Geschwister-Scholl-Preis 2011 - Liao Yiwu
Dankesrede von Liao Yiwu
Am Ende wird die Freiheit siegen
Am frühen Morgen des 4. Juni 1989 habe ich ein langes Gedicht über die blutigen Ereignisse
auf dem Platz des Himmlischen Friedens geschrieben und mir laut vorgelesen, es
trägt den Titel „Massaker“ und seine letzte Zeile lautet: „Dieses Massaker überleben nur
Hunde“ Ein Wort, das sich als prophetisch herausstellen sollte. Ich bin tatsächlich herabgesunken
zu einem „Hund“ meines eigenen Staates und in einen Käfig gesperrt worden.
Ich saß eingezwängt zwischen zwei zum Tode verurteilten Männern und fand nächtelang
keinen Schlaf. Ich habe den Kopf gegen die Wand geschlagen, um mich umzubringen, ich
war blutüberströmt, und meine Mitgefangenen standen um mich herum, inspizierten
meine Wunden und spotteten, ich sei ein „ausgezeichneter Komödiant“.
War das Leben ein Theater? Wenn man im Gefängnis ist und sterben will und es nicht
schafft, ist das auch eine Posse. Und wenn für die Todeskandidaten, denen man hier den
Rest gibt, die Stunde naht, sie nicht mehr bei sich sind und aus der Zelle getragen werden,
ist das noch possenhafter.
So ist der Hund langsam herangewachsen. Einmal haben sie mich so gereizt, dass ich
einem Wärter in den Finger gebissen habe, das hat im ganzen Gefängnis für Aufsehen
gesorgt. Sie haben mich beschimpft, ich sei ein tollwütiger Hund, und es war mir auch
selbst bewusst, dass ich meine Würde verloren hatte.
Ich muss das alles festhalten und dabei steigen hunderterlei Gefühle in mir auf. Ich
denke daran, dass die Kommunistische Partei Chinas nach 1949 mit Mitteln des Terrors
wie Mord, Gefängnis, Hunger, Verbannung und Gehirnwäsche dafür gesorgt hat, dass ungefähr
65 Millionen Chinesen eines nicht natürlichen Todes gestorben sind und einige
Generationen ihrer Würde beraubt wurden.
Ich denke daran, dass es vor über 2000 Jahren einen Historiker namens Sima Qian
gegeben hat, den der Tyrann der damaligen Dynastie hat entmannen lassen, nur weil er
sich für Wahrheit und Gerechtigkeit einsetzte. Und Konfuzius, der vor noch längerer Zeit
lebte als Sima Qian, musste seine Heimat verlassen, weil er die alten Traditionen wiederbeleben
wollte, und irrte über ein Jahrzehnt von Land zu Land.
Ich bin in den vergangenen 22 Jahren weder entmannt noch vertrieben worden, aber
meine Manuskripte wurden zweimal von der Polizei beschlagnahmt. Mir blieb nichts anderes
als die enervierende Arbeit, alles noch einmal und noch einmal zu schreiben. Da
ich keine Leser hatte, habe ich meine früh verstorbene Schwester zu meiner Leserin gemacht.
Da ich kein Honorar bekam, habe ich mich am Bodensatz der Gesellschaft herumgetrieben
und mich als flötespielender Straßenmusiker durchgeschlagen.
Mein Gedächtnis wurde dadurch gehärtet, und ich habe mich schrittweise von einem
hochnäsigen Poeten zu einem synchronen Aufnahmegerät meiner Zeit gewandelt.
In China gibt es keine orthodoxe Kirche und ich bin kein Solschenizyn; und mein
Buch „Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“
ist auch kein „Archipel Gulag“ – auch wenn ich Solschenizyn verehre und eine
entfernte geistige Beziehung zu ihm nicht bestreite.
Ich erinnere an die dunklen Seiten der Kommunistischen Partei, ich bin ein Schriftsteller
vom Bodensatz der Gesellschaft, der sich auf diese Weise die Schmach abwäscht,
ich bin anders als die Geschwister Scholl, die heldenhaft in den Tod gingen und die in
ihrem Vaterland jeder kennt. Ich bin wie ein Straßenköter überall untergekrochen, ich
hatte mit allen möglichen Spitzeln zu tun. Immer wieder bin ich verhaftet, immer wieder
bin ich aus anderen Städten nach Hause verfrachtet, immer wieder bin ich unter Hausarrest
gestellt worden.
Ich musste Geduld haben, ich musste die Polizei hinters Licht führen und immer
wieder versichern, dass ich im Ausland keine Bücher veröffentlichen werde, die gegen
chinesische Gesetze verstoßen. Am Ende musste ich mein Handy und meinen Computer
ausschalten und wie ein streunender Hund aus meiner Heimat fliehen – nun, vielleicht
war das nicht richtig, als ein Mensch muss man sich ehrlich verhalten und die Konsequenzen
auf sich nehmen wie Ai Weiwei es tut, der wegen seiner Appelle spurlos
verschwand, oder wie Liu Xiaobo, der wegen der „Charta 08“ wieder im Gefängnis sitzt.
Ich bin noch am Leben. Ich hätte nicht geglaubt, dass mein Buch „Für ein Lied und
hundert Lieder“ gleichzeitig in Deutschland und Taiwan erscheinen und in einem anderen
Land als meinem eigenen zu einem Bestseller werden würde. Und nun stehe ich
hier, werde von Herta Müller, der Autorin der tiefgründigen „Atemschaukel“, laudiert und
erhalte einen Preis, der nach den Geschwistern Scholl benannt ist, einen Preis für Literatur
im Widerstand, mit dem an die Würde des Menschen erinnert wird.
Ich stehe beschämt vor den Geschwistern Scholl, die in diesem Sinne Märtyrer gewesen
sind. Vielleicht ist die diesjährige Entscheidung der Jury ja aber auch als Botschaft
gedacht, als Botschaft an die Schriftsteller im chinesischen Untergrund, dass am Ende die
Freiheit siegen wird?
Ich danke der Jury, ich danke dem S. Fischer Verlag und dem lieben Peter, ich danke
meinen Freunden Tienchi, Yeemei, Menghuang und Yuwen. Ohne euch hätte ich China
niemals verlassen können, ohne euch würde ich nicht hier stehen.
Und ich danke meinen deutschen Lesern.
Ihr und Euer Liao Yiwu
(Aus dem Chinesischen übersetzt von Hans Peter Hoffmann)
Liao Yiwu , München 14.11.2011
Es gilt das gesprochene Wort.
Liao Yiwu konnte sich im Juni 2011 ins Exil nach Deutschland absetzen, wo sein Buch "Für ein Lied und hundert Lieder" beim S. Fischer Verlag erschienen ist. Liao Yiwu hatte am Vorabend des Massakers im Jahre 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking ein prophetisches Gedicht geschrieben, für das er inhaftiert wurde.
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