Preisträger 2011

Liao Yiwu

Liao Yiwu
"Für ein Lied und hundert Lieder.
Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen"

Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hofmann

Mit dem Gedichtzyklus "Liebeslieder aus dem Gulag"
und einem Brief von Liu Xiaobo an Liao Yiwu

S. Fischer Verlag
Frankfurt a.M. 2011
585 Seiten, € 24,95, ISBN 978-3-10-044813-2

 

Geschwister-Scholl-Preis 2011

Die Verleihung

Der 32. Geschwister-Scholl-Preis wurde am
14. November 2011 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität in München an Liao Yiwu verliehen. Oberbürgermeister Christian Ude und Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde. Die Laudatio hielt Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

 

Foto: Kerstin Dahnert: ( v.l.n.r.) Liao Yiwu, Oberbürgermeister Christian Ude, Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V.

„Exil ist vielleicht nur das zweitbeste Glück, aber dennoch das aller-größte, verglichen mit einer Heimat, in der man nicht leben darf.“ So schließt Herta Müller ihre Laudatio am 14. November 2011 und gratuliert Liao Yiwu zum Geschwister-Scholl-Preis 2011. Am Ende seiner Rede bei der Preisverleihung dankte Liao Yiwu besonders auch seinen deutschen Lesern.
Foto: Kerstin Dahnert


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"China ist wie ein Müllhaufen"

Im Vorfeld der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Liao Yiwu hatten Studenten des Geschwister-Scholl-Instituts die Gelegenheit, dem Preisträger Fragen zu stellen. Die Studenten hatten eine ganze Bandbreite an wohlüberlegten Fragen im Gepäck und Liao Yiwu nahm sich viel Zeit, um die Fragen ausführlich und sehr ernsthaft zu beantworten. Ein beeindruckender Austausch. Der Teilnehmer Tobias Müller berichtet:


„China ist wie ein Müllhaufen.“ So drastische Worte zur Beschreibung der Situation in seinem Heimatland hatte wohl niemand von dem chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu erwartet – ihre fesselnde Wirkung war deutlich sichtbar auf den Gesichtern der anwesenden Studierenden des Geschwister-Scholl-Instituts für Politikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München.

In Vorbereitung auf das im kleinen Kreis stattfindende Treffen mit dem Geschwister-Scholl-Preisträger 2011 hatte sich jeder der 13 Teilnehmer eine für ihn besonders interessante Frage überlegt. Die vertrauliche Atmosphäre ermöglichte ein offenes und persönliches Gespräch, welches den Anwesenden alternative Einblicke in die Volksrepublik China und den darin tobenden Kampf weniger Künstler für die Freiheit vieler gewährte.

„Wichtiger als Schönheit in der Literatur ist deren Authentizität“, meint Liao Yiwu und ergänzte seine Auffassung von der Aufgabe der Kunst mit den Worten: „Das System kämpft gegen die Erinnerung, deshalb müssen Literatur und Musik die Erinnerungen zusammenflicken, sie müssen eine Stimme für die Stimmlosen sein.“ Den Menschen in Deutschland und insbesondere den anwesenden Studierenden gab der Preisträger dabei eine klare Aufforderung mit auf den Weg:
Sich nicht von der offiziellen Propa-gandamaschinerie täuschen zu lassen, selbst nach China zu reisen, um das Land wirklich kennen zu lernen und schließlich nicht zurückzuweichen im Kampf für Freiheit und Menschenrechte. Beeindruckt von der geistigen Größe Liao Yiwus, der selbst jahrelang in verschiedenen Gefängnissen missbraucht und gefoltert worden war, brannten sich seine Worte ins Gedächtnis ein: „Wenn Du einen Wolf siehst, dann blick ihm in die Augen und bleib stehen.

 

Geschwister-Scholl-Preis 2011

Begründung der Jury

Der Geschwister-Scholl-Preis wird Liao Yiwu für sein Buch „Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“ verliehen. Das Manuskript dieses erschütternden, wilden und mitreißenden Buches wurde von den chinesischen Behörden mehrmals beschlagnahmt – und so musste Liao es mehrmals schreiben. Im Juni dieses Jahres hat er sich ins Exil nach Deutschland absetzen können, wo das Buch nun auch erschienen ist. Geschildert werden darin die vier Jahre der Inhaftierung des Autors von 1990 bis 1994. Liao hatte am Vorabend des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 in Peking ein prophetisches Gedicht geschrieben, für das er ins Gefängnis geworfen wurde. Sein epischer, drastischer Bericht handelt von der Brutalität und Absurdität willkürlicher staatlicher Repression. Er gilt aber nicht allein dem persönlichen Schicksal des Autors, der wie andere verfolgte Künstler seines Landes vielfach einer existentiellen Unterdrückung ausgesetzt war. Vielmehr unternimmt es Liao Yiwu in seiner starken, mal illusionslosen, mal bildreichen Sprache, allen Erniedrigten Chinas eine Stimme zu geben.

Der Schriftsteller kämpft einen literarischen Kampf für die Wiederherstellung der Menschenwürde – er ist ein großer Künstler und ein mutiger Chronist zugleich. Liao Yiwu hat seinen eigenen Kopf und seinen eigenen Ton. Gerade damit ist er im Sinne des Vermächtnisses der Geschwister Scholl ein Vorbild für alle, die gegen Ungerechtigkeit und Diktatur aufbegehren. Sein Werk steht in besonderer Weise für moralischen und intellektuellen Mut. Mit der Auszeichnung von Liao Yiwu verbindet sich die mahnende Hoffnung, dass er einmal in ein freies, demokratisches China zurückkehren möge.

 

Geschwister-Scholl-Preis 2011

Der Preisträger

Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, ist Dichter und Romanautor. Er wuchs als Kind von Eltern »ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis« in der großen Hungersnot der 60er Jahre auf und schlug sich jahrelang mit verschiedensten Tagelöhner-Jobs durch. 1989 publizierte er das Gedicht »Massaker«, in dem er das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens anprangerte. Hierfür wurde er vier Jahre inhaftiert. 2009 erschien auf deutsch sein von der Kritik euphorisch begrüßtes Buch »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser -- Chinas Gesellschaft von unten«, das in China, ebenso wie der Text »Für ein Lied und hundert Lieder«, verboten ist.

Nach vielen vergeblichen Versuchen wurde Liao Yiwu im Herbst 2010 eine Lesereise nach Deutschland gestattet. Er kehrte nach einigen Wochen zurück und geriet erneut unter starken Druck. Insbesondere wurde ihm untersagt, weitere Schriften im Ausland zu publizieren. Liao Yiwu entzog sich den Pressionen durch die Ausreise Anfang Juli 2011 – am 7. Juli kam er in Berlin an. Liao Yiwu wird dort für einige Zeit bleiben und anschließend Einladungen in die USA und nach Australien wahrnehmen. Im Jahr 2012 wird Liao Yiwu Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD sein.

 

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