeheurer Akt
des Widerstands und bedeutet nichts anderes als: dreimal sich selbst vor dem Verstummen
retten, sich als Augenzeuge der Gefängnishölle zu erschaffen.
Es liegt nicht an mir, Ihr Werk zu rühmen. Etwa die Erzählungen der Menschen am
Bo-den, im Elend und im Müll der fadenscheinigen Versprechungen, die in dem Band
„Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ versammelt sind, oder den überwältigenden
Gefängnisbericht „Für ein Lied und hundert Lieder“. Ich kann Herta Müller keineswegs
ins Handwerk pfuschen.
Aber lassen Sie mich ausdrücken, was mir in dieser Stunde durch den Kopf geht. Ich
spreche hier im Namen der Verleger und Buchhändler, die im Börsenverein des Deutschen
Buchhandels zusammengeschlossen sind. Wir können unsere Arbeit nur leisten,
wenn wir uns nicht allein mit dem Buch als Ware befassen, sondern auch mit dem Geist
und Ethos, die mit der Schrift verbunden sind. Das mag selbstverständlich erscheinen, ist
es aber gerade in Bezug auf China nicht. Es gibt allzu viele Kräfte, die wegen der guten
Exportgeschäfte, der reichlichen Gewinne und einer vielversprechenden Zukunft der
Wirtschaftsbeziehungen die Menschenrechte zu einer nachgeordneten Angelegenheit
erklären. Doch darf es im Namen der Geschäfte für feudalistische und diktatorische Regime
keinen Nachlaß an Menschlichkeit geben. Also auch nicht für China. Erst wenn
Handelspartner vergleichbare Auffassungen von den Rechten des Einzelnen und von
demokratischer Gesinnung haben, wird auch der Handel wirklich frei. Dem oft so sanft
daherkommenden und mit Gleichgültigkeit vermischten Druck, die Geschäfte durch
nichts behelligen zu lassen, sollten wir jedenfalls nicht nachgeben.
Wir sollten uns nicht abfinden mit der allzu bequemen Behauptung, wir dürften die
Vorstellung von gleichen Grund- und Lebensrechten, die freie Menschen ausmachen,
nicht über den Westen hinaus ausdehnen. Wie wären denn unsere Bücher und Artikel,
die wir schreiben, drucken oder im Internet verbreiten, lebensfähig ohne diesen Geist der
Freiheit von Zensur, Unterdrückung, Bestrafung, Folter und Mord? Wir sind deshalb alle
im gleichen Raum der Wünsche nach Menschlichkeit, Rechten für den Einzelnen, Verteidigung
der Individualität, Kontrolle der Macht, Bändigung der Gewalt und sollten uns
auch als solche Wunschexistenzen behaupten.
Wir haben uns angewöhnt, Globalität als Freiheit von Handelsschranken, als ungehinderten
Finanztransfer und Warenverkehr zu verstehen. Aber nicht allein dadurch schwinden
die Entfernungen und die Empfindungen von Fremde, die uns umgibt, wenn wir die
Grenze passiert haben, sondern auch durch das Bewusstsein, was den universellen Einzelnen
ausmacht und welche Rechte zu dieser Souveränität gehören. Die Welt wächst vor
allem zusammen, wenn wir eine gemeinsame Anschauung vom Unrecht suchen, das in
ihr geschieht.
Diejenigen, die von äußerster Repression bedroht sind, entwickeln oft ein Gefühl, dass
ihre Geschichte nichts wert ist, ihre Erzählungen unwichtig seien. Sie bedürfen der
schreibenden Zeugen, die sich von der Empfindung der Schande nicht beeindrucken
lassen. Vielleicht entsteht auf diese Weise ein neuer Umriß von Weltliteratur, die gerade
von den Flüchtlingen, den Entwurzelten, von den Menschen am unzeitgemäßen Ort geschrieben
wird. Wenn man Sie, Herr Liao Yiwu, und Ihre Bücher vor Augen hat, kann
man auf diesen Gedanken kommen.
Wir wünschen Ihnen, dass Sie hier in Deutschland als Gast zur Ruhe kommen können.
Ihre Ruhe wird sowieso nichts anderes sein als das Echo dessen, was Ihnen angetan worden
ist, ein bewegtes Durcheinander von erlebten Albträumen, die nachwirken.
Sie haben beschrieben, dass sich während der Haftzeit viele Freunde von Ihnen abgewandt
hätten. Mögen Sie hierzulande neue dazu gewinnen. Jedermann weiß: das Exil,
auch wenn es lebensrettend ist, bedeutet eine Existenz am falschen Ort. Möge Ihnen der
Gegensatz, dass Sie hier unbehelligt arbeiten können, aber Ihre Gedanken in China sind,
nicht die Schreibhand beeinträchtigen. Ihr Fall ist und bleibt der Prüfstein, wie es die
Weltmacht China mit den Menschenrechten und mit der Opposition hält. Mögen Sie in ein
freies und demokratisches China zurückkehren können. Das wünschen wir Ihnen vor allem.
Wolf Dieter Eggert, München 14.11.2011
Es gilt das gesprochene Wort.
Wolf Dieter Eggert ist der Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und Geschäftsführer des Hueber Verlags in Ismaning bei München.
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